11.06.1973

Schockfilm vom „Großen Fressen“

Noch läuft „Der letzte Tango“, da macht ihm schon ein ähnlich spektakulärer Film voll vulgärer Sex- und Völlerei-Passagen Konkurrenz: Marco Ferreris „La grande bouffe“ (Das große Fressen) -- Deutschlandstart im Herbst 1973 -- schockiert derzeit Pariser Kinogänger. Vier lebensmüde Lebemänner fressen sich darin zu Tode.
Premierengäste, von Brechreiz getrieben, schlichen sich vorzeitig davon; ein Parlamentarier sah "französischen Geschmack und Geist" verraten: der Schriftsteller Jean Cau empfand tiefe Schmach.
"Schande über die Produzenten dieses Films", so zeterte der einstige Sekretär Jean-Paul Sartres im Bilderblatt "Paris Match", "Schande über den Regisseur, Schande über die Schauspieler ... mein Land ... unsere Epoche." O Schande.
Schändlich aufgeführt, meint Cau (und mit ihm die konservative Filmkritik), habe sich der Italiener Marco Ferreri mit seinem farbigen 130-Minuten-Lichtspiel "La grande bouffe" (Das große Fressen). Und tatsächlich: Der jetzt in 13 Pariser Kinos angelaufene Film, offizieller (und sogar preisgekrönter) französischer Beitrag des Festivals von Cannes, übertrifft an Schockwirkung den "Letzten Tango in Paris". Sein makabres Thema: Gruppen-Selbstmord durch gezielte Völlerei.
Ferreris Todeskandidaten, ein Jet-Pilot, ein Gastronom, ein TV-Regisseur und ein Richter, die im Film
nach ihren Darstellern Marcello (Mastroianni), Ugo (Tognazzi), Michel (Piccoli) und Philippe (Noiret) heißen, versammeln sich zum "gastronomischen Seminar in einer mit altem Kunstgewerbe überfüllten Vorstadt-Villa.
Sie knabbern Süßes, während sie das Haus begehen und den Transport vorbestellter Rinder- und Schweinehälften ins Kühlhaus überwachen. Bester Laune greift sich Michel einen Kalbskopf und rezitiert in Hamlet-Positur "To be or not to be". Marcello sagt: "Das Fest beginnt"; er hat Appetit.
Also fressen sie. Tage- und nächtelang, anfangs manierlich, später schon gierig und schließlich ums Verrecken, lutschen die vier Gourmets das Mark aus dicken Röhrenknochen, schlürfen Austern, knacken Puterkeulen und rühren in feinsten Suppen und Saucen. Sie heben Pastetenfüllungen aus dem Wasserbad, backen Sahnetorten und vertilgen zu Champagner und Rotspon ungezählte saftige Braten, süße Crêpes und flaumige Soufflés.
Auf die Haute Cuisine (zu den Dreharbeiten für 400 000 Mark vom Pariser Delikatessengeschäft Fauchon geliefert) folgen die Gaumenfreuden der Volksküche -- Apfelbrei, Kartoffelmus, Spaghetti -- und bald auch die ersten Störungen im Verdauungstrakt.
Nach 20 Filmminuten entfährt den Feinschmeckern der erste Rülpser; gegen Schluß des Gelages kann Michel den Dauerton seiner Blähungen nur noch mit einem Forte am Piano überdecken: Ferreri wird deutlich.
Er stellt die bürgerlichen Helden seines "physiologischen Films" enthumanisiert, als Monstren, dar und bereitet ihnen ein schlimmes Ende:
* Marcello, der mit drei ranken Huren und einer dicklichen Lehrerin die Villa zeitweilig in ein Bordell verwandelt, erfriert -- zu vollgefressen -- in einem Bugatti-Rennwagen, mit dem er fliehen wollte. > Michel, der -- "vanitas vanitatum" -- die Welt mit einer Rehkeule absegnet, verreckt an Darmstörungen
* Mit Noiret, Tognazzi (o.), Andréa Ferréol, Mastroianni (u. l.), Piccoli (u. r).
und bricht in seinen Exkrementen zusammen.
* Ugo, der sich seinen Kumpanen in Marlon-Brando-Maske als "Der Pate" vorstellt, öffnet zum Sterben Mund und Hose: Während ihm Philippe eine Pastete einfüttert, verschafft ihm die Lehrerin einen letzten Orgasmus.
* Philippe, Diabetiker mit Mutterkomplex, geht schließlich an einem süßen Pudding ein.
übrig bleibt, eine Art Todesengel, die mütterliche, fette Pädagogin, die mit allen getafelt und mit allen geschlafen hat. Als eine neue Fleischlieferung eintrifft, läßt sie die Ware im Garten ablegen und geht traurig ins Haus.
"Profunde Verzweiflung", sagt Ferren, 45, solle sein geschmackloses, auch "moralisierend" gemeintes Kinostück ausdrücken, das er um der Provokation willen am liebsten "Essen, Lieben, Scheißen, Sterben" betitelt hätte.
Denn auf Provokation versteht sich der Ex-Tierarzt -- ob er Marina Vlady als "Bienenkönigin" (1963) und Catherine Deneuve als unterwürfige "Hündin" (1972) vorführte oder den Vatikan angriff ("Die Audienz", 1971).
Seine Vulgär-Allegorie auf die Selbstzerstörungssucht der Konsumgesellschaft wirkt jedoch (bei aller Regiekunst im Detail) zu glatt und zu virtuos, um Verzweiflung spüren zu lassen. Der Moralist Fernen ist vor allem Exzentriker -- und bleibt es vorerst.
Sein jüngstes Filmprojekt -- Titel: "Das wichtigste Ereignis, seit der Mensch auf dem Mond spazierenging" -- soll dem Star Marcello Mastroianni erstmals Mutterfreuden bescheren. Er spielt einen Ehemann, der nach einer Geschlechtsumwandlung schwanger wird.

DER SPIEGEL 24/1973
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