24.09.1973

Der Tod kam nicht um 19.45 Uhr

Der Fall Vera Brühne, die spektakulärste deutsche Kriminalaffäre der Nachkriegszeit, muß wieder aufgerollt werden. Ein Jahrzehnt blieb der Fall umstritten. Nun steht fest: Das „Lebenslang“-Urteil des Münchner Schwurgerichts von 1962 ist in einem entscheidenden Punkt falsch -- die Tatzeit stimmt nicht. Neue gerichtsmedizinische Erkenntnisse beweisen: Elfriede Kloo und der Arzt Otto Praun starben später, als die Richter damals annahmen. Für Vera Brühne sind Wiederaufnahmeverfahren, Freispruch und vorzeitige Haftentlassung so gut wie sicher.
Der Mann auf dem Asphalt war tot.
Neben ihm hielt der Unfallhelfer ein Thermometer in die Luft. Ihn interessierte, wie kühl dieser Herbstabend im Breisgau war.
Um diese Jahreszeit wurden in Freiburg Leichenwagen und Leichenhallen mit ungewohntem Gerät bestückt -- Thermometer überall. Auf Zehntelgrade genau wurden Temperaturwerte notiert -an allen Stationen, etwa vom Unfallort bis hin zum Hause Albertstraße 9. Dort, am Institut für Gerichtliche Medizin, arbeitete der Direktor, Professor Balduin Forster, 53, an einer speziellen wissenschaftlichen Untersuchung. die nun abgeschlossen ist.
Was der Freiburger Gelehrte nach jahrelangen Forschungen in immer neuen Testreihen an Tier und Mensch herausgefunden und erhärtet hat, bedeutet eine Sensation für die Gerichtsmedizin und damit auch für Kriminalistik und Strafprozeß: grundlegende Erkenntnisse über die Zusammenhänge von Leichenstarre und Todeszeitpunkt.
Erstmals liegen jetzt sichere Kriterien vor, um aus den einzelnen Phasen der Leichenstarre und ihrer Lösung zu errechnen, wann ein Mensch gestorben ist -- ein für die Aufklärung zahlreicher Kriminalfälle entscheidender Faktor. Ende Oktober will Forster seine Forschungsergebnisse auf dem Münchner Kongreß für Rechtsmedizin den Fachkollegen aus dem In- und Ausland vortragen.
Aber schon am Mittwoch letzter Woche gingen die neuen Erkenntnisse einem Gericht der Bundesrepublik zu. Sie schaffen die Grundlage, das bundesdeutsche Kriminalstück Nr. 1, den Mordfall Vera Brühne, nach einem Jahrzehnt beständiger Urteilsschelte und steter Urteilszweifel von Rechts wegen neu aufzurollen. Denn nun steht fest, daß das Brühne-Urteil in einem entscheidenden Punkt falsch ist. Neuer Schwurgerichtsprozeß und Freispruch sind damit so gut wie sicher.
Nachdem das Münchner Landgericht im November letzten Jahres -- als Forsters Forschungsresultate noch nicht vorlagen -- den Wiederaufnahmeantrag abgewiesen hatte, soll nun das Oberlandesgericht (OLG) München in letzter Instanz entscheiden: aufgrund des 99 Seiten starken Forster-Gutachtens, das der neue Brühne-Anwalt Wilhelm Haddenhorst im Beisein des langjährigen Brühne-Verteidigers Franz Moser zusammen mit der Beschwerdeschrift dem 1. Strafsenat des OLG vorlegte. Der Freiburger Gerichtsmediziner führt darin den Nachweis. daß der vom Münchner Schwurgericht 1962 festgestellte Tatzeitpunkt "ausgeschlossen ist".
Will heißen: Der Fall Brühne muß neu verhandelt werden -- jener Fall, der einst zur umstrittensten Kriminalaffäre der Nachkriegszeit geriet und Verfahrens-Kritikern nachgerade als Synonym für Justizirrtum. Bayerns Justiz aber als ein Exempel ihrer Glaubwürdigkeit gilt.
Rechtsgeschichte hat der Fall schon heute gemacht: im Mittelpunkt jene alternde, doch attraktive Frau, die, so schien es, mit ihrem Liebhaber per Doppelmord frühzeitig einen Landsitz in Spanien erben wollte. Abziehbilder von spätem Sex und Dolce vita bestimmten die Szenerie vor dem Schwurgericht, beflügelten Vorurteile, standen der Wahrheitsfindung im Wege -- und lockten das Publikum an, zu Tausenden.
Noch 1969, als Vera Brühne in Augsburg als Zeugin in einem anderen Prozeß aussagen mußte, konnten Beamte den Andrang kaum bändigen. Neun Jahre nach dem Mordfall hatte das Spektakel nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt. Vera Brühne hinterher: "Es war entsetzlich. Ich mußte Spießruten laufen."
Keine Tageszeitung, keine Illustrierte ließ sich solchen Stoff entgehen, Metaphern wie "Luxus -- Laster -- Lügen" (Münchner "Abendzeitung") bestimmten den Reizwert eines Schauspiels, das selbst der DDR belangvoll schien; die Ost-Berliner Staatsfilmer fertigten ein Lichtspiel mit dem Titel "Die Liebenden der Costa Brava" (letzte Reprise Frühjahr 1973).
Der Schriftsteller Ulrich Sonnemann verfaßte ein Buch über den "bundesdeutschen Dreyfus-Skandal" und entnahm dem Münchner Urteil einen "gemeingefährlichen Grad von Denkverzicht", Kriminal-Autor Frank Arnau legte die "Autopsie eines Urteils" vor, Rudolf Augstein nannte (in einer SPIEGEL-Serie) den Brühne-Prozeß einen "bis zum heutigen Tag fortwirkenden Skandal". Das war geschehen:
Am 19. April 1960, es war der Dienstag nach Ostern, kam ·der praktische Arzt Dr. Otto Praun, 65, nicht in seine Münchner Praxis. Die Sprechstundenhilfe Renate Meyer versuchte mehrfach, wie sie später zu Protokoll gab, ihn in seiner Villa in Pocking am Starnberger See telephonisch zu erreichen -- niemand meldete sich. Gegen 22 Uhr fuhr sie mit ihrem Freund, dem Heizungsmonteur Hans-Joachim Vogel, nach Pöcking.
Dort fanden die beiden den Arzt: im Flur auf dem Rücken liegend, mit blutverschmiertem Gesicht -- tot. Sie alarmierten die Polizei. Im Kellervorraum entdeckten die Beamten eine zweite Leiche: Praun-Haushälterin Elfriede Kloo, 49, durch Genickschuß getötet. Dem Toten die Pistole unter die Hand geschoben?
Mehr als zwei Jahre später, am 4. Juni 1962, verurteilte das Münchner Schwurgericht Vera Brühne und ihren Freund Johann Ferbach -- er starb 1970 in der Haft -- als Doppelmörder zu lebenslangem Zuchthaus.
Die Version der Richter:
* Ferbach habe sich unter falschem Namen in die Praun-Villa Eintritt verschafft, Frau Kloo durch einen Genickschuß getötet, auf die Heimkehr des Arztes gewartet und ihn dann in der Garderobe mit zwei Kopfschüssen ermordet.
* Die mit dem Arzt liierte Vera Brühne habe, aus Habgier auf ein fettes Vermächtnis. die Tat gemeinsam mit Ferbach geplant und während ihrer Ausführung in der Nähe des Praun-Hauses im Auto gewartet.
So legten die Richter aufgrund fragwürdiger Indizien und Zeugenaussagen in ihrem Urteil die Tatzeit fest: bei Praun Gründonnerstag, 14. April, um 19.45 Uhr, bei Elfriede Kloo möglicherweise zwei Stunden früher. Laut Urteil soll Ferbach dem toten Arzt die Pistole unter die Hand geschoben, das Haus verlassen, sich dann "mit der in der Nähe wartenden Brühne" getroffen haben und mit ihr aus Pöcking davongefahren sein -- etwa um 20 Uhr.
Als Tatsache aber stellte das Urteil auch fest, daß Vera Brühne neuneinhalb Stunden später, am Karfreitagmorgen, in Bonn "gegen 5.30 Uhr die Mitbewohner des elterlichen Hauses, die Eheleute Wittich, mit der Behauptung weckte, daß das Türschloß klemme".
Gerichtsmediziner Forster hingegen kann für den Tod der Elfriede Kloo heute mit dem naturwissenschaftlich höchstmöglichen Sicherheitsgrad -- mehr als im Strafverfahren überhaupt erforderlich, nämlich "mit Sicherheit" -- nachweisen: "Der vom Schwurgericht festgestellte Todeszeitpunkt ist ausgeschlossen. Der Tod muß vielmehr wesentlich später eingetreten sein" -- nach Ansicht Forsters mindestens zehn. wahrscheinlich sogar noch viele weitere Stunden später.
Elfriede Kloo und der nach Ansicht des Schwurgerichts später als sie erschossene Otto Praun starben also frühestens zu einem Zeitpunkt, als Vera Brühne erwiesenermaßen in Bonn war. Und auch über Brühne-Freund Ferbach hatten die Münchner Richter damals ihre Überzeugung ins Urteil geschrieben, er habe am Karfreitag morgens zwischen 9 und 10 Uhr in seiner Kölner Wohnung gefrühstückt.
"Mit der Richtigkeit der bisher angenommenen Tatzeit steht und fällt das Urteil" -- das war schon 1971 die Quintessenz einer 16-Spalten-Kritik in der "Neuen Juristischen Wochenschrift", dem gängigsten Juristenfachblatt. Autor war ein renommierter Insider, der ehemalige Senatspräsident am Bundesgerichtshof Heinrich Jagusch. der mit dem ganzen Repertoire juristischer Akribie die Schwächen des Münchner Urteils bloßlegte -- Schwächen, die zumeist auf Mängeln der polizeilichen Ermittlungen beruhten.
Pannen und kriminalistische Blindheit schon gleich nach Bekanntwerden der Pöckinger Todesfälle hatten bewirkt, daß speziell die Festlegung der genauen Tatzeit selbst nach den damals gängigen Methoden im Ermittlungsverfahren unterblieb.
Vor allem die Beamten am Tatort ließen nahezu jede Kriminalisten-Sorgfalt außer acht. Sie tippten, Haushälterin und Arzt hätten gemeinsam aus dem Leben scheiden wollen -- Praun erschießt Elfriede Kloo auf deren Wunsch und verübt dann Selbstmord. Über dieser Annahme vernachlässigten sie die Spurensicherung. Einige der wichtigsten Versäumnisse:
* Es wurden weder die Schnapsgläser auf dem Tisch noch die Kippen im Aschenbecher untersucht, keine Fingerabdrücke genommen, die Leichen nicht obduziert und nur unzureichende Tatortphotos angefertigt. > Die Sprechstundenhilfe Renate Meyer und ihr Freund Hans-Joachim Vogel, die die Tat entdeckt hatten, wurden erst neun Monate später zum erstenmal polizeilich vernommen.
* In der Blutlache neben dem toten Dr. Praun sah ein Kriminalbeamter das abgesprungene Glas der Armbanduhr -- er ließ es liegen, es ging verloren. Dem Toten nahmen die Beamten die Uhr ab und übergaben sie dem Sohn -- ohne Werknummer, Zeitpunkt und Grund des Stillstands zu ermitteln.
* Gleichwohl wertete das Gericht die Uhr als Beweisstück für die Tatzeit: Sie sei um 8.45 Uhr stehengeblieben (ob abends oder morgens blieb offen) und zuvor noch eine Stunde weitergelaufen, bis der um einen Millimeter nach oben verbogene Stundenzeiger den Minutenzeiger blockiert habe. Als der Sachverständige die Uhr erhielt, zeigte sie allerdings 9.48 Uhr an. Eine mikroskopische Untersuchung der Zeigerspitze auf Spuren des Gegenstands, der sie aufgebogen hatte, unterblieb.
* Die zuerst ermittelnden Kripobeamten der Landpolizei nahmen als Tatzeit die Nacht von Karfreitag zu Ostersamstag an. Im Leichenschauschein für Dr. Praun steht unter "Zeitpunkt des Todes: "Nacht vom 15, auf 16. April 1960" -- mithin etwa 25 Stunden später, als ihn das Gericht im Urteil festlegte.
Aber auch zwei Jahre später, vor und während der Hauptverhandlung vor dem Münchner Schwurgericht, versäumten die Richter, die Praun-Uhr mikroskopisch untersuchen zu lassen. So unterblieb der Versuch einer kriminaltechnisch abgesicherten Beweisführung darüber, wie das Glas abgesprengt worden ist, wodurch der Zeiger aufgebogen wurde und ob der Minutenzeiger durch Erschütterungen auf. dem Transport tatsächlich noch eine Stunde hat weiter laufen können oder nicht -- alles entscheidende Tatsachen für die Tatzeit und sämtliche Alibis.
Offenkundig hatte das Schwurgericht damals seine Aufklärungspflicht verletzt -- nach Ansicht von Senatspräsident Jagusch auch das ein Grund, weshalb der Bundesgerichtshof das Brühne-Urteil in der Revisionsinstanz 1962 nicht hätte bestätigen dürfen, sondern zurückverweisen müssen. Bayrische Kriminalbeamte glaubten an Selbstmord.
Die Richter des Münchner Schwurgerichts stützten 1962 ihre Urteilsfeststellungen über den Tatzeitpunkt freilich auch auf Leichenstarre-Befunde, die der Kriminalobermeister Karl Rodatus am Tatort bei Frau Kloo gesichert hatte: am 20. April 1960 um 5.45 morgens -- mithin 130 bis 132 Stunden nach jener Zeit, die vom Gericht als die Sterbestunde der Haushälterin ausgewiesen wurde.
Der bayrische Kriminalist von der Fürstenfeldbrucker Landpolizei hatte sich am Tatort allzu leichtfertig von der Selbstmord-These leiten lassen. Er vor allem war es, der das Kriminalisten-Einmaleins der Spurensicherung mißachtete -- und er gilt denn auch bis heute weithin als Hauptschuldiger für sämtliche Ermittlungspannen im Brühne-Verfahren. Verspottet und gescholten, ließ sich Rodatus Ende 1962 vorzeitig pensionieren und machte acht Jahre später noch einmal als forscher Warenhaus-Detektiv bei Neckermann von sich reden.
Eine Routine-Überprüfung nahm Rodatus damals in Pöcking -- mit welcher Sachkenntnis auch immer -- offenbar genau vor: ob und wie starr die Gelenke der beiden Toten waren. Dieser Punkt mußte ihm auch bei den Leichen mutmaßlicher Selbstmörder wichtig erscheinen, denn auf jeden Leichenschauschein gehört die Todeszeit, und schon damals war eine zeitliche Abhängigkeit der Totenstarre vom Datum des Todeseintritts allgemein bekannt -- freilich nur ganz pauschal.
Immerhin: Was Rodatus bei dem Versuch, die Gelenke der getöteten Haushälterin zu bewegen, feststellte, notierte und später als Zeuge vor dem Gericht bestätigte, dient der Gerichtsmedizin heute als verwertbare Basis für neue Schlußfolgerungen -- allein deshalb, weil Rodatus, als er zum Tatort kam, überhaupt noch Anzeichen von Gelenkstarre vorfand.
Rodatus-Befund: "Die Leichenstarre ist in den unteren Partien noch stark ausgeprägt (Oberkörper, Arme), oben beginnt sie sich zu lösen." Dazu später das Urteil des Schwurgerichts:
Hinsichtlich der Leichenstarre stellte der Kriminalobermeister Rodatus fest, daß diese bei Dr. Praun schon weitgehend gelöst und nur noch in den unteren Teilen bis zum Knie leicht vorhanden war; bei der Kloo war die Leichenstarre in den unteren Partien noch stark ausgeprägt und begann sich oben zu lösen. Der Zeuge Rodatus führte dies auf die Temperaturunterschiede in den beiden Räumen zurück. Während es im Flur warm war und deshalb die Verwesungserscheinungen bei Dr. Praun stark fortgeschritten waren, war es im Keller verhältnismäßig kühl. Und an anderer Stelle schrieben die bayrischen Richter in ihren Spruch:
Die Todeszeit (Gründonnerstagabend) steht auch nicht im Widerspruch zu den Feststellungen des Kriminalobermeisters Rodatus hinsichtlich der Leichenstarre bei den beiden Ermordeten. Dies ergibt sich aus dem Gutachten des Sachverständigen Professor Dr. Laves, der erklärt hat, daß sich insoweit die Feststellungen des Zeugen Rodatus nach medizinischen Erkenntnissen mit dem vom Gericht angenommenen Todeszeitpunkt vertragen. Was Rodatus notierte, ist heute insofern von entscheidender Bedeutung, als das Schwurgericht den Rodatus-Befund ausdrücklich in seine Urteils- Feststellungen aufgenommen und daraus Schlüsse auf den Todeszeitpunkt gezogen hat -- falsche Schlüsse, wie sich heute erweist.
Denn die Erkenntnisse der Gerichtsmedizin haben sich seither gewandelt. Der Freiburger Professor Forster liefert heute den Beweis, daß die vorn Münchner Schwurgericht errechnete Todesstunde der Elfriede Kloo (und damit auch des Otto Praun) wissenschaftlich unhaltbar ist.
Ironie für Münchens Justiz: Das Brühne-Urteil dürfte mithin über eine Passage kippen, welche die Richter damals in ihre Urteilsgründe gar nicht hätten hineinschreiben müssen. Was ihnen seinerzeit nur als zusätzliches Argument zur Abstützung ihrer Tatzeit-Theorie diente, war für ihre Tatversion im Grunde entbehrlich und geriet offenkundig nur deshalb in die Urteils-Feststellungen, weil die Richter es möglichst perfekt abfassen wollten, getreu der Devise des Vorsitzenden Seibert, das Urteil ruhe "auf vielen Säulen". Fast ein Jahrzehnt lang war die allgemeine Urteilsschelte' die sonst kaum eine Zeile der Münchner Entscheidungsgründe ausließ, über die Leichenstarre-Passage hinweggegangen. Da rief -- Frühjahr 1971 -- ein Redakteur vom Bayerischen Rundfunk im Tübinger Institut für Strafprozeß und Strafvollzug an, wo Professor Karl Peters gerade seine Forschungen über die Fehlerquellen im Strafprozeß betrieb (SPIEGEL 19/1970).
Peters sollte an einer Rundfunk-Diskussion über den Fall teilnehmen. Aber der Professor war verhindert und schickte seinen Mitarbeiter und Mitautor Assessor Wilhelm Haddenhorst, damals 30, zum Streitgespräch mit Brühne-Staatsanwälten und Brühne! Ferbach-Verteidigern. "Dabei mußte ich damals", so erinnert sich Haddenhorst, heute Rechtsanwalt in Gelsenkirchen, "eigentlich immer den Staatsanwälten recht geben." Am Ende der Sendung bat er allerdings den Brühne-Verteidiger Moser: "Schicken Sie uns doch mal die Akten nach Tübingen."
Moser schickte und Haddenhorst las sich durch den Papierberg. Am Anfang war es für ihn nur ein Fall unter tausend, genauer: unter 1115 Wiederaufnahmefällen, aus denen das Peters-Team in jahrelangen Forschungsarbeiten Quellen für die Fehlurteile im deutschen Strafprozeß freilegte.
Dann aber hakte Haddenhorst ("im Grunde war es Zufall, daß ich darauf kam") an der entscheidenden Stelle fest und sprach den Tübinger Gerichtsmediziner Professor Hans Joachim Mallach -- mit dem das Peters-Team gelegentlich zu interdisziplinären Diskussionen zusammentraf -- auf die Frage an, ob denn so lange Starre-Zeiten, wie sie an Hand der Rodatus-Beobachtungen im Brühne-Fall (130 bis 132 Stunden) ermittelt wurden, wissenschaftlich überhaupt möglich seien. Professor Mallach: "Das ist doch kalter Kaffee."
Mallach, der -- weiterer Zufall -- zu dieser Zeit gerade mit seinem Assistenten Mittmeyer über Fragen der Leichenstarre arbeitete, reagierte spontan: "Das ist doch kalter Kaffee."
Tatsächlich, so heftig auch immer sich die Gerichtsmediziner seit dem 18. Jahrhundert über Ursprung und Ablauf jener geheimnisvollen postmortalen Starre an Gelenken und Organen gestritten hatten, eines schien zumindest als pauschale Faustregel anerkannt: Unter normalen Umständen und bei Zimmertemperatur löst sich die Starre nach 36 bis 60 Stunden.
Schon die nach dem französischen Arzt Pierre Hubert Nysten benannte "Nystensche Regel" aus dem Jahre 1811 besagt: Die Leichenstarre "wird in trockener und kalter Luft länger unterhalten, während sie in einer warmen und feuchten Luft nur kurz fortbesteht, so daß sie im Winter und wenn es Eis gefroren hat, weit später wieder verschwindet".
Unerkannt aber blieb den Gerichtsmedizinern bis in die jüngste Vergangenheit das genaue Zusammenwirken von Temperatur und den einzelnen Phasen, in denen sich die Totenstarre wieder löst. Zwar fand man bei Leichen im Winter starre Gelenke noch 150 und weit mehr Stunden nach dem Tode, aber exakte Kriterien, die getaugt hätten, aus Starre-Befunden jeweils die Todeszeit zu bestimmen, fehlten der Wissenschaft bislang -- schon deshalb, weil die Leichen meist erst längere Zeit nach dem Tode den Gerichtsmedizinern angeliefert werden und ihre Temperatur"Vorgeschichte" in aller Regel unbekannt bleibt.
So paßt auch ins Bild, daß die Münchner Gerichtsmediziner die von Rodatus beobachtete späte Starre an der Leiche der Elfriede Kloo seinerzeit schon mit der allgemeinen Erklärung hinnahmen, es sei halt im Keller der Pöckinger Villa "verhältnismäßig kühl" gewesen.
Messungen an 159 toten Ratten.
Professor Mallach, der mit seinem Doktoranden Mittmeyer an 271 Leichen Indices für Starregrade ermittelte und sie in Beziehung zum jeweiligen Leichenalter setzte, schrieb im Dezember 1971 ein Gutachten zum Brühne-Fall -- Basis für das Wiederaufnahmegesuch, das am 21. Februar letzten Jahres beim Landgericht eingereicht wurde. Mallachs Schlußfolgerung: Elfriede Kloo könne erst etwa 48 Stunden später erschossen worden sein, als das Schwurgericht angenommen hatte.
Seine Expertise schickte der Tübinger Gelehrte auch an den Kollegen Forster, der sich seit mehr als einem Jahrzehnt speziell mit der Erforschung postmortaler Muskelphysiologie beschäftigt und darüber 1963 auch habilitiert hatte. Forster war gerade dabei, seine einschlägigen Untersuchungen an 159 durch Nackenschlag getöteten weißen Ratten auszuwerten. Versuche mit anderen Todesarten ergaben, daß lediglich bestimmte Gifte (und damit Eingriffe in biochemische Abläufe) andere Starre-Lösungszeiten bewirken -- freilich stets nur kürzere Zeiten.
An den freipräparierten Arm- und Beinmuskeln der Ratten hatte Forster mit seinen Assistenzärzten Dirk Ropohl und Peter Raule 8019 Einzelmessungen vorgenommen, die Muskeln mit unterschiedlichen Gewichten belastet und bei bis auf Zehnteigrade genau kontrollierten Temperaturen zwischen vier und dreißig Grad an ein Meßgerät (Kymographion) angeschlossen, das jede Muskelveränderung graphisch festhält. Der Graphitschreiber notierte so exakte Werte über die jeweiligen Veränderungen am starren Muskel, daß von nun an von jeder bestimmten Starre-Phase ein zuverlässiger Rückschluß auf den Todeszeitraum möglich war -- zunächst allerdings nur bei Ratten. Als Forster im September 1972 über seine Erkenntnisse vor den europäischen Gerichtsmedizinern in Wien referierte, konnte er immerhin schon andeuten: "Es spricht nichts dafür, daß sich das Prinzip nicht auch auf den Menschen anwenden läßt" (SPIEGEL 41/1972). Eine speziell darauf angelegte Testserie war in Freiburg gerade angelaufen.
Sieben Wochen später, am 17. November, lehnte die 1. Strafkammer des Landgerichts München II den Wiederaufnahmeantrag als unzulässig ab -- mit dem Scheinargument, Professor Mallach sei deshalb kein für die Wiederaufnahme "geeignetes" Beweismittel, weil er "im Grunde genommen dasselbe sagt, wie der Sachverständige Professor Dr. Laves in der Hauptverhandlung bereits bekundet hat".
Das Gegenteil davon ist richtig: Laves hatte 1962 vor Gericht den Todeszeitpunkt vom 14. April 1960 zwischen 17.45 und 19.45 als mit gerichtsmedizinischen Erkenntnissen vereinbar erklärt, Mallach hingegen legte sich in seinem -- nur auf statistische Erfahrungswerte gestützten -- Gutachten auf eine Todeszeit der Elfriede Kloo am 16. April zwischen 20 Uhr und Mitternacht fest -- zwei volle Tage später mithin. Welche Temperatur herrschte am Tatort?
Was die Strafkammer obendrein übersah, worauf es nach den Forschungen Forsters nun aber entscheidend ankommt, ist der Temperatur-Faktor am Tatort. Das heißt: Erst wenn bekannt ist, welche Temperatur Mitte April in jenem Keller-Vorraum der Praun-Villa geherrscht hat, läßt sich mit wissenschaftlicher Präzision angeben, ob dort 130 bis 132 Stunden nach dem Tode noch Leichenstarre festgestellt werden konnte oder ob solche Befunde durch Rodatus dann zwingend einen anderen Todeszeitraum anzeigen.
Haddenhorst machte sich an die Recherche. Vom Wetteramt München ließ er sich die Temperatur-Wochenstreifen für die Zeit von Ende Februar bis Mitte April 1960 schicken -- mit je drei Werten täglich, auf Zehntelgrade berechnet. Dann ermittelte der Anwalt den Grundwasserspiegel und auch, daß die Temperatur des Grundwassers damals sieben bis neun Grad betrug.
Gleichfalls erforderlich für die Temperaturberechnung waren die Baupläne der Pöckinger Praun-Villa, die beim Landratsamt Starnberg in Verwahrung lagen. Das Amt verwies an die Regierung von Oberbayern, dort war der zuständige Oberregierungsdirektor Simon nie zu sprechen, mindestens 15 Telephonanrufe scheiterten, schließlich appellierte der Verteidiger an die Staatsanwaltschaft ("Wäre bereits die vorgesehene Reform des Wiederaufnahmerechts verabschiedet, hätte die Verteidigung durch positives Recht die Möglichkeit, auf die Staatsanwaltschaft einzuwirken, die Pläne zu beschaffen ...") und drohte eine Verwaltungsklage an -- nach vier Monaten ständigen Bohrens wurde Einsicht in die Pläne und Photokopien gewährt.
Nun machte sich in Darmstadt Professor Dr. Werner Kast, Ordinarius für Thermische Verfahrenstechnik an der TH, an die Gutachter-Arbeit. Obwohl sich in den Brühne-Akten Hinweise finden, daß die Temperatur im Obergeschoß der Praun-Villa 22 Grad betrug, ließ Haddenhorst den Gutachter zuungunsten seiner Mandantin von Temperaturwerten um 17 Grad ausgehen. Da überdies heute niemand mehr weiß, ob die Tür zwischen Ober- und Untergeschoß damals offen oder geschlossen, die Heizung in dem an den Keller-Vorraum angrenzenden Bügelzimmer an- oder abgestellt war und auch offenblieb, mit welchem Material die Wände wärmeisoliert sind, wies Haddenhorst den Gutachter an, jeweils von den für die Verteidigung ungünstigsten Werten auszugehen, die zur Ermittlung des Temperatur- Minimums führen mußten.
Kast, Mitglied des DIN-Normenausschusses für "Wärmebedarfs-Berechnung von Gebäuden", berechnete ein- und abfließende Wärmeströme, Luft- und Wasserwechsel, Erdreich-Temperatur und "Wärmedurchgangskoeffizienten der Wandelemente", stellte monströse zweizeilige Rechenformeln auf und kam zu folgendem Resultat: Unter Berücksichtigung aller für Vera Brühne ungünstigsten Einzelbedingungen betrug die Mindesttemperatur an der Sterbe-Stelle der Frau Kloo 12,8 Grad Celsius -- viel wahrscheinlicher aber etwa 15 Grad.
Speziell für diesen Temperaturbereich zwischen 12,5 und 15 Grad Celsius hat Gerichtsmediziner Forster jetzt nachgewiesen, daß schon maximal 125 Stunden nach dem Tode überhaupt keine Anzeichen von Leichenstarre mehr vorhanden sein können -- mithin erst recht nicht "stark ausgeprägte" Starrebefunde, wie sie Rodatus laut Schwurgerichtsurteil sogar noch 130 bis 132 Stunden nach dem Tode der Frau Kloo festgestellt haben soll.
Zum selben Resultat kam Forster mit einer zweiten Untersuchungsmethode, die er heranzog, um die bereits am Kymographion gewonnenen Erkenntnisse zu überprüfen und abzusichern. Er bediente sich dabei eines für spezielle Forschungen in der Mikrobiologie entwickelten Apparates. eines Physioskops.
Diese Physioskop-Ergebnisse stützen sich auf fünf Meßreihen an fünf frisch nach dem Tode isolierten menschlichen Muskeln (mit 125 einzelnen Meßpunkten) und 32 weiteren Meßreihen an 24 Rattenmuskeln. Insgesamt wurden fast tausend Meßpunkte aufgenommen. Resultat: "Unterschiede zu den untersuchten Rattenmuskeln fanden sich nicht. Sie waren auch nicht zu erwarten."
Forsters Forschungen erwiesen zum erstenmal den genauen Einfluß der Temperatur auf das Phänomen der Totenstarre und dokumentierten -- statistisch zu hundert Prozent abgesichert -, daß sich die gefundenen Starre-Lösungszeiten immer nur einem bestimmten Temperaturbereich zuordnen lassen und in keinem anderen Temperaturbereich vorkommen können. Kälter als zehn Grad hätte es an der Sterbe-Stelle der Praun-Haushälterin sein müssen, um dort noch 130 bis 132 Stunden nach ihrem Tode starre Gelenke vorzufinden. Sechs Wiederaufnahmeantrage wurden abgelehnt.
Hauptergebnis: Die Tatzeit, mit der laut Jagusch das alte Brühne-Urteil "steht und fällt", ist falsch. Elfriede Kloo und Otto Praun sind nicht am 14. April 1960 gegen 20 Uhr erschossen worden.
Wichtiges Nebenergebnis: Forsters neue Forschungsresultate bestätigen die von seinem Tübinger Kollegen Mallach errechneten statistischen Mittelwerte. Das bedeutet für die Wiederaufnahme: Beide Gutachten stützen einander.
Ob Vera Brühne unschuldig ist, weiß nur sie selber. Aber das zumindest ist sicher: Wie das Münchner Urteil den Tatablauf dargestellt hat, kann er sich nicht zugetragen haben. Der neue Prozeß ist für Vera Brühne nahergerückt als je zuvor. Und wenn es dann zum Freispruch kommt, so wird es auch ein Schuldspruch sein über das deutsche Wiederaufnahmerecht, das den einmal Verurteilten kaum Chancen einräumt, und wenn doch, sie auch noch ungerecht verteilt.
Denn wer kein Geld, keine Illustrierte im Rücken oder keinen idealistisch gesonnenen Anwalt hat, wessen Fall nicht hinlänglich spektakulär ist, der findet aus der Haft kaum einen Weg zurück über die Wiederaufnahme in die Freiheit. Für den Namenlosen sind die Barrieren der Justiz vor einem neuen Prozeß noch immer zu hoch.
Vera Brühne stand allzeit im Blitzlicht. Ihr Fall blieb sensationell auch nach dem Urteil. Immer neue Namen und Versionen über den Tathergang kamen in Umlauf: Ein Waffenhändler und Schmuggler sei Praun gewesen, im Bunde mal mit dem tschechischen Geheimdienst, mal mit internationalen Waffenschiebern, deren Drahtzieher und Verbindungsmänner gar -- wie anders bei bayrischen Affären -- in der Nähe des damaligen Verteidigungsministers Franz Josef Strauß zu suchen seien.
Neue "Zeugen" und neue "Täter" wurden gehandelt, Kellnerinnen etwa, die Praun noch nach dem vom Gericht angenommenen Tatzeitpunkt gesehen oder -- wie der Ex-Agent und Zuckerbäcker Roger Hentges -- am Telephon gesprochen haben wollen.
Der wirre Stoff reichte für sechs Wiederaufnahmeanträge -- zwei davon für Vera Brühne -- und reichte doch nicht: Die Justiz wies alle sechs Gesuche ab. Zurück blieb das Unbehagen auch namhafter Juristen, daß ein Lebenslang-Urteil der Revision und Wiederaufnahme bis heute standhielt. das -- neben zahllosen Beweislücken und Widersprüchen -- im Kern nur auf zwei fragwürdige Zeugen vom Hörensagen gestützt war.
Für glaubwürdig befand das Gericht die belastenden Aussagen der damals 20jährigen, laut Gutachter "psychopathischen" Brühne-Tochter Sylvia Cosiolkofsky vor dem Ermittlungsrichter -- in der Hauptverhandlung hatte Sylvia widerrufen, daß die Mutter ihr gegenüber ein "Geständnis" abgelegt habe.
Und für glaubwürdig befand das Schwurgericht auch einen Hörensagen-Zeugen aus der Haftzelle, dem gegenüber Ferbach was der bestritt -- den Mord gestanden haben soll: U-Häftling Siegfried Schramm, zum Zeitpunkt seiner Aussage achtmal vorbestraft, davon allein viermal wegen Betruges.
Alles, womit Schramm sich bei der Kripo hervortat und was er vor Gericht bezeugte, konnte er statt von Ferbach erfahren auch in Zeitungen gelesen oder von Vernehmungsbeamten gehört und kombiniert haben -- auf deren Wohlwollen im eigenen Verfahren er angewiesen war. Die Brühne-Richter hatten es nicht einmal für nötig befunden, über Aussagetüchtigkeit und Glaubwürdigkeit des Spitzels Schramm einen Sachverständigen zu hören.
Gerade an einem schon bis ins Irrationale umstrittenen Kriminalfall wie diesem erweist sich die fragwürdige Grundkonstruktion des geltenden Wiederaufnahmerechts, das einfallsreichen Richtern fast immer noch Winkelzüge ermöglicht, mit denen sie die Korrektur alter Urteile umgehen können -- ein Grund mehr für die längst fällige Gesetzesreform.
Doch viele Richter und Staatsanwälte bangen bei dem Gedanken gleich um den Bestand der Rechtssicherheit und halten dafür, Recht müsse Recht bleiben -- auch wenn es nie Recht gewesen ist. Argument der Reformgegner: Der wachsende Zeitabstand zum ersten Urteil bringe die Strafverfolger in Beweisnot, ein zweitesmal sei kaum ein Täter zu überfuhren.
Eher das Gegenteil ist richtig: Gerade die Beweismittel des früheren Urteils sind durch ihre Konservierung in den Akten oft viel beständiger als seinerzeit übersehene Entlastungsbeweise, die nach Jahren kaum noch erhoben werden können. Professor Peters, aufgrund seiner Forschungsarbeiten über Fehlurteile der beste Sachkenner auf diesem Gebiet, resümiert nach Durcharbeitung seiner 1115 Wiederaufnahmefälle, nicht der Zeitverlust, sondern die Qualität der Aufklärungen im Ermittlungsverfahren sei für Beweisverluste entscheidend. Also nur die Schlampigkeit von Kripo und Justiz bringt Staatsanwälte und Richter später in Bedrängnis.
Überdies: Nicht jeder -- das gilt natürlich auch für Vera Brühne -, der in einem Wiederaufnahmeverfahren frei -- gesprochen wird, muß deshalb unschuldig sein. Denn der Freispruch ist schon unabweisbar, wenn dem Angeklagten die Tat in der neuen Hauptverhandlung nicht mehr nachgewiesen werden kann. Nicht jedes Urteil, das einem Wiederaufnahmeverfahren zum Opfer fällt, ist mithin ein Fehlurteil.
Innerhalb von vierzehn Tagen werden in der Bundesrepublik durchschnittlich nachweisbar drei Strafurteile rechtskräftig, die sich später als hinfällig erweisen -- so das Resultat der Peters-Untersuchung. Gerade bei den Kapitaldelikten aber erweist sich die Konstruktion des Strafprozeßrechts als unzulänglich. Denn was jedem Verkehrssünder und Ladendieb zusteht, verwehrt das Gesetz dem, der wegen Mordes. Totschlags oder Raubes verurteilt wird.
Er kann gegen das Urteil nicht in die Berufung gehen und seinen Fall nicht in einer zweiten Tatsacheninstanz noch einmal von vorn untersuchen lassen; er darf nur Revision einlegen. Doch welchen Sachverhalt die Richter in der Hauptverhandlung festgestellt haben, wie sie die einzelnen Beweise gewertet und wem sie geglaubt oder nicht geglaubt haben das darf die Revisionsinstanz nicht nachprüfen, denn sie kann ein Urteil grundsätzlich nur bei Rechtsfehlern aufheben.
Fehlurteile aber, auch das belegt die Peters-Studie, beruhen meist auf falschen Tatsachenfeststellungen. Die einzige Möglichkeit einer Urteilskorrektur bietet bei Kapitaldelikten dann die Wiederaufnahme. Aber "die Praxis des Wiederaufnahmerechts ist restriktiv, und sie brauchte nicht so restriktiv zu sein", kritisiert Ex-Senatspräsident Jagusch. Für ihn ist "ein optimales und faires Wiederaufnahmerecht ein Kulturmaßstab".
Legt man diesen Maßstab an die Praxis bundesdeutscher Wiederaufnahmeverfahren, so ist es mit der Kultur nicht weit her. Das Eingeständnis, daß auch Richter irren können, fällt der Justiz noch immer schwer. Sie stilisiert die Rechtskraft auch eines möglicherweise falschen Urteils gern zum höheren Wert, und so werden oft Gerichtsentscheidungen endgültig, obwohl sie in tatsächlicher oder rechtlicher Hinsicht falsch sind.
Laut Paragraph 359 Ziffer 5 der Strafprozeßordnung (StPO) dem praktisch wichtigsten Wiederaufnahmegrund -- ist "die Wiederaufnahme eines durch rechtskräftiges Urteil abgeschlossenen Verfahrens zugunsten des Verurteilten zulässig, wenn neue Tatsachen oder Beweismittel beigebracht sind, die allein oder in Verbindung mit den früher erhobenen Beweisen die Freisprechung des Angeklagten ... zu begründen geeignet sind" -- nach Ansicht nicht nur des Freiburger Rechtsanwalts Hammerstein ein "Nadelöhr, welches überaus schwer einzufädeln" ist.
Tatsächlich muß, wer die Korrektur eines rechtskräftigen Strafurteils in neuer Hauptverhandlung durchsetzen will, erst einmal zwei Stufen eines nichtöffentlichen Vorverfahrens überwinden. Die Richter prüfen zunächst -- so nun auch bei Vera Brühne -- ,
* ob der Wiederaufnahmeantrag "zulässig" ist. Bejahen sie die Zulässigkeit, so beschließt das Gericht eine vorläufige Beweisaufnahme, die ergeben soll,
* ob der Antrag auch "begründet" ist. Sind die Richter nach dieser Beweisaufnahme davon überzeugt, ordnen sie die neue Hauptverhandlung an. Das ursprüngliche Urteil gilt damit als aufgehoben.
Die meisten Wiederaufnahmeanträge scheitern in der Vorprüfung.
So gängig dieser Rechtsweg anmutet, so weit klaffen Gesetz und Praxis auseinander. Denn die bundesdeutschen Strafrichter drosseln die weitaus meisten Wiederaufnahmegesuche schon in den beiden Stationen der vorgeschalteten Prüfung ab. "Wie groß die Anzahl zu Unrecht fehlgeschlagener Wiederaufnahmeverfahren ist", resümiert Professor Peters., "ist nicht schätzbar. Jedoch ist die Existenz nicht anerkannter und nicht aufgeklärter Fehlurteile unbestreitbar."
Bei der Abwägung, ob ein Wiederaufnahmeantrag "zulässig" ist, müssen die Richter zwar unterstellen, daß sich die "neuen Tatsachen" später bestätigen, der neue Zeuge später auch tatsächlich so aussagt, wie in dem Gesuch behauptet wird, oder daß die These des neuen Sachverständigen zutrifft. Aber ob sie das dann auch für "geeignet" befinden, dem angegriffenen Urteil die Grundlage zu entziehen, steht in ihrem mehr oder weniger freien Ermessen.
Da sie bei dieser Schlüssigkeitsprüfung die neuen Beweise nur abstrakt würdigen -- Zeugen oder Sachverständige aber in diesem Stadium noch nicht anhören -, kommt das Gewicht dieser Beweismittel nicht voll zur Geltung. Das birgt die Gefahr, daß die Richter mit der fragwürdigen Gesetzes-Regel kurzen Prozeß machen, denn, so Strafrechtsprofessor Peters: "Es Ist leichter, sich über Möglichkeiten hinwegzusetzen als über Realitäten. Real ist aber nicht der Beweisantritt, sondern die Beweisdurchführung."
Tatsächlich scheitern denn auch die meisten Bemühungen um Wiederaufnahme schon in diesem Stadium der Zulässigkeits-Prüfung, ohne daß es zur Anhörung der neuen Beweismittel überhaupt kommt. Auch für den Brühne-Antrag ist dies der vermutlich entscheidende Verfahrensabschnitt.
Böswilligkeit unterstellt, könnten die Richter vom Münchner Oberlandesgericht -- zwar objektiv falsch, aber nach allem nicht auszuschließen -- das Forster-Gutachten als "ungeeignet" verwerfen, weil seine Forschungsergebnisse so neu sind, daß sie noch nicht (wie Strafprozeßkommentator Kleinknecht fordert) als wissenschaftlich "allgemein anerkannt" gelten können. Versteiften sich die Richter etwa auf den Gedanken, abzuwarten, bis die neuen Erkenntnisse Lehrbuchwissen geworden sind, oder erst einmal anderen Gerichtsmedizinern dieselben Forschungen anzuraten, so müßten wiederum mehrjährige Testuntersuchungen an laufen.
Eine solche Rechtsauslegung liefe generell darauf hinaus, daß neue Forschungsresultate dem Wiederaufnahmerecht auf Jahre hinaus verschlossen blieben. Andere Prozeßrechts-Kommentare halten denn auch neue Gutachten zu Recht schon dann für zulässig, wenn die wissenschaftlichen Erkenntnisse jederzeit nachvollziehbar und überprüfbar dargelegt sind.
Gerichsmediziner Forster vertritt im Brühne-Fall nicht lediglich eine neue Wissenschaftler-Ansicht, sondern er zeigt hier eine neue überprüfbare naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeit auf -- weshalb er auch weder die Leiche noch einen Muskel der Elfriede Kloo untersucht haben mußte.
Seine Expertise muß dem Wiederaufnahme-Antrag überdies schon deshalb über die Zulässigkeits-Hürde verhelfen. weil die neuen Forschungsergebnisse auch beweisen, daß Professor Laves 1962 -- ohne Kenntnis und Bewertung des Temperaturfaktors -- bei seinem Gutachten vor dem Schwurgericht von objektiv falschen Voraussetzungen ausgegangen war.
Verfassungsrechtler sehen deshalb schon heute kein Risiko. Für den Fall, daß das Münchener OLG den Brühne-Antrag als unzulässig verwerfen sollte, halten sie eine Verfassungsbeschwerde für begründet -- unter anderem wegen Verletzung des Rechtsstaatsprinzips (Bindung der Gerichte an Gesetz und Recht).
Zahlen belegen, wie das Bemühen bundesdeutscher Richter, Wiederaufnahmegesuche möglichst schon im Ansatz abzuwürgen, das Vorschaltverfahren -- gedacht nur als Filter zur Aussiebung aussichtsloser Anträge -- in der Praxis aufgewertet und damit verfälscht hat zum entscheidenden Kernstück des Wiederaufnahmeverfahrens. Allerdings: Wer die beiden Hürden des Vorverfahrens überwunden hat. dem ist auch der Freispruch schon praktisch sicher.
Das beweist die Peters-Studie: Bei Tötungsdelikten endeten von 21 Wiederaufnahmeverfahren in der neuen Hauptverhandlung 19 mit Freispruch. von 120 Sittlichkeitsdelikten 114, von 121 Betrugsfällen 115. Der Münchner Rechtswissenschaftler Bernd Schünemann äußert "schwerste sachliche Bedenken" gegen diese Praxis, weil durch die Zweckentfremdung des Vorschaltverfahrens zu einer "Sperre für alle nicht 95prozentig sicheren Anträge viele durchaus aussichtsreiche Anträge auf der Strecke bleiben müssen, bevor in öffentlicher Verhandlung über sie entschieden werden kann".
Die neue Hauptverhandlung, in der die Würfel eigentlich erst endgültig fallen sollen, kann für Schünemann "bei einer Verurteilungsquote von rund fünf Prozent ... doch wohl nur noch als eine Farce bezeichnet werden, als ein Schauspiel, das nur noch der Erbauung der Öffentlichkeit und daneben vielleicht noch einer effektvollen Rehabilitierung der Verurteilten dient".
So auch mag es im Brühne-Fall kommen, denn wenn die Richter das Gesuch für zulässig und begründet erklären, so ist ihr in der späteren Hauptverhandlung der Freispruch sicher -- und das wegen der besonderen Häufung von Ermittlungsfehlern gerade in diesem Mordfall nicht nur zu 95 Prozent. Prophetische Worte
vom Schwurgerichtsvorsitzenden.
Eine "Mißgeburt der Gesetzgebung" nannte der Strafrechtsausschuß der Bundesrechtsanwaltskammer die geltenden Wiederaufnahme-Bestimmungen und formulierte detailliert begründete "Leitsätze" für ein besseres Recht. Nach Ansicht der Anwälte soll künftig ein Wiederaufnahmegesuch
* zulässig sein, "wenn nicht auszuschließen ist, daß die neuen Tatsachen oder Beweismittel zu einer für den Verurteilten günstigeren Entscheidung führen können" -- Zweifel sollen sich mithin schon in diesem Stadium zugunsten- des Antragstellers auswirken;
1> begründet sein, "wenn neue Tatsachen oder Beweismittel beigebracht sind oder neue wissenschaftliche Erkenntnisse dargetan werden, sofern nicht auszuschließen ist. daß diese ... zur Freisprechung des Verurteilten ... führen können";
* nur dann als unbegründet verworfen werden dürfen, "wenn nach dem Ergebnis der erhobenen Beweise und der Gesamtwürdigung der Sache die Grundlagen des früheren Urteils nicht erschüttert sind".
Für mittellose Verurteilte soll nach Ansicht der Anwälte ein Pflichtverteidiger auf Kosten der Staatskasse Vorermittlungen anstellen und Sachverständige beauftragen dürfen. Wo er nicht weiterkommt, sollen die Staatsanwälte mithelfen müssen, Tatsachenmaterial und Beweismittel zu beschaffen.
Dagegen will die Bundesregierung in ihrem Gesetzentwurf Verurteilten zwar in schwierigen Fällen einen Offizialverteidiger zubilligen, für die Vorbereitung des Wiederaufnahmeantrags jedoch nur bei Mittellosigkeit und wenn "hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür vorliegen, daß bestimmte Ermittlungen zu Tatsachen oder Beweismitteln führen, welche die Zulässigkeit" des Gesuchs begründen können. Eine derartige Regelung würde dem Betroffenen wenig nützen, denn mit der Entscheidungsbefugnis über die Erfolgsaussicht kann das Gericht solche Gesuche auch künftig abblocken. Immerhin: Auch der Regierungsentwurf geht davon aus, daß die Staatsanwaltschaft für den Verurteilten Vorermittlungen anstellen soll, die ihm "oder seinem Verteidiger nicht zuzumuten sind.
Welches Maß an Umdenken das erfordert. macht gerade der Fall Brühne deutlich, in dem die Staatsanwaltschaft für die Nachforschungen der Verteidigung nicht eben aufgeschlossen war. Nun, da neue gerichtsmedizinische Erkenntnisse das alte Urteil erschüttern, meint Brühne-Anwalt Haddenhorst: "Das neue Beweismaterial ist so stark, daß die Staatsanwaltschaft sich unserem Wiederaufnahmeantrag eigentlich anschließen müßte."
Erklärt das Oberlandesgericht in den nächsten Monaten die Wiederaufnahme für zulässig, kommt Vera Brühne frei, ehe der neue Prozeß beginnt. Und wie das zweite Schwurgerichtsverfahren enden wird, hat selbst der Vorsitzende des ersten Brühne-Tribunals schon 1965 prophezeit: "Darüber sind sich alle Beteiligten selbstverständlich im klaren", schrieb Seibert damals an einen Kollegen, "daß ein zweites Verfahren nur mit einem Freispruch enden könnte."
Eine Neuauflage also des Brühne-Spektakels von 1962? Nach Ferbachs Tod allein auf der Anklagebsnk, wird Vera Brühne im Prozeß vermutlich schweigen. Die Femme fatale der deutschen Justiz will keine Rolle mehr spielen. Seit Jahren schon hat sie sich abgesondert von anderen Gefangenen und lebt in der Strafanstalt Aichach auf eigenen Wunsch in Einzelhaft -- und strickt.
Manches von dem, was die Gefangene Nr. Z 989 an Decken und Jacken für 1,60 Mark pro Tag in ihrer Zelle fertigt, landet später in Münchner Mode-Boutiquen. Und wenn die noch immer populärste deutsche Strafgefangene freikommt, dann wäre Resozialisierung für sie gewiß kein soziales Problem:
Vera Brühne besitzt in München zwei Eigentumswohnungen (monatliche Mieteinnahmen: 1000 Mark, über Jahre angespart), sie kann mit Haftentschädigung rechnen (geschätzte Mindesthöhe: 100 000 Mark), sie könnte zivilrechtlich das Praun-Vermächtnis, den 70 000 Quadratmeter großen Landsitz an der Costa Brava, einklagen (geschätzter Wert: 1,2 Millionen).
Wie immer: Vera Brühne. als "Bissen in das Gebiß" eines deutschen Strafgerichts geraten (Ulrich Sonnernann), würde auch am Ende ihres Verfahrens nicht wie die meisten Prozeß-Opfer zu den Namenlosen, Hilflosen zählen kein Pluspunkt für die Justiz. doch vielleicht ein Menetekel:
"Das Ansehen der Justiz", sagt der ehemalige BGH-Richter Jagusch, "wird nicht dadurch gefördert, daß ihre Urteile unbesehen bestehen bleiben. Eine Justiz, die sich die Erkenntnis einverleibt, daß alle Bemühungen um Wahrheit und Recht gebrechlich sein müssen. würde an Glaubwürdigkeit nicht verlieren, sondern nur gewinnen."

DER SPIEGEL 39/1973
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