08.10.1973

DDRNetter Zyniker

Zwei Monate nach Ulbrichts Tod hat Ulbricht-Nachfolger Honecker die Erbfolge geregelt: Regierungschef Stoph wurde Staatsratsvorsitzender, sein bisheriger Vize Sindermann neuer Ministerpräsident.
Volk war nicht erwünscht, als in der DDR-Volkskammer am Mittwoch letzter Woche hohe Staatsposten verteilt wurden. "Sind Sie hier Abgeordneter?" verhörte der in strenges Schwarz gekleidete SED-Ordner reihum die Neugierigen: "Sonst gehen Sie bitte Weiter."
Doch das Interesse war ohnehin nicht mehr groß. Denn was seit dem Tod Walter Ulbrichts vom engsten Führungszirkel als Staatsgeheimnis behandelt worden war, wußte -- als die Volksvertreter endlich über die Nachfolge abstimmen durften -- mittlerweile fast jedermann.
Die Wahl des bisherigen Ministerpräsidenten Willi Stoph, 59, zum Staatsratsvorsitzenden und die Berufung seines Stellvertreters Horst Sindermann, 58, zum neuen Regierungschef, markierte, zwei Monate nach dem Tod des SED- und DDR-Gründers, den letzten Akt der Ulbricht-Erbfolge. Stoph begnügt sich, seiner angegriffenen Gesundheit und den Wünschen des Parteichefs Erich Honecker zuliebe, fortan mit dem zur bloßen Repräsentation herabgestuften Staatsrats-Amt; Sindermann rückt auf.
Leicht, so wissen Eingeweihte, ist dem Alt-Kommunisten und gelernten Maurer Stoph der Abschied von der Staatsmacht nicht geworden. Obwohl er seit Jahren ein Nierenleiden hat und in den vergangenen Monaten die Arbeit fast völlig seinem Stellvertreter überlassen mußte. mochte er sich zunächst nur dazu verstehen, den Landesvater allenfalls nebenberuflich zu spielen. Kurz nach Ulbrichts Tod kolportierten Stophs Anhänger über den vakanten Staatsposten: "Das kann der Willi doch eigentlich gleich mitmachen."
Doch schließlich beugte sich der in der DDR recht beliebte ("unser Willi") Ministerpräsident dem Druck der mächtigen Honecker-Fraktion, deren Position der SED-Chef vergangene Woche noch weiter ausbaute. Vier der fünf neuen Kandidaten des SED-Politbüros, die das Zentralkomitee am Tag vor der Stoph-Wahl bestellte, hatten unter dem damaligen FDJ-Chef Honecker ihre Karriere im Staats-Jugendverband begonnen:
* Werner Felfe, 45. von 1954 bis 1957 Sekretär des FDJ-Zentralrats und heute Bezirks-Parteichef in Halle,
* Joachim Herrmann, 44, von 1952 bis 1960 Chefredakteur der FDJ-Zeitung "Junge Welt" und heute Chefredakteur des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland",
* Inge Lange, 46, von 1952 bis 1961 Sekretär des FDJ-Zentralrats und heute Leiterin der Abteilung Frauen beim SED-ZK, und
* Konrad Naumann, 44, von 1952 bis 1967 Mitglied des FDJ-Zentralrats und heute Bezirks-Parteichef von Ost-Berlin.
Der neue Ministerpräsident Horst Sindermann freilich ist kein Honecker-Protegé. Sein Aufstieg in das höchste Regierungsamt ist vielmehr Ergebnis überdurchschnittlicher Leistungen. In acht Jahren -- von 1963 bis 1971 -- brachte er als Partei-Sekretär den schwierigen Industrie-Bezirk Halle auf Schwung und erwarb sich damit mehr als den republiküblichen Respekt vor SED-Führern -- er wurde regelrecht populär.
Halle erreichte in der Sindermann-Ära im Vergleich zu anderen DDR-Bezirken die höchste industrielle Bruttoproduktion. Die Bezirks-Bürger arbeiteten sich im DDR-Vergleich an die Spitze beim Kauf von Motorrädern und Mopeds, beim Verbrauch von Zigaretten und Milch. Und nirgendwo in der gesamten Ost-Republik wurden und werden Jahr für Jahr mehr Wohnungen gebaut als im einstigen Sindermann-Revier.
Überdies war Sindermann -- im Gegensatz zu den meisten seiner Führungskollegen -- auch stets darauf bedacht, Kontakt zum Bürger zu pflegen und jeden Anschein von Personen-Kult zu meiden. So ließ er sich zu Beginn seiner Hallenser Amtszeit in einem Kaufhaus auf eine Warteliste für die damals raren Waschmaschinen setzen, statt sich sofort und billiger ·in einem der Funktionärsläden zu bedienen. Und Bürgernähe übt Sindermann ungeniert auch auf Staatsempfängen: Im vorigen Jahr, während der Ostseewoche, bat er beispielsweise die Bardamen des Warnemünder Nobel-Hotels "Neptun" in den geschlossenen Prominenten-Zirkel, um sie alsbald nacheinander zum Tanz zu führen.
Doch bei aller Eigenwilligkeit wich der "hochintelligente Sachse" ("Deutsche Zeitung"), der die Nazi-Zeit in Gefängnissen und Konzentrationslagern überlebte und seinem Staat nach 1945 zuerst als Parteijournalist, später als ZK-Chefagitator diente, niemals vom oft schwankenden Parteikurs ab: Als die SED 1964 mit dem auf Liberalisierung drängenden Wissenschaftler Robert Havemann abrechnete, vertrat Sindermann die Anklage. Und ein Jahr später übernahm er es, dem aufsässigen Liedermacher Wolf Biermann ("Der Herr Biermann soll sich nicht wundern, wenn eines Tages statt des Milchmannes andere Leute vor seiner Tür stehen") die Partei-Leviten zu lesen.
Solchen Sprüchen verdankt es der trotz liberaler Züge durchaus dogmatische Marxist Sindermann" daß seine Freunde ihn, der ein offenes Wort ebenso schätzt wie er Partei-Chinesisch haßt, einen "netten Zyniker" nennen.
In der DDR, so scheint's, ist man mit Sindermanns Aufstieg halbwegs zufrieden. Als am vergangenen Mittwoch in der Volkskammer das Kader-Karussell mit der Wahl des Stoph-Nachfolgers zum Stillstand gekommen war, atmete ein Ost-Berliner SED-Funktionär auf: "Gott sei Dank hat der Erich nicht auch da noch einen FDJnik hingesetzt, der alles macht -- aber nur mit dem Mund."

DER SPIEGEL 41/1973
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