14.05.1973

GEOGRAPHIEForm verloren

Mit einer neuartigen Erdkarte will der Bremer Historiker Arno Peters das Welt-Bild ändern. Fachleute beurteilen den Versuch, die Dritte Welt optisch aufzuwerten, skeptisch.
Ist dies etwa die Welt, in der Salvador Dali, schnurrpfeifiger Surrealist, sei -- ne teigig verformten Uhren malte? Oder ist es -- teils plattgedrückt, teils lächerlich gestreckt -- eine Welt aus den Zerrspiegeln im Kirmeskabinett?
Die absonderlich anmutende Wiedergabe der Meere und Kontinente hat der Bremer Historiker Dr. Arno Peters, 56, am Dienstag letzter Woche auf einer Pressekonferenz in Bonn präsentiert. Er will damit ganz ernsthaft ein Erzübel der Menschheitsgeschichte tilgen: geistigen Kolonialismus.
"Geheimes Wunschdenken des Europäers", so erläuterte der Privatgelehrte. habe die Kartographie der Erde verfälscht. Seit vier Jahrhunderten würden in Atlanten und auf Wandkarten "die Länder Europas und des 'weißen Mannes' übermächtig dargestellt" und unziemlich in die Mitte des Blickfeldes gerückt.
Das bundesdeutsche TV-Publikum konnte vergleichen. "Tagesschau" und "Heute" (deren Sprecher vor globalen Emblemen herkömmlichen Zuschnitts sitzen) zeigten die neue Weltkarte. Mit dem Peters-Prinzip. das Staaten und Erdteile zwar verzerrt, aber im wirklichen Größenverhältnis beläßt, rühmte der "Stern". gehe "ein alter Wunschtraum der Kartographen in Erfüllung".
Aufsehen mit ungewöhnlichen Ideen hat Peters seit je erregt. Schon als Student -- das Hörgeld verdiente er unter anderem als Film-Produktionsleiter ("Immer nur du") -- entwickelte er eine neuartige. tabellarisch gegliederte historische Übersicht. Als diese "synchronoptische Weltgeschichte" 1952 erschien, entfachte das Werk einen Gelehrtenstreit; der Vorwurf prokommunistischer Tendenz wurde bis vor den Bundesgerichtshof getragen.
Schon in der Adenauer-Ära brachte Peters ein "Periodikum für wissenschaftlichen Sozialismus" und einen "Russischen Digest" heraus. Drei Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer empfahl er, die Bundesrepublik solle 88 Milliarden Mark Reparationsausgleich an die DDR zahlen und damit die Freizügigkeit aller Deutschen erkaufen.
Bei seiner Landkarten-Reform freilich nimmt es Peters nun mit einem Weltbild auf, das außer durch Tradition auch durch mathematische Gesetze bestimmt ist. Die Kugelgestalt der Erde ohne jede Verzerrung auf ein ebenes Blatt zu übertragen, ist schlechterdings unmöglich. Der Kartograph muß wählen: richtiges Flächenverhältnis oder korrekte Winkel-Wiedergabe oder auch größtmögliche Formtreue der Erdteile.
Historiker Peters wendet sich mit seinem Karten-Vorschlag vor allem gegen die Erd-Abbildung, die sich bisher in der Praxis am meisten bewährt hat: die sogenannte Mercator-Projektion. Sie stelle Nordamerika. Europa und die Sowjet-Union unverhältnismäßig groß dar -- die Länder der Dritten Welt seien darin unterrepräsentiert.
1569 hatte der flandrische Gerhard Kremer, der sich Mercator nannte, in Duisburg seine winkeltreue Weltkarte gezeichnet. Und vor allem für die See- und Luftfahrt sind Karten in Mercator-Projektion, weil sich der Kurs auf ihnen am leichtesten abstecken läßt, unentbehrlich.
Das vorteilhafte rechtwinklige Gradnetz entsteht, indem der Erdball gleichsam auf einen am Äquator anliegenden Zylinder projiziert wird (siehe Graphik). Allerdings werden hei dieser Projektion, wenn sie auch noch winkeltreu sein soll, die Flächenverhältnisse besonders unstimmig. Und die Form der Kontinente verzerrt sich, je näher am Pol, desto mehr.
Auf der Suche nach seiner Ideal-Welt machte Außenseiter Peters es nun geringfügig anders: Er ließ den Zylinder am 47. Breitengrad die Erdkugel durchschneiden. Außerdem näherte er das Format seiner Karte dem Goldenen Schnitt an. Folge: Das Verhältnis der Flächen zueinander blieb stimmig. im großen und ganzen auch noch die Gestalt Europas. Die Winkeltreue aber ist dahin, und Erdteile wie Afrika und Südamerika gerieten außer Facon.
Zudem ist die Peters-Weltsicht so neu nicht. Eine flächentreue Zylinder-Projektion hatte schon 1772 der deutsche Kartograph Johann Heinrich Lambert entworfen. Und eine flächentreue Schnittzylinder-Projektion (am 30. Breitengrad) entwickelte 1910 der deutsche Geograph Walter Behrmann. Obwohl sie die Tropenländer weit weniger streckt als die Peters-Karte, wird diese Behrmann-Projektion "wegen verzerrter Umrisse in äquatorialen Breiten kaum angewendet" (so das Fachhandbuch "Kartographie in Stichworten").
überhaupt, urteilt Professor Herbert Wilhelmy, Direktor des Geographischen Instituts der Universität Tübingen, sei die verquere "Rechteckform (von) Zylinder-Projektionen am weitesten von der vertrauten Vorstellung der Erdgestalt entfernt". Anschaulicher findet der Experte Weltkarten in Oval- oder Ellipsenform.
Und in einer unlängst erschienenen Monographie "Maps and Man" wertete der US-Geograph Professor Norman J. W. Thrower die vielfältigen Versuche, Landkarten etwa durch die Wahl bestimmter Projektionsverfahren zu manipulieren, eher ab.
Wer auf diese Weise, oder auch mit bestimmten Farben und Symbolen, die Erdkarte psychologisch auflade, der betreibe "Propaganda-Kartographie".

DER SPIEGEL 20/1973
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