30.07.1973

AFFÄRENStill behandelt

Dem Hohenzollernprinzen Friedrich Wilhelm wurde der Doktortitel entzogen, weil er große Teile seiner Dissertation abgeschrieben hat. Der enttäuschte Doktorvater: Preußen-Freund Professor Schoeps.
Nachdem er 21 Semester lang das Studium der Geschichte und der politischen Wissenschaften betrieben hatte, verkündete Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen: "Für mein neues Lebensjahr habe ich mir viel vorgenommen. Ich will meinen Doktor machen." Und der Vater des Prinzen, Louis Ferdinand, amtierender Chef des Hauses Hohenzollern, begrüßte den Entschluß seines Ältesten: "Hoffentlich setzt er sich auf den Hosenboden."
In der Tat schien sich die Hoffnung, der Urenkel des letzten deutschen Kaisers könne dem an wissenschaftlichen Leistungen armen Adelshaus akademische Würden einbringen, zu erfüllen. "Drei Jahre lang", so berichtete das Wochenblatt "Frau" vom Hofe, "schwitzte Friedrich Wilhelm für seinen Doktor. In London, Paris und in der Schweiz sammelte er fleißig Unterlagen."
Das Dissertationsthema war familiengerecht ("Die Reichsgündung im Spiegel neutraler Pressestimmen"), und der Doktorvater stand den Ahnen nahe: Friedrich Wilhelm promovierte in Erlangen bei dem Religions- und Geistesgeschichtler Professor Hans-Joachim Schoeps, 64, der sich wissen. schaftlich wie weltanschaulich dem Preußischen sowie der Monarchie der Hohenzollern verschrieben hat.
Die philosophische Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg verlieh dem Schoeps-Schüler denn auch im Februar 1971 -- nunmehr im 23. Semester -- den Grad des Doctor philosophiae mit der Note "cum laude" (gut). Und der Vater belohnte seinen Dr. Friedrich Wilhelm mit einer Reise nach Kenia.
Jedoch, während sich der Preußen-Prinz noch in Afrika sonnte, fiel die inzwischen als Buch erschienene Doktorarbeit einem wissenschaftlichen Angestellten der Marburger Staatsbibliothek in die Hände, der zufällig "ein seltener Experte für ein paar 1870er Jahre" (Schoeps) war. Bibliothekar Martin Winckler entdeckte darin auf Anhieb Passagen, "die mir sehr bekannt vorkamen". Und bei näherer Betrachtung fand der Spezialist heraus, daß der Doktorand nicht nur ein paar Sätze, sondern ganze Kapitel abgeschrieben hatte -- aus älteren und unbekannt gebliebenen Dissertationen zu dem "hochaktuellen Thema" (so der Klappentext zum Prinzen-Buch).
Unter diesen Umständen mochte auch der von Bibliothekar Winckler alarmierte Doktorvater Schoeps "kein Wohlwollen mehr" gelten lassen. Der Preußen-Professor ("Sie können sich vorstellen, daß ich auf den Kerl geladen war") zeigte den "einmaligen Fall eines Plagiats" selber bei der Universitäts-Rechtsabteilung an, obschon es "mir schmerzlich war". Schoeps: "Die Ehre Preußens werde ich auch gegen das Haus Hohenzollern verteidigen."
So verstand es sich von selbst, daß der Wissenschaftler das Gutachten über die Friedrich-Wilhelm-Anthologie selbst verfertigte. Exakt hielt der Lehrer seinem ehemaligen Schüler vor, daß er bei der maschinenschriftlichen Dissertation die Seiten 1-35, 55-61, 74-265, 276-297 und 302-373 -- insgesamt weit mehr als zwei Drittel des Inhalts -- wortwörtlich aus drei Quellen* geschöpft hatte, die im pflichtmäßigen Literaturnachweis des Prinzen nicht auftauchten. Voluminöse Anmerkungsapparate, die den Anschein erweckten, als habe der Autor bandweise alte Zeitungen vom "Solothurner Landboten" bis zur "Dansk Folketidende" ausgewertet, übernahm er gleichfalls kurzerhand aus den Vorarbeiten.
"Selbst die Mühe eines gewissen Umstellens der Sätze oder Zitate", so spottete ein Erlanger Wissenschaftler, "erschien dero Majestät zu unkaiserlich." Allenfalls wechselte der Prinz mal eine Vokabel aus, etwa "Zorn" für "Ingrimm" oder "kürzlich" für "vor kurzem".
Der Erlanger Universitätsverwaltung, die "die äußerst peinliche Sache" im letzten Frühjahr "bewußt ganz still behandelte" (Historiker Professor Walther Peter Fuchs), blieb nichts weiter übrig, als dem promovierten Hohenzoller seine zwei Jahre alte akademische Würde nach den Bestimmungen des "Gesetzes über die Führung akademischer Grade" wieder zu entziehen. Das brauchte sie freilich nur "vorsorglich" zu tun, denn vor dem endgültigen Entscheid entsagte Friedrich Wilhelm -- inzwischen 34 -- auf anwaltlichen Rat freiwillig dem "Dr. phil.".
Was bleibt, ist das Ende vorigen Jahres mit leichter Titeländerung von der Göttinger Verlagsanstalt herausgebrachte Buch**" auf dessen Klappe der aberkannte akademische Grad noch immer aufgeführt wird. Schon vor Erscheinen hatte die Verlagswerbung darauf hingewiesen, daß dieses Werk "als Dissertation vorgelegen" habe -- was zweifelsfrei zutrifft.
Wäre die Doktorarbeit, die nun keine mehr ist, nicht so auffällig veröffentlicht worden, sondern ungedruckt "in den diversen Bibliotheken verschimmelt" (Schoeps), hätte der Prinz seinen Titel vermutlich noch heute. Doktorvater Schoeps: "Der Prinz hat"s doch selber an die große Glocke gehängt, die Eitelkeit stellte hier ein Bein."
* H. U. Rentsch: Bismarck im Urteil der schweizerischen Presse. Basel 1945; E. Wentz: Die Behandlung des deutsch-französischen Krieges 1870/71 in der englischen Presse. München 1939; T. Fink: Deutschland als Problem Dänemarks, Flensburg 1968.
** "Bismarcks Reichsgründung und das Ausland", 296 Seiten; 26 Mark.

DER SPIEGEL 31/1973
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