02.11.1955

MAYERLINGDas Ende der Legende

Seit der österreichische Kronprinz Rudolf sich und seiner Geliebten, der Baronesse Mary Vetsera, in den Morgenstunden des 30. Januar 1889 im Jagdschloß Mayerling das Leben nahm, ist die "Affäre Mayerling" gleichermaßen das Thema ernster Geschichtsforschung und kitschigromantischer Unterhaltungsliteratur. Die Mauer des Schweigens, die Rudolfs Vater, Kaiser Franz Joseph von Österreich, um den rätselhaften Freitod des Kronprinzen errichtete, begünstigte die Legendenbildung: Vom Selbstmord aus Liebe bis zum politischen Mord im Auftrag des kaiserlichen Vaters wurden alle paar Jahre neue Deutungen der Affäre Mayerling in Umlauf gebracht.
Es blieb nicht aus, daß sich auch der Film des Themas bemächtigte. Von in- und ausländischen Produktionsfirmen wurde der Doppelselbstmord, romantisch verbrämt, auf der Leinwand dargestellt, einmal sogar mit dem melancholischen Charles Boyer in der Hauptrolle. Und in diesem Sommer hat wieder einmal eine Produktionsgesellschaft, nämlich die österreichische Sascha-Filmgesellschaft, eine Neuverfilmung der Affäre Mayerling angekündigt.
Gegen Ende des vergangenen Monats aber überraschte die Korrespondenz "Filmpress" die Filmleute mit der Feststellung, alle Drehbuchautoren täten gut daran, ihre schon fertiggestellten Manuskripte in den Ofen zu stecken. Der Berliner Regisseur R. A. Stemmle ("Berliner Ballade") kenne als einziger Filmmann die wahren Hintergründe der Affäre Mayerling, er allein besitze damit den Schlüssel zur Verfilmung des Falles.
Tatsächlich hat Stemmle durch Zufall eine Akte des ehemaligen k. u. k. Polizeipräsidiums Wien in die Hand bekommen, deren Inhalt die Affäre Mayerling in neuem Licht erscheinen läßt. Auf seltsamen Wegen war das Dokument aus den Schränken des Wiener Polizeipräsidiums nach Berlin gekommen. Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich hatte der neuernannte stellvertretende NS-Polizeipräsident von Wien, Fitzthum, mehrere verstaubte Akten mit nach Hause genommen. Warum dem Österreicher Fitzthum Wert und Bedeutung der Akte entgingen, ist ungeklärt: Fitzthum zu fragen, ist unmöglich, da er spurlos verschwunden ist. Jedenfalls schenkte er die Akte einem Berliner Parteigenossen. In dessen Wohnung fand sie 1945 der Kommunist Baierle, der im Auftrag der Stadt Berlin NS-Wohnungen beschlagnahmte. Er nahm sie mit. Als Baierle im Elend starb und die Gemeindeverwaltung sein Begräbnis bezahlen sollte, versuchte sie sich an seinem spärlichen Nachlaß schadlos zu halten. Am Boden einer alten Bücherkiste fand man die Mayerling-Akte.
"Eines Tages", berichtet Regisseur Stemmle, "rief mich ein Bekannter aus der Stadtverwaltung an, er habe da eine Akte aus dem vorigen Jahrhundert, vielleicht würde sie mich interessieren. Ich schaute sie mir an und war sofort der Überzeugung: Die Akte war echt!" Der Wiener Polizeipräsident Franz Freiherr von Krauss hatte die Mayerling-Akte 1889 - ohne Wissen und gegen den Willen seines Kaisers - angelegt. In einer seltsamen "Anwandlung von historischer Fairneß" wollte Stemmle, wie er sagt, die Akte nicht selbst veröffentlichen, sondern sie an den "Ort ihres Ursprungs" zurückbringen.
Im Sommer war die Kunde von der Existenz der Akte schon bis nach Wien gedrungen. Während eines Fußballspiels im Wiener Stadion fragte der Wiener Journalist Friedrich Torberg seinen Freund Fritz Molden, 31, Herausgeber der Wiener "Presse" und "Wochen-Presse", ob er an neuem Material über Mayerling interessiert sei. Nach anfänglichem Zögern beschloß Molden, der Sache nachzugehen. Der Wiener Produktionsleiter Dürer hatte die Akte in Stemmles Auftrag übernommen und schon vergeblich der "Wiener Wochenausgabe" angeboten. Bereitwillig überließ er Molden das Material. Man einigte sich bald: Molden erwarb für 3500 Schilling (rund 560 Mark) die Presserechte der Akte. Stemmle behielt sich die Filmrechte vor.
In Wien bemühte sich die Redaktion der "Wochen-Presse" sogleich, die Angaben der Akte zu überprüfen und zu ergänzen, aber auch eine offizielle Bestätigung für die Echtheit der Dokumente zu erhalten. Der Beamte des Staatsarchivs, dem Molden die Akte zur Prüfung übergab, wollte die Schriftstücke als "Eigentum der Republik Österreich" kurzerhand einbehalten. Erst nach langen Verhandlungen konnte Molden mit der Republik Österreich einen Kompromiß schließen: Die Akte wurde dem Staat übergeben, Molden durfte sie jedoch für Veröffentlichungen in der Presse auswerten. Am 23. August erhielt er sogar von der Finanzprokuratur der Republik die Bestätigung: Die Akte ist echt.
Mit der Veröffentlichung der Dokumente in der "Wochen-Presse" wurde also zum erstenmal eine offizielle österreichische Akte über die dunkelste Affäre der letzten Tage der Habsburger bekanntgemacht. Besonders bedeutsam ist der in der Akte enthaltene Obduktionsbefund. Er bestätigt den Tod durch eine Schußwaffe: Der Körper der Vetsera wies einen kleinen Einschuß an der Schläfe auf, was die Theorie bekräftigt, daß der Kronprinz seine Geliebte erschossen hat. Bei Rudolf selbst "konstatiert Doktor Franz Auckenthaler zweifellos Selbstmord mittels Schußwaffe". Dadurch wird die Legende, Rudolf sei von aristokratischen Orgien-Kumpanen mit einer Champagner-Flasche ermordet worden, endgültig widerlegt.
Über Rudolf selbst ist auf den 488 Seiten der Akte nur Negatives verzeichnet. "Bei Licht betrachtet enthüllt der Geheimakt 'A 1 Res. 1889' nicht mehr als den fatalen Charakter und schändlichen Lebenswandel des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Rudolf bis zu der Stunde von Mayerling, in der er zum Mörder wurde, um sich danach selbst zu beseitigen", vermerkt "Filmpress". "Er enthüllt sein niederträchtiges Verhalten gegenüber Frauen aller Stände. Er enthüllt die Zuhälterdienste seiner adligen Freunde, die ihm das Wild zu Dutzenden ins Gehege trieben. Er enthüllt die Tätigkeit der Kupplerin Larisch. Und er bringt - was die illustrierte Presse wahrscheinlich unterdrücken wird - Dutzende von detaillierten Aussagen berufsmäßiger Dirnen, die sich der Kronprinz in die Hofburg bringen ließ."
Weiter: "Gerade diese Aussagen, die auf den vom Polizeichef Krauß gesammelten Niederschriften kein Blatt vor den Mund nehmen und Einzelheiten zum besten geben, die Casanova zum Erröten gebracht hätten, sind der eigentliche Schlüssel zum 'Rätsel Mayerling'. Ein durch und durch morbider Charakter sah keinen Ausweg mehr als die Verwirklichung der fixen Idee ... mit einer Frau zu sterben. Der Akt 'A 1 Res. 1889' ist insofern nicht mehr als die kriminalpolizeiliche Materialsammlung über einen kaiserlichen Lustmörder."
Über die Gründe für Rudolfs Selbstmord gibt die Akte keine Klarheit. Einige Angaben der Akte untermauern die Version, die Mary Vetseras Mutter in einer privaten Denkschrift nach dem Selbstmord gegeben hat. Fast alle Exemplare der Niederschrift wurden auf Befehl des Kaisers vernichtet. Nur drei blieben übrig, eines davon war der Akte "A 1 Res. 1889" beigeheftet. Danach wird der Ablauf der Ereignisse so geschildert:
Marie Gräfin Larisch-Wallersee, Rudolfs ehemalige Freundin, habe dem Kronprinzen - vermutlich aus persönlichem Haß gegen die Kronprinzessin Stephanie - die 17jährige Mary Vetsera zugeführt. Als dann der liberal eingestellte, gemütskranke Rudolf in politische Gegensätze zu seinem absolutistischen Vater geriet und den Freitod beschloß, fand er in der Vetsera eine berauschte Gefährtin des Todes.
In der Akte "A 1 Res. 1889" werden die letzten Stunden, die sie mit dem Kronprinzen verbrachte, minuziös rekonstruiert: Nach dem Abendessen ruft Rudolf seinen Fiaker-Kutscher Bratfisch herein. Er bietet ihm Wein und Zigarren an und befiehlt ihm, etwas zu pfeifen und zu singen. Bratfisch singt: "'s gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wean!"
Gegen 11 Uhr wird der Kutscher entlassen, und Mary Vetsera setzt sich hin, um einige Abschiedsbriefe zu schreiben. Ihrer Mutter schreibt sie: "Liebe Mutter! Verzeiht mir, was ich getan. Ich konnte der Liebe nicht widerstehen. In Übereinstimmung mit ihm will ich neben ihm im Friedhof von Alland begraben sein. Ich bin glücklicher im Tod als im Leben. Deine Mary."
"Wir sind schon sehr neugierig, wie es in der anderen Welt aussieht", fügt sie noch als Nachsatz hinzu. Und: "Bratfisch hat ganz wunderbar gepfiffen!"
Ihrer Schwester Hanna schreibt sie: "Wir gehen beide selig in das ungewisse Jenseits. Denk hie und da an mich. Sei glücklich und heirathe nur aus Liebe. Ich konnte es nicht thun, und da ich der Liebe nicht widerstehen konnte, so gehe ich mit Ihm. Deine Mary. Weine nicht um mich, ich gehe fidel hinüber. Es ist wunderschön hier draußen, man denkt an Schwartau. Denk an die Lebenslinien in meiner Hand. Jetzt nochmals Lebewohl!"
Auch ihr Bruder und der junge Herzog von Braganza, der sie einmal heiraten wollte, werden mit Abschiedsbriefen bedacht. Dem Herzog vermacht sie sogar ihre Pelzboa, er soll sie sich über das Bett hängen. Rudolf schreibt unter den Brief: "Servus Wasserer!*)"
Ihren letzten Brief schrieb Mary Vetsera der Kupplerin Larisch: "Liebe Marie, vergib mir all das Leid, das ich über Dich gebracht habe. Ich danke Dir herzlich für alles, was Du an mir getan hast. Wenn das Leben zu schwer für Dich werden sollte, und ich fürchte, das wird es werden, nach dem, was wir getan haben, so folge uns. Es ist das Beste, was Du tun kannst. Deine Mary."
Die Neuauflage der Mayerling-Geschichte mit solchen Details begeisterte nicht nur das österreichische Publikum. Molden verkaufte die Story, die er und seine Redakteure aus der Akte und ihren Recherchen in Wien gebaut hatten, in zwölf Länder.
Stemmle hatte mit den Filmrechten, die er sich vorbehalten hatte, weniger Glück. Als Abgesandte Stemmles bei dem Sascha-Produzenten Dr. Herbert Gruber vorfühlten, stießen sie auf Desinteresse. Denn ebenfalls durch einen Zufall hatte Gruber im April 1954 eine der drei noch existierenden Denkschriften der Mutter Vetsera in die Hand bekommen. Ein Freund Grubers hatte sie beim Durchstöbern abgelegter Bücher in der Nationalbibliothek
gefunden. Auf diese Denkschrift und auf "gewisse historisch-politische Erkenntnisse" will Gruber seinen Film stützen. "Das neue Mayerling-Material", behauptet er kühn, "ist filmisch nicht weiter interessant."
Der von der Sascha geplante Mayerling-Film - der Titel steht noch nicht fest - beginnt mit Rudolfs Begräbnis. Getreulich wird die historische Szene dargestellt, wie der sonst im spanisch-österreichischen Hofzeremoniell erstarrte Kaiser Franz-Joseph sich schluchzend über Rudolfs Sarg wirft. Es wird gezeigt, wie ihm Erzherzog Johann Salvator (der später als "Johann Orth" in die Welt zog und spurlos verschwand), zuflüstert: "Jetzt ist's zu spät".
Gleich darauf sieht man ein kleines Holzkreuz mit dem Namen Mary Vetsera auf dem Friedhof Heiligenkreuz, vor dem Grab steht weinend ihre Mutter. Plötzlich erscheint Rudolfs Mutter, die Kaiserin Elisabeth (Lil Dagover), ergreift die Hand der Weinenden und sagt: "Sie haben eine Tochter verloren, ich einen Sohn." Aus dem Gespräch der beiden Mütter wird die Liebesgeschichte zwischen Rudolf und Mary entwickelt. Rudolf (Rudolf Prack) wird schließlich in eine Verschwörung gegen seinen Vater verwickelt (die historisch belegt ist). Er verstrickt sich immer mehr in die Intrige, bis schließlich ein öffentlicher Skandal droht.
Auch sein Wunsch, sich von der ungeliebten Gattin Stephanie von Belgien zu trennen, bringt ihn in Gegensatz zum Kaiser. Er entschließt sich, mit Mary Vetsera aus dem Leben zu scheiden. Nach der letzten Liebesnacht (Produzent Gruber: "Es ist die einzige Szene, in der wir ihr Verhältnis andeuten") will er Mary leben lassen und sich allein umbringen. Sie erwacht aber rechtzeitig und überredet ihn, auch sie zu töten. Die Mordszene wird übergangen ("Wir wollen keine makabre Effekthascherei"), und der Film schließt mit den Worten der Kaiserin Elisabeth an die Mutter der Vetsera: "Ich werde dafür sorgen, daß Ihre Tochter ein würdiges Grab erhält."
Wer die Rolle der Mary Vetsera spielen wird, steht noch nicht fest: Gesucht wird eine Schauspielerin, die jung wirkt und doch im Alter zu Prack paßt. Die Dreharbeiten sollen Anfang Dezember in Mayerling beginnen. Um diese Zeit werden im stillen Tal des Wiener Waldes graue Nebel die Stimmung heraufbeschwören, in der Rudolf und Mary ihre letzten Stunden verbrachten.
Nach dem Mißerfolg bei Gruber hat man in Wien von anderen Plänen Stemmles nichts gehört. Da der Drehbeginn der Sascha kurz bevorsteht, ist auch kaum anzunehmen, daß Stemmle der Gesellschaft zuvorkommen könnte. So hat ihm seine sensationelle Entdeckung ganze 21 500 Schilling (3460 Mark) eingebracht: 3500 Schilling (560 Mark) erhielt er von Molden für die Presserechte. 18 000 Schilling (2900 Mark) sandte Molden ihm freiwillig, als sein Geschäft mit Mayerling große Gewinne abzuwerfen begann.

IN DEN KREIS DER 40 "UNSTERBLICHEN"
der Académie Française zog am Donnerstag vergangener Woche Jean Cocteau ein - unter dem Beifall zweier Ex-Königinnen, Marie-José von Italien und Elisabeth von Belgien, und 800 französischer Künstler, Wissenschaftler, Politiker und Salonlöwen. Der 66jährige Dramatiker, Schriftsteller, Filmautor und Zeichner Cocteau durchbrach dabei alle traditionellen Regeln der 320 Jahre alten Institution, indem er statt im üblichen grünen Frack in Mitternachtsblau erschien, umgürtet mit einem diamantenglänzenden, von ihm entworfenen Degen. Jean Cocteau blieb auch bei dieser Gelegenheit der von ihm gepflegten Legende treu, er sei das enfant terrible der französischen Literatur. Er erklärte, daß er sich die Académie bisher immer als einen Rendezvousplatz von "40 Meerjungfrauen mit grünen Schwänzen" vorgestellt habe. Daß er sich um einen Sitz im Kreis der "Unsterblichen" beworben habe, begründete er "teils mit dem Wunsch eines Gespenstes, am echten Leben teilzuhaben, teils mit der Sehnsucht eines stehenden Fahrgastes nach einem Sitzplatz, teils mit dem Durst eines umherziehenden Zigeuners nach einer festen Bleibe". Radio Paris übertrug seine stundenlange Antrittsrede.
*) Wasserer hießen in Wien die Wasserträger an den Fiakerhalteplätzen. Der Herzog von Braganza hatte diesen Spitznamen, weil er auf Jagden ein rotes Halstuch trug wie die Wasserer.
*) In "Kaisermanöver".

DER SPIEGEL 45/1955
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