24.09.1973

LITERATURBomben aus Byzanz

Der neue Thriller des englischen Erfolgsautors Eric Ambler ist so aktuell wie die Schlagzeilen der Weltpolitik: Der palästinensische Untergrund plant eine Terror-Aktion.
Dreizehn Jahre lang hat er in Hollywood gelebt, jetzt blickt er von seinem Balkon im schweizerischen Clarens über den Genfer See. Aber seine "innere Welt", sagt der sanfte Engländer Eric Ambier, 64, das sei eben doch eher die "psychotische Welt" des Orients, besonders des Vorderen: "Byzanz plus Wellblech, wenn Sie wissen, was ich meine.
Der alte Meister, den Graham Greene als den "besten aller Thriller-Autoren" preist, hat dieses zwielichtige Nahost-in-ihm-selbst schon immer mit Vorliebe illuminiert, seit er vorm Zweiten Weltkrieg nach eine¶ Maschinenbau-Studium und Jahren in der Werbebranche zur Literatur überwechselte -- so 1939 in seinem bisher erfolgreichsten Bestseller "Die Maske des Dimitrios", so 1963 in der (verfilmten) griechischtürkischen Ganoven-Farce "Topkapi".
Und er ist nun auch in seinem 15. Roman ins Ambler-eigene Morgenland der Spione, Abwehroffiziere, Flüchtlinge, Staatenlosen, Bombenwerfer, Rauschgifthändler, Waffenschmuggler und Halsabschneider zurückgekehrt: "Der Levantiner", der jetzt, ein Jahr nach der englischen Originalausgabe, auf deutsch erschienen ist, beschreibt palästinensische Fedajin im syrischen Untergrund beim Basteln von Sprengkörpern -- wenn der Finsterling Salah Ghaled aus seiner niedlichen Spieldose Mozarts Menuett in G-Dur erklingen läßt, so bedeutet dies: Gleich knallt's*.
Welche literarische Farm wäre der politischen Räuberpistole des arabisch-israelischen Konflikts auch angemessener als ein Thriller mit Ambler-Touch? Amblers Bücher, urteilte vor Jahren die "New York Times Book Review", seien "so authentisch und überzeugend wie die Schlagzeilen unserer Zeit". Seine Personen, schrieb der Krimi- und Thriller-Experte Helmut Heißenbüttel, seien "allegorische Figuren auf einem Spielfeld, das zeigt, was heute tatsächlich passieren kann".
Tatsächlich passieren bei Ambier ganz andere Dinge als etwa in den trivialen Sex-and-Crime-Bondiaden seines alten Freundes Ian Fleming. Amblers Perspektive ist die des Underdog -- beispielsweise jenes eher unappetitlichen britisch-ägyptischen Chauffeurs, Fremdenführers, Zuhälters und Porno-Händlers Arthur Abdel Simpson ("Ich bin in meinem ganzen Leben höchstens zehn- oder zwölfmal verhaftet worden"), der sich in den Romanen "Topkapi" und "Schmutzige Geschichte" durch eine schlechte Welt voll großer Gauner schlawinert.
In Istanbul muß er zugleich als Polizeispitzel und als Gehilfe einer Einbrecherbande Angst schwitzen, in Afrika trägt er als Söldner im -- von zwei konkurrierenden europäischen Industrie-Kartellen angezettelten -- Kleinkrieg zwischen den Phantasie-Staaten Ugazi und Mahindi seine Haut zu Markte.
Und "eine Art Simpson, nur auf anderem Niveau" (Ambler), ist auch Amblers neueste Titelfigur: Michael Howell, nur zum "Bruchteil Engländer" und somit ein "levantinischer Bastard", hat Ärger in Syrien. In seiner Trockenbatterien-Fabrik, die ohnehin von Verstaatlichung bedroht ist, werkelt des Nachts der finstere Salah Ghaled mit den Genossen vom "Palästinensischen Aktionskommando" an allerlei Knallzeug. Und der Fachmann Michael, dazu zwingt ihn Ghaled, hat samt seiner schönen Freundin Teresa zu kollaborieren.
Denn Ghaled besitzt zwar ein Sortiment sowjetischer Zwölf-Zentimeter-Katyuscha-Raketen, mit dem er demnächst das israelische Tel Aviv demolieren will. Aber die Russen haben die
* Eric Ambler: "Der Levantiner". Deutsch von Tom Knoth. Diogenes Verlag, Zürich; 360 Seiten: 24,80 Mark.
Zünder nicht mitgeliefert, und die Zunder, die Ghaled von den Chinesen hat, passen nicht. Also muß Michael, der gleich seinem Autor Ambier ein Ingenieur-Studium absolviert hat, einen speziellen Montagering konstruieren.
Mit solch ironischer Vertracktheit und solcher Genauigkeit bis ins Detail hat sich Ambler, der sich gern "in die Freuden des Komponierens verliert" und "fast jedes Buch fünfmal schreibt", seit je -- und je älter, desto tüfteliger -- hervorgetan.
Ohne Eile, ohne unnötigen Aufwand an Sex und Brutalität, aber auch ohne all "die schrecklich dummen Schnitzer, die der arme tote Ian gemacht hat", nötigt Ambler seine Figuren vom Regen in die Traufe. Und bevor es bei ihm zum Showdown kommt, ist der Leser erst einmal gründlich mit Hintergrund-Informationen versorgt: über See-, Kriegs- und Völkerrecht; über Kristall-Oszillatoren in Funkgeräten und Tropen-Hygiene; über die Richtlinien, nach denen ein britischer Konsul einem britischen Bürger den Paß entziehen kann; über Nahost-Historie seit den Zeiten des Osmanischen Imperiums und die Verwendung von Trockenbatterien für Sprengkörper.
"Man könnte meinen, Ambler hätte ein halbes Leben lang im Nahen Osten nichts als Batterien hergestellt", schrieb der "Observer". Aber nein, dort ist er vor einigen Monaten nur einmal zwischengelandet, in Beirut, als er mit seiner zweiten Ehefrau, der englischen Fernsehproduzentin Joan Harrison, aus Hongkong, Thailand und Indien kam.
Denn einmal im Jahr geht Ambler. der am Genfer See fünfeinhalb Zimmer bewohnt und nur mit dem Füllfederhalter schreibt, drei Monate lang auf Reisen, "um dem Leben ins Gesicht zu sehen -- aus den Augenwinkeln". Im übrigen behilft er sich mit einer Handbibliothek, die ein kleines Zimmer füllt. Auch das Meßtischblatt der britischen Armee leistet gute Dienste: "Mit dem kann man praktisch überall Krieg führen."
Komisch nur, daß der Thriller-Autor, der "beim besten Willen nicht sagen kann, wie viele Millionen Amblers bisher in Europa und Amerika gedruckt wurden", nie wie seine Kollegen Ian Fleming, Graham Greene und William Somerset Maugham im Geheimdienst war. Dafür hat er im Zweiten Weltkrieg an die 200 Trainings- und Propagandafilme für die britische Armee produziert und anschließend noch 14 Spielfilme für Hollywood.
Doch das Filmen war nie so recht seine Sache. "Ich muß", sagt er, "schreiben, wenn ich mich lebendig fühlen will. Ich versuche den Leuten zu erklären, wie es zugeht in der Welt."
Inzwischen ist Eric Amblers Original-"Levantiner" schon ein Jahr alt. Die echten Palästinenser haben sich bei ihm noch nicht gemeldet.

DER SPIEGEL 39/1973
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