14.05.1973

RAUSCHGIFTTod in Tüten

Immer mehr Berliner Kinder verfallen einer ungewöhnlichen Rauschsucht: dem Inhalieren chemischer Dämpfe, die tödlich wirken können.
Der Rausch aus dem Heimwerkerladen kostet nur Groschen: 100 Milliliter "Pattex-Verdünner" der Firma Henkel & Cie., in der handelsüblichen Schraubflasche zu einsfünfzig, reichen einem Berliner Schnüffelkind für viele Träume.
Und immer mehr Weddinger Hilfsschüler und Kreuzberger Heimzöglinge inhalieren die feuergefährliche, flüchtige Flüssigkeit aus kleinen, luftdichten Frischhaltebeuteln oder, wie der Berliner Heimexperte Martin Bonhoeffer weiß, "in Ermangelung kleiner Tüten auch aus Einkaufsbeuteln". Zumindest dann aber wird die neuartige Sucht lebensgefährlich.
So fanden Erzieher des Berliner Kinderheims "Am Fuchsstein" unlängst den 14jährigen Detlef Nitschke tot in seinem Zimmer -- erstickt unter einer Plastiktüte mit Pattex-Verdünner; so kamen in den letzten Jahren in Berlin drei weitere Jugendliche in der Tüte zu Tode; so starb im März die 15jährige Hamburger Schülerin Monika Heuer -im Schnüffeln unerfahren -- unter einer Tragetasche aus dem Supermarkt.
Doch erst der Schnüffel-Tote im "Fuchsstein" brachte in Berlin die Politiker auf die Beine. Ein Rathausabgeordneter der CDU forderte den Rücktritt der Jugendsenatorin Ilse Reichel (SPD), ein Parlamentsausschuß studiert nun den "tragischen Einzelfall" (SPD-Abgeordneter), und Ilse Reichels Heimplaner Bonhoeffer erstellte einen alarmierenden Bericht.
In West-Berlin, so schrieb der Sozialpädagoge, "dürfte es ... über 1000 Minderjährige geben, die in psychische Abhängigkeit von einem mindestens phasenweise starken Konsum geraten sind. Der Anteil der schwer süchtigen, physisch geschädigten und dringend behandlungsbedürftigen Kinder und Jugendlichen muß bei zurückhaltender Einschätzung auf 100 bis 200 taxiert werden".
Noch 1969 waren in Berlin nur 38 Schnüffler bekannt, die überwiegend im Viktoria-Park des Arbeiter- und Gastarbeiterbezirks Kreuzberg gruppenweise in die Tüten schnupperten, und 1970 war ihre Zahl laut "Rauschmittelbericht" des Gesundheitssenators sogar auf 22 zurückgegangen.
Warum das Schnüffeln, das in der internationalen Drogenszenerie nur eine untergeordnete Rolle spielt, gerade in Berlin grassiert, wissen weder Rauschgift- noch Heimexperten zu sagen. In einem Punkt allerdings besteht Klarheit: Es sind fast nur Unterschicht-Kinder und -Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren, die Farbenverdünner, Fleckenentferner und andere äther- oder trichloräthylenhaltige Flüssigkeiten inhalieren -- bis hin zu Benzin, Nagellackentferner oder Hoffmannstropfen. Und regelrecht Suchtcharakter nimmt das Schnüffeln wiederum bei den Sozialgeschädigten dieses Milieus an. In Berlins zentralverwalteten Heimen berauschen sich drei bis fünf Prozent der Insassen an Pattex-Verdünner*.
Eben deshalb aber und weil das Schnüffeln laut Bonhoeffer "billig, leicht zu kriegen, unauffällig ist", blieb der Mißstand in der Öffentlichkeit weithin unbekannt. Anders als bei den Prestige-Drogen Marihuana, Haschisch oder Heroin war von der Arme-Leute-Sucht nur immer am Rande einmal die Rede. Dabei führt, nach Beobachtungen des norwegischen Arztes Helge Waal, diese "Kinderei" (Waal) nicht nur leicht zum Erstickungstod: Ähnlich wie die populären Rauschmittel verursacht das Schnüffeln psychische und physische Abhän-
* Pattex-Verdünner"-Substanzen mit berauschender Wirkung sind Toluol, Essigester, Methylenchlorid und Benzin.
gigkeit und bei schwerem Mißbrauch wahrscheinlich auch bleibende Gesundheitsschäden.
Waal: "Die Stoffe sind toxischer als Alkohol" -- sie belasten Leber, Nieren Atemwege und das Knochenmark. Und der Berliner Psychiater Dietrich Kleiner kennt einen "seit Jahren exzessiv schnüffelnden" ehemaligen Oberschüler, den er heute als geisteskrank bezeichnet.
Berlins Stadtverwalter wollen nun dem zweifelhaften Vergnügen ein Ende bereiten. Beim Bundesgesundheitsministerium soll darauf hingewirkt werden, daß Pattex-Verdünner, die Vorzugsdroge der Berliner Kinder, durch Vergällen -- etwa mit schleimhautreizendem Senföl -- ungenießbar gemacht wird. Denn, so Martin Bonhoeffer: "Ich glaube ganz ehrlich, daß in Berlin der Hauptumsatz in Pattex-Verdünner mit Schnüfflern gemacht wird, sonst braucht man das Zeugs doch kaum."

DER SPIEGEL 20/1973
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