03.12.1958

MARINE / TRADITIONRüstzeit für Offiziere

Im Morgengrauen des 5. September 1917 erschoß ein Peloton königlich preußischer Landwehr zwei wegen kriegsverräterischer Aufstandserregung zum Tode verurteilte Matrosen,
- "den 22jährigen, vierzehnmal disziplinarisch und wegen militärischen Diebstahls einmal kriegsgerichtlich bestraften Oberheizer Max Reichpietsch von Seiner Majestät Schiff 'Friedrich der Große' und
- "den 24jährigen, zehnmal disziplinarisch bestraften Heizer Albin Köbis von Seiner Majestät Schiff 'Prinzregent Luitpold'."
Gleich mit diesem ersten Satz seines Vortrages sicherte sich der SPD-Wehrberater, Oberstleutnant außer Dienst und Dr. jur. Fritz Beermann, die ungeteilte Aufmerksamkeit des uniformierten Auditoriums. Zielsicher hatte er genau das historische Ereignis angesprochen, das die geradezu fanatisch auf Traditionspflege bedachten Marinekrieger seit vier Jahrzehnten zu verdrängen suchen: die Flottenmeuterei des Jahres 1917.
Die Evangelische Akademie Hamburg und die evangelischen Militärpfarrer im Wehrbereich I hatten Offiziere und Offiziersaspiranten aus Heer, Luftwaffe und Marine ins "Matthias-Claudius-Heim" nach Glücksburg geladen, zu einer Sondertagung für Militärpersonen, im Jargon evangelischer Tagungsfunktionäre "Rüstzeit für Offiziere" genannt. Auf dem Rüstplan stand:
- 20.00 Uhr: Begrüßung.
- 20.15 Uhr: Zur Tradition der Bundesmarine, Dr. Fritz Beermann, anschließend Aussprache.
- 22.00 Uhr: Abendsegen.
Den Vortrag konnte Beermann zu Ende bringen, auf den Abendsegen mußte er verzichten. In seinem Vortrag hatte er den Marineleuten nahegelegt, die beiden exekutierten Heizer zu achten und zu ehren; in der anschließenden Diskussion hatte er sogar einen Vergleich zwischen Reichpietsch, Köbis und Dönitz, Raeder gewagt und den beiden Delinquenten den Vorzug vor den beiden Großadmiralen gegeben. Das war mehr, als die Rüstzeit-Gemeinde ertragen mochte. Die Marineoffiziere marschierten aus dem Saal, Beermann mußte das Feld räumen.
In der Bonner Ermekeilkaserne nahm man diese Affäre für so wichtig, daß Staatssekretär Rust, Generalinspekteur Heusinger und Marine-Inspekteur Ruge ein Kommunique verfaßten: "Reichpietsch und Köbis können nicht die Vorbilder der Bundesmarine sein", denn diese beiden "Meuterer" hätten das "Ziel" verfolgt, "an die Stelle des damaligen Reiches eine Räte-Republik nach russischem Muster zu setzen". Sie "waren nicht Wegbereiter der Weimarer Republik, sondern können eher als Vorkämpfer einer Staatsform gelten, wie sie heute in der deutschen Sowjetzone verwirklicht wird; sie werden dort auch als Volkshelden gefeiert."
Der Hinweis auf Pankow gibt zu erkennen, aus welcher Quelle Rust, Heusinger und Ruge dieses Fehlurteil über die Kaiser-Kulis Reichpietsch und Köbis geschöpft haben. Das Wort "Meuterer" trifft die beiden Heizer zwar genau. Aber das revolutionäre "Ziel", das die drei Kommuniqué-Autoren den Meuterern unterschieben, stammt unzweifelhaft aus einer Geschichtsdarstellung, die teils von deutschnationalen, teils von kommunistischen Propagandisten verfertigt und von Historikern und Juristen längst als Geschichtslegende entlarvt wurde.
In Wahrheit hatten die Matrosen - sofern die Politik bei der Flottenmeuterei 1917 überhaupt im Spiel war - lediglich von dem gleichen Bürgerrecht Gebrauch gemacht, das die Offiziere unbedenklich für sich in Anspruch nahmen. Die Offiziere propagierten annexionistische Kriegsziele und ein straffes antiparlamentarisches Regiment, die Mannschaften den Frieden ohne Annexionen und das allgemeine, gleiche Wahlrecht.
Die Partie wurde freilich mit ungleichen Mitteln ausgetragen. Die Offiziere nutzten dienstliche Gelegenheiten, um Propagandareden zu halten; die Mannschaften konnten es nur im Verschwörerkreis wagen sich zu äußern.
Kein Zweifel, solche Konspirationen der Matrosen entsprachen kaum dem althergebrachten Marine-Ideal stummen Gehorsams. Umgekehrt aber kamen die miserablen Dienstverhältnisse in der Kaiserlichen Marine auch keineswegs den Vorstellungen nahe, die der gemeine Mann, gleichviel ob politisch eingeschrieben, interessiert oder indifferent, von der Marine und dem Kriegsdienst gehegt hatte. Daß sich die Matrosen schließlich mehr und mehr um Politik kümmerten, war nicht zuletzt auf jene dienstlichen Mißstände zurückzuführen, ohne die in der Hochseeflotte trotz Sozialisten und - später - Spartakisten schwerlich je gemeutert worden wäre.
Der Zinngießer Richard Stumpf aus Nürnberg, Matrose auf Seiner Majestät Schiff "Helgoland" und katholischer Gewerkschaftler, der dem Einfluß der Sozialisten widerstand, hat seine Beobachtungen bei der Flotte in einem Tagebuch aufgeschrieben. Der Untersuchungsausschuß des Reichstages, der vom 22. Januar 1926 bis zum 1. März 1928 in insgesamt 33 Sitzungen mit dem Thema "Marine und Zusammenbruch" befaßt war, maß dem Tagebuch Stumpfs soviel Authentizität bei, daß er es als Sonderband der amtlichen Reihe "Die Ursachen des Deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918" herausbrachte.
Und der SPD-Oberstleutnant Beermann, der es allen Ernstes für geboten hielt, der in puncto Tradition äußerst empfindsamen Bundesmarine die Meuterer Reichpietsch und Köbis näherzubringen, stellte sich dabei immerhin so gewitzt an, daß er seine rhetorischen Übungen in der Evangelischen Akademie zu Glücksburg mit den Tagebuchnotizen des katholischen Matrosen Stumpf, nicht mit sozialistischen Zeugnissen, zu sichern suchte.
Matrose Stumpf hatte 1912 freiwillig angeheuert. Voller Stolz notierte er noch im Jahre 1914: "Wir hatten in Parade, blaue Hose, weißes Hemd, an Deck Aufstellung genommen, um den Obersten Kriegsherrn gebührend zu begrüßen. Wir fuhren mit langsamer Fahrt so nahe wie möglich heran und brachten drei brausende Hurras aus. Der Kaiser stand auf der Brücke und grüßte und winkte zu uns hinüber."
Aber schon in den ersten Kriegsmonaten wich die Schwärmerei des Freiwilligen Stumpf einer etwas nüchterneren Betrachtungsweise. Ob der britischen Seeherrschaft lag die deutsche Hochseeflotte in den Häfen fest, abgesehen von wenigen begrenzten Ausfalloperationen, von denen eine zur Skagerrakschlacht führte.
Der Dienst im Hafen, an Bord oder an Land konnte nicht stumpfsinniger eingerichtet werden. Anstatt die Gefechtsbereitschaft durch sachgemäßes Gefechtsexerzieren auf der Höhe und die Mannschaften ansonsten durch sinnvolle Arbeit auf den Werften und in der Industrie Kiels und Wilhelmshavens bei Laune zu halten, ließen sich die Kommandanten und Divisionsoffiziere nichts Gescheiteres einfallen als stupiden Fußdienst und schikanösen Geschützdrill. Matrosen und Heizer, die jahrelang technischen Dienst versehen hatten, wurden mit Gewehrgriffen und ähnlichem Infanterieschliff beschäftigt. Hinzu kam der Spott des Heeres und der Heimat:
Lieb' Vaterland, magst ruhig sein,
die Flotte schläft im Hafen ein!
Mit der Zeit empfand der Patriot Stumpf regelrechten Haß: "Was kein Buch, keine Zeitung und kein Sozialist vermocht hatte, das gelang dem System des Militärs." Und: "Wieviel mal lieber würde ich mich Deutscher nennen, wenn ich in meiner fünfjährigen Dienstzeit nicht als Tier, sondern als Mensch behandelt worden wäre."
Dank der fast mittelalterlich strengen Kasten-Struktur der Kaiserlichen Marine-Rangfolge: Seeoffiziere, Ingenieure, Ärzte, Fachoffiziere (Feuerwerker, Torpeder), Beamte, Deckoffiziere (Quasi-Unteroffiziere) - klaffte zwischen dem aktiven Offizierstamm der Hochseeflotte und den Mannschaften auch in Kriegszeiten eine Distanz, die jederart menschliches Verständnis ausschloß. Der Offiziernachwuchs, Fähnriche mit 17, Leutnants mit 18 Jahren, vermochte sich noch weniger in die Denkweise altgedienter Matrosen einzufühlen, die den ereignislosen Krieg auf den festgebundenen Schiffen satt hatten.
Der Steckrüben-Hunger verschärfte noch die Differenzen zwischen den diversen Marine-Rangkasten, die jede für sich über einen eigenen Verpflegungssatz verfügten. Seeoffiziere und Ingenieure speisten im Seeoffizier- beziehungsweise im Ingenieur-Kasino; Fachoffiziere waren weder zum einen noch zum anderen Mittagstisch zugelassen. Als der Hunger das Denken aller beherrschte, bahnten sich die Feuerwerks- und Torpedo-Offiziere in Wilhelmshaven den Zutritt ins Seeoffizier-Kasino, dessen Mittagstisch billig und noch immer gut gedeckt war.
Schon nach wenigen Tagen verfügte der Vorsitzende des Kasinos: "Das Entgegenkommen, am Mittagstisch der Seeoffiziere teilnehmen zu dürfen, wird von diesen (Fachoffizieren) schlecht gedankt. Es ist beobachtet worden, daß sie sich nicht sofort nach eingenommener Mahlzeit aus dem Kasino entfernten, sondern noch weiter in dessen Räumen verweilten. Einige haben nach dem Essen auf der Veranda Platz genommen und dem (Platz-)Konzert zugehört. Ich muß solche Ungehörigkeit und Taktlosigkeit auf das schärfste rügen und mache darauf aufmerksam, daß die Fachoffiziere stets sofort nach der Mahlzeit das Kasino wieder zu verlassen haben."
Was Wunder, daß derart geschurigelte Fachoffiziere ebenso wie die deklassierten Deckoffiziere kaum einen Finger krümmten, um die Mannschaft zu besänftigen, deren Unmut mit dem Hunger wuchs.
In dieser Lage machte der Flottenchef einen Fehler; er richtete "Menage-Prüfungs-Kommissionen" ein, je Schiff sozusagen einen Soldatenrat für die Küche, der zunächst von den Offizieren ernannt, hernach von den Mannschaften gewählt wurde. Diese Organe bildeten das Kadernetz der Meuterei. Hungerstreiks wurden in Szene gesetzt, auf den Schiffen "Prinzregent Luitpold", "Friedrich der Große" und "Posen". Die Besatzungen weigerten sich, Dörrgemüse und Steckrüben zu essen.
Kino oder Ausflug
Über die revolutionäre Funktion der "Menage-Prüfungs-Kommissionen" berichtete Matrose Stumpf: "Durch die Einrichtung der Menage-Prüfungs-Kommission glaubte man ein Überdruckventil geschaffen zu haben, durch das der Mißmut der Leute abblasen könnte. Aber nein, nachdem der seit langem aufgespeicherte komprimierte Zorn einen schmalen Ausweg gefunden hatte, tobte er mit aller Macht... Von anderen Schiffen höre ich Dinge erzählen, für die das Militärstrafgesetzbuch nur die Bezeichnung Gemeinschaftliche Meuterei' vorrätig hat."
In der Tat, die Meuterei hatte schon begonnen, mit harm- und gewaltlosen Einzelaktionen. 140 Matrosen der "Pillau" waren befehlswidrig an Land gegangen, um gegen Urlaubsbeschränkungen zu demonstrieren. Die Besatzung der "Westfalen" hatte von ihrem Kommandanten in einem Brief Auskunft über verhaftete Kameraden verlangt: "Sollte unsere Hoffnung auf Beantwortung unserer Fragen sich nicht bestätigen, machen wir darauf aufmerksam, daß wir mächtig genug sind, unseren Willen zu erzwingen, wenn es sein muß mit Gewalt."
Gesteuert wurden diese Unternehmen von den Repräsentanten aller "Menage-Prüfungs-Kommissionen" der Flotte, die sich auf dem Flottenflaggschiff "Friedrich der Große" nahezu täglich zu Beratungen zusammensetzten und ein "Zentralkomitee der revolutionären Matrosen" bildeten. An seiner Spitze agierten der Oberheizer Max Reichpietsch von Friedrich der Große" und der Heizer Albin Köbis von "Prinzregent Luitpold".
Reichpietsch halte die Reichstagsabgeordneten Stücklen (SPD) und Dittmann (USPD) in Berlin um Rat gefragt, wie die Matrosen ungeachtet des marineamtlichen Verbots sozialistische Blätter beziehen und Anschluß an die Parteien gewinnen könnten.
Mehrheitssozialist Stücklen hatte sich reserviert verhalten. Aber der Unabhängige Dittmann - Reichswehr-General von Schleicher später über Dittmann: "Der versteht was von Marinerevolten" - hatte Reichpietsch mit Material versorgt, insbesondere mit dem Programm der Stockholmer Konferenz, auf der die oppositionellen Sozialistenparteien - im August 1917 - ein Konzept des annexions- und entschädigungslosen Friedens entwerfen wollten. Um dieses Konferenzziel und die Mitgliedschaft in der USPD zu propagieren, ließ Reichpietsch auf den Schiffen der Flotte Unterschriftslisten umlaufen, in die sich Tausende von Matrosen eintrugen.
Das war der Stand der Ungehorsams-Kampagne, als am Abend des 31. Juli auf "Prinzregent Luitpold" das Gerücht kursierte, der Dienstplan für den nächsten Tag sei abgeändert worden; die ursprünglich geplante Kinovorstellung falle aus, statt dessen werde Fußdienst gemacht. Auf der Befehlstafel des Schiffs stand plötzlich zu lesen: "Wenn morgen kein Kino, dann Ausflug ohne Erlaubnis."
Am 1. August morgens gegen neun spazierten denn auch 49 Heizer der dritten Heizerwache heimlich von Bord. Zum Mittagessen fanden sie sich wieder ein. Elf von ihnen wurden mit Arrest bestraft.
Das war das Signal für den zweiten Protestmarsch, den Menage-Prüfer und Heizer Albin Köbis für den 2. August arrangierte.
An diesem Tage, an dem die Flottenmeuterei offen aus- und zusammenbrach, notierte der Matrose Stumpfe der nicht zu den Meuterern gehörte: "Wenn ich berufen wäre, über die augenblickliche Stimmung der Flottenbesatzung ein Urteil abzugeben, so würde es im ärztlichen Diagnose-Stil etwa folgendermaßen lauten: Hochgradige Erregung, hervorgerufen durch gänzlichen Mangel an Vertrauen zu den Vorgesetzten. Zustände der fixen Idee, daß der Krieg nur im Interesse der Offiziere geführt und verlängert wird, und heftige Zornesausbrüche infolge des Umstandes, daß die Mannschaft hungert und darbt, während die Offiziere schlemmen und im Gelde schwimmen ...
"Ist es da ein Wunder, wenn die Leute endlich das unfehlbare Mittel der Auflehnung ergreifen, um ihre bedrängte Lage zu verbessern?"
Dem Aufruf des Heizers Köbis, gegen die Bestrafung der elf Heizer zu demonstrieren, die sich am 1. August gegen den Fußdienst aufgelehnt hatten, folgten am 2. August 400 Matrosen und Heizer der "Prinzregent Luitpold"-Besatzung: Die Werfttorwache in Wilhelmshaven wurde überrumpelt, die Demonstranten marschierten über den Deich nach Rüstersiel in das Etablissement "Zum Weißen Schwan".
Revolutionärer Irrtum
Heizer Köbis führte das Wort: "Kameraden, nachdem gestern bei der dritten Heizerwache der Justizmord (elf Arreststrafen) passiert ist, haben wir heute diesen Schritt getan. Hoffentlich ist ein jeder damit einverstanden und weiß, was er jetzt tut. Der Schritt der dritten Wache hat uns einen kleinen Strich durch die Rechnung gemacht, denn in vierzehn Tagen oder drei Wochen wollten wir zu einem größeren Schlage ausholen. Mit uns geht 'Friedrich der Große' mit 850 Mann, 'König Albert' mit 400, 'Westfalen' mit 350 Mann und die ganze 'Pillau'-Besatzung."
Die Marinejustiz griff zu. Der Hauptprozeß gegen die neun Rädelsführer der sogenannten Matrosenbewegung endete mit fünf Todes- und vier Zuchthausurteilen "wegen vollendeter (oder versuchter) kriegsverräterischer Aufstandserregung". Der Chef der Hochseeflotte, Admiral Scheer, bestätigte nur zwei der Todesurteile, die gegen Reichpietsch und Köbis.
Die deutsche Öffentlichkeit nahm von der Flottenmeuterei und dem Tod der Meuterer kaum Notiz. Auch die Nachkriegspropaganda der Deutschnationalen, die Reichpietsch und Köbis für Dolchstößler ausgab, und die der Kommunisten, die sie zu Spartakus-Veteranen erhob, fand kein Interesse.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg das Ansehen der beiden Matrosen. Im Mai 1947 arbeitete der Westberliner CDU-Stadtrat Böhme eine Vorlage aus, nach der das "Tirpitz-Ufer" am Landwehrkanal in "Reichpietsch-Ufer" und die "Admiral-von-Schröder-Straße" in "Köbisstraße" umzubenennen seien. Die Umbenennung, so hieß es in der Begründung des Vorschlags, die von geringer Kenntnis der jüngeren Geschichte zeugte, solle "zu Ehren der beiden Revolutionshelden,- die als- Anführer der Kieler Matrosen-Revolte im Oktober 1918, erschossen wurden", geschehen. Die Bezirksverordneten des Verwaltungsbezirks Tiergarten bestätigten die Vorlage einstimmig, der amtierende Westberliner Bürgermeister, Frau Louise Schroeder, vollzog sie.
Am 23. Juli dieses Jahres scheiterte ein Antrag der CDU-Bezirksverordneten, die Namen der "Spartakisten Reichpietsch und Köbis" durch die Namen von Widerstandsleuten zu ersetzen, am Widerspruch der Sozialdemokraten: "Die SPD-Fraktion ist der Meinung, daß genügend Gründe bestehen, Reichpietsch und Köbis zu ehren und ihr Andenken wachzuhalten."
Genau diese Überzeugung gewann der SPD-Wehrberater Beermann, den der Pankower Reichpietsch-Köbis-Kult angeregt hatte, sich über die Kaiserliche Marine zu informieren. So kam es, daß Beermann dem Leiter der Evangelischen Akademie Hamburg, Günther, der einen SPD-Redner für die "Rüstzeit der Offiziere" in Glücksburg suchte, anbot: "Das würde ich gern selber machen. Ich schlage das Thema vor: Tradition der Bundesmarine."
Gerhard Günther, Sohn der Roman-Autorin Agnes Günther ("Die Heilige und ihr Narr") und in Weimarer Zeiten "konservativer Revolutionär", akzeptierte Beermanns Angebot: "Meine Spezialität sind Fragen zum Thema 'Unbewältigte Vergangenheit'."
Gleichwohl, das unbewältigte Marinethema bereitete dem Akademieleiter Günther einige Sorgen. Er begrüßte Beermann in Glücksburg mit dem höflichen Rat: "Ich hoffe, daß Sie diese Gelegenheit nicht benutzen werden, um Ihren Privatkrieg gegen die Marine zu führen." Beermann: "Nein, bestimmt nicht. Ich habe nichts gegen die Bundesmarine."
Was SPD-Beermann dem Rüstzeit-Auditorium hernach zumutete, traf dennoch die 20 Offiziere und Offiziersaspiranten der Bundesmarine gleichsam in die Magengrube: Nicht Sozialisten oder Kommunisten, sondern der Hunger und die skandalösen Dienstverhältnisse in der Marine hätten die Flottenmeuterei verschuldet.
Mit dem Kunstgriff, mit dem Beermann das Fazit aus solcher Erkenntnis zog, schockierte er sein Offizierspublikum vollends. Er transponierte heute geltendes Verfassungsrecht in das Kriegsjahr 1917 und verlangte, die Bundesmarine möge Reichpietsch und Köbis als Opfer verfassungswidriger Umstände rehabilitieren.
Sagte Beermann: "Im Artikel 1 Absatz 1 unseres Grundgesetzes heißt es: 'Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Macht'.
"... Steht unsere Marine innerlich auf dem politischen Boden, auf dem diese Gesetze gewachsen sind, so sollte sie auch jenen beiden Seeleuten ihren Respekt nicht versagen, die durch die Fehler eines vergangenen Militärsystems zu Symbolen vieler in ihrer Menschenwürde tief verletzter Soldaten und Matrosen geworden sind. Sie täte gut daran, diese aus der Kaiserlichen Marine verstoßenen Matrosen wieder in die große Familie jener aufzunehmen, die das blaue Tuch tragen."
Schließlich empfahl Beermann der Bundesmarine, die Gräber der beiden Matrosen in der Wahner Heide mit Kränzen zu schmücken. Denn: "... wenn sie es tut, werden ihr und diesem Staat die Herzen von Menschen zufliegen, die ihm bislang gleichgültig, skeptisch oder auch feindlich gegenüberstanden."
Es hatte den Anschein, als ob Beermanns Zuhörer in Glücksburg nicht begriffen, welche Menschenherzen gemeint sein könnten. Sie saßen jedenfalls, nachdem Beermann seinen Vortrag beendet hatte, stumm und beklommen auf den Stühlen. Keine Hand regte sich zum Beifall. Akademieleiter Günther unterbrach die etwas fatale Stille: "Zehn Minuten Pause. Danach beginnen wir mit der Diskussion."
Beermann zu Günther: "Ich habe wohl einen etwas zu harten Vortrag gehalten."
Günther: "Dem kann ich nicht widersprechen."
Beermann: "Ich werde es in der Diskussion wieder gutmachen und den Marineoffizieren ein paar Freundlichkeiten sagen. Das wird alles etwas auflockern."
Die Marineoffiziere beratschlagten derweil, ob sie demonstrativ abziehen sollten. Fregattenkapitän Schuhart, der Rangälteste, entschied, um des Gastgebers willen dazubleiben. Nach der Pause meldete sich Schuhart zu Wort, nicht um zu diskutieren, sondern um eine Erklärung abzugeben:
"Die vom Redner geschilderten Zustände in der Kaiserlichen Marine sind uns bekannt. Wir sind in der Reichsmarine damit erzogen worden. Ich weiß, daß Reichpietsch und Köbis Idealisten waren; sie waren aber auch Mitglieder der radikalen USPD. Beide haben den Tatbestand der Meuterei erfüllt. Beide sind als Hochverräter und Meuterer gerichtet worden. Die Gesetze der Pflichterfüllung und des Gehorsams sind für uns notwendig."
Zu Beermann: "Wenn Sie uns auffordern, an diesen Gräbern Kränze niederzulegen - da gibt es für uns keine Diskussion."
Heftiger Beifall, verstärkt durch Füßetrampeln. Beermann später: "Ich fühlte gegen mich eine geschlossene Mauer politischer Reaktion."
Beermann verlor die Selbstkontrolle. Ohne darauf zu achten, daß zwei, drei Leute längst ums Wort gebeten hatten, stürzte er an das Podium, wütend entschlossen, die Bundesmarine nunmehr an ihrer empfindlichsten Stelle zu treffen, nämlich die sogenannte Großadmiralsfrage aufs Tapet zu bringen.
"In ungeheurer Erregung" (Akademieleiter Günther) zerrte Beermann einen Zettel aus der Tasche. Günther: "Jeder SPD-Politiker, der oft in die Nähe von Bundesmarinern kommt, hat diese Erklärungen bei sich."
Zitternd vor Zorn las Beermann von seinem Zettel ab: "Eine hochgestellte Persönlichkeit hat geschrieben: 'Was wäre aus unserer Heimat heute, wenn der Führer uns nicht im Nationalsozialismus geeint hätte? Zerrissen in Parteien, durchsetzt von dem auflösenden Gift des Judentums und diesem zugänglich'. Eine zweite Persönlichkeit: 'Das deutsche Volk hat den aus dem Geist des deutschen Frontsoldaten geborenen Nationalsozialismus zu seiner Weltanschauung gemacht. Darum die klare und schonungslose Kampfansage gegen den Bolschewismus und das internationale Judentum.'
"Diese beiden Männer heißen Dönitz und Raeder. Sie gehören zu den intellektuellen Urhebern der Massenmorde an sechs Millionen Juden."
Zwischenruf: "Na, na. So viele waren es ja nun nicht."
Beermann: "Sind Sie mit vier Millionen einverstanden?"
Antwort: "Na schön."
Schrie Beermann: "Die beiden (Reichpietsch und Köbis), an denen ein Exempel statuiert wurde, stehen meinem Herzen näher als Dönitz und Raeder."
Fregattenkapitän Schuhart schnellte von seinem Stuhl hoch und stelzte zur Saaltür hinaus, die anderen Marineoffiziere hinter ihm her.
Akademieleiter Günther: "Ich unterbreche die Diskussion."
SPD-Beermann, von allen geschnitten, retirierte. Heute: "Das war wirklich mein Ernst. Reichpietsch und Köbis stehen mir wirklich näher als Dönitz und Raeder. Aber meine Nerven sind natürlich nicht mehr intakt. Der ewige Zweifrontenkrieg gegen gewisse Leute in der Bundeswehr und gegen gewisse Leute in der Partei hat mich völlig fertiggemacht."
Oberstleutnant außer Dienst Dr. Beermann hat schon vor Monaten im Verteidigungsministerium um seine Reaktivierung nachgesucht. Der Personalgutachter-Ausschuß prüft seither, ob Beermann, wie Verteidigungsminister Strauß es wünscht, als Oberst eingestellt werden kann.
In der Bonner Ermekeilkaserne macht man kein Hehl daraus, daß Beermanns Malheur in Glücksburg nicht ganz ungelegen kam. Denn diese Affäre habe der Bundeswehr-Spitze erstmals eine Handhabe geboten, die schon fast mythische Großadmiralsfrage amtlich zu klären.
In dem Kommuniqué, mit dem das Verteidigungsministerium die Beermann-Affäre kommentierte, steht denn auch der Satz: "Die einstigen Großadmirale Dönitz und Raeder sind nicht die Vorbilder der Bundesmarine."
Rüstzeit-Referent Beermann
Meuterer im Herzen
Kaiserlicher Heizer Köbis
"In der deutschen Sowjet-Zone ...
Kaiserlicher Oberheizer Reichpietsch
... als Volkshelden gefeiert"
Kaiserliche Hochseeflotte 1917: Meuterei der Essenschmecker

DER SPIEGEL 49/1958
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Rüstzeit für Offiziere

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