07.05.1973

GRIECHENLANDErkrankter Geist

Die orthodoxe Kirche kommt mit ihrem Geld nicht aus, neue Gläubige sind nicht zu gewinnen. Deshalb verkauft sie Küstenstriche und Inseln.
Dir griechisch-orthodoxe Kirche will die römische nachahmen: Grundbesitz und Gläubigengelder sollen nutzbringend angelegt werden. Die Kirche will Hotels und "Unternehmen aller Art" errichten und sogar eine eigene Bank gründen -- nach dem Vatikan-Muster der "Bank des Heiligen Geistes".
Kaum war, im Mai 1967, der damalige Hofprälat und Günstling der Königinmutter Friederike, Hieronymos Kotsonis, von Königshaus und Militärregierung auf den Athener Kirchenthron gesetzt worden, fällte er ein vernichtendes Urteil über seine Kirchenmänner: "Der Geist in der Kirche ist erkrankt, daher florieren auch ihre Finanzen nicht"
In einem Entwurf für eine neue Kirchenverfassung stellte der Erzbischof dann ein Sündenregister seiner Bischöfe auf: Der "kolossale" Kirchenbesitz werde nicht immer uneigennützig verwaltet. Wegen der aufwendigen Lebensführung einiger Geistlicher und des Nepotismus der Finanzverwalter habe das Kirchenvolk kein Vertrauen in die Verwaltung der Kirchengelder. Für "Werke der Liebe" bleibe nur wenig übrig.
Der Erzbischof wiederholte damit, was zuvor der Archimandrit Augustinos Kantiotis. heute Bischof der nordmazedonischen Diözese Florina, krasser formuliert hatte: "Wenn in den Diözesen eine Finanzkontrolle durchgeführt würde, bliebe keinem Bischof das Gefängnis erspart."
Auch in der Hieronymos-Ära landete kein Bischof im Gefängnis, die Kirchenfinanzen verfielen weiter. Denn das Kirchenvolk zeigte sich nicht bereit. die Kassen der 7300 griechischen Pfarreien zu füllen. Nur etwa zehn Prozent der Gläubigen sind noch praktizierende Christen. Unter der Jugend konnte die konservative und wirklichkeitsfremde Politik der Kirche keine Sympathien gewinnen. Überdies pries der Erzbischof öffentlich Putsch und Macht der Armee. Dem Ministerpräsidenten Georgios Papadopoulos verlieh er den höchsten Orden der Kirche, das Goldene Kreuz des Apostels Paul. Bischöfe und Pfarrer verbrüderten sich mit dem Regime. Sie setzten sich kaum für das Los der politischen Häftlinge ein, dafür aber für das Wohl der Machthaber.
Da die Kirchenfinanzen nicht zu ordnen und neue zahlende Gläubige kaum zu gewinnen sind, will Hieronymos nunmehr den kirchlichen Grundbesitz wirtschaftlich erschließen und für gewinnbringende Zwecke anlegen.
Diesen Besitz erwarb die orthodoxe Kirche nicht immer auf christliche Art: Diözesen und Klöster beuteten als Grundherren die Bauern aus, Bischöfe und Mönche nahmen den überschuldeten Landarbeitern das Land weg, wenn diese die zu Wucherzinsen gewährten Kredite nicht zurückzahlen konnten.
Heute verfügt der Großgrundbesitzer Kirche über mehr als zwei Milliarden Quadratmeter Kultur- und Forstland. Die 1,4 Millionen griechischen Landarbeiter müssen sich dagegen 35 Milliarden Quadratmeter Nutzfläche teilen und Parzellen von durchschnittlich 3,6 Hektar bewirtschaften.
Noch wertvoller sind städtische Immobilien: Allein in Athen besitzt die Kirche etwa 400 hochwertige Grundstücke. Dazu kommen in dem vom Tourismus-Boom gesegneten Land begehrte Küstenstriche, darunter über 100 Millionen Quadratmeter touristisch ergiebige Inseln.
Um diesen brachliegenden Kirchenschatz zu aktivieren, gründete der Erzbischof eine privatwirtschaftlich arbeitende Aktiengesellschaft, die "Epa", an der neben der von ihm kontrollierten "Anstalt für das Kirchenvermögen" -- auch zwei Klöster beteiligt sind. In den 14köpfigen Verwaltungsrat berief er -- neben Industriellen und Staatsbeamten -- auch einflußreiche Männer des Regimes, darunter den 1971 aus dem Papadopoulos-Kabinett ausgeschiedenen Kulturminister Nikitas Sioris, heute Athens Botschafter in Bonn.
Laut Statut soll die Epa "Immobilien erwerben und verkaufen" und "Unternehmen aller Art gründen und betreiben". Zu diesem Zweck soll sie nicht selbst unternehmerisch tätig werden, sondern vielmehr Partnerschaften mit privaten Interessenten anstreben. Der Epa-Stab soll einen Fünfjahresplan für die optimale Nutzung des Kirchenvermögens ausarbeiten. Dazu muß eine Generalinventur vorgenommen werden: Die Kirche weiß heute kaum, was ihr gehört, sie braucht für die Aufstellung der Liste etwa zwei Jahre.
Um jedoch keine Zeit zu verlieren, suchten die Kirchenmanager die interessantesten Objekte vorweg aus und begannen um Renditen und Profite, Pacht und Aktien zu feilschen. Sie boten vor allem begehrte Grundstücke für den Hotelbau feil.
Der erste Partner der Kirche ist eine griechisch-ausländische Gruppe, der die Epa in Vouliagmeni bei Athen ein Küstengrundstück von 103 000 Quadratmetern für den Bau eines Luxushotels mit 1200 Betten übertrug. Im Mai wird der Grundstein gelegt, noch vor der Sommersaison 975 soll das Kirchenhotel eröffnet werden. Die Kirche sicherte sich dafür nicht nur eine Garantiemiete und einen Anteil an den Bruttoeinnahmen, sondern auch das Recht, das Hotel nach 43 Jahren in ihren Besitz zu bringen.
Im Vouliagmeni-Gebiet sollen nach den Epa-Plänen insgesamt acht Hotels mit 5000 Betten und ein Feriendorf für 3000 Touristen auf kircheneigenen Grundstücken gebaut werden. Gesamt-Investition: 100 Millionen Mark.
Auch für ihre Grundstücke in Athen hält die Kirche Pläne bereit: Griechische und ausländische Unternehmer wurden aufgefordert, Vorschläge für den Bau von Hotels sowie eines Geschäfts- und Bürozentrums einzureichen.
Das lockende Geschäft mit der Kirche rief nicht nur einheimische Hotelunternehmer, sondern auch ausländische Bosse auf den Plan. J. Louis Reynolds, Aufsichtsratsvorsitzender der Reynolds International, reiste nach Athen, um den Kirchenmännern seine Vorschläge über den Bau von Hotel- und Bungalow-Komplexen mit 25 000 Betten zu unterbreiten.
Während die künftigen Bischof-Manager diesen Zulauf mit Interesse registrieren, hat erst ein einziger Geschäftserfahrung: der frühere kretische Bischof Eirenaios, eine Ausnahme in mehr als einer Hinsicht, denn er arbeitete zugunsten seiner Herde. Nach dem Untergang der "Heraklion"-Autofähre im Dezember 1966 gründete er mit Beteiligung von 3500 Gläubigen die Schiffahrtsgesellschaft "Anek", deren Schiff "Kydon" zwischen Piräus und Kreta verkehrt.
Der Reeder-Bischof hofft, auch die Mittel für ein zweites Schiff aufzubringen: Er ist inzwischen Metropolit von Deutschland, Herr über rund 300 000 Griechen-Gastarbeiter und ihre Familien in der Bundesrepublik.

DER SPIEGEL 19/1973
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