15.10.1973

Sydney-Oper: Windjammer aus Beton

Das neue Opern- und Kulturzentrum in Sydney, in aller Welt als architektonisches Super-Ding gefeiert, wird Ende dieser Woche eingeweiht. Die sechzehnjährige Vorgeschichte des Bauwerks ist reich an Kuriositäten. Der schnittige Bau soll Australiens kulturelles Selbstwertgefühl heben- aber für Große Oper ist er zu klein geraten.
Papuas sollen tanzen, Tauben und Luftballons aufsteigen, Feuerwerksraketen krachen. Dann wird Königin Elizabeth II. ihren Segensspruch verlesen und anschließend Beethovens "Neunter" lauschen.
Die Einweihungszeremonie, Ende dieser Woche, gilt einem der originellsten Bauwerke des Jahrhunderts. Wie ein gefrorener riesiger Windjammer mit geblähten Segeln liegt es, mit drei Seiten ans Wasser grenzend, im Hafen von Australiens größter Stadt: das "Sydney Opera Hause", nach 14 Jahren Bauzeit endlich fertig.
Für die Australier ist ihr neuer Opernbau zum Symbol geworden, im guten wie im schlechten; eine Art kultureller Kraftakt, aber zugleich ein Produkt von Querelen und Schildbürgereien. Australiens Premierminister Gough Whitlam sah, verständlich, nur die eine Seite: "Die Oper ist mehr als architektonischer Triumph -- sie markiert den Anfang einer neuen Ära im kulturellen Leben unseres Landes."
Tenniscracks wie Rad Layer oder Goldmedaillenschwimmerinnen wie Shane Gould waren es bisher meist, die Australiens Ruhm verbreiteten. Eine australische "Hair"-Inszenierung ging um die halbe Welt, weil sie die lauteste war auf drei Kontinenten. Und zum kulturellen Exportgut der Australier zählt auch noch eine Sopranistin -- Joan Sutherland -, wie schon einmal um die Jahrhundertwende. Den meisten Europäern freilich ist die Sängerin Nellie Melba nur noch von der Speisekarte her vertraut -- das Obstdessert mit Pfirsich, Vanille-Eis und Himbeermark trägt ihren Namen.
Nun kann sich Australien rühmen, "eines der schönsten und dramatischsten Bauwerke der Welt" ("Newsweek") errichtet zu haben. Ästhetisch perfekt nach außen -- aber innen so verquer wie seine Vorgeschichte.
Beim Schälen einer Apfelsine, so die Legende, habe der (1918 geborene) dänische Architekt Jörn Utzon den genialen Entwurf mit "großen Kohlestrichen hingefetzt. Jurymitglied Eero Saarinen, verspätet hinzugekommen, fischte 1957 die Skizze aus den schon verworfenen Vorschlägen: "Dieses und .nichts anderes."
Nun ist Jörn Utzon ein Verfemter. Er floh nach Dänemark und wehrt sich gegen die Vorwürfe seiner einstigen Auftraggeber:
* An dem Opernhaus wurde dreimal so lange gebaut wie ursprünglich geplant, und es wurde 14mal so teuer wie anfangs geschätzt. Dazu Utzon: "Baukosten und Bauzeit? Wer fragt bei der Kathedrale von Chartres heute noch danach -- an der wurde länger gebaut als hundert Jahre."
* Für motorisierte Besucher des Opern-Kulturzentrums in der 2,7-Millionen-Stadt wurden keine Parkräume eingeplant. (Ein ausgedienter, im Hafen vertäuter Flugzeugträger wurde als Ersatzlösung erwogen.) Utzon: "Am Parthenon gab es auch keine Parkplätze." Ob es nun Utzon oder der australischen Planungsbehörde anzulasten ist: Als Ende der fünfziger Jahre die Fundamente gegossen wurden, wußte noch niemand, wie sich darüber die Apfelsinenschalen haltbar würden errichten lassen. Die statischen Berechnungen beschäftigten nachträglich ganze Batterien von Computern, das Fundament wurde wieder herausgerissen, ein neues gelegt: "Wenn wir das Ding in Europa hätten bauen und dann hierhersegeln lassen, hätte es wahrscheinlich nur die Hälfte gekostet"
Mitte der sechziger Jahre schied Utzon in Unfrieden. Beiläufig kippte noch eine australische Provinzregierung, die Labour-Regierung von New South Wales, über dem Opernbau-Skandal.
Ein Dreier-Team australischer Architekten wurde mit der Fortführung und Innenausstattung des Baues betraut. "Das ist", meinte damals ein Utzon-Parteigänger, "als würde man drei Anstreicher mit der Fertigstellung eines Rembrandt-Bildes beauftragen." Und Harry Seidler, der (aus Österreich stammende) bekannteste Architekt Australiens, klagte: Man habe gewissermaßen "den Beatles den Auftrag gegeben, die "Unvollendete" zu vollenden". Seidler: "Künstlerisch ist das eine große Tragödie."
Um die 350 Millionen Mark aufzubringen, die das Schachtelwerk von Betonmuscheln am Ende gekostet hat, ergingen Spendenaufrufe ins Land, gaben Frauenvereine Opernpartys, standen in den Kneipen Sammelbüchsen und wurde eine nationale "Opernlotterie" veranstaltet -- all das, um den fünften Kontinent vom Ruch des Provinziellen zu befreien.
Bisher kann Australien nur vereinzelt mit Kulturprominenz glänzen. Der australische Schriftsteller Patrick White hat gute Aussichten, diese Woche den Literatur-Nobelpreis zu empfangen.
Anstrengungen, internationalen Rang zu erreichen, unternehmen unterdes auch die australischen Kunstmuseen. Für runde zwei Millionen Dollar, den höchsten je für ein modernes Bild gezahlten Preis, ersteigerte letzte Woche die Nationalgalerie in Canberra Jackson Pollocks "Blue Poles". Und auch zum Start des neuen Opernhauses geizten die Australier nicht mit teuren Engagements.
Eröffnet wurde der Phantasie-Bau -- zwei Monate vor dem Weihetermin mit der britischen Königin -- prosaisch: 2600 Zahnärzte trafen sich auf den hydraulisch betriebenen Sitzreihen des Konzertsaales, der unter einer Decke aus weißem Birkenholz die größte Orgel der Welt beherbergt -- 9600 Pfeifen.
Ende September diente die Konzerthalle (2700 Plätze), mit dem Sydney Symphony Orchestra, zum erstenmal ihrem Zweck. Lind zugleich wurde im Opernsaal (1550 Plätze) Prokofjews "Krieg und Frieden" gegeben, allerdings unter erschwerten Bedingungen, und das wird auch so bleiben.
Denn auf Drängen der australischen Rundfunkgesellschaft kam es 1966 zu dem Kuriosum, daß der größere, eigentlich als Opernhaus vorgesehene Saal zum Konzertraum umfunktioniert wurde. Folge: Die Bühne im neuen Opernhaus von Sydney geriet mit nur zwölf Metern Breite (New Yorks "Met": 31 Meter) eher eng und provinziell. Große Wagner-Opern zum Beispiel können nicht geboten werden.
So gib der schwungvolle Stahlbetonbau am Hafen von Sydney bei Opernliebhabern nun schon als "100-Millionen-Dollar-Mißverständnis", "Was Sydney jetzt noch fehlt", schrieb der Sydneyer "Daily Mirror", "ist ein Opernbaus."

DER SPIEGEL 42/1973
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