17.09.1973

„Kämpfen bis zum Ende“

Drei Jahre nach seinem Wahlsieg fiel Chiles Präsident Allende, der erste freigewählte marxistische Staatschef der Welt, in den Ruinen seines von putschenden Truppen zerbombten Regierungspalastes. Im Feuer des Militärs war ein Experiment gescheitert, Sozialismus und Freiheit zu verbinden.
Ein Panzer vor dem Präsidenten-Palast, eine Inschrift: "Wir haben nicht gedacht, daß dies passieren könnte.
Mit diesem Plakat hatte Chiles Rechte 1970 den Amtsantritt des gewählten Präsidenten Salvador Allende diffamiert -- weil er Sozialist war und sich selbst einen Marxisten nannte. Der Panzer auf dem Plakat trug einen roten Stern, der Text erinnerte an die Sowjet-Panzer in Prag.
Drei Jahre später, fast genau fünf Jahre nach Prag, gibt es die Parallele zu Prag: Panzer walzten das chilenische Modell eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz nieder. Doch diese Panzer, die am Dienstag vergangener Woche die Moneda, Santiagos graudüsteren Präsidenten-Palast, in Trümmer schossen, trugen keinen roten Stern. Sie fuhren und feuerten unter dem rotweißblauen Emblem der chilenischen Armee. Und die Kugeln der grauuniformierten Soldaten trafen nicht Allendes Gegner, sondern Allende und seine Anhänger.
Das hatte Salvador Allende selbst vorhergesagt: "Vor Ablauf meiner Amtszeit", so Allende zum Staatsbesucher und Freund Fidel Castro, "werde ich die Moneda nur auf einem Weg verlassen -- in einem Sarg aus Pinienholz."
Dieser Allende, der fiel wie der Held einer griechischen Tragödie, hatte mit dem Guerrillero Che Guevara, der Lateinamerikas erniedrigte Menschen durch den Lauf der Gewehre befreien wollte, nichts gemein, außer daß er nun gleichfalls zum Märtyrer für den Befreiungskampf in Südamerika geworden ist -- jenes Halbkontinents, dessen Einwohner seit voriger Woche zu fast zwei Dritteln von konterrevolutionären Militärs beherrscht werden.
Was in Chile geschah -- einem Land mit nur neun Millionen Menschen, abgelegen von den Zentren der Welt -, wurde nirgends als ein Operettenstück auf exotischer Bühne betrachtet. Kaum ein Karikaturist der großen Zeitungen mochte sich des Themas annehmen. Zu sehr erinnert das Drama an den schicksalhaften Weg Spaniens in den Bürgerkrieg. Zu eng ist die Parallele mit Prag, zu folgenschwer die Lehre für die Welt:
Wer Revolution machen und dennoch Gesetzlichkeit üben will, hat nur minimalen Spielraum -- auch dort, wo ein Scheitern nicht so klar vorbestimmt scheint wie in Chile.
Salvador Allende, als bislang einziger Marxist legal an die Macht gekommen, fand Bedingungen vor, die ihm kaum Alternativen ließen: eine Bourgeoisie, die an ihren Privilegien festhielt, eine Linke, die zur Gewalt drängte, Militärs, die mit Gewalt drohten. falls die andern Gewalt übten. eine Wirtschaft, die von ausländischem Kapital abhing, ein Parlament. in dem er keine Mehrheit hatte, eine Verfassung, die ihm Grenzen setzte -- falls er diese beachten wollte.
Daß er sie bis zu seinem Tod beachtete, machte sein Experiment anziehend für alle, die an Vereinbarkeit von Sozialismus und Freiheit glauben, insbesondere für die Jugend der Welt. Sie reagierte auf Allendes Fall wie niemals mehr seit Prag.
Hunderttausende zogen in Paris, Bogota, Berlin. Bonn. Hamburg. Frankfurt, Rom, London, Washington, Mexico-City, Montreal und Buenos Aires, Dresden, Leipzig durch die Straßen.
Schwedens Premier Palme strich alle Hilfe für Chile. Dem Beispiel folgten Dänemark, Finnland und Belgien. Die Regierungen von Kuba, Mexiko, Venezuela und der Dominikanischen Republik ordneten dreitägige Staatstrauer an. Moskaus Tass, froh, daß Allende ihre Protestler Sacharow und Solschenizyn aus den Schlagzeilen der Weltpresse verdrängt hatte, giftete, nun würden westliche Zeitungen wohl "Krokodilstränen" vergießen.
Manche deutsche Zeitung tat nicht mal das. Springers "Welt" empfand Allendes Tod als "letzten Coup", sein "Hamburger Abendblatt" ließ sich von Deutsch-Chilenen erzählen, daß
* Anspielung auf die Sowjet-Intervention in Prag 1968, irrtümlich auf 1967 datiert.
"dieser Umsturz längst fällig war. Die "Welt" wußte auch "Die Streitkräfte in Chile haben das Land unter Kontrolle" -- als andere Quellen längst von Tausenden Toten in einem erbitterten Bürgerkrieg sprachen.
Generäle, die Brasilien und Uruguay regieren, erkannten als erste das Regime der Putsch-Kameraden in Santiago an. In Madrid ließen Exil-Chilenen, darunter politische Attentäter. Dankmessen für den Umsturz und den Tod ihres legalen Staatschefs lesen. In US-Garnisonen stießen chilenische Offiziere, dort zur Ausbildung, mit Champagner auf den Putsch ihrer Kameraden zu Hause an und sangen die Nationalhymne "Rein ist, Chile, dein Himmel, der blaue ..."
An amerikanischen Börsen stiegen die Kupferpreise Minuten nach den ersten Meldungen über den Putsch im Kupferland Chile sowie die Notierungen für ITT -- jene Firma, die für die Erhaltung ihrer Interessen in Chile schon vor Jahren einen Putsch mitfinanzieren wollte.
Im amerikanischen Außenministerium focht ein frustrierter Sprecher gegen Journalisten, die behaupteten. Washington habe offenbar vorher von dem geplanten Putsch gewußt. Wozu sonst sei Amerikas Botschafter in Santiago, Nathaniel Davis, am Wochenende vor dem Coup zu einem Blitzbesuch in die amerikanische Hauptstadt eingeflogen?
Sprecher Paul Hare bestätigte, es habe 16, 14 oder 10 Stunden vor dem Putsch eine Warnung gegeben, diese sei aber als eine der zahllosen ähnlichen Gerüchte angesehen worden, die es seit Monaten immer wieder gegeben habe.
Möglich, aber wenig wahrscheinlich. Denn zehn Prozent des chilenischen Offizierskorps lernen laufend auf Kriegsschulen und in Ausbildungsstätten der amerikanischen Streitkräfte oder in jener berüchtigten "School of the Americas" in der Panama-Kanalzone, in der jährlich etwa 3000 lateinamerikanische Offiziere von US-Rangern einem Anti-Guerilla-Training unterzogen werden. Chiles Streitkräfte. deren nomineller Oberbefehlshaber der Marxist Allende war. weigerten sich strikt. Waffen aus der Sowjet-Union zu beziehen; sie bezogen ihre Ausrüstung weiterhin aus Amerika.
In den Putsch trieb die Armee wie nach dem Drehbuch, das vor zwei Jahren ITT-Manager dem US-Geheimdienst CIA vorgeschlagen hatten (SPIEGEL 28/1973): Aushungern der chilenischen Wirtschaft durch die USA und befreundete Staaten, Subventionen für oppositionelle Gruppen und Zeitungen und "verläßliche Quellen innerhalb des chilenischen Militärs anbohren" (aus einem Brief des Washingtoner ITT-Chefs Merriam an Nixons Sonderberater Peterson).
Lange, länger als die einen fürchteten. die anderen hofften, waren die Streitkräfte loyal geblieben. Seit Monaten "ton Damen der Society als "gallinas" (Hennen) geschmäht, denen öffentlich Körner als Futter vorgeworfen wurden, von der faschistischen Organisation "Vaterland und Freiheit" zum Putsch gehetzt, schlugen sie erst los, als sie meinten, damit gerade noch den Bürgerkrieg verhindern zu können.
Ihr Putsch provozierte ihn erst. Denn das Militär, jahrzehntelang als verfassungstreu gerühmt, schlug mit einer Brutalität zu, die für Chile beispiellos ist. Im Morgengrauen des Dienstag stürmten Matrosen die Hafenstadt Valparaiso" Präsident Allendes Geburtsort. Um 7.30 Uhr fuhr Allende unter starkem Polizeischutz in die Moneda, seinen Amtssitz. Über Radio beschwor er die Arbeiter, in ihren Fabriken auszuharren und die legale Regierung zu unterstützen. Und er schwor: "Ich werde nicht zurücktreten. Ich werde es nicht tun, solange ich lebe."
Zwanzig Bomben auf den Palast.
Er lebte nicht mehr lange. Um 8.20 Uhr rief ein Luftwaffengeneral in der Moneda an, ein Flugzeug stehe bereit, den Präsidenten außer Landes zu bringen. Allendes Antwort: "Ein chilenischer Präsident flüchtet nicht."
Um 10.30 Uhr verbreitete eine Militärjunta, gebildet aus den Führern der drei Waffengattungen sowie der Gendarmerie. über Rundfunk ein Ultimatum an den Präsidenten. bis Mittag zurückzutreten. Allende antwortete, er werde den Palast nur tot verlassen.
Seinem Botschafter in Buenos Aires und Freund Ramón Huidobro, der um diese Zeit anrief, sagte Allende: "Ramón, die Lage ist außerordentlich ernst. Einen Kuß für deine Frau. Ich werde bis zum Ende kämpfen."
Um elf begannen Panzer in das Zentrum Santiagos zu rollen, der größere Teil des zivilen Personals verließ die Moneda. 200 Mann der Präsidentenwache und einige persönliche Freunde des Präsidenten blieben. Um zwölf griffen Düsenmaschinen des Typs "Hawker Hunter" die Moneda im Sturzflug an und warfen mindestens 20 Bomben auf das im spanischen Kolonialstil erbaute Gebäude, das ursprünglich Chiles Münze war. Die Panzer vor dem Palast schossen mit ihren Kanonen aus nächster Nähe. Hubschrauber kreisten über dem Platz. Sie feuerten auf Dächer und Fenster, wo immer sich Menschen zeigten. Mehrere Gäste des nahen "Carrera-Sheraton" -Hotels wurden getroffen.
Um 13 Uhr, so die Junta, die Chile vollkommen von der Außenwelt abgesperrt und auch fast alle Nachrichtenquellen gekappt hatte, habe Allende sich bereit erklärt, bedingungslos zu kapitulieren. Doch Palastwachen hätten weitergeschossen. Als um 13.50 ein Stoßtrupp in den Palast eindrang, hätten die Soldaten den Präsidenten tot auf einem Sofa im ersten Stock des Palastes gefunden. Neben ihm habe, ebenfalls tot, sein Pressesekretär, der Journalist Augusto Olivares, gelegen.
In einer zweiten Verlautbarung gaben die Militärs bekannt, Allende habe Selbstmord begangen. Zuerst hieß es, indem er sich mit einer Pistole in den Mund geschossen habe, dann, er habe sich mit dem Sturmgewehr umgebracht, das ihm einst Fidel Castro geschenkt hatte. Die "New York Times" zitierte Militärs, nach denen Allende von Schüssen aus Maschinenpistolen getötet wurde, wie sie die Palastwache hat.
Am nächsten Tag. so die Junta später, sei Allende "in engstem Familienkreis" beerdigt worden. Frau Hortensia Allende, zunächst totgesagt, berichtete jedoch, sie habe den Leichnam ihres Mannes nicht mehr sehen dürfen, nur einen verschlossenen Sarg, der auf dem Santa-Inés-Friedhof im Badeort Vina del Mar eilends ins Grab gesenkt wurde.
Bei "aggressiver Haltung" sofortige Exekution.
Gegen einen Selbstmord sprechen alle Indizien. Wäre Allende freiwillig aus dem Leben gegangen, hätten zuallererst die Militärs ein Interesse daran gehabt, den Freitod durch Obduktion zu beweisen, wie Chiles Christdemokraten alsbald forderten. Alle, die Allende gut kannten, halten einen Selbstmord für ausgeschlossen. "Das hätte er niemals getan", berichtete in London Botschafter Alvaro Bunster. "Wenn er tot ist, haben sie ihn umgebracht."
Für die Absicht der Militärs, den Präsidenten zu töten, spricht auch, daß sie nicht allein den Präsidenten-Palast bombardierten. Bomben zerstörten auch die Villa Allendes. Ein Indiz, daß er getötet wurde, ist schließlich die Leiche von Olivares: Der Journalist hatte keinerlei Grund, sich umzubringen. Er war kein Großer des Regimes, sondern Allendes enger Freund.
Und daß die Soldaten sich nicht scheuten zu töten, zeigte ihr Sturm auf die Hauptstadt: Sie zerbombten die Moneda und mehrere Ministerien, die Hauptquartiere der Sozialistischen sowie der Kommunistischen Partei. Soldaten schossen auf jeden Passanten, der das strikte Ausgehverbot mißachtete.
Granaten fielen auch auf die Technische Hochschule, in der sich Linke verschanzt hatten, und auf die Industrie-Cordons rund um Santiago, wo Arbeiter ein halbes Tausend Betriebe besetzt hielten. Jedem Bürger. der bewaffnet oder in "aggressiver Haltung" angetroffen wurde, kündigte die Junta "sofortige Exekution" an -- und machte diese Drohung auch wahr, wenn man den spärlichen Berichten aus dem bis zum Wochenende noch immer von der Außenwelt völlig abgeschlossenen Land glaubt.
Die Zahl der Opfer wurde auf mehrere Tausend geschätzt. Der Rundfunk forderte die Chilenen, die seit Tagen ohne Nahrung in ihren Wohnungen belagert sind, zum Blutspenden auf, "Blut jedweder Gruppe".
Erklärtes Ziel des Staatsstreiches war es, den "marxistischen Spuk" auszulöschen, jene chilenische Revolution, die vor drei Jahren begonnen hatte -- ohne Helden und Schurken.
Dem "zweiten Modell des Übergangs zur sozialistischen Gesellschaft" (Allende) fehlte von Anfang an das Geheimnisvolle der russischen Bolschewiki, die sich -- von der zaristischen Polizei verfolgt -- in verschwiegenen Hinterzimmern trafen. Es hatte nichts von der grimmigen Entschlossenheit der jugoslawischen Partisanen. die im Krieg gegen den äußeren Feind den inneren Umsturz vorbereiteten, hatte schon gar nichts vom verwegenen Pathos jener Männer, die, um Comandante Fidel Castro geschart, Kuba mit der Waffe befreiten.
Chiles Revolution wurde am grünen Tisch beschlossen. Im Herbst 1969, ein Jahr vor der Präsidentenwahl, feilschten in Santiago in zermürbenden Debatten die Vorstände von sechs Imken Gruppen um ein gemeinsames Wahlprogramm und einen gemeinsamen Kandidaten: Sozialisten, Kommunisten, linke Reste der einst mächtigen Radikalen Partei, MAPU (eine Sammlung nach links gedrifteter Christdemokraten), die winzige Unabhängige Volksaktion API und die bedeutungslosen chilenischen Sozialdemokraten.
Was den bunten linken Haufen zusammenhielt, war die Überzeugung. daß die Macht der seit November 1964 herrschenden Christdemokraten nur durch Gemeinsamkeit zu brechen sei. um Chile durch Sozialismus aus Inflation, Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Stagnation zu retten.
Nach langem Palaver und geräuschvollem Streit einigten sich die Parteien am 22. Dezember, weil die meisten Genossen Weihnachten bei ihren Familien sein wollten. Das gemeinsame Programm hieß: "Revolution durch Volksentscheid" und "Kampf für eine demokratische Regierung unter proletarischer Hegemonie
Von fünf Bewerbern für die Kandidatur der Präsidentenwahl wurde ein Sozialist Kompromiß-Kandidat: Salvador Isabelino del Sagrado Corazón de Jesús Allende Gossens.
Knapp ein Jahr später war er Chiles Staatspräsident -- der erste an die Macht gewählte Marxist der Welt. Der Triumph des "friedlichen Weges" zum Sozialismus hatte die bewaffnete Revolution vorerst überflüssig gemacht, zumindest relativiert -- so wollte es scheinen. Nach dem gewaltsam unterdrückten Prager Reformversuch war Chile zur neuen Hoffnung der Linken in aller Welt geworden.
Dem Mann, der diesen Weg zum chilenischen Sozialismus finden sollte. fehlte so gut wie alles zum Revolutionär. Von Beruf war er Arzt -- und sein Kampf gegen die "Armut als eine Krankheit" schien noch das Fortschrittlichste an dem Doktor.
Der marxistische Wahlsieger -- ein verkappter Bourgeois?
Er nannte sich oft und gern einen Marxisten. Indes: Theoretischen Diskussionen wich er meist gelangweilt aus und glänzte auch nicht mit dem Feuer revolutionärer Beredtsamkeit, sondern berief sich lieber auf gewiefte Erfahrung aus 30jähriger Parlamentsarbeit.
Salvador Allende war vom Abgeordneten zum Senator aufgestiegen, zum Minister und Senatspräsidenten; dreimal nahm er auch Anlauf, Staatspräsident zu werden. Er kannte alle Tricks und Finten der Geschäftsordnung und verstand es wie kaum ein zweiter, den Legalismus einer parlamentarischen Ordnung für seine Ziele zu nutzen.
Ob diese Ziele wirklich marxistisch oder sozialistisch waren, ob die Ursache für die Besonderheit des chilenischen Weges nicht in der Besonderheit des Allendischen Sozialismus lag, darüber wurde in den letzten drei Jahren heftig gestritten -- vor allem unter den Linken.
Der Wahlsieger stand bei den linken Radikalen im Ruch, ein verkappter Bourgeois zu sein. Sie mißtrauten dem Bürgersohn, dessen Großvater zu den Mitbegründern der damals liberalen Radikalen Partei gehörte, dessen Vater ein bekannter Anwalt für die Reichen Valparaisos wurde, dem Bohemien, der alte Keramik und moderne Kunst, schöne Frauen und Whisky liebte. der sich ein Reitpferd hielt und eine Segeljacht besaß. Für die von Che Guevara begeisterte Linksfraktion saß der untersetzte Mann mit der Hornbrille auf dem falschen Pferd.
"Revolution mit Rotwein und Pasteten."
Noch bevor der Volksfront-Chef sein Amt angetreten hatte, bewiesen seine Gegner, wie wenig ihnen die demokratischen Regeln galten, sobald sie ihre Interessen gefährdet sahen. Der US-Konzerngigant ITT, der um seine Chile-Investitionen in Höhe von 153 Millionen Dollar bangte, bot der Washingtoner Regierung im September 1970 eine Beihilfe von einer Million Dollar, wenn es ihr gelänge. Allendes Machtantritt zu verhindern.
Die Hoffnung der Amerikaner war dabei jener chilenische General Roberto Viaux gewesen, der kurz darauf tatsächlich an einem Komplott mitwirkte: an der Ermordung des -- für seine Verfassungstreue bekannten -- Armee-Chefs General René Schneider.
Der Mord schockierte Chile. Zwei Tage danach gab die größte Partei, die Christdemokraten. dem Volksfrontkandidaten Allende im Kongreß die Bestätigung, die er für seine Präsidentschaft brauchte, weil er bei den Wahlen nur 36,3 Prozent der Stimmen gewonnen hatte. Seine Parteienkoalition Unidad Popular war im Abgeordnetenhaus wie im Senat in der Minderheit.
Im Tausch gegen die Unterstützung der Christdemokraten garantierte Allende per Verfassungszusatz, Partei- und Pressefreiheit, Armee und Polizei, Schulwesen und Universitäten unangetastet zu lassen.
Als der Marxist am 4. November 1970 in die Moneda einzog, erbte er freilich keineswegs ein blühendes Land, wie später behauptet wurde. Unter Allende-Vorgänger Eduardo Frei war Chiles Bruttosozialprodukt mit 2,5 Prozent jährlich kaum mehr gewachsen als die Bevölkerung. Hunderttausende Chilenen hatten keine Arbeit. Ausländisches Kapital kontrollierte Chiles Wirtschaft, zum Beispiel 80 Prozent der chemischen Produktion, 50 Prozent der Metallindustrie und 43 Prozent der Nahrungsmittelindustrie.
Allende dagegen schien in seinem ersten Amtsjahr die versprochene "Revolution à la Chile mit Rotwein und Pasteten" (Allende) wahrmachen zu können. Für alle Kinder unter 15 Jahren gab es fortan täglich einen halben Liter Milch, Chiles Bäcker mußten ein gutes, aber preiswertes Einheitsbrot backen. Die neue Regierung erhöhte alle Löhne und Gehälter um durchschnittlich 35 Prozent, während sie gleichzeitig die Preise für Mieten und wichtige Bedarfsgüter einfror.
Erstmals konnten sich auch die Bewohner der Arme-Leute-Siedlungen am Stadtrand von Santiago ein Stück Rindfleisch leisten; der Fleischverbrauch stieg um 15 Prozent.
Da Industriekapazitäten brachgelegen hatten und die Unternehmer noch marktwirtschaftlich reagierten. konnte die gesteigerte Nachfrage aufgefangen werden. Die Industrieproduktion nahm 1971 um zwölf Prozent zu, das Bruttosozialprodukt um 8,5 Prozent. 260 000 neue Arbeitsplätze entstanden. Die Inflationsrate ging von 35 Prozent (1970) auf 22 Prozent zurück.
Der Erfolg dieser Politik war schon am Ergebnis der Gemeindewahlen im April 1971 abzulesen: Die Hälfte der Wähler schickte Volksfrontkandidaten in die Rathäuser.
Bald aber bekam Allende Widerstand der Opposition zu spüren. Zwar fand er für sein Projekt, Chiles wichtigsten Reichtum -- die Kupferminen -- vollständig zu nationalisieren, noch die Zustimmung der Christdemokraten und sogar der extrem rechten Nationalpartei. Ein neues Sozialisierungsgesetz. nach dem 91 weitere Industriebetriebe verstaatlicht und andere halbverstaatlicht werden sollten, aber brachte die bürgerliche Mehrheit zu Fall. Allende seinerseits blockierte durch sein Staatschef-Veto eine von der Opposition durchgebrachte Verfassungsänderung, nach der Enteignung jeweils durch ein "vom Parlament geprüftes und gebilligtes Gesetz" genehmigt werden sollte.
Bei diesem Patt zwischen Präsident und Parlament umging die Regierung auf ihrem Weg zum Sozialismus den von der Opposition beherrschten Kongreß -- nicht aber das Gesetz. So konnte sie fast alle Banken unter staatliche Kontrolle bringen, indem sie deren Aktien aufkaufte.
Findige Volksfront-Juristen gruben das 1932 -- während einer 100 Tage dauernden Sozialistischen Republik -- erlassene Gesetzesdekret 520 aus, nach dem "Unternehmen, die lebensnotwendige Güter herstellen oder handeln", enteignet werden konnten. Vor allem nutzte Allende eine Bestimmung aus dem Arbeitsrecht der Vor-Volksfront-Zeit: Sie erlaubte staatliche Intervention, wenn etwa ein Betrieb stillag und "die Mehrzahl der Arbeiter eine solche Intervention wünscht". In mehreren Fällen besetzten Arbeiter ihre Fabriken auch dann, wenn sich die Behörden weigerten. die Staatsaufsicht zu übernehmen.
Fast zwangsläufig. so scheint es, mußte dieser Weg durch eine kapitalistische Wirtschaftsordnung zum Sozialismus in die Krise führen. Unsicher. ob sie nicht noch enteignet würden, legten die Unternehmer ihr Geld nicht mehr an: Die privaten Investitionen gingen schon 1971 um 16 Prozent zurück: die Bautätigkeit nahm von Juni 1971 bis Mai 1972 um ein Drittel ab, und im September 1972 sparten die Chilenen 28 Prozent weniger als im Dezember 1971.
Die nicht investierten Escudo heizten die Nachfrage nach Konsumgütern noch weiter an. Der Staat aber konnte das Geld der Bourgeoisie nicht abschöpfen. denn die Opposition verweigerte jede Steuerreform. Allende mußte seine Reformen -- bei Einnahmen (1972) von 36 Milliarden Escudo und Ausgaben von 62 Milliarden -- durch die Notenpresse finanzieren: In zwei Jahren verfünffachte sich der Geldumlauf.
"Wir haben keinen einzigen Dollar mehr."
Obendrein verringerten sich Chiles Devisenreserven so rasch, daß Allende im Oktober 1972 zum Offenbarungseid gezwungen war: "Wir haben keinen einzigen Dollar mehr."
Die USA, die in den 60er Jahren über 1,3 Milliarden Dollar nach Chile gepumpt hatten, halfen dem Marxisten 1972 nur mit kurzfristigen Krediten über 35 Millionen Dollar aus. Washington hatte bei der Eximbank und der Weltbank darauf gedrängt, den Kredithahn zuzudrehen. da Allende sich weigerte, 600 Millionen Dollar Entschädigung an die enteigneten Kupferkonzerne Kennecott Copper Corporation und Anaconda zu zahlen*. Sogar von Hamburger und Pariser Gerichten wollte der Kennecott-Konzern Kupferlieferungen aus seiner früheren Mine "El Teniente" beschlagnahmen lassen.
Aus dem Kupfer, dem Hauptexportgut Chiles, konnte die Volksfront die benötigten Devisen nicht ziehen. Denn die Produktion der Kupferminen stieg bei weitem nicht so an, wie Experten erwartet hatten. Schuld daran waren vor allem zuletzt die Bergarbeiter. die sich nach Allendes Meinung "wie wahre Monopol-Bankiers" verhalten hatten. 67mal streikten im vergangenen Jahr allein die Kumpel der Mine Chuquicamata. um ihre sozialen Privilegien aus der Zeit der Amerikaner -- Spitzenlöhne zwischen 1000 und 2000 Mark -- zu verteidigen --
Von der Sowjet-Union erhielt das in den Augen der Kremlherren unsichere -- Experiment Allendes Kredite von 265 Millionen Dollar -- bei weitem nicht so viel wie Moskau an Castros Kuba zahlt. Zuwenig Geld blieb übrig für den Import von Rohstoffen. Maschinen und Ersatzteile. Die Produktivität der staatlich kontrollierten Betriebe sank so weit, daß die Staatskasse ihnen im vergangenen Jahr 40 Milliarden Escudo zuschießen mußte.
Allein 440 Millionen Dollar seiner knappen Dollar-Vorräte mußte Chile 1972 für den Import von Nahrungsmitteln aufwenden. Die eigene Agrarpro-
* Von 1955 bis 1970 hatte Kennecott nach Allendes Angaben eine jährliche Rendite von 52,87 Prozent aus ihren chilenischen Minen geschürft. Allende rechnete "die exzessiven Gewinne" gegen die Entschädigungsforderungen auf.
duktion war um acht Prozent gesunken. In scharfem Tempo hatte Allendes Regierung die von seinem Vorgänger Frei begonnene Agrarreform beendet und fast sämtliche Fundos mit mehr als 80 Hektar enteignet.
Die Neusiedler, denen oft Kenntnisse. Traktoren oder Düngemittel fehlten, nutzten den Boden nicht optimal. Zum anderen aber zögerten Besitzer mittelgroßer Farmen, ihr Land zu bestellen, in der Erwartung, auch sie könnten bald enteignet werden -- eine Furcht, die nicht unbegründet war.
Denn die bisher enteigneten rund 4900 Latifundien bedecken nur ein gutes Drittel des fruchtbaren Bodens und beschäftigen nur 18 Prozent aller Bauern. 80 Prozent aller chilenischen Landarbeiter aber teilen sich noch immer nur zehn Prozent des Landes. Die am weitesten links stehenden Parteien der Unidad Popular wie Sozialisten und Links-Christen forderten daher die Ausdehnung der Landreform auf alle Höfe über 40 Hektar. "Die Legalität ist
der schlimmste Feind des Arbeiters."
Die nicht der Volksfront angehörende "Bewegung der Revolutionären Linken" (MIR) führte -- zum Schrecken der Rechten -- zahllose wilde Landbesetzungen an und heizte damit in der Volksfront den Streit um den rechten Weg zum Sozialismus an. "Die Legalität, das Gesetz der Patrones", schimpfte MIR-Führer Miguel Enriquez, "ist der schlimmste Feind der Arbeiter" und warf der Regierung vor, die Massen nicht zu mobilisieren.
"Das wäre", antwortete Allende, "eine Demonstration politischer Unreife". Er wußte nur zu gut, daß seine Gegner auf einen Fehltritt vom Weg der Legalität nur lauerten: "Sobald die Regierung die Verfassung verletzt", tönte der Führer der ultrarechten Terrororganisation "Vaterland und Freiheit" ("Patria y Libertad"), "wird die Armee eingreifen."
Alten kommunistischen Genossen gar schienen MIR-Aktionen wie die Gründung einer ersten chilenischen "Volksversammlung" in Concepción eine "Idee aus fieberkranken Gehirnen". Die KP hielt es für wichtiger, daß der Staatschef durch gesetztreues Verhalten Freunde beim Mittelstand gewann.
Doch der Mittelstand war längst verloren. Das zeigte sich zum ersten Mal im Oktober 1972, als Tausende von Fuhrunternehmern und Ladenbesitzern, Ärzten und Anwälten, Ingenieuren und Architekten, Bankangestellten und Lotsen, Lehrern und Piloten die Volksfrontregierung durch wochenlange Streiks in die Knie zu zwingen suchten.
Sie sahen sich von Allendes Sozialismus in ihren Privilegien bedroht und wollten nicht länger Versorgungsmängel ertragen, die sie nie gekannt hatten. Immer länger wurden seit vergangenen Herbst die Schlangen der Hausfrauen. die oft stundenlang nach Brot und öl, Zucker und Reis, Seife und Toilettenpapier anstehen mußten.
Freilich, gerade die Bourgeoisie konnte es sich meist leisten, auf dem Schwarzen Markt einzukaufen, wo es alles gab. Denn Spekulanten und nicht wenige Treuhänder in den verstaatlichten Fabriken oder Bauern aus Agrarreformbetrieben verschoben ihre Erzeugnisse lieber zu Schwarzmarktpreisen. So lieferten die 1870 Agrarreformbetriebe nach einer Untersuchung der Behörden nur 14,1 Prozent ihrer Produktion an die staatliche Handelsorganisation ab.
Nach einer Untersuchung der Uno profitierten die zur Mittelschicht gerechneten 45 Prozent der Bevölkerung mehr von der Einkommensverteilung unter Allende als das Proletariat: Der Anteil am Volkseinkommen stieg von 53,9 auf 57,7 Prozent, der Anteil der als Unterschicht geltenden Hälfte der Bevölkerung nahm nur von 16,1 auf 17,6 Prozent zu.
Ohne Mehrheit in Senat und Abgeordnetenhaus, von einer lautstarken Oppositionspresse kritisiert und kontrolliert, überwacht von einer konservativen Justiz, versuchte, erstmals in der Welt, nicht eine Apo, sondern eine Regierung den langen Marsch durch die Institutionen durchzuhalten.
Von den Kommunisten ständig gebremst, vom linken Flügel seiner eigenen Sozialisten unter dem Generalsekretär Altamirano angetrieben, von der profilneurotischen Radikalen Partei konterkariert, erklärte Allende dennoch: "Keine Partei darf die Vorherrschaft haben, unser Sozialismus hat als Grundlage den Pluralismus"
Als Allende -- um die Gesetzlichkeit auf keinen Fall zu verletzen -- im Juni spontane Fabrikbesetzungen durch Arbeiter verbot, verbrüderte sich Sozialisten-Parteichef Altamirano vor den Kameras des Fernsehens mit den Besatzern.
Mitunter nahm Allendes Hang. sich an Verfassung und Gesetze zu halten, skurrile Züge an. Als die Kommunisten die Aufführung des Costa-Gavras-Films "Das Geständnis" -- den Bericht über die Foltern der Stalinzeit -- verhindern wollten, setzte sich Allende für den Film ein. Wochenlang waren die Vorstellungen ausverkauft.
Als einer der Anführer der MIR in einer konservativen Zeitung als "Coronel Pepe" vorgestellt wurde, dementierte der Präsident: "In diesem Land gibt es Coroneles nur in der Armee."
"Der Verfassung gehorchen, ohne zu diskutieren."
Chile blieb das einzige sozialistische Land, aus dem jedermann ausreisen konnte. Über 200 000 Allende-Gegner zum Beispiel taten dies, nicht ohne ihre Bankkonten zu räumen und den freien Devisenmarkt zu schröpfen. Selbst im Krisenjahr 1972 gaben Chilenen, die ins Ausland reisten. Millionen Dollar als Taschengeld aus, dem Staat aber fehlten die Devisen, um Maschinen zu importieren.
Die Presse blieb frei, obgleich die Mehrzahl der Zeitungen (in der Provinz alle) gegen Allendes Regierung waren, das Streikrecht und die Versammlungsfreiheit blieben selbst noch unangetastet, als der Staat längst den Notstand ausgerufen hatte.
So kämpfte der Mann, der kein Revolutionär war, aber eine Revolution ohne Beispiel machen wollte, im Parlament an dem Platz. den er gewohnt war -- während ringsum das Land bereits brannte.
Die Entmachtung der großen ausländischen Konzerne, der heimischen Oligarchien, der Großgrundbesitzer, die riesige Latifundien besaßen, das war, so wie es in dem 40-Punkte-Wahlprogramm der Unidad Popular von 1970 gestanden hat, nahezu gelungen. Das ausländische Kapital war aus dem Land gejagt. die Bereicherung der heimischen Kapitalisten drastisch beschnitten. Nur: An die Bäcker und Taxifahrer. an die Gemüsehändler und Kioskbesitzer, an das ängstliche, um seine Privilegien bangende Kleinbürgertum hatte die Volksfront bei ihrer Revolutionsstrategie nicht gedacht.
Nicht die großen Bosse lähmten schließlich das Land und trieben Chile ins Chaos, sondern der 47tägige Streik der Fuhrunternehmer und der Ausstand der Lebensmittelhändler. im vergangenen Herbst konnte Allende die Revolte des Mittelstands erst beenden, indem er die bis dahin als Verfassungsgaranten geschätzten Militärs in sein Kabinett holte.
Chiles einst von preußischen Ausbildern gedrillte Armee hielt sich etwas darauf zugute, "der Verfassung bedingungslos zu gehorchen, ohne zu diskutieren" (so ihr damaliger Chef Carlos Prats).
Geschickt verstand es Allende, die Militärs im Glied zu halten. Stets ließ er sich auf Reisen von hohen Militärs begleiten, gewissenhaft erschien er bei militärischen Empfängen und Feiern.
Er verschaffte den Offizieren Spezialgeschäfte, günstige Wohnungen und Lizenzen für den Import von Limousinen. Trotz Devisenmangels kaufte er den Truppen neue Waffen, so daß Chile in Südamerika heute den relativ höchsten Anteil am Bruttosozialprodukt fürs Militär ausgibt.
Die Präsenz der Militärs im Kabinett hielt denn auch Allendes Gegner bis zu den Parlamentswahlen im März dieses Jahres vom offenen außerparlamentarischen Angriff ab. Insgeheim hoffte die Opposition, sie könnte bei dieser Wahl die Zweidrittelmehrheit im Kongreß bekommen, die nötig gewesen wäre, um Allende per Mißtrauensvotum zu stürzen. Doch die Volksfront gewann mit 43,3 Prozent der Stimmen acht Sitze dazu -- freilich keine Mehrheit.
"Wenn 20000 sterben müssen, wir tun es."
Schon am Tag nach der Wahl lud das KP-Blatt "EI Siglo" die Christdemokraten zu einer Verständigung: "Mit Leuten, die das (Volksfront-)Programm in zwei, drei, vier oder vielen Punkten unterstützen, kann man einen Dialog beginnen": Aber der verständigungsbereite linke Flügel der Christdemokraten um Radomiro Tomic, der die Volksfront zwar "demokratisch schlagen, aber nicht gewaltsam stürzen" wollte, war zu schwach, und Allendes Lage wurde immer aussichtsloser:
* Die Industrieproduktion sank in den ersten vier Monaten dieses Jahres um 7,1 Prozent.
* Die Kupferbergarbeiter der Mine El Teniente trotzten dem Staatschef nach 75 Tagen Streik eine Lohnerhöhung von 41 Prozent ab.
* Die Inflationsrate sprang über die 300-Prozent-Marke.
* Der Dollar wurde auf dem Schwarzen Markt für 2000 Escudo getauscht (offiziell 350).
Ende Juni versuchte ein Panzeroberst mit 150 Mann den Präsidentenpalast zu Stürmen. Die paramilitärisch gedrillte Organisation "Vaterland und Freiheit" verübte über 600 Terroranschläge: auf den Marine-Adjutanten von Allende wie auf Eisenbahnen und Brücken. Hochspannungsleitungen und Pipelines. Ein Führer der "Vaterland und Freiheit"-Bewegung: "Wenn dieses Land brennen muß, um gerettet zu werden, und wenn deshalb 20000 Chilenen sterben müssen, wir tun es!" 45000 Lastwagenbesitzer führten seit dem 26, Juli erneut eine Revolte des Mittelstandes, von den Christdemokraten ermuntert. Christdemokratische Gewerkschafter aber organisierten die Arbeiter vieler Betriebe gemeinsam mit der Volksfront in sogenannten Industriekordons.
In dieser Atmosphäre offener Konfrontation erst geriet der Grundsatz des Militärs. politisch neutral zu bleiben, ins Wanken. Ein Militärminister nach dem anderen demissionierte, bei Luftwaffe und Marine drohten Meutereien. Offiziersfrauen belagerten die Wohnung des ihrer Meinung allzu loyalen Oberbefehlshabers Prats. Er trat zurück, "um die Armee nicht zu spalten".
Bei 24 Waffenrazzien im Juli durch. kämmten Militärkommandos Fabriken. UP-Büros, Regierungsämter, doch nur zwei mutmaßliche Verstecke rechter Terroristen. Marine-Polizisten folterten in Valparaiso Dutzende Matrosen, die angeblich von der MIR zum Ungehorsam angestiftet worden waren.
Verzweifelt klammerte sich Allende in den letzten Tagen an seine Gesetzestreue: Er gab sein Placet für einen Prozeß gegen die Gefolterten, distanzierte sich von Angriffen seiner Parteigenossen gegen die Marine und ließ von Carabineros eine Monate alte Räumungsklage gegen die linke Redaktion des Fernseh-",Kanals 9" vollstrecken.
Der Mann im dunklen Anzug, immer ein wenig overdressed" der sich für Ansprachen vor dem Volk oder der eigenen Partei mit einer abgeschabten Lederjacke verkleidete, war sicher kein Bilderbuch-Revolutionär. Er war ein mäßiger Redner und genoß das "Bad in der Menge" nicht -- wie Fidel Castro. Erst recht fehlte ihm die Härte Stalins oder der Ehrgeiz eines sozialen Aufsteigers wie Tito -- von der abgeklärten Weisheit eines Mao oder Ho Tschiminh ganz zu schweigen.
Er blieb im Grunde der biedere Landarzt. einer, von dem auch der ärmste Kätner weiß, daß er ihn ohne Zögern selbst um Mitternacht an das Bett seines kranken Kindes holen kann.
Mit dem Prager Frühling hat sein Experiment nur die Politisierung aller Bevölkerungsgruppen gemein und vielleicht den politischen Charme einer der Sache des Landes ergebenen Jugend.
Mit dem klassischen Sowjet-Modell wie dem Gegenstück China hatte Chile mit seinem Vielparteiensystem und dem Mann an der Spitze, für den es das wichtigste war, die Gesetze zu achten, wohl die geringste Ähnlichkeit.
kann ein solcher Mann überhaupt Revolutionär sein?
Wer Allende sicher am nächsten stand, war Fidel Castro -- obgleich Allende die kubanische Revolution kritisch sah. Zu gern erzählte er die Geschichte, wie er wenige Tage nach Fidels Einmarsch in Havanna -- Kubas Hauptstadt besuchte und dort den Bürgermeister von Miami als Staatsbesucher. angeführt von 200 US-Polizisten, durch die Stadt fahren sah.
Von Fidels freiwilligen Volkseinsätzen, den "voluntarios" auf den Feldern und in Fabriken. war Allende am meisten angetan. Aber ihm fehlten die Macht und wohl auch die kubanische Insellage, um ähnliche Opferbereitschaft bei den Chilenen zu wecken.
Die Frage, ob ein Mann, der so unerschütterlich an den Wert von Gesetzen einer Gesellschaft glaubt, die er eigentlich stürzen will, überhaupt ein Revolutionär sein kann, hat er selbst einmal beantwortet. Als der Revolutionstheoretiker Régis Debray ihn fragte, was in Chile geschehen werde. wenn man ihn, Allende, ermorde, erwiderte der Präsident: "Wenn das geschähe, würde ohne jeden Zweifel offenbar, daß die Reaktionäre sich nicht an die Spielregeln halten, die sie selbst aufgestellt haben."

DER SPIEGEL 38/1973
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