01.10.2005

AUSWANDERER

Paradies für Schwerverbrecher

Von Holm, Carsten

Rund 230 000 Deutsche machen Jahr für Jahr Urlaub in der Dominikanischen Republik, mehr als 30 000 ließen sich dort nieder. Sie träumten vom Paradies - aber auch Kriminelle prägen das Bild. Das Bundeskriminalamt sieht einen "Rückzugsraum für gesuchte Straftäter".

Sie hatte genug von Deutschland. Ihre zweite Ehe war gescheitert, nun nahm die Mainzerin Clarissa Chatzigeorgiou, 55, all ihren Mut zusammen und versuchte einen Neuanfang. Weit weg von der europäischen Zivilisation wollte sie ihn wagen, in einem Land, von dem sie gehört hatte, dass es ein Paradies sei. Sie verkaufte ihr Haus, schloss ihre Praxis für Physiotherapie, packte ihre Koffer und wanderte in die Dominikanische Republik aus.

Ihren Garten Eden fand sie im immergrünen Norden des Landes. Erhaben thront dort das Städtchen Sosúa über einer sichelförmigen Bucht mit türkisfarbenem, klarem Wasser. Palmen säumen den hellen Sandstrand, es gibt weder Hochhäuser noch Bettenburgen. Das Klima ist angenehm, meist weht eine leichte Brise vom Atlantik her. Die Einheimischen sind zu Ausländern auch dann ausgesprochen freundlich, wenn sie nichts an ihnen verdienen wollen.

Rund 230 000 Deutsche verbringen alljährlich ihren Urlaub in dem Sonnenstaat, mehr als 30 000 ließen sich dort nieder; die meisten an der Nordküste. Sosúa kam auch Clarissa Chatzigeorgiou wie ein ideales Basislager vor, um die schöne, neue Welt zu erforschen. Hier und da gibt es sogar etwas Deutschland zu kaufen: Brötchen beim deutschen Bäcker, Wurst beim deutschen Fleischer, Haarschnitt beim deutschen Friseur und, im Nachbardorf Cabarete, Schnitzel im Restaurant Hexenkessel.

Doch die Idylle trügt. Seit der Tourismus in der Region boomt und ein Karibikurlaub nicht nur für besonders gut Betuchte möglich ist, hat sich in der Dominikanischen Republik, von der deutschen Öffentlichkeit bislang unbemerkt, eine Kolonie von Kriminellen etabliert. Ähnliche Entwicklungen werden zwar auch in anderen Reisehochburgen registriert, etwa in Thailand oder auf den Philippinen. Allerdings: "Nirgendwo sonst in der Welt", sagt ein hochrangiger Diplomat des Auswärtigen Amtes, "versammelt sich eine so schlimme Mischpoke von Deutschen." Es kommen nicht nur Sextouristen, die trotz der hohen Aidsrate gern auf Kondome verzichten, oder Trinker, die es etwa nach Sosúa zum "Komasaufen" in die Beach Bar von Tom aus Gelsenkirchen zieht.

An den dominikanischen Stränden sonnt sich auch eine andere Klientel. Heerscharen von Straftätern haben sich in der Republik niedergelassen:

Betrüger, Steuerhinterzieher, Drogendealer, Kinderschänder und Mörder. Die Gefahr, von deutschen Ermittlern geschnappt zu werden, ist gering.

Ungeniert erkundigen sich Kriminelle vor der Flucht in die Ferne beim Auswärtigen Amt oder beim dominikanischen Generalkonsulat in Hamburg, "ob deutsche Straftäter nach Deutschland ausgeliefert werden". Sie erfahren, dass ihre sonnige Ausweichresidenz recht sicher ist: Die Bundesrepublik hat kein Auslieferungsabkommen mit der Dominikanischen Republik.

Schon die Einreise in die "DDR", wie Residenten aus der Bundesrepublik ihre "Deutsche Dominikanische Republik" gern nennen, ist unkompliziert. Wer mit einer Charterlinie ankommt und angibt, höchstens 90 Tage zu bleiben, muss nur seinen Ausweis vorzeigen und bekommt eine Touristenkarte. Wer für immer bleiben will, braucht eine Aufenthaltserlaubnis, muss aber ein makelloses polizeiliches Führungszeugnis vorlegen - eine zu hohe Hürde für die vielen Vorbestraften. Doch für 1000 bis 2000 Dollar gibt es das Papier auf dem Schwarzmarkt. Kriminelle können dann unentdeckt leben: Es gibt keine polizeiliche Meldepflicht, die Idylle am Meer kann für lange Zeit ungestört bleiben.

Kein Wunder, dass sich der Karibikstaat nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts (BKA) zu einem "Rückzugsraum für gesuchte Straftäter" entwickelt hat. Insider schätzen, dass mehr als 200 Residenten von deutschen Fahndern mit Haftbefehl gesucht werden.

Die Mainzerin Clarissa Chatzigeorgiou wusste nicht, dass sich in dem vermeintlichen Paradies Landsleute tummeln, die davon leben, Neuankömmlinge zu betrügen. Die Deutsche mit dem griechischen Namen war ein ideales Opfer: Nach dem Verkauf ihres Hauses hatte sie rund 185 000 Euro übrig behalten und davon bei einer Bank in Puerto Plata 150 000 Euro in Pesos angelegt.

Dann machte sie die üblichen Erfahrungen. Ob beim Umschreiben des Führerscheins, beim Anmieten einer Wohnung oder bei der Anschaffung von Möbeln: "Alles läuft erst einmal schief, keine Absprache ist verlässlich", sagt sie. So weit, so karibisch.

Da schien es ein Glücksfall zu sein, dass die Frau den Kraftfahrzeugmechaniker Michael L., 35, kennen lernte. Der Saarländer lebte seit ein paar Jahren in Sosúa, er war einer jener vielen Einwanderer, die orientierungslosen Novizen Hilfe anbieten. Die Aussteigerin ahnte nicht, dass ihr Landsmann schon zwei Verurteilungen als Betrüger auf dem Kerbholz hatte.

L. versprach der Mainzerin, ihr Geld bei einer anderen Bank in US-Dollar anzulegen. Heimlich aber kaufte der Betrüger die Discothek Copacabana und ging damit Pleite. Auch ihren Familienschmuck vertraute Chatzigeorgiou dem neuen Bekannten an. Der versprach, die Pretiosen im Wert von immerhin 80 000 Euro sicher in seinem Safe zu verwahren - und verscherbelte alles ohne ihr Wissen. "Ich war naiv und habe ihm blind vertraut. Es war der größte Fehler meines Lebens", sagt die Betrogene heute.

Die Geschichte der Aussteigerin, die inzwischen mittellos nach Mainz zurückkehrte und von der Sozialhilfe lebt, ist ein übler Fall, aber nichts Ungewöhnliches im Alltagsleben der Deutschen dort. Man lernt sich kennen und betrügt sich - Rücksicht auf Landsleute darf nicht erwartet werden.

Wer mit einer fünf- oder sechsstelligen Eurosumme ankommt, fühlt sich erst einmal wohlhabend in einem Land, in dem jeder fünfte Einheimische als arm gilt. Allzu oft aber, hat Andrea Kobilke, 45, aus Solingen beobachtet, "verpulvern neue Residenten ihre Rücklagen schnell". Die Sozialwissenschaftlerin zählt zu den erfolgreichen Einwanderern: Sie ließ sich 1996 in Sosúa nieder und führt dort die florierende Autovermietung KobiRent.

Viele Deutsche geraten leichtfertig in die Pleite. Sie verjubeln ihr Geld mit Prostituierten oder investieren es etwa in schlechtlaufende Restaurants. Andere verlieren bei betrügerischen Immobiliengeschäften alles, weil sie hohe Beträge für Häuser oder Grundstücke zahlen - und sich danach herausstellt, dass die dem Verkäufer nicht gehörten. Spätestens wenn sie selbst finanziell am Ende sind, werden etliche Auswanderer zu Betrügern und suchen sich Landsleute als Opfer.

Deutsche Diplomaten kennen diesen Kreislauf. Der Vortragende Legationsrat Andreas Götze, bis vor kurzem zweiter Mann der Botschaft in der Hauptstadt Santo Domingo, zitiert gern eine "Lebensweisheit der Deutschen an der Nordküste": "Der schlimmste Feind des deutschen Residenten ist der deutsche Resident." Dutzende solcher Fälle wurden der Botschaft bekannt, die Dunkelziffer hält Götze für "sehr hoch".

Noch immer gibt es die Idylle dominikanischer Strände, die durch die Bacardi-Werbung zu Weltruhm kamen, noch immer glitzern die Wellen so wie in der ARD-Fernsehreihe "Klinik unter Palmen", für die TV-Arzt Klausjürgen Wussow zuletzt vor drei Jahren nahe Puerto Plata drehte.

Doch deutsche Straftäter haben in nahezu allen Deliktsbereichen ihre Spuren auf dem Inselstaat hinterlassen. So

* wurde der Nürnberger Felix J., 29, am 16. März auf dem Flughafen in Santo Domingo mit einem Pfund Kokain erwischt;

* wurden zwei Männer und eine Frau aus Baden-Württemberg und Niedersachsen in Deutschland dafür verurteilt, dass sie einen Landsmann um gut 25 000 Euro beraubten und umbrachten;

* schmuggelten deutsche Angehörige der 45-köpfigen sogenannten Koffer-Bande von der Dominikanischen Republik aus Drogen nach Europa und in die USA, bis bayerische Kriminalbeamte ihre Geschäfte beendeten.

Flüchten deutsche Kriminelle in den Karibikstaat, sind sie vor deutschen Strafverfolgern zumeist sicher. Zwar schieben dominikanische Behörden Tatverdächtige, nach denen international gefahndet wird, trotz des fehlenden Auslieferungsabkommens zwischen Berlin und Santo Domingo gelegentlich ab - aber allzu oft scheuen Staatsanwälte Kosten und Aufwand, um die Kriminellen in der Karibik überhaupt

ausfindig zu machen und ausfliegen zu lassen.

Nur etwa 60 Straftäter und Tatverdächtige sind nach Angaben des BKA in den vergangenen sechs Jahren von der dominikanischen Polizei festgenommen und von deutschen Beamten abgeholt worden. "Das sind wenige angesichts der Menge von Kriminellen dort", sagt der Münchner Privatermittler Harald Krügel. Der Wirtschaftsdetektiv spürte ein gutes Dutzend deutscher Betrüger auf.

In Kürze will Krügel wieder hinfliegen, um Detlef S. zu jagen. Der Deutsche, den die schweizerische Justiz sucht, soll mit Komplizen Anleger aus aller Welt betrogen haben. 18,5 Millionen Euro Schaden legte das Bezirksgericht im schweizerischen Uster bei Zürich seinen Mittätern zur Last und verurteilte sie am 9. Februar zu mehrjährigen Freiheitsstrafen.

S. war nicht greifbar, Krügel will nun dessen Fährte aufnehmen. Opfer der Betrüger haben ihn beauftragt, den Wohnsitz von S. zu ermitteln, damit sie ihre Schadensersatzansprüche gerichtlich geltend machen können.

Krügel hat ein Ziel. "Ich weiß, dass der Herr gern am Strand von Sosúa schwimmen geht", sagt der Fahnder.

Oft, so ein Ermittler, "hakt die deutsche Justiz Auslandsfälle einfach ab, sobald sie erfährt, dass sich die Spur der Täter an einem Flughafen verliert". Die Chemnitzer Staatsanwaltschaft aber wollte nicht hinnehmen, dass Deutsche, die sie für Mörder hält, unbehelligt in der Karibik leben können.

Mit zähen Bemühungen schaffte sie, was Ermittlern selten gelingt: Sie erreichte die Abschiebung dreier Tatverdächtiger. Seit dem 8. August versucht das Chemnitzer Landgericht zu klären, wie Peter P., 50, und seine Lebensgefährtin Marilyn Sch., 42, aus dem sächsischen Plauen am 2. April 2003 auf der dominikanischen Halbinsel Samaná starben - einer der schönsten Gegenden des Landes, in die Touristen zur Beobachtung von Buckelwalen reisen.

Die beiden Sachsen waren 1999 in den Karibikstaat übergesiedelt, daheim hatte P. es zuvor auf vielfältige Weise zu Geld gebracht. Er stand im Verdacht, sagt Oberstaatsanwalt Bernd Vogel, "in seltsame Geschäfte beim Bau der Autobahn 72 von Chemnitz nach Hof verwickelt" gewesen zu sein - was die Ermittler erst nach dem Doppelmord aufdeckten.

Bei diesen Geschäften war womöglich noch eine Rechnung offen geblieben. Michael Z., René O. und Detlef C., drei Sachsen mittleren Alters, stehen im Verdacht, das Paar um die Herausgabe von 135 200 Euro erpresst und es danach ermordet zu haben.

An der Nordküsten-Fernverkehrsstraße von Nagua nach Samaná, am weithin bekannten Aussichtspunkt El Mirador, zeugt ein großer Baum mit auffälligen Brandspuren von dem Doppelmord. Das Auto des Paares wurde mit Benzin übergossen und angezündet, die Opfer wurden zudem mit einem Baseballschläger traktiert.

Vor dem Landgericht soll auch geklärt werden, ob P. den Betrag aus gemeinsamen illegalen Geschäften für sich abgezweigt hatte. Das Verfahren vor dem Landgericht, so Oberstaatsanwalt Vogel, werde exemplarisch zeigen, "wie mutmaßliche Schwerkriminelle ihre heimlichen Grabenkriege von Deutschland in die Dominikanische Republik verlagern".

Viele wissen, dass unabhängige Strafverfolgung nicht zu den Stärken des dominikanischen Rechtssystems gehört - die wachsende Armut lässt immer mehr Staatsdiener anfällig werden für Korruption. Die Organisation Transparency International stellte dem Land jüngst wieder ein miserables Zeugnis aus: In der Korruptionsstatistik liegt die Republik auf Platz 87 unter 146 bewerteten Staaten.

Es gibt nicht nur billige Bananen, billige Huren und billige Zimmer - auch der Preis für Dienstleistungen des Justiz- und des Polizeiapparats ist erschwinglich. Zeugenaussagen sind ebenso käuflich wie Festnahmen durch Polizisten, eine bloße Beschuldigung und ein paar Dollar reichen für einen, zwei oder fünf Tage Gefängnis. Die Karibikrepublik, so Wirtschaftsfahnder Krügel, sei "ein rechtsfreier Raum", mit Geld könne "jeder alles und jeden kaufen".

Unter deutschen Residenten ist bekannt, dass gesuchte Kriminelle aus der Bundesrepublik gelegentlich sogar Polizisten einen Nebenjob bieten, um sich vor der Festnahme zu schützen - etwa als Nachtwächter auf ihrem Anwesen. "Solange jemand dafür Geld hat, wird er in der Regel in Ruhe gelassen", sagt Krügel.

Dem Saarbrücker Christian H., 46, etwa gelang, wovon Verbrecher träumen: Er wurde wegen Anlagebetrugs verurteilt und bräunte sich in der Karibik so lange, bis er juristisch wieder ein unbescholtener Mann war.

Das Landgericht Saarbrücken hatte ihn im März 1990 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, H. floh vor dem Haftantritt. Wirtschaftsfahnder Krügel kam ihm erst im Sommer 2003 auf die Spur - aber da war, nach einer Frist von zehn Jahren, die Strafvollstreckung schon drei Jahre verjährt. Krügel gab sich als Kaufinteressent für die Drei-Millionen-Dollar-Villa des Betrügers aus, verschaffte sich mit dieser Finte Zutritt und staunte: Von dem großen Grundstück geht der Blick über den hauseigenen Limonenhain bis zum Türkis des Atlantiks.

Ausgesondert ruht die Akte H. nun im Archiv der Saarbrücker Justiz, hilflos musste Oberstaatsanwalt Raimund Weyand zusehen, wie das Verbrechen über die Gerechtigkeit triumphierte. "Manchmal", sagt Weyand, "lohnen sich Straftaten leider doch."

Eher im Verborgenen blüht ein anderes Geschäft auf der karibischen Halbinsel. Deutsche Männer, zumeist Residenten, machen sich auf die Suche nach Kindern, um sie sexuell zu missbrauchen. "Netzwerke von Pädophilen" unter den Deutschen

hat die Botschaft ausgemacht, dominikanische Ermittler sind gegen die Kinderschänder in der Vergangenheit allenfalls sporadisch vorgegangen.

Längst hat sich unter deutschen Pädophilen herumgesprochen, dass in den Armenvierteln der dominikanischen Dörfer und Städte noch leichter Beute zu machen ist als in Thailand oder auf den Philippinen.

Auf 25 000 schätzt Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, die Zahl der 6 bis 18 Jahre alten Kinderprostituierten in dem Karibikland, knapp zwei Drittel sind Mädchen. Kinder gibt es für Pädophile auf Bestellung. In Sosúa etwa fällt Fahrern der Motoconchos, knatternder Mopedtaxis, für 100 Pesos (2,70 Euro) schnell die Adresse einer Familie aus dem Armenviertel ein, die einen Sohn oder eine Tochter für ein paar Stunden, eine Nacht oder eine Woche ausleiht.

Staatsanwalt Carlos Alexis Casado, Chefermittler in Boca Chica, einer Hochburg der Prostitution nahe Santo Domingo, hat eine weitere Variante beobachtet, mit der Kinder Pädophilen angeboten werden. Sogenannte Vermittler, die neben Spanisch auch genügend Deutsch und Englisch sprechen, bieten an den Stränden Kontakt zu Mädchen und Jungen an, die "besonders jung" sind.

Casado gehört zu einer neuen Generation von Strafverfolgern, die den nationalen "Aktionsplan zur Bekämpfung des Missbrauchs und der kommerziellen Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen" umsetzen will. Erstmals in der Geschichte der Republik soll, seit der liberale Präsident Leonel Fernández Reyna im August 2004 antrat, Pädophilen das Leben schwer gemacht werden - auch deutsche Diplomaten halten den Vorstoß für "ernsthaft".

Die Initiative der Regierung trägt erste Früchte. In Sosúa nahmen Agenten des Sicherheitsdienstes DNI, der die Polizei bei Ermittlungen gegen Pädophile stützt, am 26. April den Deutschen Wolfgang J., 68,

fest - laut Protokoll "wegen Schändung Minderjähriger". Er soll zwei Kinder aus dem Armenviertel der Stadt in sein Hotel-Appartement gelockt, ihnen ein paar Dollar und ein Moped versprochen und Nacktaufnahmen von ihnen gemacht haben. Ihm drohen mehrere Jahre Haft.

Auch im Drogenhandel werden Deutsche straffällig. Nicht selten sind es jüngere Residenten, die pleite sind und dann ein hohes Risiko eingehen, um zu Geld zu kommen. Sie sind ideale Opfer der Koberer, die im Auftrag von Drogenbaronen an Stränden und in Bars nach Kurieren suchen - und 5000 Dollar für einen Drei- oder Vier-Tage-Job bieten.

Männer wie Luis G., 49, aus Frankfurt am Main, der am 11. August 2004 auf dem Flughafen von Santo Domingo beim Drogenschmuggel erwischt wurde, sind nur Randfiguren des großen Geschäfts, das über die Dominikanische Republik abgewickelt wird. Das Land ist eine hochfrequentierte Umladestation für kolumbianisches Kokain: Mit "go-fasts", kräftig motorisierten, wendigen Schnellbooten, werden die Drogen aus Kolumbien zuerst nach Haiti gebracht, weil die Küste dort noch schlechter überwacht wird als im dominikanischen Nachbarland. In Lastwagen oder in Kleinflugzeugen, die auf einer der mehr als hundert inoffiziellen Pisten landen, wird die Fracht dann über die Grenze geschafft.

Mehr als zehnmal war Luis G. voriges Jahr zwischen der Dominikanischen Republik und Europa unterwegs - stets mit demselben Pass, in dem sich nach jeder Reise weitere Stempel fanden. Das kam dominikanischen Sicherheitskräften am 11. August, als der Hesse mit einer Iberia-Maschine über Madrid nach Deutschland fliegen wollte, seltsam vor. Sie überprüften ihn, stellten bei ihm 4,8 Kilogramm Kokain sicher und nahmen ihn fest. Ihm droht eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren.

Der Wandel der Dominikanischen Republik zum Sündenbabel von Ausländern schmerzt vor allem jene, die Zeugen des allmählichen Verfalls wurden. Seit Jahrzehnten lebt der in Erfurt geborene Luis Hess, 96, in einer Villa an der Calle Pedro Clisante, einer der Hauptstraßen Sosúas. Anfang der vierziger Jahre siedelten sich dort Juden auf der Flucht vor den Nazis an, heute finden sich an dieser Straße vor allem Rotlichtbars.

Hess zählte zu den rund 700 Juden, die aus Europa kamen; er ist ein Spross der Erfurter Schuh-Dynastie Hess, in den dreißiger Jahren eine der großen der Branche.

Luis Hess heiratete eine inzwischen verstorbene Dominikanerin, mit der er zwei Söhne hat, die heute in den USA und in Berlin leben. Er unterhielt einen Bauernhof mit 80 Milchkühen und wurde in Sosúa Leiter einer Schule, die kürzlich nach ihm benannt wurde. Verzweifelt beobachtet er den Abstieg des Fischerstädtchens, seit in den achtziger Jahren der Fremdenverkehr vor allem über die Nordküste hereinbrach.

"Der Massentourismus ist die Ursache des Übels hier", sagt Hess. "Mit ihm kamen die kriminellen Inländer nach Sosúa, die kriminellen Ausländer und die Prostitution. Und mit ihm kam Aids." Der alte Mann hat resigniert. "Ich habe keine Hoffnung darauf, dass sich die Lage hier noch einmal ändert." CARSTEN HOLM

* Die Angeklagten Detlef C., René O. und Michael Z. am 8. August beim Prozessauftakt vor dem Chemnitzer Landgericht.

DER SPIEGEL 40/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 40/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AUSWANDERER:
Paradies für Schwerverbrecher