09.07.1973

DDR/GRENZVERKEHREndlich einen heben

Enttäuscht waren Ostdeutsche vom nur spärlichen Zustrom der Westler am Beginn des kleinen Grenzverkehrs mit der DDR. Die Ost-Stationen, mit löblichem Service, sind auf Massenandrang eingerichtet.
Sechzehnmal schon war Walter Brokmann mit seinem "Setra"-Bus vom Postamt in Bergen an der Dumme über die neue Grenzübergangsstelle zur DDR -Servicestation fahrplanmäßig hin- und hergependelt. Dann, bei der siebzehnten Tour gegen 18 Uhr am Donnerstag letzter Woche. blieb er plötzlich aus.
Vor ihrer Abfertigungsbaracke an der Bundesstraße 71 hielten Beamte des Zollgrenzdienstes das Doppelglas vor die Augen: "Der wird". fragte einer, "doch nicht verschütt gegangen sein?"
Doch schließlich, mit zwanzig Minuten Verspätung, kurvte Brokmanns Bus doch wieder heran. "Die klönen da mit einem", berichtete er, "die wollen wissen, weshalb denn keiner kommt."
Denn: Der Ansturm. der hüben wie drüben zu Beginn des kleinen Grenzverkehrs zwischen Deutschland erwartet worden war, fand nicht statt. Fürs erste transportierte Brokmann auf insgesamt 26 Fahrten nur ein Ehepaar aus dem westlichen Wustrow. das zwei Schwestern gegenüber in Salzwedel besuchte und kurz vor Mitternacht wohlbehalten zurückkehrte.
Wie im niedersächsischen Bergen war es an den drei anderen Übergängen, die
* An der niedersächsischen Grenzstation Bergen.
eigens eingerichtet worden waren -- bei Gerblingerode, Eußenhausen, Rottenbach. Und ein paar Tage zu früh gefreut hatte sich auch der Lüneburger Bundestagsabgeordnete Helmuth Möhring (SPD), der morgens 2.45 Uhr zu einer Pressekonferenz anläßlich der ersten Busfahrt vors Bergener Postamt geladen hatte. Als die Touristenströme ausblieben, nahm der Abgeordnete am Zonenrand im Grase Platz und ließ sich mit seiner Polaroid-Kamera "fürs Familienalbum" knipsen.
In den grenznahen Kreisen der Bundesrepublik, von wo allein Tagesfahrten in die östlichen Randzonen gemäß Grundvertrag erlaubt sind, waren in den letzten vierzehn Tagen "tonnenweise Antragskarten" (Möhring) angefordert worden. "Stapelweise", so ließ die Post in Duderstadt wissen, tragen aber erst seit Mitte voriger Woche die Briefträger Umschläge der Volkspolizei-Kreisämter mit Berechtigungsscheinen, Zählkarten und "Erklärungen über mitgeführte Gegenstände und Zahlungsmittel" aus -- dies alles, nebst Paß, fünf Mark für ein Visum und zehn Mark für den Geldumtausch, muß jeder dabei haben, der zwischen null und 24 Uhr hinüber möchte.
Ohne Firlefanz an Formalitäten geht es noch nicht im innerdeutschen Verkehr. Fahrer Brokmann in Bergen und seine Kollegen an den anderen Passierstellen mußten denn auch auf Geheiß der DDR-Kontrolle bei jeder Tour aufs neue ihren Paß und ihr Dauervisum vorzeigen, die leeren Kofferräume und mitunter auch die Motorhauben ihrer leeren Busse öffnen. Brokmann: "Dann lächle ich, dann lächeln die, aber kontrolliert wird trotzdem."
Doch außer schmutzigen Händen vom dauernden Auf und Zu der Kofferräume und der Feststellung, daß der DDR-Asphalt zu weich sei ("Wenn man 40 fährt, geht das Pflaster weg"), brachten die Grenzpendler auch freundliche Eindrücke zurück: Die DDR-Servicestationen, so ihr Urteil, tragen ihre Bezeichnung zu Recht.
Neben Wachttürmen und Schnellsperren sind die Stationen hinter der Grenze auch mit Intershop-Laden versehen, mit Mitropa-Gaststätte, Staatsbankfiliale, Reisebüro und Bus-Anschlüssen, die präzis auf den Plan der westlichen Seite abgestimmt sind.
Im Intershop gegenüber Bergen standen am ersten Tag des kleinen Grenzverkehrs schon vier Damen zur Bedienung bereit, in den Regalen war das Angebot komplett, die Flasche Dujardin für 12.50 Mark (Ost) zu haben.
Das staatseigene Reisebüro gibt einen Stadtführer von Salzwedel und gegen 50 Pfennig Fahrpläne für den Kraftomnibusverkehr im Bezirk Magdeburg aus und ließ wissen, solche Fahrpläne seien auch bereits "Ihrem Ministerium zugeleitet" worden. überdies sollen für die westdeutschen Besucher Tagesausflüge organisiert werden
zu acht Ost-Pfennig pro Person und Tarif kilometer.
Für die neun Kilometer zwischen der Servicestation und Salzwedel sind im Pendelverkehr freilich 2,40 Ostmark zu entrichten. "Dafür", beklagte sich ein DDR Rentner, der vorige Woche den Bus zur Reise in den Westen nahm, "fahren wir sonst "ne ganze Stunde." Und in der Wechselstube der Staatsbank konnte man diesem Rentner auch noch kein Ost- in Westgeld eintauschen: D-Mark haben sie dort erst, wenn von Westdeutschen welche abkassiert sind.
Gemessen am bisherigen Antrags-Aufkommen für die Tagestouren ins unbekannte Land, wird es daran nicht mangeln. In einer Mitropa-Gaststätte zischte am Donnerstag schon probehalber das Bier aus dem Hahn. "Dann können wir ja", sah prostbedürftig ein Bergener Dorfbewohner voraus, "endlich mal wieder drüben einen heben."

DER SPIEGEL 28/1973
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