30.11.1955

BILDERHANDEL / MALEREIVierzig Prozent Alpen

Warum der Kunsthändler Werner Karst im Jahre 1951 von den Ostberliner Behörden wegen " wirtschaftlicher Unfähigkeit" enteignet worden ist, wird für immer rätselhaft bleiben. Denn Karst hat seitdem den westdeutschen Kunsthandel um eine Methode bereichert, deren Wert für die Kunst jedenfalls strittig, deren wirtschaftlicher Erfolg aber unbestreitbar ist. Sein "Haus der tausend Gemälde", das er sich in der Westberliner Kantstraße einrichtete, darf - mindestens wegen der Höhe des Umsatzes - zur Spitzengruppe des deutschen Kunsthandels gezählt werden.
Der 46jährige Karst hat in das Bildergeschäft einige Methoden eingeführt, die bis dahin der fabrikatorischen Produktion von Gebrauchsgütern vorbehalten waren. Er hat sich vertraglich die Mitarbeit eines Teams von etwa dreißig Malern gesichert und dessen Maltechnik rigoros rationalisiert. Jeder der dreißig Maler bearbeitet in einer Art von Fließbandtechnik immer die gleichen Motive. Karst findet: "Alle meine Bilder tragen den Stempel deutscher Wertarbeit." Sein Geschäftsprinzip ist, einer breiten Menge von Käufern für billiges Geld etwas "Gutes" zu bieten, wobei unter Güte vor allem die naturgetreue Wiedergabe des abgebildeten Gegenstandes verstanden wird. Für ungegenständliche - sogenannte "abstrakte" - Bilder ist in seinem rationalisierten Gemäldehandel kein Platz.
Karsts Malermanufaktur ist durch diese Steuerung heute so weit organisiert, daß jedes Spezialgebiet von einem Fachmann bearbeitet wird. Solche Ressorts sind etwa "Berliner Motive und Architektur-Malerei", "Gebirgslandschaften", "Seestücke und Marinebilder", "Blumenstilleben" und dergleichen. Durch diese Arbeitsteilung wollte Karst erreichen, daß
▷ die handwerkliche Fertigkeit erhöht und
▷ die Arbeitszeit für jedes Bild verkürzt werden konnte.
Außerdem kauft Karst die Leinwand für die bei ihm arbeitenden Maler en gros ein und läßt sie von einem Fachmann für alle gemeinsam grundieren. Karst gibt an, diese Maßnahme sei nötig gewesen, weil er auf diesem Gebiet schlechte Erfahrungen gemacht habe. Einige der zu ihm stoßenden Künstler seien finanziell nicht in der Lage gewesen, das Geld für einwandfreie Leinwand auszulegen. Außerdem würden durch das von ihm gewählte Verfahren die Materialkosten um etwa die Hälfte gesenkt.
Denn billig muß das "Haus der tausend Gemälde" liefern können. Sechzig Prozent der dort angebotenen Gemälde liegen in der Preisklasse zwischen 150 und 200 Mark, die übrigen vierzig Prozent sind meist nur wenig teurer. Insgesamt verkauft Karst zwanzig Prozent der Gemälde gegen Teilzahlung. Daß die von ihm geforderten Preise nicht höher zu sein brauchen, liegt freilich nicht nur an seinen Rationalisierungsmaßnahmen, sondern auch an dem Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. In Westberlin aber sind gegenwärtig beim Facharbeitsamt etwa 3500 arbeitslose Maler registriert.
Deswegen konnte es sich Karst erlauben, bei der Zusammenstellung seines Teams wählerisch zu sein. Die für ihn arbeitenden Maler verdienen monatlich im Durchschnitt zwischen 500 und 1200 Mark.
Star in diesem Maler-Ensemble ist derzeit Professor Arnold Graboné, ein Schüler Max Liebermanns. Er ist allerdings der einzige, der es sich leisten kann, auch dem Manager Karst gegenüber seine Preise zu diktieren. 1952 flog der damalige General und derzeitige US-Präsident Eisenhower zweimal wöchentlich von Paris nach Fürstenfeldbruck, um sich von Graboné im Gebrauch von Pinsel und Spachtel unterrichten zu lassen. Die deutlichen Fortschritte dieses prominenten Graboné-Schülers veranlaßten kurze Zeit später auch den damaligen britischen Premier und Amateur-Maler Winston Churchill, Graboné zu einem Erfahrungsaustausch auf die Insel Man einzuladen. Auf solche Weise vom Hauch politischer Größen umwittert, kann es sich der Professor Graboné erlauben, von Karst für seine Gebirgslandschaften Preise von 500 Mark aufwärts zu fordern.
Die anderen Maler müssen sich mit wesentlich geringeren Honoraren bescheiden. Wie die meisten seiner Team-Kollegen erhält zum Beispiel Curt Bruckner-Echtermeyer, ein Enkel des Bildhauers Carl Echtermeyer, pro Bild durchschnittlich nur 100 Mark. Aber Bruckner-Echtermeyer, bei Karst Spezialist für Bilder im Stil alter Meister - worunter
eine Art Mischung der Stile von Menzel und Spitzweg zu verstehen ist - , in seiner Freizeit aber Fachmann für surrealistische Phantasien, ist mit seiner Arbeit durchaus zufrieden: "Ich beherrsche mein Handwerk und arbeite sehr rasch. Wenn ich nur zehn Bilder im Monat umsetze, komme ich auf meine Kosten."
Einen wesentlichen Grund für seinen ungewöhnlichen wirtschaftlichen Erfolg erblickt Karst in dem großen Angebot, das er seinen Käufern im "Haus der tausend Gemälde" vorsetzen kann: "Tausend ist eine einprägsame Zahl", sagt er, "in Wirklichkeit liegt mein Angebot noch wesentlich höher." Nach seinen Erfahrungen blickt sein Publikum im allgemeinen nicht auf den Namen des Malers, sondern richtet sich nach dem, was auf den Bildern dargestellt ist. Der Nachfrage entsprechend, ist Karsts Lager nach etwa folgenden Prozentzahlen aufgeschlüsselt:
▷ 40 Prozent Alpenlandschaften;
▷ 25 Prozent andere Landschaften und "heimatgebundene" Motive;
▷ 10 Prozent Jagd- und Tierszenen;
▷ 10 Prozent Blumenstücke;
▷ 5 Prozent figürliche Darstellungen;
▷ 5 Prozent Seestücke und Marinebilder;
▷ 5 Prozent Mittelmeerlandschaften.
Bei den Alpenlandschaften, die an der Spitze rangieren, begnügen sich die Käufer neuerdings im allgemeinen nicht mehr mit irgendwelchen beliebigen Motiven, sondern verlangen ganz bestimmte Gegenden - zumeist jene, in denen sie ihren Urlaub verbracht haben. Aber auch mit solchen Aufträgen wird die Kapazität des "Hauses der tausend Gemälde" nicht überfordert. Aufträge solcher Art gibt Karst einfach an den zuständigen Spezialisten weiter, der das gewünschte Bild in wenigen Tagen liefert.
Gebremst wurde Karsts Geschäft zunächst freilich durch die sehr begrenzte Aufnahmefähigkeit des Berliner Marktes. Es gelang dem Kunsthändler aber, auch in der Bundesrepublik - die heute seine Haupteinnahmequelle darstellt - und in den Vereinigten Staaten Interessenten aufzutreiben. Der westdeutschen Kundschaft annonciert er seine Ware als "preiswerte und leicht verkäufliche Gemälde Berliner Künstler in reicher Auswahl". Für den Export in die USA eignen sich allerdings, im Gegensatz zu Deutschland, "Landschaften, die nicht allzu realistisch sein dürfen". Vielmehr werden dort "dunstige Stimmungen" bevorzugt. Karst kann sie leicht liefern, denn er hat natürlich in seinem Team auch einen Spezialisten für dunstige Stimmungen.
Obwohl es niemand verboten ist, den künstlerischen Wert von Karsts Fließbandmethode zumindest für fragwürdig zu halten, darf als sicher gelten, daß mit Hilfe dieses Kunsthändlers mindestens den dreißig Team-Malern etwas gelungen ist, was viele ihrer Kollegen zeitlebens vergebens anstreben: ihren Lebensstandard dem eines bundesrepublikanischen Normalbürgers anzugleichen. "Wir haben keine Sorgen mehr", formuliert es für seine Kollegen der Alte-Meister-Spezialist Bruckner-Echtermeyer. "Wir können in aller Ruhe arbeiten, ohne aus öffentlichen Mitteln unterstützt zu werden."
Mit dieser Äußerung spielte Bruckner-Echtermeyer absichtsvoll auf eine offene Wunde im deutschen Kunstbetrieb an. Denn nach wie vor beginnt ein großer Teil der Absolventen deutscher Kunstakademien und Kunsthochschulen seinen Schritt ins Leben mit einem Gang zur Arbeitslosenfürsorge. Viele Kunstschüler bereiten sich heute auf Kosten der Steuerzahler auf einen Beruf vor, der sie wahrscheinlich zeitlebens dazu verdammt, weiterhin auf Kosten der Steuerzahler zu existieren.
So haben sich inzwischen auch einige Studenten der Westberliner Hochschule für Bildende Künste bei Karst eingefunden, die an seinem Fließbandgeschäft mit Gemälden partizipieren wollten. Karst wies sie zurück. Nach seiner Ansicht reichte ihre akademisch erworbene Maltechnik nicht aus, um die Bedürfnisse seiner Kundschaft zu befriedigen.
*) Gemälde von Curt Bruckner-Echtermeyer: "Der Vertrag". Preis mit Barockrahmen: 450 Mark.

DER SPIEGEL 49/1955
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