03.12.1958

ZEICHENFILMDie karikierte Schöpfung

Als Gott die Welt erschuf, sagte er zu den Engeln: "Also hört mal alle her: Wir haben eine sehr schwere Woche vor uns" Dann entlockte er seinem Feuerzeug mit viel Mühe das Licht, legte der fiebernden Erde Eisbeutel auf die Polar-Stirn und machte sich an die Schöpfung der irdischen Wesen. Er strickte das Lamm, malte dem Pfau einen bunten Schwanz, zauberte Kaninchen aus einem Zylinder und bastelte schließlich aus vorfabrizierten Teilen den ersten Menschen - wobei es allerdings dem Teufel gelang, den Blinddarm einzuschmuggeln.
Diese heiter-ironische Version der Schöpfungsgeschichte liegt der Handlung eines tschechischen Zeichentrickfilms zugrunde, der zwar in Venedig preisgekrönt wurde, aber wahrscheinlich in westdeutschen Kinos dennoch nicht gezeigt werden kann. Ob sich nämlich ein couragierter Verleiher finden wird, der den Film ("Die Erschaffung der Welt") in sein Programm übernimmt, erscheint mehr als fraglich, seit das Trick-Opus vom Bannstrahl des päpstlichen Hausorgans getroffen und als "gotteslästerliche Parodie" verdammt wurde. "Osservatore Romano": "Das ganze Trickspiel stellt eine groteske Verhöhnung der Heiligen Schrift dar."
Die höchst-klerikale Verachtung gilt zu gleichen Teilen dem tschechoslowakischen Regisseur Eduard Hofman und dem populären französischen Zeichner Jean Effel - er heißt eigentlich Francois Lejeune und konstruierte sein Pseudonym aus den Anfangsbuchstaben seines Namens, F (eff) und L (el) -, die den Film in vierjähriger Gemeinschaftsarbeit herstellten. Der Tschechoslowakische Staatsfilm hoffte mit dem Oeuvre auf westlichen Festspielen künstlerisches Renommee einzuheimsen, das er in ein lukratives Geschäft umzumünzen gedachte
Der aussichtsreiche Start des Films, dem die Jury der Dokumentar- und Kurzfilm -Festspiele in Venedig einen Sonderpreis zusprach, wurde indes von den päpstlichen Beobachtern alsbald gebremst "Der Zeichentrickfilm", urteilte der "Osservatore Romano", "ist nichts anderes als eine Ironische Interpretation der ersten Seiten der Bibel ... Als in besonderem Maße gotteslästerlich sind ... die Szenen zu bezeichnen, die die Erschaffung des Menschen behandeln und allein die Verbreitung des Atheismus beabsichtigen."
An dem verdammenden Urteil vermochte - zumindest in den Augen italienischer Filmkaufleute - auch die Tatsache nichts zu ändern, daß dem Trickspiel zwei Bildzyklen des Zeichners Effel zugrunde lagen ("La création du monde" und "La création de l'homme"*), die seit Jahren zu den größten Büchererfolgen im vorwiegend katholischen Frankreich gehören.
Die Liaison des französischen Karikaturisten mit dem CSR-Film war 1953 zustande gekommen, als der tschechoslowakische Künstlerverband eine Ausstellung mit Effel-Karikaturen veranstaltete. Berichtet Regisseur Hofman: "Als ich die Ausstellung in Prag durchwanderte, fesselten mich besonders einige willkürlich ausgewählte Bildchen aus (Effels) 'Erschaffung der Welt'. Und ich wäre kein Filmregisseur, wenn ich nicht sogleich ganze Episoden auf Grund dieser reizenden Anekdoten vor mir gesehen hätte, deren Wirkungskraft ich im Ausstellungssaal unmittelbar erfahren konnte, wo die Betrachter vor einigen Zeichnungen in helles Lachen ausbrachen."
Die von daher datierende Bekanntschaft der beiden Künstler mündete alsbald in das Gemeinschaftsprojekt. In der Abgeschiedenheit des Effelschen Domizils an der französischen Kanalküste ersannen sie den Rohentwurf eines Drehbuchs.
Getreu der Bilderbuch -Vorlage tritt der Herrgott in der anderthalbstündigen Filmversion der Effelschen Schöpfungsvariante in der Gestalt eines gutmütigen alten Mannes mit Vollbart und Glatze auf. In einem Gewand, das einem Nachthemd recht ähnliche sieht, zieht er durch das Universum und setzt, von lausbübischen Engeln assistiert, seine Schöpfungsideen mit schrulliger Geschäftigkeit in die Wirklichkeit um.
Als Gegenspieler tritt der Teufel auf, der die Werke des Herrn naturgemäß zu sabotieren trachtet - etwa, indem er die Rosen mit Dornen und das Rindvieh mit Hörnern versieht. Überdies bringt es der Satan fertig, das Spiegelbild Evas auf dem Parkett Eden zu einem Tanz zu verführen, den der "Osservatore Romano" als " frenetischen Rock'n'Roll" zu klassifizieren wußte.
Mögliche Einwände gegen die heiter burschikose Darstellungsweise, die allen Werken Jean Effels eigen ist, hatte allerdings der Rowohlt Verlag in einem Vorwort zur deutschen Ausgabe von "Die Erschaffung der Welt" schon vorweggenommen. "Freilich kann es für respektlos gelten, daß da einer das Göttliche verweltlicht, daß er sich mit dem Lieben Gott auf du und du stellt", schrieb der Vorwort-Autor Kurt Kusenberg "Doch ebendas haben die religiösen Legenden des Volkes ebenfalls getan und die Krippenspiele, und niemand hat Anstoß daran genommen ... Wenn der verweltlichte Gott ein Gott der Liebe ist, will es nicht viel besagen, ob er majestätisch, leutselig oder gar als guter Hausvater ins Spiel tritt. Wichtiger als die Verkörperung ist das Prinzip, welches er verkörpert."
Um so verwunderter waren Effel und Hofman, als das Vatikanblatt sie beschuldigte, mit ihrem Zeichentrickfilm den Glauben in "offener und frecher Weise verletzt und beleidigt" zu haben. Sie machten sich erbötig, Stellen zu ändern, die der kirchlichen Tradition der Genesis-Auslegung zuwiderliefen. Aber der "Osservatore Romano" zeigte sich jeglichem Kompromiß abhold und erklärte apodiktisch: "Die Karikatur des Schöpfers ist mehr als ausreichend, um unseren Protest zu rechtfertigen."
Was ein so klares katholisches Wort zu bewirken vermag, wurde alsbald offenkundig: Es fand sich kein italienischei Verleiher bereit, den Film in sein Programm zu übernehmen und für das italienische Kinopublikum zu synchronisieren.
Zu dem gleichen Zeitpunkt freilich, da das Vatikanblatt den Bann über 'Die Erschaffung der Welt' verhängte, wurde in italienischen Kinos unbehelligt von kirchlichen Filmbeobachtern ein amerikanisches Filmspektakel gezeigt, das in einem noch stärkeren Maße neuzeitliche Kino-Effekte zur Verdeutlichung der Werke Gottes benutzt. Allerdings wird der Herrgott in dem monströsen Breitwand-Opus "Die Zehn Gebote" des amerikanischen Bibelfilmspezialisten Cecil B. DeMille nicht als fröhlicher Glatzkopf dargestellt, er erscheint vielmehr als "bengalisches Feuerwerk" ("Die Welt"), und seine Stimme dringt - wie "Die Zeit" vermerkte - vom Berge Sinai herab "wie durch das Rohr einer Gießkanne".
* In Deutschland erschienen beim Rowohlt Verlag (Hamburg): "Die Erschaffung der Weit": 152 Seiten; 9,80 Mark. "Die Erschaffung des Menschen": 116 Seiten; 8,50 Mark.
Zeichner Effel: Biblischer Trickfilm
Eifel-Zeichnungen aus "Die Erschaffung der Welt": Groteske Verhöhnung der Heiligen Schrift?

DER SPIEGEL 49/1958
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