15.10.1973

ZEITGESCHICHTEBomben auf Baku

Geheime Angriffspläne der Engländer und Franzosen im Zweiten Weltkrieg entdeckte ein Kölner Historiker: Bombardierungen der Erdölanlagen im Kaukasus sollten Deutsche und Sowjets treffen.
Die Bomber, neun Staffeln mit 117 Maschinen, standen schon bereit, der Angriff auf die sowjetischen Erdölfelder am Kaukasus war so gut wie beschlossen "Ende Juni oder Anfang Juli", so wurde dem Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte gemeldet, könne die Operation beginnen.
Es war der 17. April 1940, doch der Luftwaffenchef saß nicht in Berlin, sondern in Paris, und hieß Vuillemin, nicht Göring; die Bomber waren keine HE 111 oder JU 88, sondern französische Farman 221 und britische Wellington: Die beiden Westmächte, Hitlers Kriegsgegner, waren drauf und dran, "einen sehr schweren, wenn nicht entscheidenden Schlag gegen die militärische und wirtschaftliche Organisation der Sowjet-Union zu führen" -- so General Gamelin, alliierter Oberbefehlshaber in Frankreich.
Wenige Wochen später, Mai 1940, marschierte Hitlers Wehrmacht nach Frankreich hinein und machte den Bomben-Plan damit zunichte; ein Jahr darauf trat sie im Osten selber zum Angriff an -- aber alles hätte anders kommen können: "Wir wissen", sinnierte der Kölner Historiker Günter Kahle, 46, vor der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, "daß der Zweite Weltkrieg keineswegs so verlaufen "mußte", wie er tatsächlich verlief, sondern daß es wirkliche .Alternativen" gab."
Über die Alternative des alliierten "Südplans", das kaukasische Erdölzentrum zu überfallen, referierte der Professor (Spezialgebiet: iberische und lateinamerikanische Geschichte) eigentlich nur. "weil es mich störte, daß in Deutschland noch niemand darüber gearbeitet hat". Und so konnte sein Vortrag, der unterdes gedruckt vorliegt*, zunächst auch nichts weiter als "ein sehr gerafftes Resümee" dessen sein. was bislang mal hier, mal da und meist nur andeutungsweise über das abenteuerlich anmutende Projekt publiziert worden war.
Die erste Publikation hatten die Nationalsozialisten besorgt, im "Völkischen Beobachter" und in einer Reichstagsrede Hitlers am 19. Juli 1940 -- doch möglicherweise glaubt die Sache kein Mensch. Dennoch stimmte es: In Güterwagen auf dem Bahnhof von La
* Günter Kahle: Das Kaukasusprojekt der Alliierten vom Jahre 1940. Westdeutscher Verlag, Opladen: 42 Seiten: 6,90 Mark.
Charité-sur-Loire hatten deutsche Truppen geheime Generalstabsakten der Franzosen erbeutet, aus denen hervorging, wie die Alliierten, so Hitler, "Vorbereitungen trafen zum Bombardement von Batumi und Baku".
London und Paris hatten den Plan gemeinsam, aber aus unterschiedlichen Motiven erdacht. Die Engländer hingen der Vorstellung nach, eine wirtschaftliche Blockade rings um das Großdeutsche Reich sei noch immer der sicherste Weg zum Sieg, die Franzosen spähten nach jeder Gelegenheit, neue, möglichst ferne Kriegsschauplätze zu schaffen, um Luft an ihrer Ostgrenze zu bekommen.
Erst erwogen die Militärs der beiden Mächte, mit einem Expeditionskorps in Skandinavien zu landen, das den Finnen in ihrem Krieg mit der Sowjet-Union zu Hilfe kommen und zugleich die nordschwedischen Erzlager vor einem deutschen Zugriff bewahren sollte. Doch die Russen waren schneller, und Hitler war es auch: Finnland kapitulierte. Deutschland besetzte Norwegen, der alliierte "Nordplan" wurde zu den Akten gelegt.
Um so intensiver widmeten sich die beiden westlichen Generalstäbe ihrem "Südplan", der ursprünglich als Ergänzung der Intervention im Norden gedacht war. Nahziel: Die Öllieferungen der Sowjet-Union -- die damals noch mit Deutschland verbündet war -- an das Hitler-Reich zu unterbinden.
Oberbefehlshaber Gamelin schwadronierte. durch einen alliierten Angriff auf den Kaukasus werde die Sowjet Union "in einigen Monaten in eine derartige Verlegenheit kommen, daß sie in die Gefahr eines völligen Zusammenbruchs käme", und gegen Deutschland werde sich dann "die Blockade im Osten schließen" -- auch Gamelin vertraute offenbar der Auskunft des polnischen Exil-Generals Sikorski, daß die Rote Armee nur über "zwei gute Divisionen" verfüge und alles übrige "von erbärmlicher Qualität" sei.
Im Irrtum über die eigene wie über die Kraft des Gegners, ging es den englischen und französischen Militärs nur noch um die Frage, ob sie die Sowjet-Union nun vom Iran oder von der Türkei her zu Lande oder von irgendwoher aus der Luft angreifen lassen sollten -- mit den Türken, so meinten sie, werde man schon einig werden.
Auf der Basis eines französischen (RIP) und eines britischen Plans (MA 6) wurde Anfang April 1940 dann entschieden, die sowjetischen Raffinerien und hafenanlagen von Batumi, Poti, Grosny und Baku mit 50-Kilo-Bomben zu belegen -- insgesamt 70 Tonnen je Angriff auf insgesamt 100 Ziele, eine "Operation Magique", wie der französische Luftwaffengenera! Chassin später zugab: "70 Tonnen Bomben auf 100 Raffinerien. Man glaubt zu träumen."
Der Traum war aus mit Frankreichs Niederwerfung durch Hitler, doch die Engländer wärmten den Plan immer mal wieder auf. Noch im Januar 1941 hatte Churchill der türkischen Regierung vorgeschlagen, Luftstützpunkte in der Türkei zu errichten, von denen aus britische Bomber "die Ölfelder von Baku angreifen könnten". Denn, so Churchill: "Ein großer Teil der russischen Landwirtschaft hängt von der Versorgung aus diesen Ölfeldern ab. und deren Zerstörung hätte in weiten Landesteilen Hungersnot im Gefolge."
Den Historiker Kahle hatte die "mangelhafte Quellenlage". der er sich bei der Rekonstruktion des Kaukasus-Unternehmens gegenübersah. nicht mehr ruhen lassen. So flog er nach London, wühlte in alten Kriegsakten und kam mit Photokopien für mehr als 1000 Mark und 20 Kilo Übergepäck an den Rhein zurück -- und mit der Erkenntnis, daß die englische Geschichtsschreibung über manche Details bislang "vornehm hinweggegangen" sei.

DER SPIEGEL 42/1973
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