01.10.1973

AFFÄRENPrinzip der Freude

Schallplattenproduzent Rolf-Ulrich Kaiser wird von Musikern beschuldigt, sie zum Drogengenuß angehalten und vor Vertragsabschluß unter Rauschmittel gesetzt zu haben.
Er hat sie nicht nur literarisch angepriesen, "die kostbaren, reinen Sandoz-Pillen" -- der Buchautor ("Rock-Zeit") und Popmusik-Produzent Rolf-Ulrich Kaiser, 30, geht mit LSD auch selber gern auf den Trip.
Die Wirklichkeit, schrieb er, sei "die Sanftheit in den Augen eines Menschen, der viele Trips gekostet hat". Und um dieser Wirklichkeit teilhaftig zu werden, kostete er selber viele, viele Trips.
Dem Rock- und Polit-Underground, den er zuvor in Büchern, Rundfunksendungen und zahllosen Artikeln als linkes "Gegenmilieu" gefeiert hatte, ist Kaiser dabei rasch entrückt -- auf den Chef-Stuhl der von ihm mitgegründeten Berliner "Ohr Musik Produktion". In schönen neuen Kleidern, in Samt und Latex mit Silberpailletten und allerlei funkelndem Flitterkram, kündet er seither unablässig von den "Schwingungen der Freude", von psychedelischen Reisen durch Raum und Zeit.
"Wir sind die Kosmischen Kuriere", läßt Kaiser in seinem "Ohr" -Pressedienst verbreiten: "Zunächst senden wir unsere Musik, später expandieren wir in eine schönere Welt."
Mit Treibsätzen für den Flug "durch Sphären und Galaxien, durch die Sternenwelten der Science-fiction" hat Kaiser seine Musiker nach deren Aussage stets bereitwillig versorgt. "Als erstes", wies er seinen ehemaligen Bürochef Hans Gysin bei der "Ohr Musik Produktion" an, "müssen unsere Leute lernen, einen guten Joint zu drehen."
Es blieb nicht beim Joint. Als Kaiser im Sommer 1972 im Berner Sinus-Studio für seine Plattenmarke "Die Kosmischen Kuriere" die Debüt-LP "Seven up" mit dem LSD-Apostel Timothy Leary produzierte, wurde, so eine Teilnehmerin, aus einer "Seven up"-Limonadenflasche sogenanntes "Electric Water" kredenzt -- eine Rauschmittel-Tinktur.
"Da ich sehr geschwitzt hatte", erzählte später der Schlagzeuger Dietmar Burmeister, "trank ich mehrere Gläser davon und ging auf einen fürchterlichen Horror-Trip." Bei der Sängerin Bettina Müller-Hohls, die gleichfalls nichts vom gefährlichen Inhalt der Erfrischung gewußt hatte, erkundigte sich Kaisers Lebensgefährtin Gerlinde "Gille" Lettmann anschließend, ob sie "gut durchgekommen" sei.
Nur im Rausch, das versucht Kaiser seinen Musikern fortwährend einzureden, sei "Kosmische Musik" überhaupt herstellbar. Daher verteilte er beispielsweise bei der Produktion der LP "Lord Krishna von Goloka" an die Spieler kostenlos LSD. Allein durch die Vorspiegelung einer Gelbsucht konnte sich der Elektroniker Klaus Schulze, wie er berichtet, Kaisers Druck widersetzen. Schulze: "Rolf-Ulrich würde uns am liebsten immer high im Studio haben, aber auf einem Trip kann ich nicht improvisieren."
Auch um zu VertragsabschlOssen mit arglosen Musikanten zu kommen, macht sich der Producer, seit kurzem Alleininhaber der "Ohr Musik", die Wirkung von Halluzinogenen gern zunutze. Erst jüngst, am 2. Juli dieses Jahres, benebelte er die minderjährigen Musiker der Rockgruppe "Himmelfahrt" mit "fünf Joints" (Aussage eines Band-Mitglieds) und ließ sie im Hanfdampf Kontrakte unterzeichnen, die von den Eltern der Musiker ohne Bedenken bestätigt wurden.
Trotz solchen Geschäftssinns entscheidet sich Kaiser im Zweifelsfall -- seiner Überzeugung entsprechend -- zumeist für die Droge und gegen den Profit. Als die deutsche Rock-Zeitschrift "Sounds", die eine "Ohr"-Platte mit einem umsatzträchtigen Gütesiegel versehen hatte, in ihrer Aprilnummer Leary-Photos brachte, die Kaiser ("Sie drucken Haß statt Freude") als vom US-Geheimdienst CIA lanciert empfand, kündigte er, zuungunsten seiner Musiker, die Zusammenarbeit mit "Sounds": "Das Zeichen "Eine Empfehlung von Sounds" auf unserem schönen Album "Kosmische Musik" wird ersetzt durch das neue Zeichen "Eine Empfehlung von Timothy Leary, Liz Elliot & Brian Barritt."
Liz Elliot und Brian Barritt, europäische Rest-Gefolgschaft des mittlerweile inhaftierten Leary, sind Kaisers Freunde. Am 10. Juni dieses Jahres reisten diese beiden nach Berlin und bekannten in einem italienischen Restaurant gegenüber "Ohr"-Musikern: "Wir sind gekommen, um euch auf die (Rauschgift-)Spritze zu bringen."
Diese Vorfälle veranlaßten den Solisten Klaus Schulze und die Band "Tangerine Dream", ihre Kaiser-Verträge fristlos zu kündigen. "Tangerine Dream"-Chef Edgar Froese in einem Brief an Kaiser: "Wie ich erfahren habe, möchtest Du Brian und Liz mit der Führung des Gruppen-Managements beauftragen. Aus definitiven Erfahrungen wissen wir, in welch hochgradiger Form sie von der Spritze abhängig sind. Hinzu kommt, daß ich Deine Auslegung vom notwendigen
* Mit seiner Freundin Gille Lettmann.
Umgang mit Drogen nicht nachvollziehen kann."
Kaiser. der alles bestreitet, erwiderte in einem Schreiben an Froeses Anwalt Paul W. Hertin. "daß ein Anlaß für eine fristlose Kündigung der Verträge zwischen der Musikgruppe "Tangerine Dream" und "Ohr Musik Produktion" von uns nicht gegeben ist". Er fürchtet nämlich, daß der "Ohr"-Exodus einiger Musiker unter den restlichen "Kosmischen Kurieren" Schule machen könnte.
Seit langem schon werfen ihm seine Gruppen gefälschte Umsatzzahlen und getürkte Pressemeldungen vor. Denn Kaiser, so hatte der Kritiker Barry Graves unlängst formuliert, "ruinierte den Ruf seiner Bands durch eine Publicity. bei der Unseriosität fast ein Stilprinzip zu sein schien".
Abwanderungsgelüsten seiner Musiker versucht Kaiser durch Abschluß von (nach einem LSD-Präparat so genannten) "Sunshine"-Verträgen zuvorzukommen: Indem er ihnen Elektronik-Anlagen im Wert von 40 000 Mark zur Verfügung stellt und einen monatlichen Vorschuß von 1000 Mark gewährt. will er die Popmusikanten langfristig an sich binden und "von allen kreativen Tätigkeiten" 25 Prozent kassieren. Froese an Kaiser: "Du nutzt einfach die Situation auf Kosten anderer aus. sollte das Dein Prinzip der Freude sein, so verzichte ich gern darauf."
Der "Vorstandsvorsitzende in Samt und Silber" ("Jasmin") läßt sich jedoch nicht irremachen. Ungeachtet der Kündigung renommiert Kaiser weiterhin mit den Namen Klaus Schulze und "Tangerine Dream" und verspricht seinen mittellosen Kontrahenten bei Wohlverhalten eine erholsame Reise.
"Hast Du nicht Lust", schrieb die Kaiser-Partnerin Gille Lettmann am 28. Juli an Klaus Schulze. "Dich mal in Afghanistan zu erholen? Es tut Dir nach Eurer Aufregung in den letzten Wochen sicherlich gut."

DER SPIEGEL 40/1973
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AFFÄREN:
Prinzip der Freude

  • Neulich in Finnland: Der übers Wasser läuft
  • Unterwegs mit einem Jäger: Darum ist Wild das bessere Fleisch
  • Weihnachtsbraten: "Kann ich selber eine Gans schlachten?"
  • Gorilla-Forscherin in Afrika: Immer schön Abstand halten!