16.07.1973

„Die Kommunisten werden Ordnung halten“

Ein Jahrzehnt lang lebten die Sodaverkäufer und Schwarzmarkthändler, die Prostituierten und vor allem die Soldaten in Indochina vom Krieg der Amerikaner. Jetzt, da die Amerikaner abgezogen sind, jagen Hunderttausende Indochinesen nach einem Job. Um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, müßten die Staaten Millionen in die Industrialisierung stecken, das heißt vor allem Soldaten entlassen, die wiederum die Arbeitslosigkeit erhöhen. Die riesige kriegerische Infrastruktur der USA verrottet, weder Kommunisten noch Neutralisten haben klare Konzepte.
Hungern müssen sie nicht; aber richtig satt geworden sind die 20 Familien aus dem Weiler Kop Chen im Süden Kambodschas zum letztenmal vor 48 Monaten -- seither blieb der Monsunregen aus, die Reis-Saat verdorrte.
In dem Dorf, nur drei Kilometer vom Ufer des Mekong entfernt, sind schon kurz nach der Ernte die Vorratskrüge leer, den Bauern fehlt das Geld, die Pacht für ihre Felder zu zahlen. Zehn junge Männer ließen sich von der Armee anwerben.
Im Dorf gibt es weder Fahrrad noch Nähmaschine, noch einen Wasserbüffel für die Feldarbeit. Bis vor einem Jahr unterrichtete ein Mönch aus dem nahen Kloster die Kinder im Schreiben und Lesen. Seit er abgezogen ist, fehlt im Dorf auch der Lehrer.
Vom Krieg wissen die Leute in Kop Chen nur, daß auf der einen Seite die Regierung kämpft, auf der anderen Seite der Prinz Sihanouk, der vorher die Regierung war. Worum dieser Krieg geführt wird, wissen die Leute nicht. "Das ist nicht unser Krieg", sagen sie. Ihr Krieg ist die dauernde Angst vor den Flammenteppichen, die fremde Flugzeuge Nacht für Nacht in den Busch am anderen Mekong-Ufer legen. Ihr Krieg heißt Hitze, Dürre, Hunger.
Dabei bedürfte es nur bescheidener Investitionen, den Krieg gegen die Dürre zu gewinnen. Mit einem knapp drei Kilometer langen Stichkanal zu den trägen Lehmfluten des Mekong wären die Felder von Kop Chen leicht zu bewässern. Geschätzter Aufwand: zwei Techniker und zwei Caterpillar für die Zeit von drei Monaten, dazu die Selbsthilfe der Bauern. Geschätzte Gesamtkosten: rund 12 000 Mark. Doch sie sind nicht vorhanden -- Amerika hilft den Kambodschanern lieber mit vieltausendmal teureren Bombardements.
Der Weiler Kop Chen ist exemplarisch für viele tausend Weiler in ganz Indochina am Ende des amerikanischen Indochina-Krieges.
Exemplarisch sind auch die Flüchtlinge aus dem laotischen Dorf Nam Bab. Aus Furcht vor den Bomben. die erst die Felder, später auch Teile des Dorfes verwüstet haben, flüchteten 104 Familien von den schattigen Berghängen Nam Babs in die heiße, baumlose Ebene. Sien Phan, der gewählte Dorfsprecher: "Eines Tages kam einer von der Regierung und befahl uns, sofort zu gehen. So sind wir gegangen.
Seit fast zehn Jahren leben sie schon in dem Flüchtlingslager Ban Thien Keo, 28 Kilometer südlich der laoti-
* Von Napalmbomben zerstörtes Dorf; Kriegsblinde in Da Nang.
schen Königsstadt Luang Prabang, einem Geviert von Pfahlhütten aus Bambus und Kokosblättern. Von der Regierung erhalten sie pro Kopf sechs Kilo Reis im Monat. Um leben zu können, brauchen sie pro Person zwischen 16 und 18 Kilo.
Nach alter Landessitte brennen sie die umliegenden Wälder ab, um Ackerland für zusätzlichen Reis zu gewinnen. Tausende von Kubikmetern Edelholz -- Teak, Eiseneiche, Yang -- verglimmen dabei jährlich im Buschfeuer. Denn der mineralarme Boden gibt nur ein bis zwei halbwegs ertragreiche Ernten her, dann versteppt das Feld.
Geringer Aufwand könnte das gerodete Kulturland rings um Ban Thien Keo ertragreicher und damit das Leben der Flüchtlinge erträglicher machen: ein paar Hundert Sack Kunstdünger und ein Dutzend Wasserbüffel. Geschätzte Kosten: 5000 Mark. Doch sie sind nicht vorhanden -- Amerika hilft auch den Laoten "lieber mit vieltausendmal teureren Bombardements.
Exemplarisch für Indochina 1973 ist schließlich auch der vietnamesische Weiler Tan Hon. 30 Kilometer nördlich Saigons, Heimat für 306 Familien von knapp 2000 Menschen.
Amerika hat über 140 Milliarden Dollar verpulvert.
Fast alle in Tan Hoa lebten bis vor kurzem vom benachbarten US-Stützpunkt Long Binh. Aber als die Amis abzogen, waren die Packer und Stauer, Lagerverwalter und Küchenhilfen plötzlich überflüssig; 90 Prozent aller Beschäftigten in Tan Hoa verloren ihren Job.
Neue Arbeit aber ist nicht zu finden. Denn rund um die Hauptstadt Saigon wurde mit dem Auszug der US-Truppen jeder dritte Vietnamese arbeitslos.
In dieser Zwangslage haben sich ein paar Männer von Tan Hon darauf besonnen, daß sie früher recht erfolgreiche Bauern waren. In den Hinterhöfen ihrer Steinhäuser organisierten sie eine genossenschaftliche Schweinezucht.
Ihr schlachtreifes Vieh können sie aber nur an den supermodernen Zentral- Schlachthof von Saigon verkaufen, einem von Westdeutschland gespendeten Zehn-Millionen-Bau, in dem chinesische Aufkäufer und Zwischenhändler die Preise so drücken, daß die Bauern von Tan Hoa auf die Dauer bei der Schweinezucht zusetzen müßten.
Um das Chinesen-Monopol brechen zu können, brauchte Tan Hoa eine eigene genossenschaftliche Schlachtanlage. Ein Gebäude ist vorhanden, die Genehmigung der Behörde würde erteilt werden -- was fehlt, sind die Inneneinrichtungen und die technischen Anlagen. Geschätzter Aufwand: 30 000 Mark.
Das ist Indochina 1973, in Miniatur. Nirgendwo enthüllen sich Widersinn und Vergeblichkeit des amerikanischen Engagements so dramatisch wie auf dem indochinesischen Dorf. 30 Jahre Krieg haben Strukturen zerrissen und Werte zerstört. Über 140 Milliarden Dollar hat Amerika allein seit 1965 verpulvert. Dagegen wären nur Mini-Beträge nötig, um den Völkern Indochinas dabei zu helfen, aus ihrer Not, Armut und Rückständigkeit herauszukommen.
Zu befürchten ist freilich, daß die Dörfler im ausgedörrten Kop Chen, im verödeten Ban Thein Keo oder im arbeitslosen Tan Hoa auch weiterhin vergebens auf Hilfe warten.
Denn fünf Monate nach dem Waffenstillstand für Laos in Vientiane, sechs Monate nach dem Waffenstillstandsabkommen für Vietnam in Paris, ja selbst einen Monat nach dem Zusatzabkommen, das US-Emissär Kissinger und der Vertreter Nordvietnams, Le Duc Tho, in Paris unterschrieben haben, setzt Washington seine Bomber-Einsätze über Kambodscha fort, kämpfen Regierungstruppen und Befreiungsfront in Vietnam und Laos noch immer erbittert um Positionen, warten die Vietnamesen vergebens auf den Frieden.
Seit feststeht, daß es in diesem schmutzigen Krieg keinen militärischen Sieger geben wird, ist jede der kämpfenden Parteien darum bemüht, zumindest die Pose des Stärkeren zu wahren. Und wie der Frieden von Indochina überhaupt aussehen soll, dafür wurde, so scheint es, bisher noch kein Konzept ersonnen.
Ginge es nach den von Amerika eingesetzten und gestützten Regierungschefs, nach General Thieu, dem Staatschef von Südvietnam, nach dem amtsmüden und vorn Krieg enttäuschten Regierungschef von Laos, Prinz Souvanna Phouma, oder dem halbgelähmten und selbst von seinen Wahrsagern im Stich gelassenen Marschall Lon Nol von Kambodscha, dann wäre es Sache der Amerikaner und ihrer Verbündeten, nach dem Krieg auch die Nachkriegsangelegenheiten zu regeln.
Die USA wären wohl auch bereit, den Frieden von Indochina mit Dollar zu kaufen, wenn sie ihn zu ihren Konditionen bekommen könnten, das heißt um den Preis des Wohlverhaltens gegenüber den US-Interessen in Asien.
Gerade aber das will die legale und illegale Opposition in Indochina nicht. Was Kommunisten und Neutralisten in Südvietnam, Kambodscha und Laos am stärksten verbindet, ist das "Ami go home!", das noch lauter schallt, seit die GIs tatsächlich abgezogen sind.
Die Saigoner Killer-Morat taugt nicht für den Frieden.
Südvietnams Oppositions-Symbol, General Duong Van ("Big") Minh, der in seiner Villa in Saigon darauf wartet, daß die Nation ihn ruft, ist sich mit dem Erfinder des "buddhistischen Neutralismus" und Vater der laotischen Verfassung, Rechtsanwalt Bong Souvanna Vong, darin einig, daß die Nachkriegsgeschichte Indochinas ohne Amerika, die Sowjet-Union und China geschrieben werden müsse, selbst um den Preis eines wachsenden Einflusses von Hanoi.
Professor Ton That Thien, Neutralist in Südvietnam, zum SPIEGEL: "Man muß die Amis rausschmeißen und den Russen und Chinesen den Zutritt verwehren dann sind in zwei Jahren die Probleme Indochinas gelöst."
Sind die Träume der Neutralisten kurz, so sind die der kommunistischen Befreiungsfronten dunkel. Seit dem Abschluß der Pariser Gespräche hüllen sich Hanoi und seine Verbündeten über ihre politisch-ökonomische Strategie in Schweigen.
Nur unverbindlich und verschwommen ließ Anfang Juni der Präsident der Provisorischen Regierung Südvietnams und Chef des ZK der Befreiungsfront, Nguyen Huu Tho, wissen, daß er eine "unabhängige und auf sich selbst gegründete Wirtschaft errichten" will.
Auch "die Polit-Kommissare der kambodschanischen Befreiungsarmee "Khmer rouge" und die Chefideologen des Pathet Lao sind im Gegensatz zu früher nur zögernd bereit, ihre Vorstellungen vom künftigen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem in den durch sie befreiten Länder zu entwickeln.
Das Beklemmende am gegenwärtigen Zustand Indochinas ist freilich, daß es auf Konzeptionen gar nicht ankommt, und nicht mal darauf, ob am Ende die Neutralisten oder die Kommunisten siegen. Denn die zu leistende Aufräumarbeit dürfte die Prinzipien, nach denen aufgeräumt wird, fast als zweitrangig erscheinen lassen.
Sicher ist nur eins: Das bestehende System vor allem Südvietnams kann nicht lange überleben. Schwarzmarkt-Wohlstand, geheuchelte Polit-Wohlfahrt, Menschenverachtung und Killermoral haben es für den Krieg, aber nicht für den Frieden qualifiziert.
So wie die amerikanische Kriegs-Strategie mit Napalm, Bomben und Chemie ganze Landstriche verödete, zwölf Prozent der Agrarfläche allein in Südvietnam ökologisch für längere Zeit zerstörte, so wie die Furcht vor den Bomben ein Drittel der Bevölkerung zu Flucht und Umsiedlung zwang, brachte die amerikanische Logistik die gewachsene Sozialverfassung aus dem Gleichgewicht.
Nach den Bedürfnissen des Krieges waren Stützpunkte und Flugbasen entstanden, Häfen und Nachschubwege mit schier unstillbarem Bedarf an Arbeitskräften. Die Hoffnung auf einen Job lockte die Bauern in den Bannkreis der amerikanischen Nachschubpools.
Doch Anfang dieses Jahres wurden die US-Basen geräumt. Entlang der Rollbahn zwischen Bien Hoa und dem Flottenstützpunkt Vung Tau oder am Stadtrand von Da Nang dehnen sich heute die tristen Ruinen der kriegerischen Infrastruktur: verlassene Hallen, zerbröckelnde Zement-Pisten, Baracken-Trümmer und verrostete Gleisanlagen. Viel zu groß, um für die Nachkriegswirtschaft noch nützlich zu sein, gleichen die verlassenen Basen Riesen-Müllplätzen. Geblieben aber sind die elenden Quartiere der Arbeits- und Hoffnungslosen in der Nachbarschaft.
Im Nordosten Saigons zum Beispiel liegt ein einst malerisches Viertel, von Kanälen und Seitenarmen des Saigon-Flusses durchzogen. Dort lebten noch vor zehn Jahren knapp 400 000 Menschen. Dann bauten die Amerikaner in der Nachbarschaft einen Hafen für den Stützpunkt Bien Hoa.
Heute hausen dort, in Blechbuden und Verschlagen über stinkenden Abwassergräben zusammengepfercht, über 1,5 Millionen Menschen. Die Arbeitslosenziffer, die durch den Kräftebedarf der Amis auf unter 30 Prozent gesunken war, stieg in wenigen Wochen auf über 60 Prozent. Seuchen und Hunger wüten im Revier, Tausende von desertierten Soldaten haben sich hier versteckt, denn die Polizei traut sich nur bei Tageslicht auf die Kanäle.
Amerikanische Dollars verhalfen vielen Südvietnamesen zu einem Lebensstandard, der viermal höher als der Indiens ist. 2,2 Milliarden, von denen das meiste in private Kanäle versickerte. pumpte Amerika jährlich seit 1968 als Militär- und Wirtschaftshilfe in das Land. 403 Millionen Dollar im Jahr gaben GIs und andere Ausländer auf dem Höhepunkt des Krieges privat aus.
Jeder Sodaverkäufer, jede Hemdenwäscherin, sogar die Kriegskrüppel, die Waisen, die Schwarzmarkthändler und Prostituierten hatten in diesem Dollar-Zyklus ihren Platz. Doch der geliehene Wohlstand zwang das Volk von Bauern und Handwerkern auch auf den American way of life: in die Welt von Coca-Cola, Blue jeans und Ford.
Der von den Amerikanern bezahlte Krieg verdarb die vietnamesischen Sitten und weckte Träume und Begehrlichkeiten von amerikanischer Dimension. So steht der Generaldirektor der größten Privatbank, Nguyen Tan Doi, Abgeordneter der Staatspartei "Demokratische Front" und enger Freund des Staatspräsidenten Thieu, im Verdacht, 24 Billionen Piaster (1,2 Millionen Mark) auf sein Privatkonto in der Schweiz geschafft zu haben. Vize-Direktorin der Bank und Mitverantwortliche ist die beste Freundin von Madame Thieu. Doi wurde im Mai verhaftet.
Jeder vierte Südvietnamese hat in den letzten Jahren direkt oder indirekt vom US-Kriegsgeschäft gelebt und sucht heute nach einer neuen Existenz. Doch Südvietnam hat kein Geld, Arbeitsplätze zu schaffen und Kriegsopfer zu versorgen -- und hat sich außerdem an ausländische Hilfe gewöhnt. Denn das schlechte Gewissen einer Welt, die dem barbarischen Krieg tatenlos zusah, lenkte in einem Jahrzehnt eine Flut von Hilfsaktionen und Spenden in Höhe von fünf bis sechs Milliarden Mark nach Indochina -- nicht selten in die unrechten Kanäle.
Allein in Saigon arbeiten 76 humanitäre Vereine -- aber sie arbeiten offenkundig wenig rationell. So wurden in Cholon, der Chinatown von Saigon, aus unerklärlichen Gründen fünf supermoderne Kliniken im Umkreis von drei Kilometern gebaut; eine sechste soll demnächst eingeweiht werden. In fast allen Provinzstädten hingegen fehlen Krankenhäuser. Dort arbeiten unter schwierigen Bedingungen meist Ausländer als Freiwillige. Die jungen vietnamesischen Ärzte drängen in die klimatisierten Kliniken und machen sich über die ausländischen "Barfuß- Doktoren" auf dem Land lustig.
Handwerkerschule nicht für Flüchtlingskinder.
Oft half das Ausland mit falschen Mitteln. So merkten die Monteure einer von der CSSR gelieferten Zuckerfabrik erst in Kambodscha, daß sie eine Anlage für Rohrzucker nach Übersee geschafft hatten -- in Kambodscha aber wird der Zucker aus Palmenmark gewonnen.
Die Rundfunkstation, die das französische Unterrichtsministerium in die laotische Königsstadt Luang Prabang geliefert hat, wurde ausschließlich mit französischsprechendem Personal ausgestattet: jeden Morgen um sechs Uhr stehen die Laoten vor den riesigen Lautsprechern in der Stadt, um sich mit asiatischer Passivität Nachrichten anzuhören, die sie nicht verstehen.
Die von der Bonner Konrad-Adenauer-Stiftung finanzierte Handwerkerschule in Tan Hoa wird nur von Schülern aus Saigon mit guten Beziehungen besucht -- von keinem einzigen Flüchtlingskind aus Tan Hoa. Das Bürgerkomitee des Dorfes fragte die Stiftung, ob die Bevölkerung Deutschlands den armen Leuten helfen oder nur den Spaß der Reichen vergrößern wolle.
Staatskrise durch Massenentlassungen aus der Armee?
Hunderttausende sind heute in Südvietnam auf der Jagd nach einem Job, in Saigon prügeln sich die Taxifahrer um die wenigen Gäste. Die Massennachfrage auf dem Arbeitsmarkt drückt auf die ohnehin niedrigen Löhne.
So bekamen die Fischer der Genossenschaften in Long Hai von den chinesischen Zwischenhändlern für ihre Fänge von heute auf morgen statt bisher 200 nur noch 50 Piaster pro Korb -- mit Hinweis auf den schlechten Absatz. Die Gewerkschaft konnte ihren Mitgliedern nur zum Stillhalten raten, denn die nichtorganisierte Konkurrenz steht schon bereit, auch diesen Spottpreis noch zu unterbieten.
Mit Rücksicht auf die hohe Arbeitslosenquote zögert Saigon, wenigstens einen Teil seiner 1,1 Millionen Mann starken Armee zu demobilisieren. Etwa jeder vierte Südvietnamese im Alter zwischen 15 und 45 Jahren ist noch immer Soldat. Eine Erhebung vom April in Tan Hoa ergab, daß von 361 Männern 90 in der Armee dienten.
Soldatsein gilt in ganz Indochina trotz des Kriegsrisikos und des bescheidenen Soldes noch immer als krisensicherste Existenz: ein Job, der seinen Mann und dessen Familie ernährt, sie kleidet und ihr Kredit in der Nachbarschaft gibt.
Zwar müßte Saigon dringend abrüsten. Denn 64,5 Prozent seines Haushalts gibt der Staat 1973 für Soldaten aus, nur fünf Prozent für wirtschaftliche Entwicklung. Um für die entlassenen Soldaten neue Arbeitsplätze zu schaffen, müßte Präsident Thieu die Mittel für die Wirtschaft zu Lasten des Militärs erhöhen -- das heißt, Soldaten entlassen, und das wiederum heißt: die Arbeitslosigkeit erhöhen.
So fürchtet das Saigoner Arbeitsministerium, eine Massenentlassung von Soldaten könnte direkt in eine Staatskrise führen -- von den sozialpsychologischen Problemen der Rückkehr ins Privatleben nicht zu reden: "Als die Bauern zur Armee kamen, waren sie in der Mehrheit ungelernt und genügsam. Inzwischen haben sie gelernt, mit einer Waffe umzugehen, vielleicht sogar einen Lkw oder einen Panzer zu fahren und zu reparieren. Die Arbeit mit der Feldhacke wäre ihnen nicht mehr gut genug."
Ein Oberst kommandiert die Büffeltreiber,
Weniger dramatisch stellt sich die Demobilisierung vorerst in Kambodscha und Laos dar. In beiden Ländern haben die eigene Führung und die Amerikaner nicht zu verhindern gewußt, daß sich selbstbewußte Offiziere gleich Warlords der ihnen anvertrauten Truppe als billige Arbeitskraft bedienen. So hat sich General Chantarangsey -- ein entfernter Verwandter des Prinzen Sihanouk -- mit seiner 13. Tiger-Brigade sein eigenes Imperium in einer Provinz aufgebaut, die er eigentlich vor dem Feind schützen sollte.
Im Bezirk von Kampong Speu, etwa 100 Kilometer südwestlich der Hauptstadt, hört alles auf das Kommando des Generals. Er gibt Transit-Genehmigungen und Passierscheine aus und erteilt Aufträge für die Anlage neuer Siedlungen. Seine Soldaten bauen Straßen, Brücken und Bewässerungskanäle, dafür liefern die Bauern einen Teil ihrer Ernten an das Depot des Generals.
Die Befriedungs-Kampagne unter dem von Mao entlehnten Motto "Die Tiger-Brigade ist Teil des Volkes" gilt beiden Seiten der Front als vorbildlich. Pnom Penh hat weder die Absicht noch die Macht, den General wieder in seine Schranken zu weisen, und der Khmer rouge betrachtet den Volksfronteinsatz der Bauern und Militärs als proletarische Massenaktion -- sie schonen die neugebauten Brücken und Kanäle.
Weniger philanthropisch, dafür einträglicher ist die Beschäftigung der durch den Waffenstillstand arbeitslos gewordenen Armee in Laos. Die 70 Generäle der rund 70 000 Mann starken Truppe haben ganze Gewerbe unter sich aufgeteilt, die sie von Soldaten gewinnbringend ausüben lassen. So gehört fast die Hälfte der Taxis von Vientiane einem Luftwaffen-General. Ein Oberst des Heeres kommandiert die Büffeltreiber.
Altgediente und versehrte Chargen, Unteroffiziere und Feldwebel kommen nach laotischer Tradition als Schreib- und Hilfskräfte bei den Behörden unter -- wo freilich schon andere Veteranen sitzen: aus dem Weltkrieg und dem ersten Indochina-Krieg gegen "die Franzosen. Auf der Suche nach einer Existenz-Berechtigung verfallen die abgerüsteten Soldaten in Laos auf die abenteuerlichsten Schreibvorgänge.
Ginge es nach dem Bedarf der Volkswirtschaft, wäre es sicher das Sinnvollste, die Mehrzahl der demobilisierten Soldaten kehrte dorthin zurück, wo sie hergekommen ist: auf das flache Land. In den Dörfern Indochinas, wo ein Großteil der Felder aus Mangel an Arbeitskräften unbestellt bleibt, werden die Heimkehrer dringend gebraucht.
Vor dem Krieg lebten 85 Prozent der Bevölkerung Südvietnams auf dem Lande. In Laos und Kambodscha lag die Zahl sogar noch höher. Aber dann errechneten die US-Strategen, daß der Krieg nur zu gewinnen sei, wenn die Bevölkerung in die Nähe der Städte umgesiedelt wird. Nur so habe die Regierung eine wirksame Kontrolle, nur so lasse sich verhindern, daß immer mehr Leute unter den Einfluß der Kommunisten geraten. Zudem konnte die U. S. Air Force die geräumten Landstriche um so unbedenklicher zerbomben.
So lebt heute ein Drittel aller Südvietnamesen, über sechs Millionen, auf Regierungsbefehl im Bannkreis der großen Städte, die meisten * In dem von der "Tiger-Brigade" gehaltenen Brückenkopf Kampong Speu, Kambodscha.
ohne Obdach und Job, ohne eigenes Land, unter dem Existenzminimum. Wer in sein Dorf zurückkehren will, wird von der Polizei daran gehindert, und die Saigoner Regierung verkündet stolz, der Vietcong habe zwar Gelände erobern können, "aber nicht die Menschen".
In Laos mußten fast eine Million Bauern ihre Bündel packen. Viele von "ihnen sind in den Bergen lebende Meos. Auf das Leben in der Ebene sind sie nicht vorbereitet. Ohne Land und ohne Vieh, mit ihren dicken Wollkleidern in der subtropischen Hitze der Täler apathisch und krank geworden, vegetieren sie in Lagern dahin, ernährt von ausländischen Flüchtlings-Programmen. Trotz aller Bitten und Drohungen läßt die Regierung in Vientiane sie auch nach dem Waffenstillstand nicht wieder in ihre Bergdörfer zurückkehren. Wenn die Angst vor den Bomben nicht wirkte, griffen die Amerikaner in Laos auch zu raffinierteren Methoden. So wurde die laotische Hauptstadt seit Menschengedenken von den Dörflern im oberen Mekong-Tal mit Reis, Früchten und Gemüse versorgt. Täglich kamen die Bauern in ihren Sampas zum zentralen Markt.
US-Ausbilder in Laos als Bananen-Experten getarnt.
Als dann aber der Pathet Lao die Dörfer eroberte, sorgten die Amerikaner durch Preis-Manipulationen dafür, daß Vientiane den Reis vom anderen Ufer des Mekong aus Thailand bezog. Den Bauern im Mekong-Tal blieb nur die Wahl, sich Arbeit in der Stadt zu suchen oder für den Pathet Lao Reis zu pflanzen.
Amerika -- es ist wahr -- hat sich seine Mission in Indochina viel kosten lassen. Jahrelang glich Washington die ins Riesenhafte gestiegenen Haushalts-Defizite von Südvietnam, Kambodscha und Laos aus -- mit jährlich 34,4 Milliarden Dollar. Es finanzierte den Polizeiapparat der Regierung von Saigon und zahlt den Sold der kriegsmüden kambodschanischen Soldaten, von denen Tausende nur auf den Soll-Listen korrupter Offiziere stehen.
Über 110 Millionen Dollar jährlich macht allein die Hilfe der USA für Kambodscha aus, mehr als alle anderen Nationen zusammen bezahlen. Gebaut worden ist dafür nicht eine Fabrik, kein Reisfeld wurde für dieses Geld bewässert. Aber Washington bekam für die Millionen-Spende das Recht, bis zu 200 US-Bürger in der Botschaft in Pnom Penh zu stationieren. Fast die Hälfte davon ist (als Zivilisten getarntes) Bodenpersonal der U.S. Air Force, dessen Aufgabe es ist, die B-52-Bomber bei ihren Einsätzen in das gewünschte Wurfquadrat zu lenken.
26 Millionen US-Dollar kosten die 17 000 Söldner, die Amerika in Thailand angeworben hat, damit sie gegen den Pathet Lao kämpfen. Über 65 Millionen kostet das Hilfsprogramm der "US-Aid", dessen Mitarbeiter, als Reisbau-Spezialisten, Imker, Viehzuchtberater und Bananen-Experten getarnt. auch nach dem Waffenstillstand noch den Krieg in Laos lenken.
Die Herren, die sich ihre zivilen Tropenanzüge phantasielos im gewohnten Militärschnitt schneidern ließen, bevölkern an den Abenden die Bar-Tresen von Vientiane und Luang Prabang. In ihren grünen, lila oder hellblauen Anzügen sehen die verkleideten Hauptleute und Obristen wie die Statisterie einer Operettenbuhne in der Provinz aus.
Ob sich Amerika indes mit den ausgegebenen Summen wenigstens gute Startchancen für Investitionen in einem befriedeten Indochina geschaffen hat, selbst dies ist zweifelhaft.
Südvietnam, so die Rechnung des kürzlich abgelösten langjährigen US-Botschafters in Saigon, Ellsworth Bunker, 79, wäre dazu eigentlich geeignet: Es gibt billige Arbeitskräfte und keine Konkurrenz. Also sei die Lage, so kabelte Bunker an das US-Hauptquartier von General Electric, "sogar günstiger als damals in Korea".
Enteignungs-Modell nach persischem Vorbild.
Denn als abzusehen war, daß der Krieg in Indochina nicht mit einem Sieg der USA zu Ende gehen würde, hatte Präsident Thieu etwas dafür tun wollen, die Invasoren zumindest als Investoren im Land zu halten.
Er legte seinen beiden Parlamentskammern einen überstürzt ausgearbeiteten Vierjahresplan bis zum Jahre 1975 vor, nach dem das Bruttosozialprodukt um 27,6 Prozent, das durchschnittliche Jahreseinkommen pro Einwohner von 123 US-Dollar auf 139 US-Dollar steigen sollte.
Voraussetzung für das geplante Wirtschaftswunder war allerdings, daß sich nicht nur ausländische Regierungen, sondern auch Privatkapitalisten bereit fanden, in das vietnamesische Staatsprogramm zu investieren.
Doch der Vierjahresplan, der vor allem auf die Entwicklung der Landwirtschaft angelegt war, konnte die in Asien durch hohe und schnelle Profite verwöhnten Ausländer nur wenig reizen. Zudem gab der Plan keine eindeutige Auskunft darüber, was aus dem einige Jahre zuvor angelaufenen Thieu-Prunkstück, der vietnamesischen Landreform, geworden war.
Amerikanische Berater, die bei wachsenden Flüchtlingszahlen Unruhen unter den landlos gewordenen Bauern fürchteten, hatten die Regierung in Saigon bewogen, den Großgrundbesitz über 15 Hektar zu enteignen und aufzuteilen. Im Herbst des Vorjahres meldete Thieu auch stolz den totalen Erfolg der Aktion: Über eine Million Hektar Fläche sei enteignet und an evakuierte Bauern aufgeteilt.
Bei genauerer Prüfung stellte sich freilich bald heraus, daß die Statistiker mit Phantom-Flächen gerechnet hatten. So vermehrte sich beispielsweise der Grundbesitz der katholischen Kirche sie ist als einer der größten Grundbesitzer von der Enteignung ausgenommen -- um fast eine Million Hektar. Kommentar des Erzbischofs von Saigon: "Das sind Überschreibungen frommer Glaubensbrüder."
Um wenigstens einem Teil der vietnamesischen Junker noch nachträglich den freiwilligen Verzicht auf ihren Grundbesitz schmackhaft zu machen. lieh sich Großgrundbesitzer Thieu (Eigentümer einer rund 1000 Hektar großen Obstplantage im Mekong-Delta) ein Entschädigungs-Modell beim Schah von Persien aus.
So wie der Weiß-Revolutionär in Teheran seine Industrie mit den Entschädigungen enteigneter Agrar- Fürsten aufbauen will, lockt Ex-General Thieu seine Reichen mit Industrie-Papieren, vor allem mit Schatzwechseln der Staatsbetriebe, die nun reprivatisiert werden sollen. Dazu gehören eine staatliche Zement-Fabrik, das einzige Mineralwasser-Werk und die erst jüngst von Auslandsspenden gebaute Zuckerfabrik ("Abzugeben sind 324 000 Anteile zu je 15 000 Piaster"), alles profitversprechende Wachstums-Industrien.
Weil aber das durch die Inflation entwertete heimische Geld bei weitem nicht ausreicht, die ehrgeizigen Entwicklungspläne zu verwirklichen, erneuerte Thieu vor einem Jahr seine Werbung um ausländisches Kapital. Mit dem "großzügigsten Investitionsgesetz Asiens, großzügiger sogar als Singapur" -- so der Chef der nationalen Entwicklungsbank, Nguyen bang Hai -, lockt Saigon fremdes Geld.
Ausländer, die bereit sind, in Südvietnam Geld anzulegen, sind für fünf Jah-
* Mit Mao in Peking.
re von nahezu jeder Steuer befreit, können steuerfrei Maschinen einführen, sind an keine Tariflöhne gebunden, können die Gewinne in voller Höhe ins Ausland transferieren und bekommen im Hafen von Saigon ein Freigelände eingeräumt. Autor der günstigen Regierungs-Offerte: ein Mister Vecci, Italoamerikaner und Direktor der amerikanischen Handelskammer in Saigon.
Aber auch die asiatische Rundreise einer Gruppe von 54 amerikanischen Top- Managern und Spitzen- Bankern durch Indochina (mit anschließendem Besuch in Singapur, Malaysia, den Philippinen und Indonesien) brachte nichts ein. Ohne ernsthaft zu verhandeln, reisten die Vertreter von Rohr Industries, Otis Elevator, Bendix, General Electric, Westinghouse, der Bank of America und der First Boston Corporation wieder ab. Ein US-Banker in Saigon: "Den wirklich Großen ist das Geschäft nach einem solchen Krieg noch peinlich, und die Kleinen scheuen vorerst das Risiko."
Wer das Risiko nicht scheut, waren die Japaner. Seit Januar bereisten die Vertreter von 735 japanischen Firmen Südvietnam, Laos und Kambodscha. Wie Heuschrecken-Schwärme fielen sie ein, belagerten die Hotelterrassen, filmten wichtige Straßenkreuzungen und Abwasserkanäle und vermaßen auf mitgebrachten Generalstabskarten gewissenhaft Parzellen von brachliegendem Land in günstiger Verkehrslage.
Doch Anfang April verschwand die japanische Invasion wie ein Spuk; wer noch am Vortag mit vietnamesischen Partnern verhandelt hatte, ließ nichts mehr von sich hören. Angeblich hat die japanische Industrie von ihrer Regierung in Tokio einen Wink bekommen, sie möge mit ihrem allzu hektischen Indochina-Geschäft doch das weitaus wichtigere mit China nicht stören. Zudem entdeckte Japan die Notwendigkeit von Beziehungen zu Hanoi und nahm Kontakt zu der Provisorischen Revolutionsregierung von Südvietnam auf (die für Thieu trotz der Unterschrift von Paris "aus einem Haufen von Kriminellen" besteht). Auch an einer Übernahme der von dem Khmer rouge kontrollierten Kautschuk-Pflanzungen in Kambodscha wie an der Ausbeutung von Erzgruben im Pathet-Lao-Gebiet zeigte sich Tokio interessiert.
Mit Öl aus dem Meer will Saigon die Wirtschaft finanzieren.
3,3 Millionen Dollar als Soforthilfe für Flüchtlinge sollen den Weg nach Saigon ebnen. 7,5 Milliarden, gleich viel wie die USA, will der japanische Staat in ein Entwicklungsprogramm für ganz Indochina investieren.
Wie die japanische Entwicklungshilfe sich auswirken kann, haben die Südvietnamesen bereits erfahren. Japanische Firmen hatten im Sommer 1970 von der Welt-Ernährungs-Organisation (FAO) den Auftrag bekommen, die Meeresfauna vor der Küste Südvietnams zu untersuchen, um ein Programm zur Förderung der vietnamesischen Fischerei zu entwickeln. Die Japaner vermaßen, nahmen Karten auf -- doch die Unterlagen, die sie bei der FAO ablieferten, waren auf fällig dünn und nichtssagend. Wenige Monate später aber erwarben japanische Fang-Firmen die Fischrechte im südvietnamesischen Küstenbereich -- sie hatten die Unterlagen vollständig im Tresor.
Ärger hat es in Saigon auch gegeben, weil japanische Arbeitgeber versuchten, heimische Sitten in Vietnam einzuführen. So wird in den Filialen des Elektro-Giganten Sony jeden Morgen vor Dienstbeginn die Firmenhymne gesungen, und den Wochenlohn für 2000 Arbeiter zahlt -- nach Feierabend -- der Direktor persönlich aus.
Die mangelnde Bereitschaft des Auslandes, auf ihre Investitions-Einladung einzugehen, zwang die Regierung Thieu, ihr Förderprogramm fur die Wirtschaft erneut zu modifizieren. Im Küsten-Kurort Vung Tau, ursprünglich als Zentrum für den Fremdenverkehr vorgesehen, nun aber, wegen der höheren Rendite, als Ölhafen eingeplant, verkündete der Präsident Ende Mai vor 3000 ausgesuchten Parteifreunden einen neuen Achtjahresplan.
Danach soll Südvietnam schon im Jahr 1980 "auf eigenen Füßen stehen". Industrie und Export -- die beiden neuen Schwerpunkte der Wirtschaft -- sollen ihre Erträge um neun Prozent jährlich steigern, die Einfuhren werden drastisch beschränkt.
Zu realisieren freilich ist der Plan nur, wenn Saigon die astronomisch anmutende Summe von acht Milliarden Dollar an staatlicher und privater Auslandshilfe erhält. Allein die Überweisungen aus den USA sind im Plan mit 650 Millionen jährlich doppelt so hoch angesetzt, wie Washington bisher Zugestanden hat (325 Millionen Dollar).
Größter Aktivposten im neuen Programm ist ein bisher nur vermuteter Schatz: Im Schelfgebiet vor der Küste von Südvietnam hat die Bundesanstalt für Bodenforschung in Hannover beträchtliche Lager an Erdöl, möglicherweise auch Erdgas, ausgemacht. Gehoben werden soll der Schatz durch ein Konsortium: 14 Gesellschaften, vor allem aus den USA und Japan (aber nicht eine aus der Bundesrepublik), stellten fristgerecht ihre Konzessionsanträge.
Als der Sprecher der Provisorischen Regierung. Oberst Duong Cong Thao, daraufhin dem Thieu-Regime vorwarf, es verschleudere Nationaleigentum. antwortete die Thieu-Presse, die Roten verständen nichts von Wirtschaft.
Dabei haben die Kommunisten sogar eine Reihe westlicher Entwicklungsprojekte -- wie etwa den Bau einer Kette von Mekong-Staudämmen durch die Uno -- in den von ihnen kontrollierten Gebieten von Laos, Thailand, Kambodscha und Südvietnam toleriert. Der von der Staustufe eins bei Nam Ngum erzeugte Strom wird vom Pathet-Lao-Chef Prinz Souphana Vong sogar ans verfeindete Thailand verkauft.
Auch die Roten Khmer des Prinzen Sihanouk haben ihre Operationen so gelegt, daß sie den Bau der 70 000 Hektar großen Bewässerungsanlage Prek Thnot, von Australiern und Japanern gebaut, nicht stören; kürzlich konnte der erste Teilabschnitt hundert Kilometer vor Pnom Penh von Diplomaten besichtigt werden. "Das klingt wie die Deutschland-Formel."
Doch über die Frage, ob und wem die Reisbauern im vietnamesisch-kambodschanischen Grenzgebiet Abgaben zahlen sollen, kam es zum Bruderstreit. Der mehr nach Moskau orientierte Vietcong bestand auf einer Steuer, der Khmer rouge beharrte darauf, die Bauern von jeder Art Abgabe zu befreien.
Die grundsätzliche politische Zukunftsfrage, ob es ein gemeinsames sozialistisches Indochina oder voneinander unabhängige Staaten geben soll, ist unter den Befreiungsbewegungen erst recht "noch nicht ausdiskutiert" (so Ngo Minh, politischer Sprecher Nordvietnams in Vientiane).
Was der vietnamesische Norden in den letzten Monaten vor allem nach Südvietnam und an die kambodschanische Grenze geschleust hat, waren weniger Truppen als frische Kader für die Verwaltung. Die Befreiungsfront wechselte ihre kampferfahrenen Guerrilleros gegen -- überwiegend in Moskau geschulte -- Funktionäre aus.
Die Neuen haben Anpassungsschwierigkeiten. Der Resident des Vietcong für den Deltabezirk My Tho klagte: "Es sind meist junge Leute. Sie reden. als ständen sie auf dem Roten Platz in Moskau, ringsum nichts als Sowjet-Republiken. Aber wie man bei den Gutsbesitzern nachts die Steuern eintreibt. davon haben sie keine Ahnung."
Der Genosse aus My Tho glaubt, daß Hanois neuester Kurs die Wiedervereinigung beider Vietnam sehr viel später bringen werde als ursprünglich geplant: "Seit Paris reden Le Duan und Le Duc Tho immer nur von der Einheit
Nordvietnamesen, die in Bien Hoa auf den Flugtransport warten.
Vietnams als Fernziel. Das klingt für mich so ähnlich wie die Deutschlandformel bei euch in Europa."
Daß Hanoi noch längere Zeit mit sich selbst beschäftigt ist, daß Laos, Kambodscha und vor allem Südvietnam nach eigenen Wegen suchen müssen, um ihre Länder aus dem Krieg in einen besseren Frieden zu retten, das ist auch die Überzeugung der politischen Opposition von Saigon, der schweigenden Mehrheit der Neutralisten.
Nach Professor Ton That Thien, einst Thieus Informationsminister, heute PR-Chef des Neutralisten "Big" Minh, ist General Minh bereit, mit der Saigoner Regierung wie mit der Befreiungsfront zusammenzuarbeiten. "Solange aber die faschistischen Gesetze von Thieu noch bestehen, die aus Vietnam ein Hitler-Deutschland gemacht haben, bleibt nur die Verweigerung."
Aus Angst vor der schweigenden Mehrheit füllt Thieu seine Gefängnisse mit Kommunisten, Sozialisten. Buddhisten, fälscht er Wahlen, kauft er Abgeordnete. Nach Thien wird das Versagen der Demokratie Südvietnam für den Kommunismus reif machen, selbst wenn Hanoi sich vorerst zurückhält.
Ähnlicher Meinung ist auch ein hoher Regierungsbeamter in Saigon: "Wenn wir den Kommunisten eine Chance geben, was wird dann passieren? Die Kommunisten werden wie die Pferde arbeiten, sie werden in ihren Ämtern Ordnung hatten. Raten Sie mal, wen das Volk nach kürzester Zeit -- ganz ohne Zwang und Propaganda -- wählt? Natürlich die Kommunisten.
Vielleicht meinte Nixons neuer Verteidigungsminister diesen Fall, als er vor dem US-Senat erklärte, er könne sich Umstände vorstellen, unter denen er dem Präsidenten raten würde, "die Bombardierung Nordvietnams und der Verbindungen durch Laos und Südvietnam wieder auf zunehmen.
Im Norden Saigons, kurz vor dem Flugplatz Tan Son Nhut, ließ das Regime Thieu kürzlich eine Gedenktafel für die heimgekehrten US-Soldaten aufstellen: "Eure Hilfe für unser Land wird unvergessen bleiben."
Auf der Rückseite hat eine anonyme Hand auf Englisch einen Zusatz gekritzelt: "Beim Sterben habt ihr uns geholfen -- laßt uns beim Leben allein."

DER SPIEGEL 29/1973
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„Die Kommunisten werden Ordnung halten“

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