DER SPIEGEL



MEDIZIN

Arbeit fliegt flott

Eine fast schon vergessene Methode der Entspannung ist plötzlich wieder in Mode: Autogenes Training.

Für Frau Doktor Gisela Ebenem ist es ein "warmer Mantel", für Herrn Doktor Hannes Lindemann eine "Geheimwaffe". Seinen Erfinder, den Berliner Professor J. H. Schultz, brachte es einst in die Nähe der Gaukler und Guru und nun fast in das Pantheon der deutschen Medizin: "Autogenes Training" ("AT"), vor 40 Jahren als Methode der Psychotherapie erstmals beschrieben, hat unvermutet Renaissance.

Mehr als vierzigtausendmal wurden in den letzten vier Monaten handliche "AT"-Gebrauchsanweisungen über den Ladentisch gereicht: Auf der SPIEGEL-Bestseller-Liste, Sparte Sachbücher, halten Eberlein und Lindemann seit Wochen die Plätze zwei und fünf. In der letzten Woche drängte noch ein Medicus auf den umsatzträchtigen Markt. Mindestens 30000 Käufern will der Heidelberger Psychotherapeut Karl Robert Rosa Lichter setzen: "Das ist Autogenes Training"*.

Die drei schreibenden Mediziner sind allesamt Schüler des Berliner Nervenarztes J. H. Schultz (1884 bis 1970). Der Theologensohn" klein und kregel, doch geschlagen mit dem "Dämon Asthma in seinen neurotischen Tönungen", hatte vor 1920 bei Hypnoseversuchen "eigenartige Empfindungen von Schwere und Wärme" beobachtet. Bald lernten Schultz und seine Kranken, diesen "beruhigenden Zustand innerer Sammlung" auch ohne fremden Willen herbeizuführen.

Schultz ersann präzise vorgeschriebene Übungen, um sich "innerlich zu lösen und zu versenken. Das Ziel der "Selbstruhigstellung der Gemütsbewegungen" erreicht der autogen Trainierende in sechs Schritten. Dabei ist "Zielrichtung der ganzen Arbeit" die Einrede: "Ich bin ganz ruhig."

In entspannter Haltung und mit geschlossenen Augen lernt der AT-Adept" Arme und Beine "ganz schwer", später "ganz warm" zu fühlen. Dann läßt er sein Herz "ruhig, kräftig. regelmäßig" schlagen, suggeriert "Es atmet mich" und "Das Sonnengeflecht ist ruhig strömend warm". Schließlich wird die "Stirn angenehm kühl gestellt" und dieser entspannte Zustand nach einigen Minuten "zurückgewonnen". Das hierzu von Reserveoffizier Schultz ersonnene "militärische" Kommando heißt: "Arm fest! Tief atmen! Augen auf!"

Wer drei Monate lang täglich zehn Minuten trainiere, meinen die Schultz-

* Dr. med. Karl Robert Rosa: "Das ist Autogenes Training". Kindler Verlag, Zürich und München; 140 Seiten; 680 Mark.

Schüler, der könne später willentlich zwischen "Anspannung" und "Entspannung" wählen. AT-Typen gingen nicht mehr gleich in die Luft. Schlafstörungen, feuchte Hände und flattrige Nerven verschwänden wie von selbst.

Dieses Heilversprechen, das nach den Erfahrungen der Schulmedizin oft sogar eingelöst wird, ist die Ursache der AT-Renaissance. "Überleben im Stress" verspricht etwa der Hamburger Arzt Hannes Lindemann seinen Lesern. Er selbst verdanke der konzentrativen Entspannung den Sieg über Wasser, Wellen und Wind: 1956 überquerte Lindemann im Serienfaltboot den Atlantik.

Doch auch für Probleme zu Lande gibt es mittlerweile Trainingshilfen: Die sechsstufige "Gesamtübung" wird nach den Intentionen ihres Erfinders durch zusätzliche "formelhafte Vorsatzbildungen" erst richtig wertvoll. Diese Selbsthypnose-Formeln helfen Schmerz und Schuppen, Angst und sogar Armut leichter tragen.

So lehrt der Berliner Verweser des "J.-H.-Schultz-Instituts"" der Arzt, Theologe, Psychologe und Oberstudienrat für fremde Sprachen Dr. Dr. Klaus Thomas ("Ich habe zehn Staatsexamen"). seine schwachen Schüler den AT-Stabreim "Latein fällt mir leicht". Die Autorin Eberlein, die nebenbei der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsvorsorge präsidiert" entwickelt das "Gute und Positive im Menschen" durch "gegenwartsnahe Vorsatzbildungen" wie "Ich gehe zum Finanzamt".

Anpassung an die Normen der Gesellschaft ist auch Lindemanns Ziel. "Nur wo Ordnung ist, bin ich ganz frei" sollen sich Drogensüchtige suggerieren, Lendenschwachen Männern empfiehlt er die Hilfsformel: "Ich liebe als Mann, ganz ruhig und lang."

Wer nur unter Lärm leidet, aber "auf keine Änderung seiner Situation hoffen darf", der kann sich laut Lindemann durch Autogenes Training "eine gewisse Erleichterung verschaffen": "Ich bin ganz ruhig und heiter, trotz Lärm arbeite ich weiter." Arbeitern am Fließband empfiehlt der Arzt den Vorsatz: "Arbeit fliegt flott von den Fingern."

Käufer der Trainings-Fibeln sind jedoch meist jüngere Schreibtisch-Täter. Und während Kindler wenigstens noch darauf verzichtet, sein Buch zur Selbstbehandlung anzupreisen, konnten Bertelsmann und Econ dieser Versuchung nicht widerstehen. Lindemann und Eberlein, sonst ganz auf den großen J. H. Schultz eingeschworen, setzen sich über eine ernste Warnung ihres erfahrenen Lehrmeisters hinweg.

Schultz nach 50 Jahren Praxis: "Die AT-Übungen sind gefährlich." Sie können zu Ohnmachten" Migräneanfällen, Herz- und Gefäßstörungen führen. "Es muß deshalb vor Übungen dieser Art ohne ärztliche Untersuchung und Aufsicht aufs dringendste gewarnt werden."


DER SPIEGEL 25/1973
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