05.11.1973

Komet Kohoutek: Gala-Schau am Nachthimmel

„Schmutzige Schneebälle“, so nannte sie der Harvard-Astronom Fred Whipple 1950 in seiner grundlegenden Arbeit über Kometen: Rund 200 Milliarden der unscheinbaren Gas- und Staubklumpen umkreisen, in Lichtjahrsferne, das Sonnensystem. Nun hat sich wieder einer der kosmischen Brocken in die Nähe von Sonne und Erde verirrt. Mit einem Arsenal von Wissenschaftsgerät wie bei keinem astronomischen Forschungsobjekt zuvor wird der Komet Kohoutek verfolgt werden. Sein Lichtschweif soll ein Sechstel des Abendhimmels überstrahlen.
Es war wie zu den Glanzzeiten der amerikanischen Weltraumfahrt:
* Am Startkomplex 39 B auf Cape Kennedy machten Techniker das Apollo-Raumschiff startklar, das Ende dieser Woche drei Astronauten zu Skylab hinauftragen soll.
* Eine Atlas-Centaur-Rakete -- geplanter Start: letzten Sonnabend -- sollte die Raumsonde Mariner 10 (Reiseziel Planet Merkur) auf den Weg bringen.
* Nasa-Funkbefehle ergingen ·an die fernab im All treibenden Jupitersonden Pionier 6 und 8; außerdem sollten zwei erdnahe Beobachtungs-Satelliten umprogrammiert, fünf Beobachtungsraketen sowie zwei Ballons gestartet und mehrere Spezial-Flugzeuge mit astronomischer Ausrüstung entsandt werden.
Die Mobilmachung von Jets, Satelliten und Raumsonden galt einem kosmischen Ereignis, auf das sich die Nasa seit August unter dem Programmtitel "Operation Kohoutek" rüstet.
Aus allen nur denkbaren Blickwinkeln soll betrachtet und photographiert werden, was die Wissenschaft schon jetzt als "das Himmelsschauspiel des Jahrhunderts" ("Science News"), als "kosmische Galaaufführung" ("Newsweek") wertet.
Nie zuvor ist für einen einzelnen Forschungsgegenstand der Astronomie soviel Aufwand betrieben worden.
"Irgend jemand hat mir gesagt, daß dieser große Komet kommt, und seither bin ich vollständig aus dem Häuschen" -- so Stephen P. Maran, "Astronom seit meinem zehnten Lebensjahr" und jetzt Koordinator der Kohoutek-Forschungskampagne bei der Nasa.
Warum all die Aufregung? "Weil wir
noch nie zuvor so rechtzeitig von einem Kometen gewußt haben, der so nahe an die Sonne kommen wird", erläutert Dr. Brian G. Marsden, Leiter des Observatoriums am Smithsonian Institute in Cambridge, Massachusetts.
Am Aschermittwoch dieses Jahres, also vor acht Monaten, hatte der Hamburger Astronom Lubos Kohoutek den
Himmelswanderer, vor dem Sternbild der Wasserschlange, nahe der Umlaufbahn des Jupiter entdeckt. Mehr als 120 000 Stundenkilometer schnell nähert sich der Komet nun der Sonne. Ende dieses Monats wird er die Umlaufbahn der Erde (die zu dieser Zeit aber an einem weit entfernten Punkt ihrer Bahn stehen wird) passieren. Von diesem Zeitpunkt an bis Anfang Februar soll er
für irdische Betrachter sichtbar sein (siehe Graphik Seite 180).
"Erhofft hatten wir es uns schon von der Mondlandung", erläuterte Projektleiter Maran die Erregung der Wissenschaftler. "aber nun ist vielleicht dieser Komet unsere große Chance": Das Rätsel der Entstehung des Sonnensystems könnte anhand der Daten gelöst werden, die Kohoutek liefern soll. Interessiert hatten sich Forscher. -- und Mystiker -- schon immer für die bizarren Himmelserscheinungen. Den Sternguckern zu Lebzeiten Wallensteins galten sie noch als "Ausdünstungen der Erde", den Abergläubischen zu allen Zeiten als Vorboten für Krieg und Hungersnot, Königstod und Katzensterben -- so auch noch 1910, als der berühmte Halleysche Komet die Irdischen schreckte.
Daß die Kometen in Wahrheit "weit hinter dem Mond einherfliegen", hatte schon der dänische Astronom Tycho Brahe (1546 bis 1601) gewußt. Aber bis heute erlangte die Wissenschaft, so Nasa-Manager Maran. "erstaunlich wenig harte Fakten" über die schweifenden Himmelsphänomene.
Die Vorstellung. die sich die Himmelsforscher vom inneren Aufbau eines Kometen machen, ist denn auch immer noch hypothetisch. Fest steht nur, daß Kometen den weitaus größten Teil ihrer Lebenszeit als vergleichsweise langsame, kalte, sehr kleine und jedenfalls unauffällige Objekte in den Tiefen des Weltalls zubringen.
Nur etwa fünfmal im Laufe eines Jahres, und als wirklich bemerkenswerte Himmelserscheinung nur ein paarmal in jedem Jahrhundert geschieht es, daß einer dieser "schmutzigen Schneebälle" (so der Harvard -Astronom Fred Whipple) in die Nähe der Sonne gelangt. Erst dann wird daraus ein kosmisches Spektakel.
Aus Eis, gefrorenen Gasen und Staubpartikeln" "so die gängige Theorie, besteht der "Nukleus", der Kern des Kometen. Dies ist der einzige Teil. der nach dem Vorbeiflug an der Sonne wieder ins All hinaustreibt
Angeregt durch Photonen und Partikel, die von der Sonne her auf den gefrorenen Klumpen treffen, verdampfen die Gas- und Staubteilchen des Kerns und leuchten als sogenannte Koma, als Kopf des Kometen, auf. 100 000 Kilometer und mehr kann sein Durchmesser betragen.
Unter dem Einfluß des Sonnenwinds und der Sonnenstrahlung bildet sich, wie die Rauchfahne über einem Fabrikschornstein, jene Gas- und Partikelwolke, die im Widerschein der Sonne als Kometenschweif aufleuchtet. Jedes einzelne Teilchen darin, so eine Berechnung, mißt nur 0,00015 Millimeter. Mit Hilfe spektroskopischer Aufnahmen entdeckten die Astronomen überdies noch einen zweiten Schweif" bestehend aus ionisierten (elektrisch geladenen) Gasteilchen. Und schließlich machten erdumkreisende Astronomie-Satelliten noch eine weitere Entdeckung: Eine riesige Korona aus Wasserstoffgasen" freilich nur auf Spektralaufnahmen im ultravioletten Bereich sichtbar, umgibt den Kometen-Kopf.
So ist insgesamt die gewaltige Himmelserscheinung, wie es ein Forscher formulierte. "ein Fast-Nichts, am nächsten dran am Nichts, aber eben doch noch gerade Etwas". 1910 beispielsweise führte die Bahn der Erde direkt durch den Schweif des Halleyschen Kometen, aber nichts geschah -- so weiträumig ist die Verteilung kosmischer Materie bei solchen Zusammentreffen.
Umstritten freilich zwischen den Anhängern zweier gegensätzlicher Theorien ist noch die Frage nach dem Ursprung von Kometen:
* Viele Astronomen vermuten, die "schmutzigen Schneebälle" hätten sich bei der Entstehung des Sonnen-Systems aus solaren Materienebeln zusammengeballt -- etwa in der Region, wo sich auch der Planet Jupiter formte.
* Als Boten aus fernen Sternenwelten, verdichtet aus interstellarer Materie, würden Kometen von außen auf das Sonnensystem zufliegen und vom Schwerefeld der Sonne eingefangen -- so mutmaßen die Anhänger der Gegenhypothese.
In jedem Fall hoffen die Wissenschaftler mit dem Kometen Kohoutek Materie vor sich zu haben, die seit der Entstehung der Galaxien unverändert geblieben ist -- im Gegensatz zum Felsgestein vom Mond, das, wie sich gezeigt hat, durch lunare Prozesse verändert wurde.
Nach den bisherigen Computer-Berechnungen soll Kohouteks Kern etwa 20 Kilometer Durchmesser und ein Gewicht von rund einer Trillion Tonnen haben. Seine Wasserstoff-Korona hält Nasa-Astronom Maran gar für "größer als die Sonne".
Erhärtet werden sollen solche Vermutungen nun mit dem Arsenal von Forschungsgerät verschiedener Art, das auf den himmlischen Passanten gerichtet wird.
Während die Raumsonde Pionier 8 das Schweifgebilde Anfang nächsten Jahres eine Woche lang unterfliegen wird, soll Pionier 6 Kohouteks Schweif-Ende durchmessen.
Die Venus- und Merkursonde Manner 10 soll auf ihrem Weg den Kometen mehrfach photographieren und die Bilder zur Erde übermitteln; zusammen mit anderen Aufnahmen wird sich daraus das erste dreidimensionale Abbild eines Kometen kombinieren lassen.
Ausdehnung und Dichte des Kohoutek-Kerns wollen Astronomen mit den riesigen Radarantennen in der kalifornischen Mojave-Wüste erkunden. Das Riesen-Radioteleskop in Effelsberg in der Eifel sucht währenddes organische Moleküle wie etwa Formaldehyd im Kopf des Kohoutek.
Und am ersten Weihnachtstag, so ist es geplant, sollen die Skylab-3-Astronauten zum erstenmal ihr Himmelslabor verlassen und, frei im Raum schwebend. bestimmte Meß- und Photoeinrichtungen ihrer Station auf den himmlischen Schweifträger einrichten.
Auch für astronomisch interessierte Touristen ist gesorgt. Am 9. Dezember wird der Musikdampfer "Queen Elizabeth 2" von New York aus in See stechen. Zu Preisen ab 130 Dollar können die Gäste sich komplett astronomisch unterweisen und mit Kohoutek vertraut machen lassen.

DER SPIEGEL 45/1973
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