29.10.1973

BANKENWie die Neger

Deutsche Gewerkschaften beschuldigen die American-Express-Bank, ihre Arbeitnehmer auszubeuten: Die US-Bank hält sich nicht an deutsches Arbeits- und Sozialrecht.
Der Bank der US-Streitkräfte in Europa, der "Amexco" American Express International Banking Corpiration (Military Banking Division), droht der Schalterschluß. Denn "ab sofort" will der Betriebsrat der Frankfurter Hauptverwaltung die Einstellung neuer Mitarbeiter verhindern.
Der Boykott soll Arbeitsbedingungen abschaffen, die der Landesfachsekretär der Gewerkschaft Handel. Banken und Versicherungen (HUV) in Hessen. Tho mas Heyll, bündig so formulierte: "gesetzwidrig, skandalös und beschämend".
Die Militär-Bank, so bestimmt das Nato-Truppenstatut. arbeitet ausschließlich für die US-Streitkräfte. Allein aus dem Wehrsold der in Deutschland stationierten 228 000 Amerikaner fließen über Giro- und Sparkonten der Bank in einem Jahr mehr als zwei Milliarden Dollar.
Auch wickeln die US-Klubs, PX-Läden und Shopping-Centers des European Exehange System ihre Geschälte mit Amexco ab. Bei der Reise-Abteilung der Bank buchen die Öls und ihr Anhang. rund 155 000 Frauen und Kinder. Eisenbahn-, Flug- oder Schiffstickets samt Gepäckversicherung. Charterflüge und komplette Hotel- und Sightseeing-Arrangements, nach Wunsch auf Kredit.
Dabei verzehrt sich das vielseitige Institut in "reinen Dienstleistungen für die Army", jammert Amexco Personalchef Karl Talle.
Entsprechend unauffällig sind die 60 bundesdeutschen Amexco-Filialen. Das Portal der Europa Zentrale in Frankfurt etwa, zwischen Mülleimern, parkenden Autos und Stacheldraht, dient zugleich als Notausgang im Seitenflügel der wilhelminischen Gutleutkaserne. Unter dem Bank -Computer liegt das Munitionsdepot der Army.
"Weil der deutsche Arbeitsmarkt leergefegt war", erinnert sich Personalchef Talle, und weil sich Deutsche bei der Amexco nicht wohl fühlten Im einzelnen Abteilungen wechselte die Belegschaft im Jahr zweimal), sahen sich die Amerikaner nach arbeitswilligen Landsleuten um, Und dank Dollar verfall und DM-Teuerung gelang es ihnen auch, immer mehr Hausfrauen aus den US-Truppen-Siedlungen zu mobilisieren: In Amexco Dienste traten nach und nach 500 "wives and other dependents" (Frauen und andere Angehörige) von US-Soldaten.
Amexco traktierte die Landsleute "nach Recht und Billigkeit wie in den USA", so Karl Talle. Das sieht so aus: geringeres Gehalt als die westdeutschen Kollegen. Höchsturlaub zehn Tage im Jahr, im Krankheitsfall zehn
age Lohnfortzahlung, kein Essensgeld, kein 13. Monatsgehalt, keinen Sonderurlaub für Schwangere.
Besonders zu den westdeutschen Mutterschutzgesetzen fanden die Banker von Übersee kein rechtes Verhältnis: "Die Entbindungskosten bei der Army sind gratis, und der Sold des Mannes läuft weiter", erläutert der Personalchef. und: "In den USA kann jeder so lange arbeiten, wie er will, auch bis zur Niederkunft."
Diese Philosophie ging schließlich den westdeutschen Arbeitnehmervertretern zu weit. Gewerkschaft und Betriebsrat drängten auf den Abschluß eines Haustarifvertrages. um die Bank, die "ich selbst als exterritorial versteht, zu deutschen arbeits- und sozialrechtlichen Usancen zu zwingen.
Über die Rauhreiter-Mentalität der US-Banker hatte schon früher die Deutsche Angestellten Gewerkschaft geklagt: "Die über 100 Jahre alte US-Amexco-Muttergesellschaft hat sich wohl aus ihrer Gründungszeit einige wildwestliche Pioniermanieren in die Gegenwart herübergerettet."
Um zu verhindern, daß die "dependents" auch künftig "wie die Neger in Südafrika behandelt" (HBV-Heyll) werden, will die Gewerkschaft deshalb ihre Mitglieder zu deutsch-amerikanischer Solidarität aufrufen: Solange die amerikanischen Angestellten diskriminiert werden. soll sich auch kein Deutscher von der Bank engagieren hassen.

DER SPIEGEL 44/1973
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