18.06.1973

ERICH VON MANSTEIN

Er war einer der letzten großen Strategen der Kriegsgeschichte, er galt als Genie militärischer Planungen. Wo immer "der gefährlichste Gegner der Alliierten im Zweiten Weltkrieg" (so der britische Militärexperte Liddell Hart) operierte, mußte der Feind mit überraschenden Aktionen rechnen.
Sein Plan "Sichelschnitt" bahnte 1940 deutschen Panzerverbänden den Weg durch die angeblich unwegsamen Ardennen zur Kanalküste. Seine Führungskunst ermöglichte 1941/42 die Eroberung der Krim, seine Ausdauer hielt nach Stalingrad die deutsche Südfront im Osten zusammen.
Erich von Lewinski" genannt von Manstein, Generalfeldmarschall des Dritten Reiches, verkörperte gleichwohl Entartung und Untergang des preußisch-deutschen Militärs. Er half beim Marsch in die Katastrophe -- irregeführt von einem starren Pflichtgefühl.
Seinen komplizierten Namen verdankte er zwei Frauen: Helene von Lewinski, Tochter und Ehefrau eines Generals, hatte ihrer kinderlosen Schwester, der Generals-Frau Hedwig von Manstein, zugesagt, ihr das zehnte Kind abzutreten, falls es männlichen Geschlechts sei. Am 24. November 1887
erreichte die Mansteins ein Telegramm: "Euch ist heute ein gesunder Junge geboren."
Die Mansteins adoptierten den Lewinski-Jungen, der sich von nun an Manstein nannte. Aufgewachsen in einer Welt, die nur den archaischunreflektierten Waffendienst für den Preußen-König kannte, verlief seine Karriere in gewohnten Bahnen: Kadettenkorps, Eintritt in das 3. Garderegiment zu Fuß, Kriegsakademie. im Ersten Weltkrieg Generalstabsoffizier in Armee-Oberkommandos und Divisionsstäben. 1929 saß er in der Operationsabteilung des Generalstabes (damals: Truppenamt) und entwickelte Pläne, die schon die Handschrift des künftigen Strategen verrieten.
Solcher Aufstieg konnte freilich nicht verschleiern, daß Militärs wie Manstein die politische Orientierung verloren hatten. Durch den Zusammenbruch der Monarchie ihres Bezugspunktes, des Königs, beraubt, kapselten sie sich von der Republik ab und flüchteten in eine Nur-Dienst-Ideologie. In ihren Tagträumen konstruierten sie sich ein künftiges "Reich", so abstrakt, daß es Hitler nur allzu leicht fiel, es für seine eigenen Zwecke umzufunktionieren.
Bedenkenlos diente der Generalmajor Manstein der Aufrüstungspolitik Hitlers, wenn er auch nicht kritiklos blieb: Er geißelte "Übergriff e" der NS- Partei und qualifizierte zuweilen in offener Konfrontation Hitler-Auffassungen als "Unsinn" ab. Doch der Oberste Kriegsherr Hitler blieb ihm im Grunde sakrosankt. Er stand bereit, seinem Führer in die düstersten Kriegsabenteuer zu folgen.
Ende August 1939 plante er einen Scheinangriff dreier Sturmbataillone in polnischer Uniform -- eine Kriegsprovokation, die Hitler dann dem SD überließ. Als Anfang 1940 die Führung des Heeres sich endlich dem Krieg gegen Frankreich entgegenstellen wollte, lieferte Manstein hinter ihrem Rücken Hitler den Feldzugsplan, der die Bedenken der Militärs entwertete. Und in Rußland feuerte er seine Soldaten zum Rassenkrieg an: "Das jüdisch-bolschewistische System muß ein für allemal ausgerottet werden."
Dabei erkannte der Feldmarschall allmählich, daß Hitlers Weg in die Katastrophe führte. Dennoch lehnte er es ab, sich der militärischen Anti-Hitler-Fronde anzuschließen. Als sich der 20.-Juli-Verschwörer Henning von Tresckow in den Stab Mansteins versetzen lassen wollte, schwärzte ihn Manstein bei der Personalabteilung des Generalstabes an: Tresckow sei Gegner des Nationalsozialismus.
Bis zum letzten Augenblick glaubte Manstein, er könne Hitler zu einer geschmeidigeren Kriegführung im Osten und zu dem überreden, was er "Remisfrieden" nannte. Hitler löste das Problem auf seine Art: Er entließ den Feldherrn wegen Meinungsverschiedenheiten am 30. März 1944.
Keine Andeutung aber verrät, wie der Pensionär Manstein, der am Pfingstsonntag im Alter von 86 Jahren starb, mit seiner Vergangenheit fertig geworden ist. Der preußische General und Befehlsverweigerer von der Marwitz ließ einst auf seinen Grabstein schreiben: "Er wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte." Erich von Manstein wird eines anderen Textes bedürfen.

DER SPIEGEL 25/1973
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