26.11.1958

FERNSEH-KONKURRENZDas Kino-Sterben

Mit zwei Statistiken in Form einer Treppe veranschaulichte kürzlich der Generaldirektor der englischen Filmfirma Rank den Aktionären seines Filmkonzerns - des größten Europas -, warum in diesem Jahr die Dividende gegenüber dem Vorjahr radikal von 12 1/2 auf fünf Prozent herabgesetzt werden mußte. Die eine Statistik-Treppe strebte himmelwärts: Sie stellte die ständig zunehmende Zahl der Fernsehteilnehmer auf der Insel dar. Die andere führte in die entgegengesetzte Richtung - sie veranschaulichte das Absinken der Kinobesucherzahl.
Noch 1946 war jeder Engländer durchschnittlich vierunddreißigmal in jedem Jahr in sein "Odeon" oder "Regal" gegangen - insgesamt registrierten die Kinostatistiker in jenem Jahr 1,6 Milliarden Besucher. In den folgenden Jahren sanken die Besucherzahlen nur geringfügig, erst ab 1955 schrumpften sie rapide, und im Sommer vorigen Jahres sackten sie schließlich - wie Lord Rank selbst eingestand - "verheerend" ab: auf 915 Millionen. In diesem Jahr wird sich die englische Filmwirtschaft selbst nach optimistischen Schätzungen mit 725 Millionen verkauften Plätzen zufriedengeben müssen, was bedeutet, daß jeder Engländer nur mehr vierzehnmal je Jahr ins Kino geht.
Die großen deutschen Filmfirmen und Theaterbesitzerverbände beobachteten den Abstieg der englischen Filmwirtschaft von Stufe zu Stufe, der vor allem durch die epidemische Ausbreitung des Fernsehens ausgelöst und beschleunigt wurde, aus einem besonderen Grunde mit Besorgnis: England gilt als maßstabgerechtes Modell für die zukünftige Entwicklung von Film und Fernsehen in der Bundesrepublik Deutschland, denn Bevölkerungszahl und soziologische Gliederung in England entsprechen etwa den Verhältnissen in der Bundesrepublik.
An den Abwehrmaßnahmen, mit denen der Generaldirektor des Rank-Konzerns, John Davis, 52, den lebensbedrohenden Schrumpfprozeß des Kinomarktes stoppen und den Konzern vor dem Ruin bewahren will, läßt sich studieren, zu welchen Taktiken sich in wenigen Jahren möglicherweise auch die Ufa flüchten wird, wenn sie ihr Kino-Imperium vor der tödlichen Gefahr des grassierenden Besucherschwundes zu sichern hat.
Rank-Generaldirektor Davis hatte sich schon im vergangenen Sommer, als die Kassenrapporte die zunehmende Verödung der englischen Kinos erkennen ließen, zu einer Radikalkur entschlossen. Er beschrieb sie kürzlich den in London versammelten Aktionären unter dem Schlagwort "Konstruktive Neuorientierung". Der Rank-Filmkonzern will unter anderem
- in andere Zweige der Vergnügungsindustrie vordringen,
- eine Schallplattenproduktion etablieren,
- Dutzende von "unprofitablen" Darstellern, vor allem die sogenannten Starlets (Sternchen) aus den Verträgen entlassen,
- noch nachdrücklicher als bisher auf ertragreichen Auslandsmärkten - vor allem Deutschland - vorstoßen und
- mehr als 80 seiner insgesamt über 480 Filmtheater schließen oder in Tanzsäle. verwandeln*.
"Das heißt, daß etwa jedes sechste Kino dieses gewaltigen Konzerns dem Fernsehfunk zum Opfer fallen wird", besorgte sich die deutsche Film-Zeitschrift "Filmwoche". "Von den ... übrigbleibenden Kinos werden 80 für Spezialaufgaben bereitgestellt, das heißt, sie werden mit der neuesten technischen Ausrüstung versehen und nur Super-Monumental-Filme in ihrem Programm haben."
Vor allem will der Rank-Konzern künftig die Anti-Fernseh-Devise Hollywoods befolgen, die von den Produzenten "bigger and better movies" - größere und qualitativ bessere Filme - verlangt. Generaldirektor Davis verfügte, daß der Konzern mit seinem Jahres-Produktionsbudget von vier Millionen Pfund (fast 50 Millionen Mark), mit dem bisher jährlich rund zwanzig Filme hergestellt wurden, in Zukunft nur noch zehn Filme drehen soll. "Die Betonung wird auf dem teureren, wichtigeren Film-liegen", verkündete Davis, "für wichtige Filme zahlt das Publikum gern."
Während die Produktionsumstellung sich mühelos vollziehen läßt, stößt ein anderer Programmpunkt der "konstruktiven Neuorientierung" auf erbitterten Widerstand: Hunderte kleiner Kinobesitzer protestierten gegen die Forderung des Rank-Chefs, daß in jedem Bezirk der Insel die zur Verfügung stehenden Kinoplätze - nach einer geographischen Untersuchung - auf die Einwohnerzahl abgestimmt werden müssen.
Obgleich in England gegenwärtig nur noch 4100 Kinos existieren (Bundesrepublik einschließlich Westberlin: rund 6500), ist Generaldirektor Davis überzeugt, daß die Kinobranche nur gesunden kann, wenn mindestens weitere tausend Kinos stillgelegt werden. Die betroffenen Kinobesitzer sollten, so schlug Davis vor, aus einem Sonderfonds der Filmwirtschaft entschädigt werden.
Das Kinosterben wird allerdings nicht nur durch die Ausbreitung des Fernsehens beschleunigt. Vielmehr droht auch die als Anti-Fernseh-Maßnahme befohlene Umstellung der englischen und amerikanischen Firmen auf die Produktion kleiner, aber hochwertiger Filmstaffeln die Existenzgrundlage der Lichtspieltheater zu schmälern. "Für so viele Kinos, wie sie zur Zeit noch existieren", prophezeite Davis, "wird es in Zukunft nicht mehr genug Filme geben."
Da das Inselpublikum auf englische und amerikanische Filme eingeschworen ist und kontinentale Produkte lediglich in Ausnahmefällen vor vollen Häusern abflimmern, werden die vier größten Kinogruppen Englands nur mit Mühe die rund 200 Spielfilme aufzutreiben vermögen, die sie jährlich für ihr Programm benötigen.
Während die Kinobesitzer noch berieten, wie sie der drohenden Demontage ihrer Lichtburgen entgehen könnten, schreckten andere Meldungen die in der Schauspieler-Gewerkschaft "Equity" organisierten Filmdarsteller auf. "Achtung!", warnte der Londoner "News Chronicle", "die Deutschen stürmen unsere Studios. John Davis hat als Geschäftspolitik des Rank-Konzerns öffentlich verkündet, daß er unprofitable englische Schauspieler durch deutsche ersetzen werde. Warum deutsche? Weil Deutschland der ertragreichste Kinomarkt Europas ist und weil ein Star, der dort bekannt ist, Besuchermassen in einen britischen Film lockt..."
Der Erfolg, den der englische Heldenfilm "Einer kam durch" in der Bundesrepublik hatte, weil die Produktionsfirma vorsorglich Hardy Krüger für die Rolle des Luftwaffen-Oberleutnants Franz von Werra engagierte, bewies mit exemplarischer Wirkung, daß der finanzielle Erfolg eines britischen Films gesichert ist, sobald er auf dem deutschen Kinomarkt mit guten Chancen placiert werden kann.
Der Rank-Konzern engagierte daraufhin zwei deutsche Stars, die dem englischen Publikum unbekannt sind, aber auf dem deutschen Markt ein annehmbares Geschäft verheißen: 0. W. Fischer für einen "Lorelei"-Film und Horst Buchholz für die Partie eines polnischen Mörders in dem Thriller "Tiger Bay" Hardy Krüger, der mittlerweile auch in England populär geworden ist, übernahm eine weitere Rankrolle in dem Film "Mit dem Kopf durch die Wand".
Generaldirektor Davis strich sogar in konsequenter Anwendung seiner neuen Exporttaktik den englischen Star Peter Finch - der in dem Kriegsfilm "Panzerschiff Graf Spee" den Kommandanten Langsdorff gespielt hatte - aus der Besetzungsliste des Films "Hong Kong Ferry" , um statt dessen Curd Jürgens zu verpflichten. "Davis gesteht ein, daß er sich auf ein Spiel mit hohen Einsätzen eingelassen hat", berichtete der "News Chronicle". "Aber er hat ja noch ein Jahr Zeit, bevor er die nächste Bilanz veröffentlichen muß."
Bis dahin will der Rank-Konzern freilich auch in andere Gebiete der Unterhaltungsindustrie so weit vorgedrungen sein, daß Davis aus diesen Geschäften zusätzliche Einnahmen vorzuweisen hat. Der Plan, Rank-Schallplatten über Schallplattenklubs zu vertreiben, die jedes Rank-Kino gründen sollte, ist zwar am Widerstand englischer Schallplatten-Industrieller zerschellt, immerhin aber hat sich der Rank-Konzern durch Erwerb der Aktien einer führenden englischen Grammophonfirma (Thompson, Diamonds and Butcher) eine Basis für das Plattengeschäft gesichert.
Schon Anfang des nächsten Jahres sollen die ersten Rank-Platten von der aufgekauften Firma produziert und über deren Läden vertrieben werden - unter der Firmierung "Top Rank", was wortspielerisch gleichzeitig "erstklassig" und "Ranks Bestes" bedeutet. Aber mehr noch als das zu erwartende Plattengeschäft - das nach Ansicht von Lord Rank "weiten Spielraum bietet, namentlich wegen der zunehmenden geschäftlichen Bedeutung der Altersklassen zwischen 16 und 25 Jahren" - soll ein Clou besonderer Art die erstrebte
Aktivierung der Bilanzen ermöglichen. Der Konzern hat ein beträchtliches Aktienpaket einer neuen Fernsehgesellschaft aufgekauft und seinen Entschluß verkündet, in naher Zukunft die Produktion von Kurzfilmen für die privaten englischen (Werbe-) Fernsehgesellschaften aufzunehmen.
Davis ist überzeugt, daß er aus den betriebsfremden Betätigungen, denen sich der Konzern in den nächsten Monaten zuwenden wird, soviel Gewinn erlösen kann, daß diese Summen - zusammen mit den Einnahmen aus dem verstärkten Export und den Einsparungen aus der verschärften Rationalisierung - das Rank-Imperium gegen alle Gefahren der Fernseh-Ära absichern. "In drei bis fünf Jahren", versprach Davis kürzlich den Aktionären, "werden wir den Rückschlag, den wir und die gesamte Kino-Industrie in den letzten Monaten erlitten, völlig überwunden haben."
* Zum Vergleich: Die Ufa kontrolliert in der Bundesrepublik und in Westberlin insgesamt 60 Filmtheater.
Englands Kino-Lord Rank: Betriebsfremde Betätigungen
* Rechts: Gina Lollobrigida

DER SPIEGEL 48/1958
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