10.09.1973

TÜRKEN-STREIKFaden gerissen

Der Türkenstreik bei Ford endete mit einem Sieg der Deutschen: Von den besonderen Forderungen der Gastarbeiter wurde bis heute kaum eine erfüllt. Die Isolation der Türken blieb.
Sie streikten bei Ford um neue Rechte -- sie beendeten den Ausstand als Parias.
Am Freitag, dem 24. August, hatten 10 000 türkische Gastarbeiter im Köln-Niehler Betrieb der Ford-Werke AG die Arbeit niedergelegt. Als Polizeieinsatz sechs Tage später den Ausstand beendete, war es für Springers "Bild"-Zeitung längst ausgemacht: "Das sind keine Gäste mehr".
Nur wenige Stunden der Solidarisierung mit deutschen Arbeitskollegen hatten den Ford-Türken, 38 Prozent der Gesamtbelegschaft und 90 Prozent der Fließband-Kulis, vorgegaukelt, aus dem menschlichen und räumlichen Getto ausbrechen zu können, das sie seit Jahren umgibt. Doch Anlaß und Ablauf des Ford-Streiks zeigten den Muselmanen, daß sie in Deutschland allenfalls wohnhaft, nicht aber heimisch waren.
Der Streik hatte begonnen, weil Ford-Personal-Vorstand Horst Bergemann von 2500 verspätet aus den Werksferien zurückgekehrten Türken jene 300 fristlos entlassen wollte, die schon im vergangenen Jahr zu spät ans Band zurückgekommen waren. Nach dem Anlaß ihrer Verspätung freilich hatte die Personalverwaltung der Kölner nicht viel gefragt.
Anlaß aber waren bei vielen Türken Dauer und Strapaze der Reise zwischen Köln und dem Heimatdorf gewesen. Für die Ford-Werker, die im eigenen Ford -- 16 Prozent Werksrabatt -- losfahren, bedeutet dies oft ein Abenteuer von zwei Wochen Hin- und Rückfahrt -- genau die Hälfte des Urlaubs.
Begründen wollten viele Ford-Türken ihre Verspätung mit Krankheit. Doch was etwa in Westdeutschland inzwischen zur Routine geworden ist, wurde in der Heimat zum Problem: Es fand sich kaum ein Arzt, der ein Attest ausschrieb. Die ärztliche Versorgung im türkischen Binnenland ist dünn, weil kaum einer seinen Arzt anders als mit Naturalien bezahlen kann.
Auch die per Flugzeug in die Türkei urlaubsreisenden Gastarbeiter sind nicht viel besser dran. Denn auch sie haben vom Flugplatz bis zu ihrem Heimatort oft eine tagelange, beschwerliche Fahrt zu bestehen. Doch Ford-Bergemann ließ sich von derlei Beschwernissen nicht beeindrucken. Er fand die Entlassung der 300 "nicht dramatisch".
Unverständnis und Verdächtigungen solcher Art trieben die meist länger als drei Jahre bei Ford beschäftigten Türken, ohnehin unter dem Druck rechtlicher und menschlicher Diskriminierung, geschlossen in den Ausstand: Die Kollegen sollten weiterbeschäftigt werden, forderten sie am Freitag, und am Montag darauf forderten sie mehr: bessere Fließband-Bedingungen, zusätzlichen Urlaub für Hin- und Rückfahrt, Ausgleich für die Geldentwertung. Die Vertrauensleute der IG Metall und der Ford-Betriebsrat hängten sich eilig an die Türken-Forderung -- eine große Solidarisierung begann.
Am Mittwoch aber ließ sich plötzlich kein Vertrauensmann der Metaller mehr sehen, und Betriebsratsvorsitzender Ernst Lück verkündete unisono mit der Geschäftsleitung, der Türken-Streik sei das Werk linker Rädelsführer.
Deutsche und türkische Ford-Werker hatten zu dieser Zeit zwar sämtlich 280 Mark Teuerungszulage bekommen. Die speziellen Forderungen der Gastarbeiter jedoch blieben unerfüllt. Als deshalb die Türken am Donnerstag weiterstreiken wollten, rückte ein tausend Mann starker Trupp deutscher Arbeiter mit dem Ruf "Wir wollen arbeiten" gegen Tor 3, griff sich den redegewandten türkischen Einpeitscher Baha Targyn und schlug ihn zusammen.
Die Türken wehrten sich mit Schraubenschlüsseln, Eisenstangen und Stöcken -- bis 30 Bereitschaftspolizisten die Walstatt räumten. "Der Spuk ist zu Ende". triumphierte Personal-Chef Bergemann" und der Polizeibericht meldete stramm: "Heute morgen gegen 8.20 Uhr ist den arbeitswilligen und friedfertigen deutschen und türkischen Arbeitnehmern der Ford-Werke der Geduldfaden gerissen ...
Yilmaz Karahasan, Ausländer-Referent der IG Metall, gab vergangenen Mittwoch in Frankfurt wieder, wem nach seiner Meinung der Faden gerissen war: "Am letzten Tag des Streiks, am Donnerstagmorgen. da gab es wahrscheinlich von der Geschäftsleitung organisierte Demonstrationen mit getarnten Arbeitswilligen, die dann mit der Schlägerei anfingen."
Überfahren von der Werksleitung. verlassen von den Betriebsräten, unverstanden von den deutschen Kollegen und in der Rechts-Presse geschmäht, sahen sich die Türken bei Ford am Ende ihres Streiks weiter in die Isolierung gedrängt als zuvor.
Das Getto-Bewußtsein der Türken birgt Wiederholungsgefahr, denn innerhalb und außerhalb der Werkstore fühlen sich die Gastarbeiter gegenüber ihren deutschen Mitbürgern zurückgesetzt und übervorteilt.
So sind die 12 000 Türken bei Ford fast ausschließlich an die strapaziösen Endmontagebänder gesetzt worden, wo deutsche Kollegen nicht arbeiten wollen und wo es mit 8,40 Mark 20 Prozent weniger in der Stunde gibt als an bequemeren Arbeitsplätzen im Werk. Mit 12,8 Prozent Anteil am 47köpfigen Ford-Betriebsrat fühlen sich die Türken, mit 38 Prozent an der Gesamtbelegschaft beteiligt, zudem unterrepräsentiert,
Das Mißverhältnis schaffte ein Verfahrenstrick der deutschen Gewerkschafter. Als bei Ford gewählt wurde, brachten die IG-Metall-Funktionäre ihre Einheitsliste als einzigen Kandidaten-Vorschlag durch -- alle anderen Listen, auch eine türkische, waren vorher kunstvoll "abgekoppelt" worden. Nur den Türken Mehmed Özbagci ließen die Deutschen als Alleinkandidaten neben ihrer Liste stehen.
Mit rund 6000 Stimmen erhielt der Außenseiter mehr Zulauf als alle anderen. Elf Türken hätten aufgrund dieser Stimmenzahl zusätzlich in den Betriebsrat einziehen können. Dank der Metaller-Taktik aber sind es nur Özbagci und vier Türken von der Einheitsliste.
Nicht einmal Freistellung von der Arbeit gönnten die deutschen Funktionäre dem türkischen Stimmenfänger: "Der hat ja", bemängelte Betriebsratsvorsitzer Lück, "noch nicht einmal ein Betriebsverfassungsgesetz"
Übervorteilt fühlen die Männer aus dem Morgenland sich auch außerhalb der Werksmauern. Ein gummihaft manipulierbares Ausländerrecht gibt den Türken wenig, der Behördenwillkür viele Rechte. So müssen Aufenthaltsgenehmigungen für Ausländer jedes Jahr erneuert werden. Erst nach fünf Jahren kann -- muß aber nicht -- ein Anspruch auf Dauer-Aufenthalt entstehen. Wer keine neue Genehmigung erhält, wird ausgewiesen. "Rückfall in den Polizeistaat" nannte Ausländerexperte Fritz Franz vom Oberverwaltungsgericht Lüneburg das Ausländergesetz.
Denn Ausweisung droht zudem noch jedem. der sich etwa an wilden Streiks, Demolierungen oder unliebsamen politischen Aktionen beteiligt. Ausweisung kann denn auch jene 13 Ford-Leute treffen, die das Unternehmen entlassen hat, weil sie als Vorleute der Streikbewegung aufgefallen waren.
Sicher ist die Ausweisung bislang freilich nur einem: dem millionenfach abgebildeten Streik-Promoter Baha Targyn. Der 30jährige (IG-Metall-Funktionär Tolusch: "Er war gegen Gewalt, gegen Randalieren und Demolieren") arbeitete seit 1969 in Deutschland, zuerst als Student, seit August 1970 als Arbeiter, seit Anfang 1973 als Dolmetscher und schließlich als Angestellter der Dresdner Bank. Die Aufenthaltsgenehmigung des vielseitigen Volkstribunen aber war am 6. August, während er in Anatolien Urlaub machte, abgelaufen.
Gegen den Rat der deutschen Botschaft in Ankara kehrte Targyn zurück, verstieß dadurch gegen das Ausländergesetz, wurde gleichwohl aber von Bergemanns Personalleitung am 21. August bei Ford eingestellt.
Einen Tag vorher erst hatte die Stadt Köln dem Türken eine "Rückweisungsbescheinigung", die Vorstufe der Ausweisungsverfügung, die aber legale Rückkehr zu späterem Zeitpunkt noch ermöglicht, in die Hand gedrückt: Bis zum 5. September, so die Verfügung, sollte Targyn heim ins osmanische Reich. Nach Streikende tauchte der Türke unter.
Der Streikführer hat kaum eine Chance, illegal in Deutschland leben zu können -- jeder kennt ihn. Andere Illegale treffen es da besser. Gegen 300 bis 1500 Mark Honorar können sie -- etwa in Frankfurt -- auf gestohlenem Behördenpapier ausgefertigte Genehmigungen kaufen. Seit der Meisterfälscher Ludwig Ullrich, 42, umsatzstärkster Lieferant von Falsifikaten, 1972 aufflog, werden aber selbst die echten Aufenthaltspapiere von den Behörden zuweilen angezweifelt.
Mit der Behördenangst der Türken. Mitbringsel aus der Heimat. machen andere ertragreiche Geschäfte. 50 Mark je Stunde verlangen Sprachkundige, die den Türken behördliche Formulare ausfüllen -- was die staatliche Ausländerhilfe umsonst tut.
Steuerberater kassieren von türkischen Klienten Abtretungserklärungen für die Bar-Rückzahlungen des Finanzamtes und übergeben den Türken Schecks in der mutmaßlichen Höhe dieser Rückzahlung -- abzüglich eines saftigen Erfolgshonorars.
Übervorteilt werden die Gastarbeiter auch, wenn sie für Familienheimreisen den Charter-Jet benutzen. 1972 beförderten Bedarfsluftfahrtfirmen an Wochenenden 796 260 meist türkische Gastarbeiter, 1973 werden es 20 Prozent mehr sein. Für die Route Deutschland-Ankara und zurück müssen die Türken an Flugagenten 415 Mark bezahlen -- ohne zu wissen, mit welcher Gesellschaft sie am Ende fliegen. Viele Charterflugfirmen bekommen für den Flug indes weniger als 200 Mark: Über die Hälfte des Flugpreises versickert auf unsichtbaren Konten.
Auch das Wohnen in Deutschland kostet die Osmanen mehr als nötig. Die Kölner Ford-Werker wohnen zumeist im sanierungsbedürftigen Altstadtgürtel um Ringstraße und Eisenbahnring -- einer Gegend, aus der Einheimische sich zurückziehen. Nach einer Untersuchung des Landes Nordrhein-Westfalen zahlen sie gleichwohl 30 Prozent höhere Mieten als die Deutschen.
4850 der meist ohne Familie in Deutschland lebenden Ford-Türken kampieren in 30 firmeneigenen Wohnheimen (Ford-Pressechef Hans-Wilhelm Gäb: "Alles auf dem Standard sozialer Wohnungsbau"). Für das Einbettzimmer müssen sie dort 126 Mark, für Zweibettzimmer je 96 Mark und bei Mehrbettzimmern 78 Mark je Schlafstatt zahlen. Bei Entlassung fliegen die Türken gleichzeitig auch aus den Werkswohnungen heraus.
Unter besonderem psychischen Druck stehen Türken, die mit -- zumeist kinderreicher -- Familie in Deutschland wohnen. Ausländerschulen gibt es nur in feinen Vierteln. In den deutschen Schulen leiden die Türkenkinder unter Sprachschwierigkeiten und werden, so ein Pädagoge, "Analphabeten in zwei Sprachen" -- weder in Deutschland noch in der Türkei fühlen sich Türkenfamilien, die viele Jahre in der BRD leben, vollwertig.
Je länger die Türken in Deutschland sind, desto heftiger spüren sie den Druck, zwischen zwei Nationalitäten zu stehen, in Wahrheit also staatenlos zu sein. Explosionen wie der Kölner Türkenstreik können sich bei geringem Anlaß wiederholen.
Das sehen allmählich auch die Metall-Gewerkschafter ein. Funktionär Tolusch fordert vom Vorstand der IG Metall, Schwerpunktsekretäre anzuheuern, die Türkisch können. Auch sonst zeigen Gewerkschaften und Betriebsräte neuerdings wieder guten Willen. Bei der Ford-Betriebsleitung setzten sie bis Ende vergangener Woche durch, daß über 50 Kündigungen wieder zurückgenommen wurden. In dieser Woche wollen die Metaller mit Personalchef Bergemann um weitere Kündigungen streiten.
Daß etwas getan werden muß, weiß auch die Bundesregierung. Um die Ausländer-Invasion zu stoppen, erhöhte sie am 1. September, zwei Tage nach Streikende, die Vermittlungsgebühren, die deutsche Firmen je Gastarbeiter an die Nürnberger Arbeitsvermittlungsanstalt zahlen müssen, von 300 auf 1000 Mark.

DER SPIEGEL 37/1973
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