02.04.1973

UMWELTGiftige Krume

Kompost aus Haus- und Industriemüll, als Bodenverbesserer gepriesen, enthält gesundheitsschädliche Schwermetalle und krebserregende Substanzen in gefährlicher Konzentration.
Sie finden sich im Spinat und Obst fürs Kleinkind, aber auch im Spanferkel und Wein für die Großen -- Nährstoffe aus Abfällen und Abwässern, die auf dem Umweg über die deutschen Lande auf den Tisch kommen.
Denn "Kompost aus Hausmüll und Klärschlamm", berichtete etwa das "Umweitmagazin", wird "ein lohnendes Geschäft". Mittlerweile bereiten 16 Kompostierungsanlagen in Westdeutschland jährlich rund 300 000 Tonnen Unrat, zwei Millionen Kubikmeter, wieder auf.
Schlicht zu Haufen geschüttet oder sorgsam in Drehtrommeln, Speicherzellen und Lagertürmen bearbeitet, gemischt, durchlüftet, befeuchtet, gemahlen und gesiebt, verrottet das ekle Zeug. Alle Befürchtungen, das schwärzliche, krümelige Endprodukt könne noch schädlich sein, so erklärte Professor Hans Straub, Generalsekretär der Arbeitsgemeinschaft für Abfallbeseitigung, seien "längst durch zahlreiche Untersuchungen landwirtschaftlicher Institute widerlegt". Der Baden-Badener Experte wertete den Müll-Kompost vielmehr als "hervorragendes Bodenverbesserungsmittel.
Jetzt aber warnen Schadstoff-Forscher vor allzu sorglosem Gebrauch von Müll-Kompost . "Diese Abfallkonzentrate", so erläuterte letzte Woche Professor Karl-Heinz Wagner vom Institut für Ernährungswissenschaften II der Universität Gießen, "enthalten weit mehr giftige und sogar krebserregende Substanzen als normale Ackerböden."
Bisher hatten sich die Müllverwerter vor allem um mögliche Seuchengefahren und den unverrottbaren Ballast gesorgt. Denn noch sind, wie Professor Straub vermerkte, die gängigen Kompostierungsverfahren "nicht sämtlich technisch ausgereift". Immerhin sei in der Regel dabei gewährleistet, daß Krankheitskeime absterben; und die zersetzungsfesten Müllanteile, etwa Kunststoffe. grobe Metallteile und Glas, können inzwischen mit wirtschaftlichen Methoden ausgeschieden oder zumindest zerkleinert werden.
Müll als Dünger zu verwenden, der ähnlich wie Stallmist wirkt und die Erde auch vor Erosion und Austrocknung schützt, schien deshalb vorteilhafter als die herkömmlichen Alternativen -- das zwar billigere Anlegen von Deponien, die jedoch Land zehren und das Grundwasser verseuchen können, oder die teure Müllverbrennung, die überdies noch zur Luftverschmutzung beiträgt.
Angesichts der bundesdeutschen Müllmengen (derzeit jährlich rund 300 Millionen Tonnen, mehr als 400 Millionen Kubikmeter; jährlicher Zuwachs sechs bis acht Prozent), fördert beispielsweise auch das Bonner Innenministerium die Entwicklung besserer Kornpostierverfahren.
Pfundweise beziehen Blumenfreunde den zu "Pflanzerde" umgewandelten Müll. Gärtnereien schütten Wagenladungen davon in die Frühbeete. Bauern, Winzer und Forstleute düngen damit Gemüsefelder und Obstplantagen" Baumschulen und Weinberge. Etliche Gemeinden haben damit schon Ödflächen kultiviert. Die Agrarexperten empfehlen je Hektar jährlich bis zu 400 Tonnen Müll-Kompost.
Und "in einem besonderen Zustand der Verpilzung" ("Umweltmagazin") gelangen verrottete Abfälle und Klärschlämme sogar direkt in menschliche Nahrung: Mit dem Müllprodukt "Ferkelerde" werden Schweine gemästet.
Um so alarmierender wirkt, daß erst jetzt eine erwartbare Gefahr dieser kommerziellen Unrat-Verwertung erkärt wurde. "In hohen Konzentrationen, melden Ernährungswissenschaftler Wagner und sein Kollege Dr. Igbal Siddiqi in der neuesten Ausgabe der "Naturwissenschaften", Monatsschrift der Max-Planck-Gesellschaft, enthalte Müll-Kompost giftige Schwermetalle und chemische Verbindungen wie Benzpyren und Benzfluoranthen, deren krebserregende Wirkung gefürchtet ist.
Die Gießener Forscher hatten Produkte der Kompostwerke Bad Kreuznach, Landau und Alzey analysiert. Gegenüber gewöhnlichem Boden fanden sie darin
* die krebserregenden Substanzen auf das 50- bis 300fache angereichert und
* etwa die doppelte Menge Arsen, drei- bis 20mal soviel Blei, zwei- bis siebenmal soviel Kadmium, fünf- bis 50mal soviel Quecksilber.
In Züchtungsversuchen auf Müll-Kompost stellten die Forscher weiter fest, daß Benzpyren und Benzfluoranthen nicht merklich abgebaut werden. Die Pflanzen nehmen diese Substanzen vielmehr ebenso auf wie die Giftmetalle. So besteht die Gefahr, daß sich die Schadstoffe im Kreislauf Nahrung-Abfall-Kompost-Nahrung immer stärker anreichern.
Einige Phasen einer vergleichbaren Giftkette hatten Wagner und Siddiqi schon nach dem Rindersterben von Nordenham im Mai letzten Jahres überprüft. Die Tiere hatten auf Weiden gegrast, die durch den Auswurf einer Bleihütte vergiftet waren. Blei und andere Schwermetalle wurden dabei derart hoch konzentriert im Zellgewebe der Rinderlebern eingelagert, daß der Stoffwechsel der Tiere entgleiste.
Boden und Grünbewuchs des Nordenhamer Weidelandes aber, so teilen die Ernährungsforscher in den "Naturwissenschaften" mit, waren in einiger Entfernung von der Hüttenanlage auch nicht stärker verseucht als die nun analysierten Proben kompostierten Mülls.

DER SPIEGEL 14/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 14/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UMWELT:
Giftige Krume

Video 04:10

Amerikas Heroin-Epidemie Erst zum Hausarzt, dann zum Dealer

  • Video "Amerikas Heroin-Epidemie: Erst zum Hausarzt, dann zum Dealer" Video 04:10
    Amerikas Heroin-Epidemie: Erst zum Hausarzt, dann zum Dealer
  • Video "Terrorverdacht: Londoner Polizei nimmt Mann in Regierungsviertel fest" Video 00:39
    Terrorverdacht: Londoner Polizei nimmt Mann in Regierungsviertel fest
  • Video "Flammende Rede im EU-Parlament: Guy Verhofstadt kritisiert Ungarns Premier scharf" Video 02:58
    Flammende Rede im EU-Parlament: Guy Verhofstadt kritisiert Ungarns Premier scharf
  • Video "Neue AfD-Spitzenkandidatin: Wer ist Alice Weidel?" Video 03:44
    Neue AfD-Spitzenkandidatin: Wer ist Alice Weidel?
  • Video "Filmstarts der Woche: Knalltüten im Kosmos" Video 07:59
    Filmstarts der Woche: Knalltüten im Kosmos
  • Video "Schwarz-gelber Klebstoff: Das neue Wir-Gefühl beim BVB" Video 02:07
    Schwarz-gelber Klebstoff: Das neue Wir-Gefühl beim BVB
  • Video "Nordkorea-Krise: USA und Südkorea demonstrieren Feuerkraft" Video 01:04
    Nordkorea-Krise: USA und Südkorea demonstrieren Feuerkraft
  • Video "Tier mit Tinder-Account: Breitmaulnashorn auf Dating-Plattform" Video 00:41
    Tier mit Tinder-Account: Breitmaulnashorn auf Dating-Plattform
  • Video "Lacher auf Frauengipfel in Berlin: Sind Sie eine Feministin, Frau Merkel?" Video 01:07
    Lacher auf Frauengipfel in Berlin: "Sind Sie eine Feministin, Frau Merkel?"
  • Video "Aufrüstung: China präsentiert ersten eigenen Flugzeugträger" Video 01:12
    Aufrüstung: China präsentiert ersten eigenen Flugzeugträger
  • Video "Trumps Jagd auf illegale Einwanderer: Leben im Schatten" Video 03:44
    Trumps Jagd auf illegale Einwanderer: Leben im Schatten
  • Video "Kitty Hawk: Das fliegende Elektro-Auto" Video 00:50
    "Kitty Hawk": Das fliegende Elektro-Auto
  • Video "Thüringen: Geisterfahrer rast durch Rettungsgasse" Video 00:37
    Thüringen: Geisterfahrer rast durch Rettungsgasse
  • Video "Obama-Auftritt in Chicago: Was war los, während ich weg war?" Video 01:21
    Obama-Auftritt in Chicago: "Was war los, während ich weg war?"
  • Video "Pastor Martti gibt Gas: Unterwegs im Namen des Herrn Trump" Video 02:40
    Pastor Martti gibt Gas: Unterwegs im Namen des Herrn Trump