11.06.1973

Spionage: VS-Sachen flatterten nur so rum

Acht Jahre lang spionierte die Bonner Chiffrier-Spezialistin Gerda Schröter für die DDR westdeutsche Staatsgeheimnisse aus. In Waschbeuteln und Kosmetikkoffern schmuggelte "Rita" Geheimdokumente aus dem Auswärtigen Amt und den Bonn-Botschaften in Washington und Warschau. Sie wurde nie gefaßt; sie stellte sich freiwillig.

Während einer nächtlichen Fahrt im VW durch die polnische Hauptstadt bat Gerda Schröter, 29, ihren Vertrauten: "Laß mir Zeit. Jeder hat sein Geheimnis."

Vor der Warschauer Hauptpost ließ sie den Wagen halten. Am Nachtschalter verlangte sie die Nummer 65 4293 in Bonn, doch der Teilnehmer meldete sich nicht. Erst acht Stunden später, am Montag vorletzter Woche gegen 13.00 Uhr, bekam sie ihren Ehemann Herbert Schröter in der Bonner Schröter-Wohnung Weiherstraße 2 ans Telephon: "Fahr' sofort zu unseren Freunden, es ist sehr wichtig." Herbert verstand und setzte sich sofort in die DDR ab.

Und noch am selben Nachmittag gab Frau Schröter in der deutschen Botschaft in Warschau ihr Geheimnis preis: Seit acht Jahren -- so gestand die Sekretärin ihrem Dienstherren, Botschafter Hans Hellmuth Ruethe und seinem Botschaftsrat Franz Sikora -- habe sie für den Staatssicherheitsdienst der Deutschen Demokratischen Republik Spionage betrieben.

Aus der Bonner Zentrale des Auswärtigen Amtes, aus den deutschen Botschaften in Washington und Warschau gab die SED-Genossin (Deckname: "Rita") chiffrierte Telegramme, Alarm- und Manöverpläne der Nato, zudem Material über Truppenstationierungen der Westmächte an die DDR weiter. Ehe- und SED-Mann Herbert (Deckname: "Herr Kranz"), technischer Kaufmann bei der Fried. Krupp Stahlhandelsfirma in Köln, fungierte dabei als ihr Führungsoffizier.

Am Mittwoch letzter Woche enthüllte Gerda Schröter dem SPIEGEL: "Ich weiß gar nicht mehr, was ich da alles rausgeschleppt habe. Die haben sich in der DDR vollkommen auf mich verlassen. Die Sachen seien hundertprozentig, sagten sie."

Seit Tagen wird die Spionin Rita, die freiwillig aus Warschau in die Bundesrepublik zurückkehrte, von zwei Beamten der Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamtes in Bad Godesberg verhört. Im Auftrag des Generalbundesanwalts in Karlsruhe (Aktenzeichen: 7 BJS 125173) versuchen die Ermittler zu rekonstruieren, welche Geheimnisse die Schröters der DDR verraten haben. Und schon zeichnet sich ab, daß Bonn es mit dem seit Jahren schwersten Fall von Geheimnisverrat zu tun hat.

Ein Sicherheitsexperte der Regierung befürchtet: "Ein neuer Fall Sütterlin, wenn nicht noch schlimmer."

Schon einmal nämlich, im Oktober 1967, wurde im Bonner AA eine erfolgreiche Ost-Agentin enttarnt. die, wie Gerda Schröter, Sekretärin und Chiffrierspezialistin war und überdies Zugang zu Verschlußsachen aller deutschen Geheimhaltungsstufen hatte: Lore Sütterlin, geborene Heinz.

Ein narbengesichtiger Photograph namens Heinz Sütterlin hatte die Außenamts-Angestellte 1960 im Auftrag des sowjetischen Nachrichtendienstes KGB geheiratet. In den folgenden Jahren schaffte "Lola" (KGB-Deckname) Tausende von vertraulichen Vorgängen, darunter wichtige Personalpapiere, aus dem Hause und ließ sie von ihrem Mann ablichten. 969 geheime und streng geheime Dokumente sowie 50 Staatsgeheimnisse gingen außerdem über die Elbe.

Erst als der Agentenführer des Pärchens, KGB-Oberstleutnant Jewgenij Jewgenjewitsch Runge, in den Westen überlief, wurden die Sütterlins verhaftet, Top-Agentin Lore an ihrem Schreibtisch im AA. Vier Tage später erhängte sie sich im Kölner Klingelpütz, Spion Heinz entwich während einer zeitweiligen Haftentlassung mit einer neuen Frau in die DDR.

Zur gleichen Zeit, als Heinz Sütterlin die AA-Dame Lore für den KGB aktivierte, lernte -- 1963 -- das damals 19jährige Au-pair-Mädchen Gerda aus dem schwäbischen Denklingen in der Pariser Sprachenschule "Alliance francaise" den Deutschen Herbert Schröter kennen. Schnell entwickelte sich eine enge Liaison mit dem Landsmann.

Erste Ahnung von der wahren Tätigkeit ihres Freundes bekam Gerda, als Herbert Schröter abends im Zimmer bei ihr eine verschlüsselte Anweisung aus der DDR im Radio abhörte. Beim Tanz wurde er deutlicher: "Ich arbeite für eine gute Sache."

Wenig später reisten die beiden für zwei Tage zu "langjährigen Freunden" Herberts nach Ost-Berlin, einem älteren Ehepaar. Dort führten Gastgeber "Günter" und seine Frau ideologische Diskussionen mit den Gästen aus Paris. Von Gerda wollten sie wissen, "wie ich zum Sozialismus stehe". Doch Sozialismus, das war für Gerda damals identisch mit ihrem Herbert und seiner Arbeit fürs "Friedenslager". "Das Anfangsstadium", sagt sie, "war eine große Schwärmerei."

Ein paar Monate später verbrachte das Paar eine ganze Woche bei "Günter" in Ost-Berlin. Diesmal trafen die beiden dort auch andere Herren, die Gerda beibrachten, wie man Botschaften verschlüsselt, mit einer Minox photographiert und mit einer Rollkamera heimlich Aktenseiten ablichtet. Die Spionin blickt zurück auf ihre Lehrzeit: "Die haben mich gelobt, wie schnell ich das kapiert habe." Zum Abschluß unterschrieb die Kurs-Absolventin ein Papier. Sie trat in die Dienste des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit.

Zurück an der Seine durfte die neue Stasi-Kraft erst einmal entspannen. Dann, "nach monatelanger Gammelei", so erinnerte sie sich, "mußte überlegt werden, was ich mache". Der Freund riet, sich beim Auswärtigen Amt in Bonn als Sekretärin zu bewerben, und schon im November 1965 nahm sie ihren Dienst in der Rechtsabteilung der damals von CDU-Außenminister Gerhard Schröder geleiteten Diplomatenzentrale auf. Auf Zuverlässigkeit überprüft, so erinnert sie sich, wurde sie ihres Wissens nicht.

Nach der Probezeit erhielt sie die Ermächtigung, vertrauliche und geheime Verschlußsachen zu bearbeiten. Im Grundsatzreferat der Rechtsabteilung bereitete sie die erste Lieferung für Ost-Berlin vor -- zwei Verschlußsachen.

Im Mai 1966 dann kam die Jungsekretärin zur Freude ihrer DDR-Freunde ins Nachrichtenzentrum des AA, das Referat ZB 6 (Chiffrier- und Fernmeldewesen). Dort in der Schreibstelle laufen nicht nur die Telegramme aus allen Botschaften ein, sondern auch Mitteilungen von der Nato aus Brüssel und vom Bonner Verteidigungsministerium. Auch alle Nachrichten an die Auslandsvertretungen passieren die Schreibstube. Gerda Schröter: "Ständig liefen Telegramme ein, auch längere Dinger. Mit Washington etwa gibt es eine Standleitung, die kostet dasselbe, egal, ob 100 oder 500 Telegramme durchgehen"

Die Bürodamen mußten die eintaufenden Papiere auf Matrizen abschreiben und mehrere Durchschläge oder Kopien für die Abteilungen des Hauses fertigen. Die ausgehenden Fernschreiben hatten sie auf Lochstreifen zu übertragen. Für die Vernichtung von überflüssigen Papieren standen zwei Zerreißwolfe bereit, ein kleinerer im Zimmer für Geheimmaterial, ein größerer "für den übrigen Quatsch" (Gerda Schröter) in der Nähe der Toilette.

Die Nachwuchsagentin fand bald heraus, daß sie sich fast ungeniert bedienen konnte: "VS-Sachen flatterten nur so rum, erinnert sich die Ex-Agentin, "mit allem wurde offen herumhantiert." Sie legte Duplikate weg, machte zusätzliche Kopien und bisweilen auch Extra-Abschriften für ihren Eigenbedarf. Unbesehen ließ sie ganze Lochstreifen mitgehen.

"Es fiel gar nicht auf, wenn ich was beiseite legte", erzählt Gerda Schröter. "Wenn ein günstiger Moment war. habe ich es gleich in die Tasche gesteckt oder einfach in den Korb reingepackt, der zum großen Wolf gebracht werden mußte. Im Waschraum habe ich die Sachen oberflächlich in den Kleidern versteckt oder in meinen Waschbeutel getan. Fünf Minuten später bin ich dann nach Hause gegangen."

Welches Material ihr dabei in die Hände fiel, weiß sie heute nicht mehr genau zu sagen. Die Ahnungslose: "Es war ziemlich wahllos. Ich weiß gar nicht, was alles dabei war."

Nur vage gibt sie zu: "Was von der Nato kam, war nicht immer unbedingt gefährlich für die Sicherheit der Bundesrepublik. Aber in der kompakten Form, wie sie es von mir kriegten, konnten die im Staatssicherheitsdienst doch was damit anfangen."

Angst hatte sie bei ihrer Arbeit nicht, auch von den Kontrolleuren im Amt fühlte sie sich in ihrem gläsernen Dienstzimmer nicht irritiert: "Ich habe nie Angst gehabt, auch nicht, daß ich entdeckt werde."

Den Transport des Materials nach Ost-Berlin besorgte ihr Pariser Partner, Herbert Schröter, der ebenfalls nach Deutschland übergesiedelt war. In Containertaschen überbrachte er die AA-Ausbeute an die Ost-Berliner Auftraggeber. Als den Stasi-Offizieren Schröters Dauerflüge mit den unverschlüsselten Unterlagen zu riskant erschienen, wurde die Versandart gewechselt. Der Agent beförderte die Geheimnisse fortan mit der Eisenbahn.

In einer Toilette des Interzonenzuges Köln-Berlin (Ost) deponierte er an vereinbartem Platz das Spionagegut. Für die Abholer hinterließ er im Papierkorb ein Zeichen -- eine Verpackungsschachtel für "Kölnisch Wasser". Ober Kurzwelle empfingen die beiden am Abend die Empfangsbestätigung aus Ost-Berlin, in Zahlen verschlüsselt -- im sogenannten A 3-Verkehr. Schon nach den ersten Monaten ihrer Tätigkeit, Ende 1966, erfuhr die Jungagentin höchste Anerkennung. Bei einem Treff in der Tschechoslowakei verlieh ein DDR-Abgesandter ihr einen goldenen Orden, dessen Bezeichnung Gerda Schröter allerdings vergessen hat. Der Ordensverleiher schmeichelte ihr, nur ganz wenige hätten diese Auszeichnung bisher bekommen. Die Dekorierte heute: "Das ist der höchste Verdienstorden, der in der DDR auch anständigen Leuten verliehen wird." Das Zierstück bekam sie freilich nur kurz zu sehen. Der Herr aus der DDR nahm es wieder mit zurück.

Um die gleiche Zeit bemühte sich die frisch Geehrte um Versetzung. weil, wie sie heute sagt, "das Ganze mir zuwider war". Doch ihre Auftraggeber bestanden darauf, daß sie auf jeden Fall im Nachrichtenzentrum bleibe.

Während praktisch im Nebenzimmer Lore Sütterlin von der Sicherungsgruppe verhaftet wurde, während die Ertappte Selbstmord beging und der Prozeß gegen Heinz Sütterlin anlief, arbeitete "Rita" weiter -- nur unwesentlich behindert durch neue Sicherheitsmaßnahmen, die von der Verhaftung des anderen Spionagepaares ausgelöst wurden. Jahrelang hatte der Osten zwei Agentinnen in derselben Abteilung -- und konnte die erhaltenen Informationen sogar gegenprüfen.

Anfang 1968 wechselte die Spionin für kurze Zeit ihr Aktionsfeld. Drei Monate lang arbeitete sie an der deutschen Botschaft in Washington als Vertreterin für einen Chiffrierbeamten. Noch vor ihrer Abreise hatte ihr Agentenpartner sie zur Arbeit angespornt. Er sorgte sich um das Wohlwollen der Ost-Berliner: "Wie stehe ich da, wenn ich nichts habe."

Er bekam wieder was: Als Chiffreuse hatte Gerda Einblick auch in "streng geheime" Akten. teile nahm sie mit nach Hause, und im Büro las sie Protokolle von Gesprächen. Telegramme aus Bonn und von anderen Auslandsvertretungen: "Es kamen auch von der Nato Sachen an, aber nicht militärische."

Zusammenfassungen lieferte sie nach Deutschland, in "latenter Schrift". Das Verfahren: "Zuunterst ein normaler Briefbogen, präpariertes Papier darüber und darauf wieder normales Papier. Dann schreiben, den untersten Bogen umdrehen und einen Liebesbrief auf die Rückseite."

Die attraktive Sekretärin freundete sich sogar mit einem Angehörigen der Botschaft an. der zu Informationen der höchsten Nato-Geheimhaltungsstufe ("Cosmic") Zugang hatte. [n den letzten Wochen vor ihrer Rückkehr nach Bonn versorgte sie sich noch mit Unterlagen. die sie in ihrem Kosmetikkoffer über den Atlantik schaffte.

Aus den USA heimgekehrt. brachte sie zuerst ihr Privatleben in Ordnung. Bei der Übersiedlung aus Paris in die Bundesrepublik hatte Herbert Schröter sich gescheut, mit der Freundin aufs Standesamt zu gehen, aus Furcht, seine eigene Vergangenheit als Mitglied der West-Berliner Sozialistischen Einheitspartei könne die Agentenzukunft seiner Frau im AA vorzeitig beenden. Jetzt heiratete das Paar, das sich bis dahin zur Tarnung getrennte Wohnungen in Köln und Bonn gehalten hatte.

In der AA-Zentrale ging die neuvermählte Frau Schröter dann wieder ihrem Doppelberuf als Gehilfin des Betriebsleiters im Fernmeldedienst und Agentin nach, bis sie im Mai 1970 als Sekretärin in die Westeuropa-Abteilung des Vortragenden Legationsrates Erster Klasse Niels Hansen aufstieg.

Unruhig über die nun wieder spärliche Nachrichten-Ausbeute. diente ihr der Stasi eine Rollkamera an, mit der sie wenigstens in der Mittagspause Papiere ablichten sollte. An der neuen Stelle konnte die Agentin jedoch nicht viel herausholen: "Das lief sehr langsam. Es war nicht furchtbar viel da."

Immerhin gab sie dem Staatssicherheitsdienst einen Tip. Das Bonner AA, so meldete sie mit detaillierter technischer Beschreibung, rüste seine Hauptdependancen in Washington, Moskau und London mit neuen Chiffriermaschinen aus, die mit einem besonders komplizierten Kode-System arbeiten. Der von zwei Bonner Kurieren überwachte Transport nach Moskau geriet denn auch außer Kontrolle. Unterwegs blieb das Gerät zwei Tage lang unauffindbar.

Auch Charakteristiken von AA-Beamten und etwaige Intim-Details aus deren Privatleben forderte der Staatssicherheitsdienst an. "Die wollten wohl persönliche Sachen haben als Handhabe für Erpressungen", empört sich "Rita". Aber so etwas mochte das Kind aus schwäbisch-katholischem Elternhaus nicht ausplauschen: "Meine Mutter hat früher meine Briefe heimlich aufgemacht und wieder zugeklebt. Seither ist das in mir drin."

Präzise Wünsche hatte die Ost-Berliner Zentrale an ihre Mitarbeiterin, als sie im Oktober 1972 an die deutsche Botschaft in Warschau versetzt wurde. Interessiert zeigte sich die DDR an Konferenzberichten über die KSZE-Verhandlungen in Helsinki und die Wiener MBFR-Gespräche zur Truppenreduzierung.

Doch es gab nach der Version von Gerda Schröter "nur ein paar kleine Sachen, die ich rausgetragen habe". Die Konferenz-Materie schien ihr auch so kompliziert, "daß ich nicht nur einen Blick draufwerfen konnte, um alles zu behalten".

Was sie dennoch ausspähte. erfuhr ihr neuer Führungsmann, ein DDR-Resident decknamens "Klaus", alle zehn bis 20 Tage bei Treffen in der polnischen Hauptstadt. "Der Mann in Warschau war ganz hübsch und geschickt", lobt die Sekretärin, die in Polen unter dem neuen Decknamen "Greta" geführt wurde,

Ihm lieferte sie ab, was sie aus dem Botschafts-Sekretariat und dem Vorzimmer Botschafter Ruethes mitgenommen hatte. Nach erprobter Methode diktierte sie "Klaus" direkt in die Schreibmaschine, was sie sich aus Verschluß-Sachen dank einer besonderen Memotechnik zuvor eingeprägt hatte.

Bei einem Treff kam gar der Chef ihrer Stasi-Brigade, der sich ihr unter dem Namen "Werner" vorstellte. Er besorgte "Greta" eine Appartement-Wohnung in der dritten Etage eines Hochhauses nahe dem Kulturpalast.

Auch der gelegentliche Kontaktmann "Horst", den sie zuletzt im Kölner Tivoli-Park gesehen hatte, fand sich in Warschau ein. Er brachte die Nachricht mit, daß ihr -- sechs Jahre nach der Verleihung der DDR-Goldmedaille -- nunmehr auch die Ausführung in Silber nachgereicht werde. Diesmal bekam sie den Orden nicht einmal zu sehen.

Immerhin lohnte sich die Auszeichnung für die Spionin, die aus Ost-Berlin nicht einmal ein Gehalt bezog. "Bei der Ordensverleihung gab es natürlich auch Geld", berichtet Gerda Schröter. "Ich weiß nicht mehr wieviel." Außerdem hatte sie einen festen Spesensatz, "dreihundert Mark als Ausgleich dafür, daß ich in einem schäbigen Amt arbeiten muß".

Zu Weihnachten und an den Geburtstagen gab es kleine Aufmerksamkeiten aus Ost-Berlin. "Das bewegte sich zwischen dreihundert und fünfhundert Mark. immer in bar." In der DDR richtete der Stasi den Schröters ein Bankkonto und eine Wohnung ein, bot eine Altersversorgung und trug beiden die DDR-Staatsbürgerschaft an.

Der Ost-Berliner Geheimdienst spendierte auch Urlaubsreisen, auf denen zugleich Treffs mit Führungsoffizieren arrangiert wurden, so mehrfach in Helsinki, einmal -- auf der Durchreise nach Griechenland -- in Jugoslawien. Zu Pfingsten in diesem Jahr war ein Tête-à-tête der Botschaftssekretärin mit einem DDR-Geheimdienst-General in Prag verabredet. Für den Herbst stand eine Tour in die Sowjet-Union auf dem Programm.

Die Tage der Begegnung dienten dazu, die Bonner Agentin psychologisch zu betreuen und ideologisch zu festigen. Gerda Schröter weiß noch: "Immer und immer war es dasselbe. Es ging darum, daß man bei Verrat keine Hemmungen haben soll und daß es dem Frieden dienen würde."

Doch auch die Schulungsoffiziere konnten der Spionin nicht alle Hemmmungen ausreden.

Schon das mehrfache Bemühen um Versetzung -- so stellt sie es dar entsprang dem Wunsch, sich aus den politischen Verstrickungen und der privaten Bindung von dem Freund und späteren Ehemann zu lösen. Gerda Schröter heute ... Meine Selbstachtung hat sehr darunter gelitten, in der Art und Weise zu arbeiten."

Ihr Entschluß, sich zu stellen, war denn auch von der Hoffnung bestimmt. sie könne durch tätige Reue die Richter für sich einnehmen oder sich vielleicht gar den strafrechtlichen Folgen ganz entziehen.

Nach einer Bestimmung des Strafgesetzbuches (Paragraph 98, Absatz 2) kann das Gericht tatsächlich die Strafe

... mildern oder von einer Bestrafung ... absehen, wenn der Täter freiwillig sein Verhalten aufgibt und sein Wissen einer Dienststelle offenbart". Hans Dahs, Rechtsbeistand der Lx-Spionin: "Das ist der Schwerpunkt unserer Verteidigung."

Dahs hofft, die Richter auch damit beeindrucken zu können. daß seine Mandantin sich freiwillig aus einem osteuropäischen Land, wo sie ungefährdet hätte bleiben können, in die Bundesrepublik bringen ließ.

Buchstäblich bis zur letzten Minute versuchten die DDR-Geheimdienstler, Gerda Schröter von ihrem Entschluß abzubringen. Am vorletzten Mittwoch. zwei Stunden vor Abflug der Lufthansa-Maschine LH 347 nach Frankfurt. meldete sich gegen elf Uhr Herbert Schröter telephonisch in der Wohnung von Botschaftsrat Sikora, wo Ehefrau Gerda gleich nach ihrem Geständnis untergekommen war.

"Gerda, flieg' nicht mit", beschwor er seine Frau, "ich bin in drei Stunden in Warschau." Und er versuchte, sie unsicher zu machen: "Man hat dich reingelegt. Du weißt, daß du sieben Jahre kriegst, wenn nicht zehn." Gerda Schröter darauf: "Ich fliege mit, ganz egal, was ich kriege."

Auf dem Flughafen entdeckte sie Stasi-Kontakter "Horst", der sie stumm anblickte. In der Lufthansa- Maschine bot ihr unmittelbar vor dem Start ein polnischer Offizier einen amerikanischen Paß mit täuschend ähnlichem Photo an. Der Pole: "Sie können noch raus." Die Ex-Agentin: "Ich will nicht."

Gerda Schröter ließ sich von ihrem Entschluß. auch auf weiteres Drängen. nicht mehr abbringen. Schon dem aufgeregten Botschaftsrat Sikora hatte sie zum Abschied versichert, selbst wenn ihr Mann sie auf dem Warschauer Flughafen erwarte, bleibe sie dabei: "Nachdem ich was angefangen habe. mache ich es auch jetzt zu Ende."


DER SPIEGEL 24/1973
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