26.09.2005

GRÜNEDrei gegen das Traumpaar

Nach dem Rückzug Joschka Fischers ist der Kampf um die Führung der Grünen entbrannt. Der Patriarch findet, dass keiner der Anwärter ihm ebenbürtig sei.
Nackt und brutal, so hat Joschka Fischer die Politik am liebsten. "Es geht um drei Dinge", schnaubte er mal auf einem Grünen-Kongress. "Erstens Macht, zweitens Macht, drittens Macht." Seine Vasallen hält er zumeist für Versager, schon weil sie nie nach seinem Ende trachteten: "Die jungen Grünen hätten mich stürzen sollen", erzählte er jetzt leutselig der "Tageszeitung". Als er sich einmal Gedanken über seine Nachfolge machte, besorgte er sich eine Biografie Alexanders des Großen und vertiefte sich in die Diadochenkämpfe nach dem Tod des mazedonischen Weltherrschers.
Das historische Beispiel ist zwar etwas überspannt, trotzdem wird es bei den Grünen wieder strapaziert. Joschka der Große hat vorigen Dienstag seinen politischen Ruhestand verkündet, und endlich, endlich rüsten die Diadochen für die Schlacht. "Oppositionsführer, das ist eine reizvolle Aufgabe", feixt Fischer vom Altenteil aus. "Jetzt wollen den Job gleich fünfe."
Die beiden Fraktionsvorsitzenden Krista Sager, 52, und Katrin Göring-Eckardt, 39, die Minister Jürgen Trittin, 51, und Renate Künast, 49, sowie der Ex-Parteichef Fritz Kuhn, 50, rangeln um die beiden Chefposten der Fraktion. Nur die Sieger haben Chancen, dereinst in die Fußstapfen des grünen Herrschers zu treten, der zwar nie ein Parteiamt innehatte, aber zwei Jahrzehnte lang der ungekrönte König war. Am Dienstag stellen sich die fünf "Halbstarken" (Parteispott) der geheimen Abstimmung.
Dabei ist Fischers Reich im Moment ziemlich heruntergewirtschaftet. Ende 1998 regierten die Grünen im Bund und in vier Ländern mit. Heute stellen sie die kleinste Fraktion im Bundestag, sie sind aus allen Landesregierungen geflogen und müssen bald auch noch in der Hauptstadt die Entlassungsurkunden entgegennehmen. Demnächst heißt der bedeutendste grüne Amtsträger der Republik Dieter Salomon. Er ist der Oberbürgermeister von Freiburg.
Als Favoriten für den Berliner Fraktionsvorsitz gelten die beiden ehemaligen Parteichefs Kuhn und Künast. In der "K. u. K.-Ära" schaffte es die Parteizentrale im Jahr 2000, nach lange währender Bedeutungslosigkeit wieder eine gestaltende Rolle einzunehmen. Kuhn regierte eisern nach innen und drohte etwa, jeden nicht abgestimmten Steuervorschlag "in 15 Minuten" zu dementieren. Künast war laut und lustig und verbreitete nach außen das, was den grünen Weltverbesserern sonst oft abging: Lebenslust und Wärme.
Die drei anderen Kandidaten fürchten, dass sie nur wenig Chancen gegen dieses Duo haben. Kuhn und Künast, ein Realo und eine Linke, ein Mann und eine Frau, einer aus der Fraktion, eine aus der Regierung - diese Kombination halten viele für nahezu perfekt.
Auch der Segen des scheidenden Herrschers scheint auf dem Duo zu liegen. Am Abend des Wahlsonntags plädierte Fischer im internen Führungskreis dafür, Personalfragen erst mal zu vertagen - um 36 Stunden später selbst vorzupreschen. "Ich war ärgerlich", bekennt die Fraktionsvorsitzende Sager, die nur Minuten vor der Sitzung erfuhr, dass Fischer gleich verzichten würde.
Kuhn und Künast hätten es natürlich längst schon gewusst, zischeln ihre Gegner. Der Joschka habe seinen Vertrauten Fritz vorher informiert und der seine Lieblingspartnerin Renate. Sofort nach Fischers Abdankung in der Fraktion kandidierten die beiden - die anderen waren konsterniert.
Ein Kampf dreier Außenseiter gegen ein gesetztes Traumpaar wird die Abstimmung freilich nicht. 12 der 51 Abgeordneten sind neu und entsprechend schwer auszurechnen. Zudem werben die vermeintlich schwächeren Kandidaten geschickt mit Alleinstellungsmerkmalen: Göring-Eckardt inszeniert sich als junge Konservative aus dem Osten ("Ich kann Strümpfe stricken"), die den alternden 68ern neue Wähler erschließen könne. Umweltminister Trittin legt Wert darauf, der einzige wahre Linke im Bewerberfeld zu sein - die einstige Flügelfreundin Künast, die sich aus den klassischen Lagern zurückgezogen hat, brandmarkt er als "Reala".
Fischer verfolgt den Machtkampf mit heiterem Gleichmut: Wer könnte ihm schon ebenbürtig sein? Trittin hält er für einen alt gewordenen Hochschulpolitiker, Sager für eine kluge Frau, die er aber stets ignorierte, wenn es ernst wurde. Kuhn sah er mal als Nachfolger, inzwischen eher als brillanten Mitarbeiter. Göring-Eckardt hat nach Ansicht Fischers machtpolitisch versagt, weil sie voriges Jahr nicht als Spitzenkandidatin in den thüringischen Landtagswahlkampf zog, um die erste schwarzgrüne Regierung zu bilden.
Nur bei Künast sieht er ein gewisses, wenn auch nicht ausreichendes Leitwolf-Potential. In der BSE-Krise Anfang 2001 übernahm sie ziemlich unvorbereitet das Landwirtschaftsministerium und erwies sich seitdem als krisenfest und gewinnend.
Künast selbst findet schon länger, dass der Rudelführer sich zurückziehen sollte, hielt aber meist still. "Joschka hat den richtigen Zeitpunkt erwischt", bilanziert sie jetzt (siehe Interview Seite 34). Als Fischer 2003 für einen Posten in Brüssel gehandelt wurde, las sie sich in die außenpolitische Fachliteratur ein, um den Außenamtschef in Berlin beerben zu können.
Die interne Wahl am Dienstag ist nur eine Vorentscheidung über die künftige Nummer eins. Denn die beiden neuen Fraktionsvorsitzenden müssen sich noch mit den Parteisprechern, Reinhard Bütikofer, 52, und Claudia Roth, 50, auseinander setzen. Wirklich abgerechnet wird erst vor der nächsten Bundestagswahl, wenn ein Spitzenkandidat nominiert werden muss. Nur so viel stehe fest, sagt einer aus dem Kreis der Bewerber: "Wer jetzt verliert, wird es auf keinen Fall." RALF BESTE
Von Ralf Beste

DER SPIEGEL 39/2005
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