02.07.1973

PAPUA-NEUGUINEAVolk von Biertrinkern

Das von Australien verwaltete Papua-Neuguinea fürchtet die Unabhängigkeit.
"Ich habe schon länger kein Menschenfleisch mehr gegessen", beschwichtigte Onamauta Beibe, Abgeordneter im Landesparlament von Papua-Neuguinea, seine Kollegen, "und ich bin recht zufrieden."
Mag der Abgeordnete Beibe auch auf Menschenfleisch verzichten, vielen seiner Landsleute ist der Appetit noch nicht vergangen. Immer wieder verschwinden aus der Hauptstadt Port Moresby in die Provinz entsandte Beamte im Dschungel der Highlands -- wahrscheinlich in den Kochtöpfen der Halbwilden.
Blutige Stammesfehden werden mit Äxten, Speeren, Pfeil und Bogen ausgetragen; angeblich werden Kinder geopfert, Blutrache-Akte begangen und Ritual-Mordaufträge für 2000 Mark ausgeführt.
Schreckensbotschaften dieser Art aus dem 150 Kilometer nordöstlich des australischen Mutterlands liegenden Territorium lesen die Australier fast jeden Morgen in ihren Zeitungen. Dennoch ist ihr neuer Ministerpräsident Gough Whitlam, 56, entschlossen, Papua-Neuguinea. dessen nordöstlicher Teil einstmals zum deutschen Kaiserreich gehörte, schnellstmöglich sich selbst zu überlassen.
Whitlam, im Dezember vergangenen Jahres als erster Sozialdemokrat seit 1949 in Canberra an die Macht gekommen, fühlt sich dem Fortschritt verpflichtet. Niemand, befand er, könne sein Land zwingen, "ewig eine imperialistische Macht zu bleiben": Schon Mitte 1974 soll der neue Staat "Niugini", benannt nach dem Pidgin-Englisch seiner Ureinwohner, auf der Weltkarte auftauchen -- zu früh nach Ansicht der Papua- Führer.
"Bei einem Referendum", klagte der im vergangenen Jahr zum ersten Ministerpräsidenten Niuginis gewählte Polizistensohn und Missionsschüler Michael Tom Somare, 36, "würde kein Mensch für die Unabhängigkeit stimmen." Die sechs Monate zwischen Selbstbestimmung Ende 1973 und Autonomie. in denen Australien noch für innere Sicherheit, Außenpolitik und Verteidigung zuständig sein wird, erscheinen ihm zu kurz. Louis Vangeke, römischkatholischer Bischof Niuginis und Sohn eines Medizinmannes, sieht für sein Volk "schreckliche Zeiten" voraus.
In der Tat ist zu befürchten, daß nach dem Abzug der 8500 australischen Beamten und Polizisten
* das mühsam aufgepfropfte westliche Justizsystem den Rechtsgrundsätzen der Papua-Altvorderen weicht;
* die Abwanderung weißer Experten samt ihres Kapitals die schwächliche Wirtschaft auslaugt und
* Niugini, mit seinen 600 Inseln, 1000 Stämmen und 700 Sprachen und Dialekten in kürzester Zeit in eine Vielzahl von Kleinstaaten zerfällt.
Whitlam hat die Zeitspanne zwischen Selbstverwaltung und Unabhängigkeit absichtlich kurz gehalten: Er will den Einsatz von Truppen vermeiden, der dem australischen Ansehen in der Welt schaden könnte. Dabei ist Australien, das Papua 1906 von den Briten und das ehemals deutsche Neuguinea 1921 als Mandatsgebiet des Völkerbundes übernahm, an den Geburtswehen der neuen Nation nicht unschuldig.
Wohl hat es Papua-Neuguinea seit dem Zweiten Weltkrieg rund 4,5 Milliarden Mark zukommen lassen, doch das Geld kassierten größtenteils die Kolonialbeamten. Verdient der weiße Manager einer Teeplantage 80 000 Mark, so liegt das Einkommen eines eingeborenen Bauern bei 200 Mark. "Wirtschaftlicher Fortschritt war eine Illusion, davon haben nur die großen Firmen und die Weißen profitiert", behauptet Michael Somare "Wir sind Bettler und Erpresser geworden, ein Volk von Faulpelzen und Biertrinkern.
Eine einheimische Beamten- und Offizierselite, wie sie etwa Großbritannien in Indien hinterlassen hat, gibt es im künftigen Niugini nicht. Die persönlichen Berater des Eingeborenen Somare, selbst der Präsident des Landesparlaments, sind Weiße.
1976, zwei Jahre nach der Erlangung der Unabhängigkeit, werden nur anderthalb Dutzend einheimische Rechtsanwälte praktizieren. Handel, Banken, Produktionsbetriebe und Plantagen sind so gut wie ausschließlich in ausländischem, vorwiegend australischem Besitz. Nicht selten wurden Papuas
wenn überhaupt -- so ausgebildet wie Kapi Sarohafa: Als erster Eingeborener seines Landes hat er eine Pilotenprüfung abgelegt, aber mit einem Fahrrad oder Auto weiß er kaum umzugehen.
Ein Nationalbewußtsein fehlt den Stämmen völlig. Somare-Berater Anthony Voutas: "Außer dem Ministerpräsidenten und zwei oder drei Politikern fühlt sich hier niemand einer Nation zugehörig." Denn wie die Grenzen anderer junger Staaten Asiens oder Afrikas wurden auch die Niuginis durch die Kolonialpolitik der europäischen Staaten und nicht etwa durch ethnische Bindungen bestimmt. Die Hochland-Bewohner Papua-Neuguineas verachten die gewieften melanesischen Küstenbewohner, Von denen sie sich ausgebeutet fühlen.
Auf der 1000 Kilometer östlich der Hauptstadt Port Moresby gelegenen Insel Bougainville regen sich Sezessionisten. Denn geographisch, historisch und ethnisch gehört die Insel unbestritten zum britischen Protektorat der Salomon-Inseln, die demnächst gleichfalls unabhängig werden sollen.
Die Trennung von den Salomonen, "ausgelöst durch einen willkürlichen Pferdehandel ausländischer Mächte" (so Bougainville-Politiker Leo Hannett), wollen die 90 000 Insulaner jetzt rückgängig machen. Außerdem wollen sie ihren Reichtum nicht mit den ungeliebten Papuas teilen: Vor neun Jahren entdeckte der britisch-australische Rio-Tinto-Zinc-Konzern auf Bougainville eine der größten Kupferminen der Welt und investierte 1,6 Milliarden Mark.
Die Kupfermine wiederum ist die einzige Hoffnung Niuginis auf wirtschaftliche Prosperität, ihre Erze könnten die Exporteinnahmen des neuen Staates verdoppeln. Weder Somare noch Australien wollen daher eine Sezession Bougainvilles hinnehmen. Laut Londons "Economist" zeichnet sich daher ein "Katanga im südwestlichen Pazifik" ab.

DER SPIEGEL 27/1973
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PAPUA-NEUGUINEA:
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