17.09.1973

JAPANKlub des Sommersturms

Rechte Ultras wollen den Premier Tanaka zum Kampf gegen die Kommunisten zwingen. Gerät die japanische Demokratie in Gefahr?
Im luxuriösen New Otani Hotel in Tokio krempelten sich, hinter zugezogenen Vorhängen, 31 Männer die Hemdsärmel hoch. Dann ritzten sie mit einer Rasierklinge je einen kleinen Finger an, schworen bei ihrem Blut unverbrüchliche Treue und gründeten den "Seirankai", den Klub des Sommersturms.
Die Sommerstürmer wollen gegen die Linken und für die nationale Erneuerung Japans kämpfen, notfalls unter Einsatz ihres Lebens, so wie es die japanischen Rechtsextremisten in der Vorkriegszeit getan hatten.
"Kennen wir das nicht bereits von früher?" fragte denn auch das Massenblatt "Yomiuri Shimbun". Und die liberale "Mainichi" sieht die nach dem Krieg eingeleiteten "Demokratisierungsanstrengungen zunichte werden".
Denn der Seirankai ist nicht eine unbedeutende ultranationalistische Sekte. Alle 31 New-Otani-Verschwörer sind Abgeordnete der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP), 8 Mitglieder sind sogar Vize-Minister.
Vor allem aber: Generalsekretär Shintaro Ishihara ist ein Schriftsteller von Rang, der Japans neuer Yukio Mishima werden könnte. Wie der vor drei Jahren durch Harakiri geendete Nobelpreisanwärter. hat sich Ishihara, Freund Mishimas, als Literat mit nationalistischem Einschlag einen Namen gemacht.
Nach seiner Wahl zum Oberhaus malt er auf eine Puppe des Glücksgottes Daruma die Augen, in Japan traditionelles Siegeszeichen.
Sein Erstling "Zeit der Sonne" wurde Bestseller. Mit 24 erhielt er den begehrten Akutagawa-Literaturpreis. Inzwischen hat er etwa 30 Romane und Erzählungen veröffentlicht.
Wie Mishima, der sich entleibte. um gegen die Entfremdung von den Grundlagen der japanischen Tradition zu protestieren, fordert Ishihara die Rückkehr zu den Werten der Vergangenheit. Seit langem setzt er sich dafür ein, daß Japan Atomwaffen haben müsse. An der berüchtigten Hochburg der Nationalisten, der Kokushikan-Universität, hielt er Vorlesungen. In einem "Sparta Kyoiku" (spartanische Erziehung) betitelten Rundfunkprogramm sowie in der von ihm geleiteten Jugendorganisation propagiert er kriegerische Sitten.
Während aber Mishima Einzelgänger blieb, ließ sich Ishihara für die LDP ins Oberhaus wählen. Drei Millionen Wähler stimmten für ihn, ein Rekord im Nachkriegsjapan. Heute bekennt er seine rechte Gesinnung als Abgeordneter des einflußreicheren Unterhauses. Doch eine Kandidatur für das Amt des Gouverneurs von Tokio, das ihm die LDP angetragen hatte, lehnte er ab. Statt dessen sagte er mit der Seirankai-Gründung seinem Parteiführer und Premier Tanaka den Kampf an. Außenpolitisch werfen die Ultras Tanaka vor, daß er Maos China anerkannte und die "alten Freunde auf Taiwan" fallen ließ. Innenpolitisch klagen sie ihn an, er habe durch Unentschlossenheit den Aufstieg der Kommunisten begünstigt.
Alarmiert von anhaltenden Erfolgen der KP -- in Tokio erzielten die Kommunisten bei den Stadtratswahlen im Juli erstmals über 20 Prozent der Stimmen, in Osaka siegte bei einer Oberhaus- Nachwahl eine Kommunistin gegen einen Kandidaten der LDP -, fordert der Seirankai einen radikalen Kurswechsel: "Laßt uns das Ruder herumreißen", appelliert Sommerstürmer Michio Watanabe an seine Parteifreunde. "Die LDP muß zu ihren konservativen Grundsätzen zurückkehren und zur Entscheidungsschlacht gegen die Kommunisten antreten." In dem mit ihrem Blut besiegelten Programm wellen die Rechten unter anderem:
* die von den Amerikanern diktierte Friedensverfassung, in der Japan Kriegsverzicht leistet, durch eine neue "japanische" Verfassung ersetzen;
* insbesondere den Verfassungsartikel neun abschaffen, nach dem Japan kein Kriegspotential unterhalten darf;
* die Stellung des Kaisers, seit 1945 nur noch "Symbol" des Staates, stärken;
* zur Bekämpfung der Linken die Bürgerrechte einschränken.
Sollten diese Forderungen bis zu den Oberhauswahlen im nächsten Jahr nicht erfüllt sein, will Ishihara die LDP spalten. Als Vorsitzender einer neuen Rechtspartei ist der Politiker Tokusaburo Kosaka im Gespräch, der gute Kontakte zu einflußreichen Wirtschaftskreisen hat.
Die LDP-Führung tut so, als nähme sie die Seirankai-Ultras nicht ernst. Einige Politiker versuchten, sie lächerlich zu machen: Der New-Otani-Kreis habe bei seinem Blutschwur amerikanische Gillette-Klingen benutzt, was von den Uliras empört zurückgewiesen wurde.
In Wahrheit aber sind die Rechten für Tanaka gefährlich. Denn die Auffassungen der Ishihara-Gruppe werden von einflußreichen Alt-Falken in der LDP geteilt:
* Tanaka-Vorgänger Eisaku Sato hat 1971 seine Parteifreunde aufgefordert, "genügend Kräfte für eine Verfassungsänderung zu mobilisieren".
* Sato-Bruder Nobusuke Kishi, Regierungschef Japans Ende der 50er Jahre, hat die Nachkriegsverfassung mehrfach als "Wurzel allen Übels" bezeichnet. Die Kishi-Gruppe legte einen Grundgesetzentwurf vor, der alle Forderungen der Seirankai-Ultras erfüllt.
* Industrie- und Außenhandelsminister Yasuhiro Nakasone hat als Termin für die Verabschiedung einer neuen Verfassung 1975 genannt -- dann jährt sich zum 30. Mal die Kapitulation Japans.
* Verteidigungsminister Keikichi Masuhara versuchte im Frühjahr. die Verfassungsänderung vorwegzunehmen und den Kaiser vom "Symbol" zum politisch Handelnden zu machen. Er erklärte, der Monarch habe sich positiv zum Aufrüstungsprogramm des Ministers geäußert.
Masuhara mußte zwar gehen. Doch ohne sein Amt zu verlieren, konnte Nakasone nach einem Besuch in Teheran erklären, Japan und der Iran werden von Monarchen regiert.
Auch außenpolitisch stehen die Alt-Falken den rechten Jungtürken Ishiharas nahe. Kishi und Sato haben Tanakas China-Politik kritisiert. Kishi. häufiger Gast auf Taiwan, gilt als Intimus Tschiang Kai-scheks.
Tanaka gab dem vereinigten Druck der Seirankai und der rechten Veteranen bereits in einem Fall nach: Auf Intervention der Ultras wurde eine schon genehmigte Reise linksgerichteter LDP-Abgeordneter nach Nordkorea abgesagt.

DER SPIEGEL 38/1973
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