30.07.1973

KONKURSEGuter Name

Kommerzialrat Kerschgens, Inhaber der 1970 in Konkurs geratenen Frankfurter Leuchtenfabrik Schanzenbach, wurde in Rom verhaftet: Vor zwei Jahren war er samt Firmenkasse mit unbekanntem Ziel verreist.
Auf Reisen ging er nie ohne Kleingeld: Beträge um 10000 Mark beglich der Frankfurter Kommerzialrat Johann Kerschgens, 48, gern bar aus der Hosentasche. Mit 2000 US-Dollar und 200 000 Lire war er just knapp bei Kasse, als ihm am Donnerstag vorvergangener Woche im noblen Hotel Hassler in Rom ein Mißgeschick widerfuhr: Er wurde verhaftet.
Die Reise, die so jäh endete, hatte Kerschgens, damals gerade zwei Jahre Herr der renommierten Spezialleuchtenfabrik Schanzenbach in Frankfurt, bereits im Oktober 1970 angetreten. Seitdem fahndete Interpol nach ihm.
Denn an Zehrgeld hatte der Fabrikherr der Firmenkasse 4,3 Millionen Mark entnommen -- den Abschied überlebte Schanzenbach nicht. Als das Unternehmen, mit Schulden von über 40 Millionen Mark zahlungsunfähig, seine 380 Bediensteten feuern und die Bücher schließen mußte, eröffnete der Staatsanwalt die Strafakte.
Freudig hatten 1968 die Schanzenbach-Erben, darunter Horst Knapp, Vorsitzender der Hessischen Metallarbeitgeber und Vize im Bundesverband Gesamtmetall, ihre 69jährige Firma dem dynamischen Kerschgens überlassen: Er kaufte Schanzenbach mit Krediten, die ihm die Banken auf den guten Namen Schanzenbach gewährten.
Das Fabrikgelände im Frankfurter Stadtteil Bockenheim, so hatte Kerschgens gleich beim Start 1968 kundgetan, sei für die angejahrten Produktionsanlagen zu schade. Deshalb erwarb er -- mit Kredit -- am Frankfurter Osthafen ein neues Industrieareal.
Noch Größeres hatte er in Bockenheim vor. Auf dem alten Schanzenbach-Besitz, rund 9000 Quadratmeter, plante er ein City-Center mit einem 28geschossigen Wohnturm für 75 Millionen Mark.
Mit "Mainhattan" indes, seinem Trabantenstadt-Projekt zwischen Frankfurt und Hanau, übertraf Kerschgens sich selbst. Wohnungen für zunächst 6000 Menschen sollten aus der sumpfigen Main-Aue sprießen -- geplanter Aufwand: 350 Millionen Mark.
Daß wegen gewerbsmäßigen Betrugs in anderer Sache schon damals gegen den Leuchtenfabrik-Herrn ermittelt wurde, vermochte Kerschgens Karriere nicht zu bremsen.
Johann Kerschgens aus Aachen, im Textilfach glücklos, hatte sich Mitte der fünfziger Jahre nach Österreich abgesetzt und dort unter anderem Waschmaschinen verhökert. Mit einem neuen Gerät, aber einer alten Masche, tauchte er 1966 wieder in Frankfurt auf.
Er habe, so berühmte sich Kerschgens Mitte der sechziger Jahre, ein Hobby-Galvanisiergerät erfunden. Von Interessenten, die er an seinem Erfinderglück gern teilhaben ließ, kassierte er für die Vergabe von Vertriebsrechten und Auslieferungslager bis zu 150 000 Mark. In mindestens 48 Fällen, heißt es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, wurden die Hobby-Generalvertreter zwar ihr Geld, nicht aber die Kerschgens-Apparate los.
Kapitalster Hobby-Partner wurde Gernot von Rauchhaupt, der neben Horst Knapp und einer Siemens-Tochterfirma einer der Schanzenbach-Kompagnons war: Durch eine Bilanz geködert, die ein von Kerschgens wie Rauchhaupt gleichermaßen konsultierter Steuerberater zurechtfrisierte, trat er mit 250 000 Mark als Teilhaber in die Kerschgens-Firma ein.
Die Viertelmillion Mark Geschäftseinlage seines neuen Gesellschafters besorgte Kerschgens auf Kredit, und dafür verpfändete ihm Rauchhaupt seinen Schanzenbach-Anteil. Doch als Rauchhaupt dann kam, war die Hobby-Galvano-Firma schon pleite. Rauchhaupt war sein Geld los, doch Kerschgens konnte sich bei Schanzenbach als neuer Teilhaber präsentieren.
Nun war kein Halten mehr: Johann Kerschgens avancierte im Handbuch des Hoppenstedt-Verlages unter die "leitenden Männer der Wirtschaft" und in Wien zum Kommerzialrat. In Oberösterreich, nahe Traunstein, baute er seinen 35 000 Quadratmeter großen Landsitz in Scharnstein herrschaftlich aus.
Dem Leben im großen Stil -- zwei Rolls-Royce, ein weißer Mercedes 600, eine Motorjacht für mehr als 300 000 Mark -- waren auch die Bauideen angemessen, mit denen Kerschgens Geldgeber begeisterte. Die Banken, voran die Hannoversche Hypothekenbank Braune Hanne, die Volksbank Hausen, die Hamburger Sparcasse von 1827 und die Frankfurter Hypothekenbank, pumpten den verwegen planenden Kommerzialrat mit Krediten voll.
Mit 3,6 Millionen Mark zum Beispiel belastete Kerschgens das neue Fabrikgelände am Frankfurter Osthafen, das er für 1,4 Millionen Mark erstanden hatte. Auf dem Bockenheimer City-Center lagerten 22 Millionen Mark -- die Hamburger Sparcasse ersteigerte es dann für 8,7 Millionen Mark.
Die Hypotheken-Millionen sammelte der Firmenausschlächter auf Konten in Luxemburg und Zürich. Doch ein eher kleiner Geldbetrag machte dann im Herbst 1970 den Kommerzialrat reiselustig: Wegen überfälliger Sozialversicherungsbeiträge von 125 279,61 Mark löste die Allgemeine Ortskrankenkasse Frankfurt den Schanzenbach-Konkurs aus. Da floh Johann Kerschgens mit 4,3 Millionen Mark. 1,2 Millionen Mark stammten aus der Pensionskasse der Belegschaft.

DER SPIEGEL 31/1973
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