30.04.1973

ANTIBABYPILLEAlle, die mochten

In einigen Kommunen gibt es die Pille gratis, einstweilen allerdings nur für Sozialhilfe-Empfängerinnen.
Die Pille auf Krankenschein, das wäre schon "eine kleine Revolution", urteilte 1971 das Hamburger SPD-MdB Wilhelm Nölling, als im Bonner Justizministerium darüber diskutiert wurde. Die Revolution läßt immer noch auf sich warten.
Rathaus-Politiker aber haben die ersten revolutionären Schritte schon getan. In Kiel beispielsweise bekommen "minderbemittelte weibliche Personen" (Stadtrats-Beschluß) kostenlos die Pille, und auch der Besuch beim Arzt ist umsonst -- beides zahlt die Kommune.
Sogar in der tiefen Provinz ist ein Anfang gemacht. Ernst Knuth. 47, Bürgermeister im niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck (16 000 Einwohner), läßt die Hormon-Pillen gratis ausgeben -- an Mädchen und Frauen, die von spärlicher Sozialhilfe leben und für die Kinder kein Segen sind,
Jede dritte westdeutsche Frau im gebärfähigen Alter schluckt die Pille zum Schutz gegen unerwünschte Schwangerschaft, aber gerade die Unterprivilegierten nehmen sie seltener als andere. Und das nicht nur aus Unwissenheit.
Eine Mitbürgerin, die drei Kinder von zwei Vätern hat -- einer fährt zur See und zahlt nicht mehr -, brachte Knuth auf die Idee. Als ihre Ehe endlich halbwegs intakt war, klagte sie ihrem Bürgermeister während der Sprechstunde, daß ihr Mann nun krank sei und daß weitere Kinder "das Schlimmste" für die ganze Familie waren. Knuth erinnerte an die Pille, aber sie sagte nur etwas von Ratenzahlungen und daß sieben Mark für die Monatspackung manchmal fehlten.
Das war Ende vorigen Jahres. "Mensch, sagte ich mir, da muß man doch was machen", erinnert sich Knuth. Und der Bürgermeister, hauptamtlich Werbeleiter der örtlichen Kreissparkasse, machte eine simple Rechnung auf: Die Kosten, zunächst knapp 50 Frauen vor ungewollter Empfängnis zu bewahren, belaufen sich auf allenfalls 4000 Mark im Jahr und belasten den Zwölf-Millionen-Mark-Etat nicht sonderlich. Eine Quartalspackung Neogynon ist für den Steuerzahler mit 19,35 Mark billiger als ein ungewolltes Kind, das im Haushalt der Kommune mit monatlich 150 Mark zu Buche schlägt, wenn Eltern von der Fürsorge leben. Außerdem, so Knuth, "verhüten wir nicht nur teure Fürsorgekinder, wir erwarten auch, daß es durch den Stopp des Kindersegens mit den Familien bergauf geht".
Seither händigt Knuth Mädchen ab 15 und Frauen eine amtliche "Kostenübernahmeerklärung" aus, die gewöhnlich für Hausbrand und Billig-Butter ausgegeben wird. Zusammen mit dem ärztlichen Rezept nimmt sie nun auch der Apotheker in Zahlung.
Zunächst war das Stadtoberhaupt verblüfft, daß die konservativen Ratskollegen die Sache mit der Pille einfach schluckten -- "als CDU-Mann hätte ich das nicht so hingenommen". Inzwischen hat das Kleinstadt-Parlament den Alleingang des Ratsvorsitzenden sogar einstimmig sanktioniert.
Auf Dauer soll solche Pillen-Vorsorge auch nicht auf Sozialhilfe-Empfänger beschränkt bleiben, "Wie wir den Kreis demnächst abgrenzen, weiß ich noch nicht", so Knuth, aber das fernziel steht fest: "Alle, die sie möchten. sollen sie umsonst haben."
Damit denkt der Rat von Osterholz-Scharmbeck, der im ehemaligen Armenhaus der Stadt residiert, weiter als Bund und Land. Die Möglichkeit. daß die Krankenkassen den Ovulationshemmer für alle bezahlen (jährliche Kosten: 389 Millionen Mark) hat Rechtsreformer Gerhard Jahn zwar immer mal erwogen, aber schon frühzeitig ließ der zuständige Sozialminister Walter Arendt den Kabinettskollegen abblitzen. Arendt will nicht einsehen. warum "Leute jenseits von Gut und Böse das Vergnügen der Jugend bezahlen" sollen.
Ein bißchen sollen sie das nun doch. Eine Gesetzesinitiative der Bonner SPD-Fraktion sieht vor, daß die von vielen Ärzten noch erhobene Fünf-Mark-Gebühr für ein Pillenrezept von den Krankenkassen übernommen werden soll (Gesamtkosten: etwa 50 Millionen Mark). Die Hemmer selbst aber wollen die Kassen nicht spendieren. Kurt Werdin, Sprecher des Bundesverbandes der Ortskrankenkassen: "Die Kosten kann doch jeder selber tragen."

DER SPIEGEL 18/1973
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