26.11.1958

GESTAPO-MORDEVergißt man nicht

Unangefochten lebt seit 1951 in dem Stuttgarter Vorort Vaihingen ein Mann namens Dehm, der 1946 vor glaubwürdigen Zeugen zahlreiche Morde in Stuttgart und der Umgebung Stuttgarts nicht nur schlicht zugegeben, sondern mit allen Einzelheiten geschildert hat.
Dieser Anton Dehm war als SS-Hauptscharführer von Dezember 1944 bis zum Zusammenbruch 1945 Dienstleiter des Gestapo-Gefängnisses im sogenannten "Hotel Silber" in Stuttgarts Dorotheenstraße, damals wie heute Sitz der Stuttgarter Polizei.
Fünfzehn Monate nach Kriegsende, im August 1946, nahm der damalige Kriminalobersekretär und heutige Kommissar Walter Huber von der Fahndungsabteilung der Stuttgarter Kriminalpolizei den Anton Dehm in einer Waldhütte bei Stuttgart fest, wo Dehm sich verborgen gehalten hatte.
Dehm wurde als Helfershelfer des Chefs der Gestapo-Leitstelle Stuttgart, des Oberregierungsrats Mussgay, gesucht und verhaftet. Mussgay saß seit Monaten im amerikanischen Militärgefängnis in der Weimarstraße zu Stuttgart ein und wurde ständig verhört.
Außerdem lag eine Anzeige wegen Mordes gegen Dehm vor, eingereicht von den Töchtern einer Stuttgarter Jüdin namens Josenhans, die in der Nacht vom 10. zum 11. April 1945 von Anton Dehm auf scheußliche Weise umgebracht worden war - zusammen mit weiteren Opfern: einer Französin, einem durch Lungenschuß schwer verletzten Litauer und einem Unbekannten.
Gestapo-Chef Mussgay sollte eben in das Internierungslager Ludwigsburg entlassen werden, weil ihm Verbrechen nicht nachgewiesen werden konnten, als Henker Dehm vorgeführt und mit ihm konfrontiert wurde. Die Wirkung war verblüffend: Mussgay wurde blaß und fiel in Ohnmacht
Der damalige deutsche Leiter des Militär-Gefängnisses, Gerhard Herserner, heute Vorsitzender des internationalen Interanguage-Clubs, Sitz Stuttgart, erinnert sich "Mussgay wußte, daß Dehm ihn schwer belasten konnte. Daher beging er tags darauf Selbstmord - er erhängte sich mit einer Schnur, die von seiner Frau um ein Wäschepaket gewickelt worden war."
Der Tod Mussgays brachte Dehm den Vorteil, alle Verantwortung für Verbrechen im "Hotel Silber" dem Mussgay in die Schuhe schieben zu können. Mussgay habe befohlen, "sagte Dehm - und gestand dann unbedenklich mehrere Erhängungen ein, die er in einem Raum des Gestapo-Gefängnisses vorgenommen hatte, den er dem Kommissar Huber und dem amerikanischen Vernehmungsoffizier Dermer sogar zeigte.
Bei den damaligen Vernehmungen des Dehm waren auch zwei Beamte - namens Schmidt und Maier - von der Züricher Kriminalpolizei zugegen, die die Anzeige der in Zürich lebenden Josenhans-Tochter Annemarie Hermann-Josenhans bearbeiteten.
Die Familie Josenhans - Vater, Mutter und zwei Töchter - wollte am 24. März 1945 durch Vermittlung eines angeblichen ehemaligen KZ-Häftlings, der sich Josef Bura nannte, in die Schweiz fliehen. Auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof wurde die Familie Josenhans von den Schergen ergriffen: Bura war Gestapo-Agent und hatte die jüdische Frau Josenhans mit ihren Angehörigen denunziert und ans Messer geliefert.
Die Tochter Annemarie und ihre Schwester Gertrud, die heute unter dem Namen Brockstedt in Stuttgart lebt, wurden mit ihrer Mutter in das "Hotel Silber" geschleppt. Vater Josenhans kam in das Lager Ravensburg. Als das Gestapo-Gefängnis aufgelöst wurde, lebten zwar noch die Töchter, aber die Mutter war tot: Anton Dehm hatte sie im Keller gehenkt; die Leiche wurde später aus der Armesünderecke des Stuttgarter Steinhalden-Friedhofs exhumiert und ordentlich bestattet.
Vor den Kriminalbeamten Huber, Schmidt und Maier sowie dem Vernehmungsoffizier Dermer erklärte Dehm am 30. August 1946, zwei Tage nach seiner Festnahme, daß er im "Hotel Silber" einzelne Personen aufgeknüpft und außerdem in einem Akazienwäldchen im Stuttgarter Vorort Zuffenhausen wenigstens 25 Fremdarbeiter exekutiert habe, die wegen Verkehrs mit deutschen Mädchen zum Tode verurteilt worden seien.
Der Kommissar Huber, im Polizeidienst grau und im Umgang mit Verbrechern hart geworden, wiederholt heute noch wörtlich, wie Dehm damals die Ermordung der Frau Josenhans und des Litauers schilderte, der auf der Flucht vor der Polizei angeschossen worden war.
Huber: "Ich werde nie vergessen, was der brutale Kerl, der Dehm, ein gefährlicher Bulle, ungerührt erzählte: 'Ja, ich habe das Weib gehenkt. Aber zuerst ist die Schnur abgekracht, weil es nur eine Papierschnur war. Die Frau sagte dann zu mir: Sie haben doch auch eine Mutter, lassen Sie mich doch am Leben. Da schlug ich sie aufs Maul, dann war sie ruhig, und dann habe ich sie, vollends aufgehängt.' So etwas vergißt man sein Leben lang nicht, das war doch glatter Mord."
Bei diesen Vernehmungen im Jahre 1946 gestand Dehm auch die Tötung der 25 Fremdarbeiter. Kommissar Huber: "Dehm gab an, je Mann habe er zuerst eine Flasche Schnaps, nachher nur noch eine Packung Zigaretten erhalten."
Indes, Anton Dehm konnte der amerikanischen Gerichtsbarkeit im Jahre 1946 entrinnen: Wegen der Morde an der Französin und an dem Litauer wurde er den Franzosen ausgeliefert. Am 26. März 1948 verurteilte ihn das Tribunal in Rastatt, das französische Militärgericht, zu einer Gefängnisstrafe. Die Ermittlungen der französischen Behörden waren dadurch behindert, daß der angebliche Mord-Auftraggeber Mussgay tot und andere Zeugen oder Mitwisser in alle Himmelsrichtungen zerstreut und größtenteils nicht aufzufinden waren.
Als Dehm nach Verbüßung seiner Strafe in die neugegründete Bundesrepublik zurückkehrte, lag schon eine neue Anzeige wegen Mordverdachts gegen ihn vor; die Tötung der Jüdin Josenhans und die Fremdarbeiter-Exekutionen waren nach wie vor ungesühnt. Am 29. November 1951 wurden daher der Kommissar Walter Huber und die aus Zürich herbeizitierten Kriminalbeamten Maier und Schmidt von dem zuständigen Staatsanwalt Dr. Desczyk als Zeugen gegen Dehm vernommen.
Alle drei Beamten wiederholten, was Dehm ihnen gegenüber im August 1946, fünf Jahre zuvor, ausgesagt hatte: Dehm habe die Erhängung der Frau Josenhans sowie die Tötung von 25 Fremdarbeitern mit genauen Orts- und Zeitangaben geschildert. Sagt Huber heute: "Wir sind langjährige Beamte. Wir wissen, welche Folgen belastende Aussagen haben. Aber ich kann beschwören, daß Dehm die Taten in allen Einzelheiten gestanden hat."
Schwören durfte der Kriminalkommissar Huber freilich 1951 nicht. Der inzwischen verstorbene Staatsanwalt Desczyk begnügte sich erstaunlicherweise mit den Angaben Dehms, er habe bei jener Vernehmung 1946 keine Erhängungen gestanden. Er sei nicht wegen der gegen ihn gerichteten Beschuldigungen, sondern nur als Zeuge gegen Mussgay vernommen worden.
In der Begründung des Einstellungsbeschlusses vom 21. Februar 1952 kam Desczyk schließlich zu der Erkenntnis: Es hätten wohl niemals Fremdarbeiter-Hinrichtungen stattgefunden, wie sie Dehm zur Last gelegt würden. Nicht einmal im früheren Ausweichgefängnis Zuffenhausen, nahe dem berüchtigten Akazienwäldchen, habe man seinerzeit davon gehört.
Dem Kommissar Huber ist schlechthin unbegreiflich, wie der Einstellungsbeschluß in einer handfesten Mordsache so mangelhaft und so widersprüchlich begründet werden konnte:
- Desczyk verwarf die Übereinstimmenden Bestätigungen der drei Kriminalbeamten und akzeptierte allein Dehms Aussagen;
- Desczyk glaubte Dehm, der sagte, 1946 nur als Zeuge vernommen worden zu sein, obwohl der Kommissar Huber nach Dehm als Verbrecher fahndete und ihn als des Mordes Beschuldigten festnahm;
- Dehm erklärte 1946 und 1951, Mussgay habe die Hinrichtungsbefehle gegeben
- also wurden doch Menschen gehenkt, wobei weder Huber noch Herserner daran zweifeln, daß Dehm aus eigenem Antrieb und meistens ohne Befehl handelte;
- in der Sache Josenhans wurde 1951 nicht weiter ermittelt, obwohl die Angehörigen darauf warteten;
- Herserner und der Amerikaner Dermer, die beide 1946 die Geständnisse Dehms mitangehört hatten, wurden 1951 dazu nicht mehr gehört.
Kriminalkommissar Huber kann sich das ungenügende Verfahren von 1951/52 nur so erklären: "Damals wollte noch niemand an die Gestapo-Morde und diese Dinge heran, auch die Staatsanwälte nicht. Man war froh, daß die Entnazifizierungswelle langsam abebbte. Aber jetzt, wo ein Sorge und Schubert dran sind, darf man einen Dehm nicht vergessen."
Ohrenzeuge Herserner
Der Henker gestand

DER SPIEGEL 48/1958
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