03.12.1958

JOSEPH SCHMIDTDie unbekannte Witwe

Als der Münchner Film-Produzent Ernst Neubach die Vorarbeiten zu einem "historisch-biographischen" Film über seinen einstigen Freund und Partner, den Tenor Joseph Schmidt, begann, glaubte er keinerlei juristische Komplikationen mehr befürchten zu müssen. Neubach hatte sich nach langwierigen Verhandlungen aus England einige alte Originalbänder mit Schmidt -Liedern beschafft und Absprachen mit allen Musikverlegern getroffen, die das Copyright der Musik und der Texte besaßen. Gegen Zahlung von 50 000 österreichischen Schillingen sicherte er sich überdies bei des Kammersängers Erben - Bruder und Schwester, die in Rumänien leben - die Persönlichkeitsrechte für die Filmstory vom "ergreifenden Lebensschicksal eines gottbegnadeten Künstlers".
Doch kurz bevor der Film (Produzent Neubach: "Ein reiner Kommerzfilm") Mitte des vergangenen Monats im Frankfurter Europa-Palast uraufgeführt wurde, geschah das Unerwartete: Obgleich der Totenschein des Sängers den Vermerk "ledig" enthält, meldete sich aus Antwerpen eine Dame, die eine Heiratsurkunde vorweisen kann, als "verwitwete Frau Schmidt". Die unbekannte Witwe - eine Frau Lotte Ernst, geborene Reig, geschiedene Kohn - heuerte sich einen Berliner Anwalt, der dem Produzenten "namens und im Auftrage meiner Mandantin" prompt ankündigte,
"daß die Verfilmung des Lebens des verstorbenen Ehemanns meiner Mandantin von der Zustimmung meiner Mandantin abhängt und meine Mandantin diese Zustimmung verweigert, bis Sie mit ihr eine zufriedenstellende Regelung getroffen haben".
"Bis dahin", erklärte der Anwalt, "untersagt meine Mandantin eine Aufführung dieses Films."
Der Constantin-Filmverleih, der Neubachs "Joseph-Schmidt-Story" unter dem Titel "Ein Lied geht um die Welt" vertreibt, ließ sich von dieser harschen Tonart freilich keineswegs beeindrucken. Die Premiere fand termingerecht statt, und der tränentreibende Film, der den Sänger Schmidt als "Bannerträger des deutschen Liedes in der Welt" feiert, läuft nun schon in der dritten Woche, ohne daß Produzent oder Verleih auch nur erwogen hätten, mit Lotte Ernst eine "zufriedenstellende Regelung" zu treffen. Sagt Neubach: "Ist doch Quatsch, der Josele war nie verheiratet."
Ernst Neubach hatte seinen Freund Schmidt 1932 kennengelernt - vier Jahre nachdem der deutsch-rumänische Konservatoriumsschüler in der Opernabteilung des Berliner Senders vorgesungen und sich eine außergewöhnliche Karriere eröffnet hatte. Der Lieder-Texter und Drehbuch-Autor schrieb für den Tenor, dessen Stimmkraft in zeitgenössischen Berichten vorzugsweise als "gottbegnadet" bezeichnet wurde, die Texte von rund zwei Dutzend Liedern und arbeitete auch an vier Spielfilmen mit, in denen Joseph Schmidt auftrat.
Nach dem imposanten Premieren-Erfolg des ersten Schmidt-Filmes am 9. Mai 1933 im Berliner Ufa-Palast - Polizei mußte eingesetzt werden, um den Tenor vor seinen Verehrern in Sicherheit zu bringen -, sang Schmidt in London, Wien, Budapest, Amsterdam, Warschau und Zürich. Er trat eine Gastspielreise durch die Vereinigten Staaten an, 1937 kam er nach Berlin zurück. Doch in jenem Jahr durften die Platten mit dem Gesang des "Nicht-Ariers" in Deutschland schon nicht mehr öffentlich gespielt werden.
Schmidt floh nach Brüssel, von dort nach Paris und schließlich - vor den heranrückenden deutschen Truppen - bis an die Schweizer Grenze, die er viermal vergeblich zu überqueren versuchte. Jedesmal wurde er von schweizerischen Beamten zurückgeschickt. Erst beim fünften Versuch gelang ihm der Grenzübertritt
Aus den Begegnungen jener Jahre bezieht der Filmproduzent Neubach seine Überzeugung, daß Schmidt niemals verheiratet war. Schmidt-Freund Neubach hatte oftmals Gelegenheit zu der Beobachtung, daß der in amouröser Hinsicht recht lebhaft veranlagte Tenor sich keineswegs den Damen verweigerte, die ihn unbeachtet seiner zwergenhaften Statur (knapp über 1,50 Meter) mit Ausdauer anhimmelten.
Anfang 1942 trafen sich die beiden auf der Flucht vor der Gestapo in der Nähe von Nizza wieder: Es war Ende Februar, als Schmidt in Begleitung gleich zweier Miezen in Neubachs Wohnung nächtigte. Wenig später, nach geglückter Flucht, wurde Schmidt in das schweizerische Internierungslager Gyrenbad eingewiesen. Er starb dort schon im November an Lungenentzündung und Herzschwäche; er war gerade 38 Jahre alt.
Immerhin, auf die amourösen Nebenaspekte der Schmidt-Karriere glaubte Produzent Neubach verzichten zu können, als er vor drei Jahren der Idee erlag, das Leben seines Freundes zu verfilmen. Der Constantin-Filmverleih war bald für das Projekt gewonnen; denn ein Film über Schmidt verhieß beträchtliche geschäftliche Chancen: Seit Mitte 1956 hatte die Schallplattenfirma Electrola in der Reihe "Unvergänglich - Unvergessen" neun alte Schmidt-Aufnahmen herausgebracht, die durch besondere Kunstgriffe von Nebengeräuschen befreit und technisch aufpoliert worden waren. Das Geschäft mit den Schmidt-Platten ließ sich, wie die Electrola erklärte, "ganz ausgezeichnet" an. Electrola: "Er und Tauber haben offenbar einen legendären Ruf."
Ernst Neubach konnte sich alsbald daranmachen, das Drehbuch zu verfassen. Obgleich er sich nach eigener Behauptung bemühte, "das Leben Schmidts historisch getreu wiederzugeben", glaubte er doch in einem Punkt dem Geschmack der Kinomassen eine Konzession machen zu müssen. Er erfand die Figur einer blonden Generalstochter mit dem Namen Brigitte von Hilden (im Film Sabina Sesselmann). "Sie wird dem weltberühmten und im Innern doch einsamen Tenor zum Schicksal", erläuterte die Neubach-Produktion. "Ihm, dem Millionen zujubelten, sollte es nicht vergönnt sein, die über alles geliebte Frau heimzuführen." Kein Zweifel: Auch im Film bleibt Schmidt ledig.
Nachdem in dem jungen Darsteller Hans Reiser der gesuchte Künstler gefunden war, der dem historischen Vorbild ähnelte und vor allem bis "auf die sechzehntel Note genau" die Lippen nach dem Originalton zu bewegen wußte, begannen unter Regisseur Geza von Bolvary die Aufnahmen auf dem Filmgelände von Geiselgasteig. Neubach hatte die alten Tonbänder der Schallplattenfirma "neu aufgemöbelt", indem er der Schmidtschen Stimme neue Orchestermusik unterlegen ließ.
Auch sonst bediente die Neubach-Produktion sich technischer Neuerungen: Hauptdarsteller Reiser, der allerdings beträchtlich größer als Schmidt ist, wurde bei seinen Lippendiensten für die Stimme eines Toten im Travelling-matt-System gefilmt einem neuen Verfahren, das es unter anderem ermöglicht, Landschaftsaufnahmen hinter dem Darsteller einzukopieren und dabei so scharf herauszubringen, daß der Eindruck entsteht, die Szene sei tatsächlich am Originalort gedreht worden.
Zudem wurde der Schauspieler Max Strassberg verpflichtet, sich selbst darzustellen: In seinen Armen starb Joseph Schmidt am 16. November 1942. Allerdings: Auch diesem Schmidt-Freund war verborgen geblieben, was Frau Lotte Ernst, geborene Reig, den Filmleuten kurz vor der Premiere eröffnete, daß nämlich Schmidt verheiratet war.
Schon vor Jahresfrist hatte sich Frau Ernst über ihre Rechtsanwälte auch an die Schallplattenfirma Electrola gewandt und Tantieme-Zahlungen beansprucht. Doch die Schallplatten-Leute konnten auf eine Sondervereinbarung mit dem Sänger hinweisen ("Wir besitzen noch immer die Originalverträge"), denen zufolge Schmidt von vornherein auf eine Beteiligung an den Einnahmen verzichtete und statt dessen für jede einzelne Aufnahme "ein relativ hohes Honorar" bekam. Die Electrola hatte sich damals nur auf dringenden Wunsch Schmidts zu dieser Regelung bereitgefunden - "so etwas ist sonst nicht üblich" -
Obgleich Schmidt in die schweizerischen Polizei-Meldelisten stets den Vermerk "ledig" eintrug und auch der in der Schweiz ausgestellte Totenschein die Bemerkung "ledig" trägt, kann Lotte Ernst immerhin dokumentarisch beweisen, was jetzt der Produzent Neubach nicht recht glauben will: daß sie sich als Witwe Joseph Schmidts bezeichnen darf. Sie besitzt eine Heiratsurkunde des Hamburger Hauptstandesamtes, das ihr am 25. Juli 1957 bescheinigte, sie sei dem Schmidt "mit Wirkung vom 13. Januar 1942" angetraut worden.
Diese Eintragung, so wird auf der Urkunde vermerkt, stütze sich auf den Paragraphen 1 Absatz 1 des Gesetzes über die Anerkennung freier Ehen rassisch und politisch Verfolgter vom 23. Juni 1956
"Haben Verlobte", so lautet dieser Gesetzespassus, "denen aus rassischen Gründen die standesamtliche Eheschließung unmöglich gemacht worden war, dessen ungeachtet den Entschluß, eine dauernde Verbindung einzugehen, durch Erwirken einer kirchlichen Trauung, durch Erklärung vor den Angehörigen oder auf andere Weise ernstlich bekundet, so kann die Landesjustizverwaltung, wenn der Tod des einen Teils die Nachholung der standesamtlichen Eheschließung verhindert hat, der Verbindung die Rechtswirkungen einer gesetzlichen Ehe zuerkennen. Hierbei ist der Tag festzusetzen, welcher als Tag der Eheschließung zu gelten hat."
Den Produzenten stören an der Hamburger Heiratsurkunde nicht nur sachlich unrichtige Eintragungen, wie ein falscher Geburtsort und eine falsche letzte Adresse Schmidts, der Filmmann findet auch die Umstände einigermaßen merkwürdig, unter denen die standesamtliche Eheschließung fünfzehn Jahre nach Schmidts Tod zustande gekommen ist.
Lotte Ernst versichert eidesstattlich: Ein Rabbiner habe sie mit Schmidt in Nizza getraut. Und ein Lotte-Ernst-Zeuge bestätigt gleichfalls an Eides Statt, daß eine Eheschließung vor dem Standesbeamten damals nicht möglich gewesen sei: Die französischen Standesämter hätten sich geweigert, Ehen zu schließen, bei denen einer der Beteiligten Jude war. Neubach hat demgegenüber einen jüdischen Mitarbeiter, der zur gleichen Zeit im unbesetzten Frankreich standesamtlich eine Frau evangelischen Glaubens ehelichte.
Ferner bezweifelt Neubach eine eidesstattliche Erklärung der Frau Lotte Ernst, derzufolge sie Ende August 1942 einen Brief von Schmidt erhielt, "in dem er mich bat, Frankreich mit dem Kind zu verlassen", während er selbst in die Schweiz gehe. Das Kind sei die Folge ihres Seitensprungs mit dem Tenor gewesen. Neubach: "Es ist bekannt, daß Familienväter, die in die Schweiz flüchteten, es dort immer leichter hatten als Junggesellen. Warum also sollte Schmidt sich dort als Lediger ausgeben? Und warum hat sie den Brief heute nicht mehr?"
Das Hamburger Standesamt begnügte sich damals mit der Abschrift eines in hebräischer Sprache beschriebenen Papiers, um der Lotte Ernst zu bescheinigen, daß sie sich als verwitwete Schmidt bezeichnen könne. In diesem hebräischen Schriftstück wird in altertümlichen, blumigen Wendungen zum Ausdruck gebracht, Joseph Schmidt habe "Fräulein Liba, die Tochter des verstorbenen Jehoschua", in der Stadt Nizza aufgefordert: "Sei meine Frau laut dem Gesetz Moses und Israel." Es handelt sich bei dem Bogen weder um ein Rabbinatsformular noch werden sonstige Formen beachtet: Es fehlt die Angabe, vor wem die Ehe geschlossen worden ist, es fehlt die Paraphe eines Rabbiners, es fehlt ein Ausfertigungsdatum. Unterschrieben haben lediglich zwei Zeugen.
Ergänzt wird dieses Dokument durch die eidesstattliche Erklärung zweier anderer Personen, von denen eine behauptet, sie habe die Heiratsurkunde als Zeuge signiert. Eine solche Unterschrift ist auf dem Schriftstück allerdings nicht zu finden.
Auf Grund dieser Unterlagen stellte das Hamburger Hauptstandesamt Lotte Ernst die Heiratsurkunde aus, unter ausdrücklichem Hinweis auf das schweizerische Todesregister, in dem Schmidt allerdings als Lediger geführt wird.
Neubach weiß sich in seiner Abwehr gegen die an einer "Regelung interessierte" Lotte Ernst nicht allein: Gemeinsam mit dem Bruder und der Schwester von Joseph Schmidt will er jetzt gegen die "verwitwete Schmidt" vorgehen und vor allem prüfen lassen, ob es einer Ausländerin in der Bundesrepublik wirklich so leicht gemacht werden darf, sich mit einem Toten zu verehelichen.
Schauspieler Reiser als Joseph Schmidt*: Tenorale Lippendienste
Tenor Joseph Schmidt
Ehe nach dem Tode
* In "Ein Lied geht um die Welt".

DER SPIEGEL 49/1958
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