26.09.2005

ISLAM„Sie kommen vor den Kadi“

Scheich Jussuf al-Kardawi, der Fernsehprediger von al-Dschasira, über Terror und Widerstand, den Kampf der Kulturen und die Gottverlassenheit des Westens
Der gebürtige Ägypter Kardawi, 79, lebt seit 1961 im Golfemirat Katar, wo er die Abteilung für Islamisches Recht an der Universität Doha leitet. Über seine wöchentliche Sendung "Die Scharia und das Leben" auf dem Satellitenkanal al-Dschasira sowie seine Website "Islam Online" erreicht Kardawi ein Millionenpublikum von Muslimen weltweit.
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SPIEGEL: Eminenz, Sie gelten als der einflussreichste muslimische Schriftgelehrte der Gegenwart, doch selbst Ihr Wort gilt nicht bedingungslos. Braucht der Islam einen unangefochtenen geistlichen Führer, einen Papst der Muslime?
Kardawi: Die meisten Muslime wünschen sich eine solche zentrale Autorität, damit es nicht dauernd zu widersprüchlichen und extremistischen Lehrmeinungen kommt. Aber wir haben nun einmal kein Papsttum, wir haben die Ulama, die Gemeinschaft der Schriftgelehrten. Um die Einheit des Islam zu wahren, müssen wir dringend Konsens über die großen Fragen unserer Zeit herstellen: den Terror, die Besatzung, den Widerstand. Einen ersten Schritt haben wir im Juli 2004 mit der Gründung der Weltunion der muslimischen Rechtsgelehrten getan. Mich hat man zum Vorsitzenden gewählt, meine Stellvertreter sind ein Sunnit, ein Schiit und ein Ibadit*. Wir danken Gott, dass dies gelungen ist.
SPIEGEL: Niemand in der islamischen Welt hindert aber Männer wie Osama Bin Laden oder Abu Mussab al-Sarkawi daran,
sich zu Imamen aufzuschwingen und Hass zu predigen.
Kardawi: Nicht jeder kann sich selbst zum Imam oder Mufti ernennen und nach eigenem Belieben Fatwas herausgeben. Für dieses Amt gibt es handfeste Voraussetzungen - berufliche, wissenschaftliche und charakterliche.
SPIEGEL: Das kümmert Leute wie Bin Laden oder Sarkawi wenig. Trotzdem bestimmen sie weitgehend das Bild des Islam.
Kardawi: Die überwiegende Mehrheit der Schriftgelehrten hat die Taten Bin Ladens verurteilt, nur eine Minderheit steht hinter ihm. Was seinem Ansehen viel mehr hilft, ist die Ungerechtigkeit, die Muslimen tagtäglich widerfährt - vor allem in Palästina. Das unterschätzt ihr im Westen: Die Einseitigkeit, mit der die USA Israel unterstützen, hat verheerende Wirkung.
SPIEGEL: Seit dem 11. September haben Terroristen im Namen Allahs Tausende Menschen umgebracht. Der Islam beansprucht, eine Religion der Barmherzigkeit zu sein - wo bleibt der Aufschrei der Empörung über diese Taten?
Kardawi: Ich selbst war der Erste, der die Verbrechen vom 11. September verdammt hat - noch bevor den meisten überhaupt klar war, dass al-Qaida hinter diesen Anschlägen steckt. Es ist allerdings ein Unterschied, ob Gewalt in einem blinden Terrorakt ausgeübt wird oder im Widerstand gegen eine fremde Besatzungsmacht.
SPIEGEL: Welchen Unterschied macht es für ein Kind, das im Irak, in Tschetschenien oder in Israel von einer Bombe zerfetzt wird, ob sein Mörder Terrorist oder Widerstandskämpfer ist?
Kardawi: Damit kein Missverständnis aufkommt: Im Islam gibt es eindeutige Regeln zum Schutz von Zivilisten, selbst in Zeiten des Krieges. Niemand darf angegriffen werden, der nicht selbst kämpft. Als der Prophet in einer Schlacht feststellte, dass eine Frau umgebracht worden war, ist er in Wut ausgebrochen und hat Befehle erteilt, die auch heute gelten: Tötet keine Frauen, tötet keine Kinder, schändet keine Leichen. Daraus folgt doch eindeutig, dass es ein Verbrechen ist, vollbesetzte Passagiermaschinen wie Raketen in bewohnte Häuser stürzen zu lassen.
SPIEGEL: Warum hat sich dann bis heute kein muslimischer Richter gefunden, der Bin Laden und seine Handlanger aus der Gemeinschaft der Muslime ausschließt?
Kardawi: Wir verurteilen ihre Taten, aber das Prinzip der Exkommunikation lehne ich grundsätzlich ab. Das wäre genau jene Sünde, die diese Leute selbst begehen: Sie
maßen sich an, uns und ihre Kritiker zu Ketzern zu erklären. Der Tag wird kommen, an dem sie vor dem Kadi stehen, doch so weit sind wir noch nicht. Erst müssen wir entscheiden, wer über sie rich-ten soll.
SPIEGEL: Ajatollah Chomeini hat sich mit dieser Frage nicht lange aufgehalten, bevor er über den Schriftsteller Salman Rushdie ein Todesurteil verhängte.
Kardawi: Rushdie hat die Ehre des Propheten und seiner Familie beschmutzt sowie die Werte des Islam besudelt.
SPIEGEL: Und Abu Mussab al-Sarkawi, der wehrlose Geiseln enthauptet und sich dabei filmen lässt?
Kardawi: Er hat dem Islam den allergrößten Schaden zugefügt. Für uns ist er ein Verbrecher. Schärfer können wir ihn nicht verurteilen.
SPIEGEL: Ist es nicht vielmehr so, dass die orthodoxe islamische Geistlichkeit einfach ihre Autorität verloren hat?
Kardawi: Keineswegs. Es gibt im Islam einen neuen Geist, der sich gegen die Exzesse der Moderne wie auch gegen den übersteigerten Radikalismus wendet. Auch wir sind modern, auch wir profitieren von den großartigen Erfindungen des Westens, von der Revolution des Informationszeitalters, von der globalen Kommunikation.
SPIEGEL: Aber trotz der technologischen Überlegenheit des Westens fühlen Sie sich moralisch überlegen.
Kardawi: Wir verurteilen den exzessiven Materialismus des Westens. Wir beklagen den Verlust der Solidarität und Brüderlichkeit, den Verfall der Werte, die alltägliche Verletzung der Menschenwürde. Gott ist verschwunden, kaum jemand redet im Westen noch von ihm. Vor einem Jahr gab es in London Demonstrationen gegen mich, weil ich mich gegen die Homosexualität ausgesprochen habe. Die Menschen scheinen vergessen zu haben, dass nicht ich diese These aufgestellt habe. Das ist Teil einer göttlichen Ordnung, von der schon Moses gesprochen hat, von der auch Jesus spricht.
SPIEGEL: In Berlin hat man unlängst einen muslimischen Prediger gefilmt, der den Christen das Recht absprach, je ins Himmelreich zu kommen.
Kardawi: Das ist absurd und völlig inakzeptabel. Alle Angehörigen der Offenbarungsreligionen, Muslime, Christen wie Juden, kommen ins Paradies, wenn sie rechtschaffen sind und an Gott glauben. Es spricht auch nichts dagegen, dass sie miteinander leben und untereinander heiraten. Das ändert freilich nichts daran, dass der Islam eine Religion ist, die dem Heil der ganzen Menschheit dient.
SPIEGEL: Teilen Sie das Ziel radikaler Islamisten, einen umfassenden Gottesstaat für alle Muslime zu errichten?
Kardawi: Der Islam ist eine einzige Nation, es gibt nur ein islamisches Recht, wir beten alle zu einem einzigen Gott. Irgendwann wird diese Nation auch politische Wirklichkeit werden, aber ob das eine Föderation jetzt schon bestehender Staaten sein wird, eine Monarchie oder eine islamische Republik, steht dahin.
SPIEGEL: Durch Ihre wöchentliche Sendung im Satellitenkanal al-Dschasira sind Sie vor allem für Millionen in Europa lebender Muslime zu einer Orientierungsfigur geworden. Sollen die sich ausnahmslos an die dort geltenden Gesetze halten?
Kardawi: Um genau dieses Problem zu lösen, haben wir vor acht Jahren in London den Europäischen Rat für islamische Rechtsgutachten und Forschung gegründet, dessen Vorsitzender ich bin. Bei jeder unserer Tagungen rufen wir die Gläubigen dazu auf, die Gesetze ihrer Gastländer zu achten - dazu haben sie sich verpflichtet, als sie nach Europa aufgebrochen sind. Sie sind ebenso verpflichtet, das Eigentum der Nichtmuslime zu respektieren.
SPIEGEL: Ist das denn strittig?
Kardawi: Ja, denn es gibt in der Tat Extremisten, die glauben, von den Besitztümern der Nichtmuslime könne man sich als Muslim frei bedienen. Das ist selbstverständlich falsch. Wo immer Muslime leben, sind sie gehalten, sich in die Gesellschaft zu integrieren und das Positive zu übernehmen, ohne ihren Glauben aufzugeben.
INTERVIEW: VOLKHARD WINDFUHR,
BERNHARD ZAND
* Eine islamische Glaubensrichtung, die überwiegend in Oman anzutreffen ist.
Von Volkhard Windfuhr und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 39/2005
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