18.06.1973

FILMKRITIKAgitprop vorm Spiegel

Ein Schuß Sehnsucht -- Sein Kampf. Politspielfilm von Lothar Lambert und Wolfram Zobus. Deutschland 1973. 82 Minuten.
Wo Rosen sterben, gedeihen immer noch Disteln. Wo die ehrgeizigsten Projekte deutscher Alt-, Jung-. Polit- und Undergroundfilmer am notorisch leeren Geldsack ihrer Produzenten scheitern, blüht neuerdings auf der deutschen Filmszene ein Außenseiter-Geschäft: Wider alle Regeln der Branche liefern die Berliner Lothar Lambert (Filmkritiker, 28) und Wolfram Zobus (SFB-Reporter, 29) konkurrenzlos billige Spielfilme ins Kino, die weniger als ein fabrikneuer Volkswagen kosten.
Ihr abendfüllender Erstling "Ex und hopp" beispielsweise, ein Anti-Rauschgift-Report, hat nur 5000 (in Worten fünftausend) Mark Spargeld verschlungen, sich nach zwei Kino-Einsätzen amortisiert und einen "Berliner Kunstpreis" gewonnen.
Das Opus 2 ist anspruchsvoller und war teurer (7000 Mark); ein Preis allerdings steht diesmal kaum ins Haus.
Arm, halbbedacht und notgedrungen dilettantisch schildern die Filmemacher mit reaktionären Schlagzeilen-Zitaten ("Bild": "Schützt euch selbst und kauft euch Waffen"), mit Original-Reportagen von Berliner Pro- und Anti-Obrigkeitsdemonstrationen -- und leider auch mit unbezahlten Laienspielern -- den Bewußtseinswandel eines anpassungsfreudigen Finanzbeamten.
Anfangs unselbständig (Mutti wäscht ihn), später immer deutlicher frustriert (seine Braut sagt "Impotentes Schwein"). quittiert der zudem vom Staatsdienst enttäuschte Arbeitnehmer (eine seit sechs Jahren fällige Beförderung bleibt aus) seinen Job, nimmt ein teures Zimmer und läßt sich von Polit-Zirkeln motivieren.
Eitel probt er Agitprop-Reden vor dem Spiegel, demonstriert am Amerika-Haus gegen den "Kriegsverbrecher" Nixon, erwirbt eine Pistole und schießt -- von keiner Politgruppe gestützt -- schließlich als Einzelkämpfer den nächstbesten Bonzen vor dem Schöneberger Rathaus nieder.
Das Publikum mag gnädig sein. Die so gefilmte Chaoten-Karriere, leichter zu referieren als im Film politisch zu begreifen, hat dennoch Maßstäbe gesetzt: Doppelt so teure Lichtspiele sollten künftig mindestens halb so gut ausfallen wie "Sein Kampf".

DER SPIEGEL 25/1973
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