01.10.2005

PSYCHIATRIE

Ich bin mein eigener Sklave

Von Lakotta, Beate

Der seelisch kranke Hans-Joachim Bohlmann hat Kunstwerke von unschätzbarem Wert vernichtet. Mediziner und Gerichte halten seine Persönlichkeit für unheilbar gestört. Nach 15 Jahren in der forensischen Psychiatrie erprobt er jetzt dennoch ein Leben in Freiheit.

Hans-Joachim Bohlmann ist ein unauffälliger, freundlicher Herr im Rentenalter. Er legt Wert auf ein gepflegtes Äußeres, hat eine kleine Vorliebe für Herrenmodeschmuck, einen soliden Händedruck und lächelt oft: treuherzig, unsicher, beflissen, manchmal keck und durchaus gewinnend. Seine kräftige Stimme war Stütze eines Kirchenchors, heute verrät sie den starken Raucher. Herr Bohlmann, groß gewachsen, hält sich stets ein wenig geduckt, als rechnete er mit Ungemach. Jeden Morgen bittet er Jesus Christus und die Dreieinigkeit um den Segen für den Tag.

Fragt man ihn, wie es kommt, dass er zum schlimmsten Kunstattentäter aller Zeiten wurde, zum "irren Säurespritzer" aus der "Bild"-Zeitung, öffnet er den obersten Hemdknopf und holt tief Luft: die Nervosität. Eine Flut von kränkenden Erfahrungen drängt nach draußen, er will sich erklären, nach 15 Jahren in der forensischen Psychiatrie, AK Ochsenzoll, Hamburg.

"Eins will ich gleich vorwegschicken", sagt Bohlmann und hält sich an der Aktentasche auf seinen Knien fest: "Einem Menschen hätte ich nie etwas zuleide getan. Aber ich bin mein Leben lang angeschmiert worden. Darauf wollte ich aufmerksam machen. Jahrzehntelang hab ich unter meinen

Ängsten gelitten wie der Kandidat in der Todeszelle. Ich bin von Jugend an als dumm und faul hingestellt worden, völlig unterschätzt. Ich fühlte mich in die Enge getrieben. Meine Straftaten waren unbewusste Hilfeschreie. Dazu kommt die kriminelle Energie, die in mir ist - oder vielleicht doch eher war?" Bohlmann überlegt. "Ich wäre ja gern ein ganz anderer. Einer, der Ansehen hätte bei den Kollegen und Nachbarn. Einer, der Freude daran hat, zu grüßen und gegrüßt zu werden. Ein zufriedener, einfacher Mensch. Das Wichtigste ist: Die Gehirnoperation hätte man nicht machen dürfen. Das war das größte Unrecht. Die kriminelle Energie ist ein Teil meiner Persönlichkeit, der dadurch richtig herauskam. Haben Sie das mitgeschrieben?"

Er nimmt seine Schiebermütze ab. Auf der kahlen Stirn trägt er zwei kleine runde Narben; sie erinnern an die Stigmata der geschnitzten Heiligen, denen er die Augen ausstach. Vor dem Eingriff war er ein unsicherer, gehemmter Mensch. Danach, so steht es sinngemäß in den Gutachten, wurde er zum rasenden Roland. In der Geschichte der Kunstschändungen ein einzigartiger Fall.

Es gibt ein Schlüsselerlebnis, Bohlmann sagt, es habe ihn immer abgehalten, sich das Leben zu nehmen: Mit zwei Jahren fällt er in eine Sickergrube, steht Todesangst aus, während die Mutter mit der Nachbarin schwatzt. "Unser Schöpfer hat ja gewusst, was der Bohlmann nachher noch macht, aber ich bin aus der Jauche gerettet worden. Er hätte mich auch drin ersaufen lassen können, dann wären die schönen Bilder noch heil."

Die schönen Bilder, das sind 51 Gemälde im Wert von seinerzeit rund 270 Millionen Mark, Altäre und Statuen, erstrangige Werke von Cranach, Rubens, Rembrandt,

Dürer. "Es ist eine Sauerei, dass ich das gemacht habe. Es tut mir wirklich leid."

Hans-Joachim Bohlmann ist heute noch ein kranker Mensch. Seine zwanghafte Persönlichkeitsstruktur, die ihn zu den spektakulären Zerstörungsakten trieb, ist aus Sicht der Mediziner nicht zu heilen. Aber möglicherweise zu kontrollieren.

Was wiegt mehr: sein Recht auf Freiheit oder der Anspruch der Allgemeinheit auf Schutz ihrer wertvollsten Kulturgüter? Auf diese Frage fand das Hanseatische Oberlandesgericht im vergangenen Herbst eine Antwort. Richter und Gutachter waren sich einig, dass von Bohlmann neue Risiken für die Kunstwelt ausgehen könnten. Er habe aber bereits das Fünffache der verhängten Haftstrafe in Unfreiheit verbracht. Ihn noch länger in der Psychiatrie einzusperren sei unverhältnismäßig. Er sei zu entlassen.

Kulturbetrieb und Medien reagierten empört, Museen im ganzen Land verteilten Bohlmann-Fotos ans Personal. Reporter warteten am Tag der Entlassung am Kliniktor. Das war Anfang des Jahres.

Seither führt Bohlmann ein Leben in kontrollierter Freiheit. Er darf Hamburg nicht ohne Genehmigung verlassen. Er darf kein Museum betreten. Er muss zur Nachsorge gehen und seine Medikamente nehmen. Er lebt von 687 Euro Rente, das ist unterhalb der Pfändungsfreigrenze. Er übt Normalität: "Wichtig ist, dass man mal die Tür aufhält, dass die anderen sagen, das ist einer, der sich anpasst, im menschlichen Sinne."

Bohlmanns Anwalt Wolf Dieter Reinhard kennt seinen Mandanten seit fast einem Jahrzehnt. Er glaubt, dass der kein neues Unheil anrichten wird. "Es waren Bilder", sagt Reinhard, "kein Mord, kein Sexualdelikt, sondern Sachbeschädigung. Höchststrafe: drei Jahre." Für ihn zählt die Frage, wie unsere Rechtsordnung mit psychisch kranken Straftätern umgeht. "Ist es gerechtfertigt, dass die Gesellschaft hier null Risiko fordert, also Herrn Bohlmann lebenslang wegsperren will, Trunkenheitsfahrer aber auf die Allgemeinheit loslässt?"

Auch Guntram Knecht ist kein Verfechter des Null-Risiko-Prinzips. Bevor er vor fünf Jahren als Chef der Forensik ans AK Ochsenzoll kam, führte er in Wien eine große Ambulanz für entlassene psychisch kranke Straftäter. In Hamburg hat er eine forensische Nachsorge aufgebaut, die ziemlich geräuschlos 35 Patienten betreut. Mit Bohlmann aber verhalte es sich anders: "Da steht die ,Bild'-Zeitung auf der Matte, wenn was los ist." Knecht möchte nicht allein als Prügelknabe dastehen, wenn etwas schief geht.

"Herr Bohlmann ist ja nicht wegen einer guten Prognose entlassen worden", sagt Knecht. Bohlmann sei einzigartig, ein sehr differenzierter Mensch, er habe viele liebenswerte Seiten. "Aber er verkörpert ein Restrisiko, das auf Grund einer formaljuristischen Entscheidung auf die Gesellschaft zukommt. An diesem tragischen Fall haben sich Generationen von Therapeuten und Ärzten abgearbeitet, auch wir - leider ohne echten Erfolg. Herr Bohlmann ist immer noch ein labiler, hoch kränkbarer Patient."

Zu referieren ist: eine ärmliche Kindheit unter Hakenkreuzfahnen, die Flucht aus Breslau, Bombenangriffe. Beim Vorlesen in der Schule zittern die Finger unter den Zeilen. Beim Rechnen fühlt der Junge sich von Angst "erregt, wie wenn ich einen Samenerguss hätte". Er fürchtet den strengen, harten Vater. Als der an die Front muss, ist die attraktive Mutter mit Liebhabern beschäftigt und überlässt den Jungen sich selbst. Er entwickelt Zwangshandlungen, wiederholt in Gedanken Sätze, kontrolliert, ob der Wasserhahn schließt, tritt erloschene Zigarettenkippen aus. Feuer und Wasser - beides ruft in ihm unaussprechliche Ängste hervor.

"Was heißt hier Angst?", brüllt der Vater, als er sich ihm offenbart. "Hund, ich brech dir alle Knochen!"

Bohlmann hat Angst vor der Angst, er fühlt sich wie dressiert. Mit 16 geht er freiwillig in die Psychiatrie der Kieler Universitätsklinik, lässt Elektroschocks und Insulin-Komatherapie über sich ergehen. Eine Klempnerlehre bricht er ab, die Eltern werfen ihn raus. "Mir war bewusst, dass ich nie so werden würde, wie ich sein wollte. Als wenn Sie auf dem Bahnhof stehen, und der Zug ist abgefahren. Da kommt auch keiner mehr." Er wohnt in Männerwohnheimen und bei der Heilsarmee, schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch.

Dazwischen immer wieder Psychiatrieaufenthalte, Tranquilizer, Antidepressiva, Neuroleptika, Verhaltenstherapie, Gruppentherapie, Freuds Werke aus der Leihbücherei: Nichts fruchtet.

Mit 29 lernt er in der Gemeinde der Evangelischen Freikirche zum ersten Mal

eine Frau kennen, sie heiraten. Sechs Jahre hält er als Lagerarbeiter durch, fühlt sich betäubt von Valium und Haloperidol, vor allem beim Geschlechtsakt. Seine Frau, die sich ein Kind wünscht, wirft die Tabletten ins Klo. Er betet mit dem Pfarrer, Jesus möge ihn von den Ängsten befreien, er singt im Gemeindechor, lässt sich taufen, obwohl ihm schwarz wird vor Augen, als er dabei vor der Gemeinde sprechen muss.

In der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf begegnet er 1974 dem Neurochirurgen Dieter Müller, der ihm Hilfe anbietet: Durch das Veröden bestimmter Nervenbahnen zwischen Stirnhirn und limbischem System, glauben Chirurgen damals, könnten Ängste, Zwänge oder der "kriminogene Herd" entfernt werden wie eine faule Stelle aus einem Apfel. Die umstrittene Psychochirurgie gilt als letztes Mittel zur "sozialen Wiederanpassung" psychisch Kranker oder Krimineller. Das "Gesundheitsmagazin Praxis" schickt ein Kamerateam; Bohlmann fühlt sich bestätigt.

Müller verspricht "eine Besserung von 75 bis 80 Prozent oder auch völlige Heilung". Bohlmann antwortet, sein Leiden sei so groß, dass er alle Risiken auf sich nehmen wolle. Er unterschreibt, dass er auf Schadensersatzansprüche verzichtet. Dann verschmort Müller durch zwei Bohrlöcher in Bohlmanns Schädel jeweils ein erbsengroßes Stück Gewebe im Hypothalamus. Ein paar Tage später wird der Patient nach Hause entlassen. Psychologische Nachsorge: keine.

Der Aachener Psychiater Henning Saß wird, 14 Jahre und viele zerstörte Meisterwerke später, den Eingriff als "obsolet" bezeichnen. Man habe einem Menschen mit schwer gestörter Persönlichkeit obendrein eine "hirntraumatische Schädigung" zugefügt. Seine Intelligenz sei durch die Operation gemindert, auf einen IQ von nunmehr 102. Aggressive Impulse habe er erstmals nach der Operation in die Tat umgesetzt. Saß spricht von Enthemmung.

Bohlmann zündelt in der Heide, dreht auf Friedhöfen Wasserhähne auf. Feuer und Wasser - die Zwänge sind immer noch da, nur ins Gegenteil verkehrt. "Man hatte mir falsche Versprechungen gemacht. Ich fühlte mich vom Leben betrogen", sagt er. "Dann fiel auch noch meine Frau aus dem Fenster." Beim Putzen verliert sie die Balance und stirbt an den Folgen des Sturzes.

"Ich war schwer getroffen", erinnert sich Bohlmann. "Da wollte ich die Gesellschaft treffen, und nebenbei wollte ich noch Furore machen. Für mich war das Teuerste meine Frau, für die anderen war Rembrandt am teuersten."

Früher war er mit ihr gern ins Museum gegangen. Jetzt kauft er in einer Apotheke Schwefelsäure und spritzt sie in der Hamburger Kunsthalle auf eine Landschaft in Öl und den "Goldenen Fisch" von Paul Klee. Abends ist er Thema in der "Tagesschau". Er hat zum ersten Mal etwas erreicht. Nachts wacht er mit dem Gedanken auf: Du könntest noch viel mehr machen.

In einer sechsmonatigen Tour de Force sticht er hölzernen Statuen die Augen aus, zündet einen Altar in Lübeck an, verätzt eine "Madonna mit Rosenkranz" in Bochum, ein Gnadenbild in Essen. In Hamburg besprüht er nachts Hunderte Grabsteine mit Hakenkreuzen, sägt in Celle junge Eichen um, vergiftet Schwäne, verätzt zwei Stuten auf der Koppel. Für die Pferde schämt er sich heute am meisten.

Damals aber fühlt er eine rumpelstilzchenhafte Freude "wie in der Kindheit und Jugend, wenn ich etwas ausgefressen hatte". Immer zielt er mitten ins Gesicht: "Das sind die künstlerisch wertvollsten Partien, also ist der Schaden am größten."

Am nächsten Tag weidet er sich an der öffentlichen Empörung, liest alles in der Zeitung nach. "Je größer der Schaden, desto wichtiger hab ich mich genommen. Alles andere kann man ersetzen, aber die

Bilder würde selbst ein Alter Meister nicht noch mal hinkriegen. Ich hatte die Gesellschaft bestohlen. Und weil das so ein Echo fand, hat mir das Spaß gebracht. Ich brauchte kein Antidepressivum mehr, nachdem ich das gemacht hatte."

Aus einem Kunstlexikon wählt er bedeutende Porträts aus: Martin Luther und seine Frau von Cranach dem Älteren, Erzherzog Albrecht von Rubens. In Kassel zündet er in einer Kirche eine Maria an, bevor er die Gemäldesammlung im Schloss betritt. Mehrmals muss er den Toilettendeckel auf- und zuklappen, um sich zu beruhigen. Dann zerstört er Rembrandts "Jakobs Segen", ein Selbstbildnis und zwei Gemälde flämischer Meister.

Damit ist sein Furor erschöpft. Er will gefasst werden. Im Hotel hatte er sich mit seinem richtigen Namen eingetragen. Zurück in Hamburg, kauft er sich ein Kilogramm Pflaumen, geht in seine Wohnung und wartet. Am Abend klingelt die Polizei.

"Ich bin mein eigener Sklave", sagt er dem Gutachter Hans-Albert Müller. Der studiert die Krankenberichte aus zwei Jahrzehnten und attestiert Bohlmann eine "hochabnorme Persönlichkeit". Seine Motive seien jedoch "subjektiv sinnvoll". Er hält ihn für voll schuldfähig. Bohlmann bekommt fünf Jahre, die er auch absitzt.

Kaum wieder draußen, zersticht er einige hundert Lkw-Reifen und sägt im Wald 600 junge Eichen um, weil er Angst hat, beim Säurekauf in der Apotheke aufzufallen. Nachts zündet er auf einer Großbaustelle Baumaschinen an. Als er dort aus einem Kran klettert, dessen Leitungen er zerschnitten hat, stehen unten Polizisten mit Pistolen: "Spring doch, spring doch", rufen sie.

Wieder bestellt das Gericht Gutachter Müller, Bohlmann bekommt drei Jahre. Anschließend bringt ihn ein Pfändungsbescheid der Stadt Düsseldorf in Rage. Die reicht 159 Mark von seiner Rente als Schadensersatz für das Rubens-Bild an dessen Besitzer weiter - den Stahlbaron Thyssen. "Für den war das doch ein Taschengeld." Bohlmann entwickelt die Idee, abgestellte S-Bahn-Züge anzuzünden, bekommt Angst und geht freiwillig in die Psychiatrie. Noch während der Behandlung kauft er Schwefelsäure und zwei Piccolos mit Schraubverschluss. Er trinkt den Sekt und füllt die Säure um. Dürer hält er für noch bedeutender als Rembrandt.

Er nimmt den Nachtzug nach München und schleudert in der Alten Pinakothek Säure auf Dürers "Paumgartner Altar", "Maria

als Schmerzensmutter" und die "Beweinung Christi". Dann lässt er sich widerstandslos hinausführen. "In mir ist seelische Zerstörung, die schlimmer ist als die Zerstörung, die ich an den Gemälden angerichtet habe", sagt er bei seiner Festnahme. "Darauf wollte ich aufmerksam machen."

Gutachter Saß attestiert dem Angeklagten verminderte Schuldfähigkeit. Bohlmann bittet das Gericht, ihn nicht nur zu bestrafen, sondern ihm zu helfen. Diesmal bekommt er zwei Jahre Gefängnis und Unterbringung in einer forensischen Klinik. Entlassung: ungewiss.

Dutzende Artikel sind über Bohlmann erschienen, eine Studie über "Kunstzerstörer" widmete ihm ein Kapitel. Sogar ein Theaterstück befasste sich mit ihm. "Wenn ich ehrlich bin, hat mir das ganz gut getan. Es war nachträglicher Balsam für einen wie mich, der immer rumgeschubst wurde und nie zur vollen Entfaltung kommt." Oft muss er lachen, wenn er liest, was andere über die Motive schreiben: Er habe Gott angegriffen! Die Taten hätten ihn sexuell erregt! "Und dann steht im Gutachten: Er hasst die oberen Zehntausend. So einfach machen die sich das."

Guntram Knecht formuliert poetischer, vor einer "psychischen Landschaft des Ressentiments" erwachse Bohlmanns Aggression. "Als Wiener", sagt Knecht, "ist mir das nicht ganz fremd: so ein Groll auf die Welt. Das kann ja durchaus etwas Tragikomisches haben. Aber bei Herrn Bohlmann kann es in kritischen Phasen auch in einem sehr wütenden Ausbruch münden."

Dieses Restrisiko hat die Klinik nun wider Willen zu managen. Sie hat für ihn ein Netz aus täglichen Kontakten geknüpft, einen Krisenplan erstellt, falls ihn irgendetwas ins Trudeln bringt. Er muss sich abwechselnd beim Betreuten Wohnen, beim Bewährungshelfer, beim Therapeuten in der Klinik melden. "Käme er einen Tag nicht, wäre das ein Alarmzeichen. Wir würden sofort bei ihm nachsehen, was los ist." Da Bohlmanns Eruptionen einen längeren Vorlauf haben, ließe sich die Situation noch entspannen, auch mit Medikamenten. Bohlmann nimmt sie zuverlässig und dankbar. Zur Not, sagt er, würde er auf Zeit freiwillig in die Klinik gehen.

Zum wöchentlichen Termin in Ochsenzoll kommt Bohlmann oft schon eine Stunde früher. Hier ist er gejoggt, stundenlang. Der Hof von Haus 18 ist so klein, dass er die Richtung ändern musste, weil mal der rechte, mal der linke Oberschenkel wehtat. "Ich hab das ausgemessen, es sind 93 Schritte, an die 100 000 Kilometer hab ich hier zurückgelegt. Zweimal um die Erde."

"Joggen, Beten, Bibellesen - das hat mir den Lebenssinn gegeben", sagt Bohlmann. "Und die Bäumchen." Hunderte von Samen und Setzlingen hat er im Lauf der Jahrzehnte im öffentlichen Grün ins Erdreich gesteckt, Rotbuchen, Pappeln, Eichen. Während seiner Zeit in Haus 18 hat er sich Mammutbaumsamen bestellt, klein wie Haferflocken, und im Blumentopf gezogen. Sein Bruder, der Pfarrer in der Evangelischen Freikirche ist, zog mit Eimern und Spaten ins Freie und setzte die Pflänzchen aus, eines durfte Bohlmann im Hof von Haus 18 pflanzen. Mammutbäume werden über 100 Meter hoch und bis zu 4000 Jahre alt. Ein Baum der Superlative. "Ich will doch der Nachwelt etwas hinterlassen, nicht nur durch zerstörerische Akte in die Geschichte eingehen."

In der Klinik hinterlässt Bohlmann ein weiteres OEuvre: Seine liebste Beschäftigung war die Kunsttherapie. Neun Jahre lang hat er gemalt, fast jeden Tag ein Bild - abstrakt, bunt, Wasserfarbe auf Papier. An die 1500 Werke mit Titeln wie: "Die Chance", "Gerettet im Glauben" oder "Lange sehr schönes Wetter".

Guntram Knecht zieht ein düsteres Blatt hervor. ",Blick in die Vergangenheit', was ist denn da zu sehen, Herr Bohlmann?"

"Das ist was ganz Finsteres, der Vater, der Krieg und das alles. Aber das ist ja lange vorbei. Sie müssen sich keine Sorgen machen. Jetzt geht es mir so gut wie in den letzten 54 Jahren nicht mehr. Ich bin freundlich zu jedermann. Ich werde mir doch die letzten Jahre meines Lebens nicht zerstören. Das wäre doch verrückt."

Bohlmann redet sich in Fahrt: "Ich kann ja ganz schön dreist sein, aber mein Instinkt sagt mir, ob ich davonkomme ..." - Knecht macht ein perfekt neutrales Psychiatergesicht, doch Bohlmann kriegt die Kurve: "... aber ich weiß auch, wenn ich mir noch mal was erlaube, ist Schluss. Nein, nein, das mach ich nicht. Die Auflagen vom Gericht halte ich ein. In Zukunft."

In der Vergangenheit war das, gelinde gesagt, nicht immer der Fall. Jedes Mal, wenn seine Entlassung schon fast bevorstand, habe er sich "durch Entweichungen aus dem Rennen genommen", erinnert Knecht. "Vielleicht aus unbewusster Angst vor der Freiheit?" Bohlmann hat eine andere Erklärung für seine "Ausflüge". Sachverständige wie der Berliner Psychiater Norbert Konrad hatten schon vor Jahren eine schrittweise Vorbereitung auf die Entlassung befürwortet. Bohlmann bekommt Ausgang, darf monatelang mit der U-Bahn zu einer Tageseinrichtung fahren. Alles geht gut.

Dann entweicht ein berüchtigter Mörder aus Ochsenzoll, und Bohlmann wird Opfer kollektiver Sicherungsmaßnahmen: Er darf nicht mehr nach draußen. Ein Sexualstraftäter vergewaltigt zwei Frauen auf dem Klinikgelände, Bohlmann darf nicht mehr ohne Aufpasser zum Zahnarzt auf dem Gelände.

Die Klinik gibt eine negative Stellungnahme über ihn bei Gericht ab: Ein Mitpatient

habe ihn angeschwärzt, er plane neue Attentate. Bohlmann erfährt nie, wer der anonyme Tippgeber gewesen sein soll. "Ich fühlte mich zum Narren gehalten", sagt er. "Da wollte ich zeigen, ich kann auch anders."

1998 nutzt er einen Ausgang für einen Abstecher nach Dresden. Er besichtigt die Frauenkirche, spaziert im Eingang der Semperoper umher. Am Bahnhof betrachtet er auf einem Großbildschirm sein eigenes Fahndungsfoto. Dann fährt er wieder zurück. "Die Flucht des irren Säureattentäters Hans-Joachim Bohlmann" titelt die "Bild"-Zeitung. "Wer hat diesmal Schuld an der Panne im AK Ochsenzoll?"

Sogar als seine Entlassung schon rechtskräftig war, büxte er noch mal aus. Er stand an einem Teich in Hamburg, als er in der Klinik anrief. "Wo sind Sie denn?", fragte eine Pflegerin. "In Rom, in der Sixtinischen Kapelle." Die Frau habe noch schallend gelacht, während er schon sein Handy abstellte. "In dem Moment", sagt Bohlmann und freut sich wie einer, der dem Lehrer Kreide auf den Stuhl geschmiert hat, "hab ich die alle rotieren sehen." Am nächsten Tag stieg er tatsächlich in den Zug nach Italien.

Die Polizei hätte Bohlmann gern wieder hinter Klinikmauern gesehen, aber für Gericht und Führungsaufsicht zählte, dass er nichts anstellte und freiwillig zurückkam. "Ich fühlte mich ungerecht behandelt und wollte auch beweisen, dass nichts schief geht", sagt Bohlmann.

Aber das liegt ja nun hinter ihm, glücklicherweise, auch wenn nicht alles schlecht war in Haus 18. Gespräche, Musiktherapie, Patientenvollversammlung - heute verstehe er sich selbst besser. "Ich komm sogar ganz gern her", sagt er versöhnlich zu Knecht. "Ich bin ja nicht nachtragend." Zum Abschied reicht Knecht seinem Patienten die Hand: "Herr Bohlmann, toll, wie Sie das gemacht haben, ganz entspannt an alter Stelle", sagt er. "Das ist ja nicht selbstverständlich." Bohlmann sieht sich noch mal um: "Ich bin hier nur zu Besuch. Das ist ein großer Unterschied."

Dann fährt er heim in seine helle Wohnung mit den bunten Gardinen. Ein einziges Bild hängt an der Wand: die "Betenden Hände" von Dürer.

"Ich hab das alles aufgearbeitet", sagt Bohlmann. Und doch birgt die Freiheit gewisse Gefahren: Einsamkeit ist eine, der verflixte Haushalt und der Alltag andere. In der Klinik gab es schwere Kämpfe um den Küchendienst. Zu Hause spült Bohlmann sein Geschirr und bügelt Hemden. Er geht spazieren, liest viel.

Neulich war er im Urlaub mit der Gruppe vom Betreuten Wohnen. Das gemeinsame Essen, das Geklapper von Geschirr: Da wurde die Angst schlimmer. Die innere Habachtstellung, die ihm einen steifen Hals macht. Bohlmann hatte Alpträume, musste das Licht brennen lassen. Früher hätte er sich eingeigelt und rumgegrübelt, diesmal hat er in der Klinik von seinem Durchhänger erzählt. Seither bekommt er eine halbe Tablette mehr, ein Antidepressivum. Es hilft. Das Netz hat gehalten.

"Ich bin aus der Jauche gerettet worden", sagt Bohlmann. "Mir ist vergeben."

Er ist jetzt 68 Jahre alt und hat beim Gehen Schmerzen in den Beinen. Er hat sich damit abgefunden, dass er seine Ängste nicht mehr loswird. Neben der Dreieinigkeit sind da noch ein paar Menschen, die er nicht enttäuschen will. "Wenn jetzt noch mal was vorkäme, könnt ich gleich zum Bestatter gehen", sagt er.

Hans-Joachim Bohlmann hat Furore gemacht. Er hat Kunst- und Kriminalgeschichte geschrieben und dabei sein Leben ruiniert. Alle großen Museen haben ein Foto von ihm in der Schublade, aber seine Nachbarn wissen nicht, wer er ist. Er ist einer, der die Tür aufhält. Der grüßt, und der gegrüßt wird. Ein freundlicher Herr im Rentenalter.

Jeden Tag betet er dafür, dass es so bleibt. BEATE LAKOTTA

* "Maria als Schmerzensmutter", um 1496.* Mit selbstgepflanztem Mammutbaum im Hof von Haus 18 des AK Ochsenzoll in Hamburg.

DER SPIEGEL 40/2005
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