02.04.1973

KLEINSCHREIBUNGBusen als Beweis

Für eine gemäßigte Kleinschreibung setzen sich immer mehr Pädagogen, Politiker und Privatleute ein. Deutschlands Orthographie-Papst Professor Grebe empfahl, schon vor einer Reform klein zu schreiben.
Um das "kostbare Gut der deutschsprachigen Schreibung" sorgen sich der Frankfurter Verleger Heinrich Scheffler und viele andere Mitbürger. Sie zetern über "verschwörerische" Aktivitäten für Kleinschreibung, die anscheinend urplötzlich in der Bundesrepublik eingesetzt haben und derzeit geradezu grassieren.
Und fast alle, die an groß geschriebenen Hauptwörtern festhalten wollen, klammern sich auch an einen Busen. Das sekundäre Geschlechtsmerkmal dient den Konservativen als Beweisstück: Ob jemand Trost an einer Schönen Brust oder an einer schönen Brust suche, sei ein Unterschied, der dem Leser nur mittels Großschreibung aufgehe.
Die Neuerer hingegen empfehlen einem derart geschwollenen Stil kalte Umschläge. Eine Aussage, die man nur mit Großbuchstaben geschrieben verstehe, sei ohnehin schlechtes Deutsch.
Mit derartigen Argumenten liefern sich Groß- und Kleinschreiber in den Leserbriefspalten der Tageszeitungen erbitterte Gefechte, seit die Deutsch-Dozenten an den Pädagogischen Hochschulen des Landes Nordrhein-Westfalen sich im letzten Sommer für eine Rechtschreib-Reform eingesetzt haben. Sie fordern die "gemäßigte Kleinschreibung": Zunächst sollen Grundschüler lernen, nur noch Satzanfänge und Eigennamen groß zu schreiben.
Der Vorschlag beflügelte Politiker aller Parteien. In zahlreichen Landtagen brachten Abgeordnete klein geschriebene Anfragen ein: ob und warum nicht endlich die gemäßigte Kleinschreibung eingeführt würde.
Im Februar hängte sich der Deutsche Germanistentag mit großer Mehrheit an die Kleinschreib-Welle an. Mitte März einigte sich die gemeinhin kontrovers gestimmte Kultusministerkonferenz (KMK) auf die Vorab-Entscheidung, jetzt sei ein "günstiger Zeitpunkt" für die ersehnte Reform erreicht. Nur sei "ein gemeinsames Vorgehen in den Ländern mit deutscher Sprache nach wie vor erforderlich".
Eine Woche später, am 24. März, wurde nahe am Bodensee, in Tuttlingen, ein "internationaler Dachverband zur Vereinfachung der Rechtschreibung in den deutschsprachigen Ländern" gegründet. Reformfreunde aus Österreich und der Schweiz vereinten sich mit dem Tuttlinger Gastgeber, der "aktion kleinschreibung".
Der Vorsitzende der Tuttlinger Kleinschreiber, der Realschullehrer Wilhelm Werner Hiestand, 30, ist über den Erfolg "unserer Bürgerinitiative" selber überrascht: "Unser Verein wurde im Mai 1972 hauptsächlich von Lehrern gegründet, die es gründlich satt haben, tagtäglich neue Unterrichtszeit für das Einpauken sinnloser Rechtschreibregeln zu opfern"
Statt dessen opfern sie nun erheblich mehr Stunden für die Reform. In knapp zehn Monaten gewannen sie über 300 zahlende Mitglieder, von denen gut zwei Drittel Lehrer sind. Und sie dokumentierten die Nachteile der seit 1901 verbindlichen Rechtschreibung, der selbst Fachgelehrte ohne "Duden nicht gewachsen sind, mit empirischen Daten:
* 96 Prozent aller Lehrer sind überzeugt, daß ihre Schüler die Groß- und Kleinschreibung nicht beherrschen.
* 20 bis 50 Prozent aller Rechtschreibfehler beruhen auf Unkenntnis der Regeln für Groß- und Kleinschreibung.
* Es gibt 78 Regeln für die Groß- und Kleinschreibung, 83 Regeln zum Zusammen- oder Getrenntschreiben, 50 Regeln zum Bindestrich, 20 Regeln zur Silbentrennung, 20 zum Apostroph.
Das willkürliche Groß und Klein rührt aus den Anfängen der Buchdruckerkunst her, als die Meister nach Lust und Laune einzelne Wörter mit einem Großbuchstaben beginnen ließen. Als vor 200 Jahren dann die ersten Regeln eingeführt wurden, richteten sich die Reformer nach dem damals Üblichen.
So erstaunt es heute auch niemanden, daß Grundschüler weitaus häufiger für Rechtschreibung als etwa für Rechnen die Note "mangelhaft" bekommen und deshalb auch sitzenbleiben. Dazu der langjährige Leiter der Hamburger Schülerhilfe, Dr. Walter Barsch: "Wegen Sachkunde bleibt niemand sitzen, obwohl Sachkunde wohl das wichtigste Fach in der Grundschule ist."
In Hamburg dürfen daher seit dem letzten Jahr Grundschüler wegen mangelhafter Rechtschreibleistungen nicht mehr sitzenbleiben.
Dem Hamburger Schulsenator Günter Apel (SPD) ist selbst das noch zu wenig. Vorletzte Woche forderte er seine KMK-Kollegen zu einer "unmißverständlichen Willenskundgebung" für die Kleinschreibung auf; die Orthographie-Regeln seien nicht mehr haltbar.
Apel: "Kinder, die nicht begreifen, warum sie "radfahren" klein und "Auto fahren" groß schreiben sollen, denken richtig und normal. Erwachsene, die ihnen diese Regeln eintrimmen, verbiegen das logische Denken der Kinder."
Konservative Rechtschreiber wittern hinter so logischen Gedankengängen den "verschwörerischen Eifer" von lichtscheuen Revoluzzern -- so Karl Korn, Kultur-Monument der "FAZ". Korn weiß, was dabei herauskommt: "In dreißig Jahren würden die gewaltigen Reservoire unserer Bibliotheken umgedruckt werden müssen."
Solcher Unsinn, apodiktisch vorgetragen, verunsichert selbst viele Reformer. Sie trauen sich daher auch nicht, die radikale Kleinschreibung zu fordern, obschon sie heimlich "so schreiben. Denn rationell (durch den Fortfall aller Großbuchstaben) ist allein diese Schrift, die aus Fernschreibern und Computern kommt und trotzdem verstanden wird.
Verluste müßten freilich Verlage hinnehmen, die ihren Stehsatz nicht mehr benutzen könnten. Und daher lauschen Verleger gern den Tiraden der Konservativen und ihres Korn, der die deutsche Rechtschreibung schlechthin für "nicht reformierbar" erklärt.
Aber die Erkenntnis, daß nahezu alles außer Korn -- erneuert werden kann, sickert gleichwohl durch und beseelt selbst einen Deutsch-Nestor vom Kaliber des Professors Paul Grebe. Der Gelehrte, der lange Jahre die Mannheimer "Duden"-Redaktion geleitet hat und dabei zum Orthographie-Papst avancierte, will nicht länger auf eine amtlich verordnete Reform warten.
In Tuttlingen empfahl Grebe den Schreibreformern, sie sollten sich schon jetzt in ihrem privaten Schriftverkehr der gemäßigten Kleinschreibung befleißigen.

DER SPIEGEL 14/1973
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