24.12.1958

FORSCHUNG / JESUS VON NAZARETHDer Erwählte

Der Jesus von Nazareth", schrieb Albert Schweitzer im Jahre 1906, "der als Messias auftrat, die Sittlichkeit des Gottesreiches verkündete, das Himmelreich auf Erden gründete und starb, um seinem Werke die Weihe zu geben, hat nie existiert. Es ist eine Gestalt, die vom Rationalismus entworfen, vom Liberalismus belebt und von der modernen Theologie in ein geschichtliches Gewand gekleidet wurde."
Der Friedensapostel Schweitzer, den ein Impuls, christliche Nächstenliebe zu üben, zum Urwaldmediziner in Lambarene werden ließ, hat mit dieser Bemerkung zu allem anderen eher aufrufen wollen als dazu, die Existenz des Schöpfers der christlichen Religion, Jesus von Nazareth, oder auch nur eine einzige von dessen Lehren zu leugnen. Nichtsdestoweniger ist sein kritischer Satz in allem Ernst gemeint; er steht im Schlußkapitel von Schweitzers "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung", die seit 1906 bis auf den heutigen Tag in nahezu unveränderter Form erscheint und deutschen Theologen als Standardwerk gilt.
Sie gilt freilich auch als "Epitaph", als "Denkmal" und "Grabrede"* auf eine etwa zweihundert Jahre lang währende, verzweifelte Bemühung theologischer wie anderer Forscher, zuverlässige historische - also nicht aus der religiösen Überlieferung stammende - Quellen oder Hinweise auf das Leben des Religionsstifters Jesus aus der galiläischen Stadt Nazareth zu finden. In seinem zusammenfassenden Bericht über die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung konstatierte Schweitzer, daß ergiebige Quellen nicht gefunden worden waren und daß sich die Evangelien des Neuen Testaments, in denen über das Leben Jesu berichtet wird, als Material für die historische Forschung nicht eignen.
Im letzten Grunde ist unser Verhältnis zu Jesus mystischer Art", resümierte Albert Schweitzer. "Als ein Unbekannter und Namenloser kommt er zu uns, wie er am Gestade des Sees an jene Männer, die nicht wußten, wer er war, herantrat ... Er gebietet. Und denjenigen, welche ihm gehorchen, Weisen oder Unweisen, wird er sich offenbaren in dem, was sie in seiner Gemeinschaft an Frieden, Wirken, Kämpfen und Leiden erleben dürfen, und als ein unaussprechliches Geheimnis werden sie erfahren, wer er ist ..."
Tatsächlich schien sich die deutsche theologische Forschung, von der Vergeblichkeit ihrer verzweifelten Anstrengung erschöpft, seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts damit zu begnügen, das Verhältnis zu Jesus ein "unaussprechliches Geheimnis" bleiben zu lassen. Die Mühe, nach Jesus-Spuren zu suchen oder doch wenigstens durch Textkritik und religionsgeschichtliche Vergleiche die historische Figur Jesu aus den mythischen Einrahmungen der Evangelien herauszulösen, hatte zu einem Gebirge von Literatur, zu wütenden Polemiken gegen nichtchristliche Wissenschaftler und zu oft nicht eben vornehmen Polemiken der Theologen untereinander geführt - zum Bilde eines historischen Jesus hatte sie nicht geführt. "Der überflüssige und heftige Streit um die Geschichtlichkeit Jesu ist längst verstummt", bemerkte 1936 der Theologe Walther Bienert. "Weder in der kritischen Wissenschaft noch in der Polemik gegen das Christentum spielt die Frage, ob Jesus gelebt hat, noch eine Rolle."
Ein Stein, den ein Beduinenhirte vom Stamme der Taamirah im Jahre 1947 nach einer Ziege warf - jedenfalls behauptete der Junge, nach einer Ziege geworfen zu haben -, hat die Hoffnung mancher Theologen zersplittern lassen, daß die Frage nach der historischen Wahrheit über Jesus von Nazareth als erledigt zu den Forscherakten gelegt werden könne. Aus den Tongefäßen in einer Felsspalte, auf die der Stein des Wüstensohnes stieß, ist das alte Problem wieder ans Licht gestiegen und hat die alten Polemiken wieder entzündet: Es sind Hunderte von Schriften, die seit der Entdeckung der sogenannten "Schriftrollen vom Toten Meer" über die Bedeutung dieses Fundes veröffentlicht wurden. Ursache und Zentrum der Diskussion, wenngleich zuweilen von den Kontrahenten nicht eingestanden, sind direkt oder indirekt Person und Lehre Jesu.
Die Felsenwüste, in der sich im Jahre 1947 der Entdecker der Schriftrollen befand, der damals 15jährige Beduinenknabe Muhammad, liegt an der Westküste des Toten Meeres auf heute jordanischem Gebiet, nicht viel mehr als zwanzig Kilometer von Bethlehem entfernt, der Stadt, in der Jesus geboren worden sein soll. Es besteht wenig Anlaß zu glauben, daß die Beduinenschar, mit der Muhammad unterwegs war, Ziegen gehütet habe. Durch die Wüsteneinöde pflegten vielmehr solche Scharen zu ziehen, die Anlaß hatten, offizielle Grenzübergänge zwischen Jordanien und Palästina zu scheuen: Schmuggler.
Von den Handelsgewohnheiten dieser Leute blieb hinfort eine der sensationellsten Entdeckungen der neueren Religionsgeschichte beeinträchtigt. Muhammads Stein war in eine Felsspalte gerollt und hatte dort hörbar etwas zertrümmert. Als der Araberjunge nachsah, entdeckte er eine Höhle, in der mehrere Tongefäße standen; dem einen, vom Stein zertrümmerten Gefäß entnahm Muhammad eine schwarze, verklebte und übelriechende, lederartige Rolle, ein offenbar uraltes Manuskript.
Keinem Beduinenknaben ist unbekannt, daß alte Schriften in den Städten hoch im Kurs stehen. Die eine Rolle und der Inhalt von etwa vierzig weiteren Tonkrügen, die Muhammads Gefährten aufgestöbert hatten, waren das erste Objekt eines zähen Handels, der nun zwischen feilschenden Beduinen, gerissenen Höhlenräubern und wissenschaftlichen Instituten begann. Obwohl alle derartigen Funde nach dem Gesetz Eigentum des jordanischen Staates sind, mußten sich die Forscher auf dieses Geschäft einlassen, aus Sorge, sonst wichtige Schriften oder Fragmente einzubüßen.
Einige Rollen wurden im Jahre 1954 in einer Anzeige im New Yorker Börsenblatt angeboten - und für eine Million Mark verkauft -, andere Rollen wurden von den Arabern vor dem Verkauf zerschnitten. Hatten die Institute den einen Teil solch einer Rolle für gutes Geld erworben - pro Quadratzentimeter wurden bis zu zehn Mark verlangt -, so ließ sich der Preis für den anderen Teil, der den bereits erworbenen erst wertvoll machte, erpresserisch in die Höhe treiben.
Daß sich die theologischen Institute auf diese Geschäfte mit geldgierigen Fellachen und Räubern einließen, hatte freilich gute Gründe: Die Schriftrollen, auf deren erste Muhammad gestoßen war - bei systematischen Ausgrabungen wurden am Fundort eine vorchristliche Kloster-Ruine freigelegt und mehr als zweihundert, zum Teil ergiebige Höhlen entdeckt -, stammen aus der Zeit von etwa 250 vor bis zum Jahre 70 nach dem Beginn der Zeitrechnung; es sind religiöse Schriften aus der Zeit, in der Jesus nach christlicher Überlieferung gelebt hat, sie wurden aufbewahrt in unmittelbarer Nähe der Stätten, an denen der Nazarener gewirkt haben soll.
Über die Bestimmung des Klosters von Qumran, dessen Ruine am Fundort der Schriftrollen freigelegt worden ist, sind sich die Wissenschaftler bis heute nicht endgültig einig geworden: Aller Wahrscheinlichkeit nach gehörte das Kloster der strenggläubigen Sekte der Essener. Ebensowenig herrscht Einigkeit darüber, aus welchem Grunde die Schriftrollen und zwei rätselhafte Kupferrollen in Felsenspalten versteckt wurden.
Da einige der Rollen am unteren Rand beschädigt sind, vertreten manche Forscher die Ansicht, diese Schriften seien - da sie nach jüdischer Sitte nicht zerstört werden durften - vielleicht als nicht orthodox empfunden, symbolisch angesengt und dann begraben worden. Noch heute ist auf jüdischen Friedhöfen ein Platz für Thora-Rollen vorgesehen, die nicht mehr zu benutzen sind: Sie werden bestattet. Die ursprüngliche Lesart, daß die Qumran -Rollen von Ratten angenagt worden seien, ließ sich nicht aufrechterhalten: Ratten dürften kaum nur jeweils die untere Seite der Rollen angefressen haben.
Darüber aber, daß es sich bei den Funden um eine Entdeckung von größter Bedeutung handelte, waren sich die meisten Forscher bald einig. Die Schriften wurden im Palästina-Museum, Jerusalem, gesammelt, vorsichtig entrollt oder aus Einzelteilen zusammengefügt, entziffert und übersetzt. Dabei ergab sich, daß ungefähr ein Viertel aller gefundenen Schriften Texte enthielt, die auch im Alten Testament der Bibel stehen, bisher aber nur in viel jüngeren Handschriften bekannt waren. Eine aufgefundene, vollständige Handschrift des Buches Jesaja zum Beispiel ist etwa tausend Jahre älter als die älteste der bisher bekannten hebräischen Handschriften dieses Propheten-Textes.
Gefunden wurden unter anderem drei Exemplare des Buches Tobias - einer bei den Protestanten als apokryph (unecht) geltenden Schrift, also eines religiösen Buches, das nicht in die anerkannte Sammlung ("Kanon") der Bibeltexte aufgenommen worden, aber doch in den meisten Bibelausgaben mit abgedruckt ist. Gefunden wurden fernerhin zwei Exemplare des ebenfalls bei Katholiken "kanonisierten", bei Protestanten apokryphen Buches Jesus Sirach, außerdem Fragmente der alttestamentlichen Prophetenbücher von Micha, Nahum, Habakuk, Zephanja oder Fragmente von Kommentaren zu diesen Schriften.
Einige Textstellen in nicht-biblischen Qumran-Rollen aus vorchristlicher Zeit aber stimmten sogar fast wörtlich oder zumindest inhaltlich mit Passagen aus dem Neuen Testament überein, also mit jenem Teil der Bibel, der die christliche Lehre enthält. Andere überraschten durch ihre offenbar unbesiegbare Aktualität: "Hassen nicht alle Völker das Unrecht? Und dennoch wird es von ihnen allen in Gang gehalten. Erschallt nicht der Preis der Wahrheit aus dem Munde aller Nationen? Aber gibt es eine Lippe und eine Zunge, die ihr die Treue hält? Welches Volk hätte Wohlgefallen daran, von einem stärkeren Volke unterdrückt zu werden? Wer hätte Wohlgefallen daran; unrechtmäßig seines Besitzes beraubt zu werden? Wo aber gibt es ein Volk, das nicht sein Nachbarvolk vergewaltigt hätte? Wo gibt es ein Volk, das nicht (ein anderes Volk) ausgeraubt hätte?"
Vornehmlich aus drei der aufgefundenen Schriften - dem sogenannten "Buch der Unterweisung", den Fragmenten der "Damaskus-Handschrift" und dem "Habakuk -Kommentar", einer Erläuterung zum Text des alttestamentlichen Propheten Habakuk
- erhielten die Forscher präzise Kenntnis
vom Leben der religiösen Gruppe und von deren Gründer oder Reformator, dem "Lehrer der Rechtschaffenheit", die wahrscheinlich diese Bücher benutzt und auch geschrieben haben. Einige Einzelheiten, die über das Leben dieser religiösen Gruppe von Qumran und über das Leben des Lehrers der Rechtschaffenheit bekannt wurden, waren nun in der Tat geeignet, Fachleute und Laien zu alarmieren.
Es ergab sich nämlich, daß zwischen den Gebräuchen der Essener, deren, Existenz bereits von dem Römer Plinius dem Älteren (23 bis 79 nach der Zeitrechnung) und den jüdischen Schriftstellern Philo (etwa 20 vor bis 50 nach der Zeitrechnung) und Josephus Flavius (37 bis etwa 95) erwähnt worden war, und den Gebräuchen der Christen einige Ähnlichkeiten bestanden, die um so erstaunlicher waren, als diese Gebräuche in deutlichem Gegensatz zu den meisten Riten der strenggläubigen Juden standen.
Bereits bei den Essenern, die wahrscheinlich zum größten Teil beim Kloster Qumran lebten, in kleineren Gruppen aber auch an anderen Orten wohnten, wurde "Brüderlichkeit" als moralisches Gebot angesehen; die Essener kannten rituelle Waschungen, in deren Mittelpunkt ein regelrechter Taufakt stand; die Essener predigten Armut, Demut, Askese, vor allem aber glaubten sie - im Gegensatz zu den einflußreichen Sadduzäern, aber genauso wie nach ihnen die Christen - an die Unsterblichkeit der Seele. Auch die Essener kannten und befolgten das Gebot, nicht zu schwören, sondern nur "ja, ja" oder "nein, nein" zu sagen, das im Neuen Testament Jesus zugeschrieben wird.
Noch frappanter aber schien einigen Theologen die Übereinstimmung mancher Züge des essenischen Lehrers der Rechtschaffenheit mit Jesus. Vor der französischen Akademie erläuterte André Dupont -Sommer, Professor für semitische Sprachen und Kulturgeschichte an der Pariser Universität: "Der galiläische Meister (Jesus), so wie er uns in den Schriften des Neuen Testaments dargestellt wird, erscheint in vieler Beziehung als eine erstaunliche Wiederverkörperung des Lehrers der Rechtschaffenheit. Gleich ihm predigt auch er (Jesus) Reue, Armut, Demut, Nächstenliebe, Keuschheit. Gleich ihm gebot er Beobachtung des Gesetzes Mosis, des ganzen Gesetzes, aber des dank seiner Offenbarungen vollkommenen und endgültigen Gesetzes.
"Gleich ihm war er der Auserwählte und Messias Gottes, der Messias-Erlöser der Welt. Gleich ihm richtete sich gegen ihn die Feindseligkeit der Priester, der Partei der Sadduzäer. Gleich ihm wurde auch er verurteilt und hingerichtet. Gleich ihm sprach er das Gericht über Jerusalem, weil es ihn hingerichtet habe.
"Gleich ihm (dem Lehrer der Rechtschaffenheit) wird auch er (Jesus) am Ende der Zeiten der oberste Richter sein. Gleich ihm gründete er eine Kirche, deren Anhänger inbrünstig seiner Wiederkehr in Glorie warteten. Das Heilige Mahl ist in der christlichen Kirche genauso wie in der essenischen der wesentliche Ritus, der von dem Priester ausgeübt wird. Hier wie dort steht der Gemeinde der Aufseher, der 'Bischof' vor. Und das Ideal beider Kirchen ist im wesentlichen die Eintracht, die Nächstenliebe - die so weit geht, daß jeder am Eigentum aller teil hat."
Aus diesen zahlreichen und erstaunlichen Übereinstimmungen zwischen den Lehren Jesu und den Geboten des Lehrers der Rechtschaffenheit, zwischen den Riten der urchristlichen Gemeinden und den Riten der Essener zog Dupont-Sommer nun allerdings keineswegs den Schluß, daß Jesus von Nazareth mit dem Lehrer der Rechtschaffenheit identisch oder ein Schüler dieses Esseners gewesen sei. Der französische Forscher stellte nur die Frage: "Welcher der beiden Sekten, der jüdischen (Essener) oder der christlichen, gehört die Priorität? Die Antwort läßt keinen Zweifel offen: Der Lehrer der Rechtschaffenheit starb zwischen 65 und 63 vor Christi Geburt, Jesus, der Nazarener, starb etwa im Jahre 30."
Ein Zuhörer des Vortrags von Dupont -Sommer berichtet, bereits diese Erläuterung des franzosischen Wissenschaftlers habe "heftigen Widerspruch" hervorgerufen, "zum Teil von der Angst diktiert, die Einzigartigkeit Christi stehe auf dem Spiel". Die Heftigkeit der Fehde sollte sich noch verstärken, als der heute 35jährige Dozent an der britischen Universität von Manchester, John Allegro - er gehörte zu den anfangs fünf Forschern, die mit der Übersetzung der Texte betraut wurden -, aus einem unvollständigen Text herauslas, der Lehrer der Rechtschaffenheit - auch er hatte zwölf Jünger - sei gekreuzigt worden. Sofort protestierte der Jesuitenpater de Vaux, der die Auswertungsarbeiten leitet.
Eine Kreuzigung des Lehrers der Rechtschaffenheit ist wirklich in den Schriftrollen auch nicht ausdrücklich belegt. Christliche Theologen - so vor allem der Amerikaner Millar Burrows*, ehemals Direktor der American School of Oriental Research in Jerusalem - machten den französischen Forscher Dupont-Sommer darauf aufmerksam, daß im Habakuk -Kommentar - in dem mehrfach von einer Verfolgung und einer Art Marterung des Lehrers der Rechtschaffenheit durch Priester die Rede ist - nirgends wörtlich ausgesprochen und also auch nicht bewiesen sei, daß dieser Vorläufer des Jesus von Nazareth hingerichtet wurde.
Der Habakuk-Kommentar erwähnt unter anderem eine "Rache der Priester an seinem (des Lehrers) Leibe des Fleisches", und der französische Jesuitenpater Jean Daniélou* polemisierte gegen den Sprachforscher Dupont-Sommer: "Es ist richtig, daß der Habakuk-Kommentar von einem Gerichtsurteil und von körperlichen Mißhandlungen spricht, aber er liefert nicht den Beweis einer Hinrichtung und der Vollstreckung eines Todesurteils." Daniélou folgert, Dupont-Sommers "Wort von der Passion ist also unzutreffend".
Tatsächlich ist es den christlichen Autoren, die über Qumran berichten, zu einer Art Herzenssache geworden, ihren Lesern auszureden, daß an den Funden etwas Sensationelles sei - wie bereits Albert Schweitzer einem Kollegen, der über ein Spezialproblem der Leben-Jesu-Forschung vor der Öffentlichkeit (nämlich in der "Frankfurter Zeitung") statt nur vor Fachleuten berichtet hatte, den Vorwurf machte, er mißachte den "aristokratischen Charakter der Wissenschaft".
Auch der Amerikaner Burrows räumt zwar ein: "Wer die Texte von Qumran liest, wird hie und da Parallelen und Vorwegnahme von vielen Dingen aus dem Neuen Testament antreffen, einschließlich einiger Herrenworte." Burrows sucht aber vornehmlich die Unterschiede zwischen den Glaubenssätzen der Essener und der Christen herauszuarbeiten, die in der Tat nicht unbeträchtlich sind.
Wesentlichster Unterschied ist wohl, daß die Essener streng thoratreu waren und ihre Lehre ausdrücklich nicht für das gemeine Volk bestimmten, während die Wirksamkeit Jesu ohne eine Hinwendung zum Volk nicht denkbar - und möglicherweise unbekannt geblieben - wäre. Ob die Essener eine Wiederkehr des Lehrers der Rechtschaffenheit erwarteten, ist umstritten; offenbar aber war der speziell christliche Gedanke, daß die Welt durch den Opfertod des Gottessohns erlöst werde, den Essenern - den bisher veröffentlichten Texten zufolge - fremd.
Mit einem Hinweis auf diese Unterschiede schreibt Burrows: "Die Frage ist nicht, ob irgendein Wort Jesu schon früher geprägt worden ist oder etwas von seinen Taten schon früher getan worden ist ... Das Wesentlichste ist natürlich, wie ich andernorts gesagt habe, nicht, daß Jesu Worte neu, sondern daß sie wahr sein müssen."
Daß der Jesus vorangehende Täufer Johannes, der in der Nähe des Klosters Qumran auftrat, mit den Essenern auf irgendeine Weise in Verbindung gestanden hat, gilt heute als sicher und wird vornehmlich von dem Jesuitenpater Daniélou nachgewiesen. Möglich - wenngleich nicht nachweisbar - ist, daß Jesus, dessen öffentliche Wirksamkeit den Evangelien zufolge mit seiner Taufe durch Johannes beginnt, auf diese Weise mit der Essener -Lehre bekannt wurde.
Andere Theologen versuchen überdies, Anklänge, Verwandtschaften und Parallelen dieser beiden Gemeinden - der Essener und Christen - damit zu erklären, daß die Essener-Sekte etwa um das Jahr 70 nach dem Beginn der Zeitrechnung in den palästinensischen Gemeinden der Juden-Christen aufgegangen war. Aus dieser Zeit stammen in der Tat die ersten Berichte über Jesus, und es ist denkbar, daß in diese Jesus-Schilderungen essenisches Gedankengut eingemischt worden ist.
Darüber jedenfalls, daß alle Berichte über Jesus in irgendeiner Weise gefärbt oder auf einen bestimmten Zweck hin geschrieben worden sind - wobei die Art der Färbung dem Geschmack und den Gewohnheiten der Zeit angemessen gewesen sein mag, also nicht die Absicht der Täuschung gehabt haben muß -, gibt es unter ernsthaften Theologen heute nicht den mindesten Zweifel. Solche zeitbedingten Färbungen sind nicht nur bei christlichen Textüberlieferungen zu erkennen, sondern ebenso bei Jesus-Hinweisen, die sich in nichtchristlichen Texten finden.
Insgesamt sind allerdings ohnehin nur fünf nichtchristliche Quellen bekannt, in denen von einer Wirksamkeit Jesu berichtet wird. "Wir ersehen daraus", resümierte der Heidelberger Theologie-Professor Günther Bornkamm, "daß die zeitgenössische Geschichtsschreibung Jesu Auftreten, soweit sie überhaupt von ihm wußte, für alles andere als ein epochemachendes Ereignis hielt."
Drei der fünf Erwähnungen des Nazareners in nichtchristlichen Texten sind nur kurz und brachten der Forschung nach der historischen Figur Jesu keinerlei Nutzen ein, weil diese drei Autoren ihre spärlichen Kenntnisse über Jesus - soweit überhaupt - von dessen Anhängern, lange nach Jesu Tod, erhalten hatten:
- Der römische Beamte Plinius der Jüngere berichtete etwa zwischen 111 und 113 in einem Brief an den Kaiser Trajan, daß es im kleinasiatischen Bithynien eine Gemeinde gebe, die einen Christus als Gott verehre.
- Der römische Historiker Tacitus schrieb im Jahre 117 über eine Christenverfolgung zur Zeit Neros (Regierungszeit 54 bis 68), daß der Gründer dieser verfolgten Sekte von Pontius Pilatus zum Tod am Kreuz verurteilt worden sei; diese Angabe hatte Tacitus ohne Zweifel nach Aussagen der römischen Urchristengemeinde gemacht.
- Der römische Historiker Sueton nennt im Jahre 120 als Urheber von römischen Tumulten unter Kaiser Claudius (Regierungszeit 41 bis 54) einen "Chrestus"; er glaubte offenbar, der Führer der Christen sei damals noch am Leben gewesen, falls er überhaupt Jesus gemeint hat.
Die beiden anderen Texte, in denen Jesus erwähnt wird, sind dagegen bereits ihrer Art nach tendenziös. Im Talmud, einer Protokollsammlung von Diskussionen früher Rabbinen über das jüdische Gesetz, werden die Wundertaten Jesu als eine Art Hexerei dargestellt. In einer Diskussion, die etwa in dem Jahre 95 nach der Zeitrechnung stattgefunden hat, wird Jesus als "Narr" bezeichnet; seine Mutter "Mirjam (Maria), die Frauenhaarflechterin", sei "Satath-da" genannt worden, "diese war ihrem Mann untreu", "ihr Buhle hieß Pandera". An einer anderen Stelle des Talmud wird (aus dem zweiten Jahrhundert) berichtet: "Der Meister (Rabbi Eliezer) sagte nämlich, Jesus trieb Zauberei, verführte Israel und machte es abtrünnig."
Der fünfte der nichtchristlichen Jesus -Berichte schien den Wissenschaftlern der mit Abstand wichtigste und bedeutendste Hinweis zu sein. Es handelt sich um eine Stelle aus den etwa im Jahre 95 geschriebenen "Antiquitates" des jüdischen Autors Josephus Flavius, der beim Konflikt zwischen den Römern und Juden nach dem jüdischen Aufstand 66 bis 70 auf seiten der Römer vermittelte, den Juden daher als eine Art Verräter und Kollaborateur erschien.
Die Jesus betreffende Stelle aus der Schrift des Josephus ist in mehreren mittelalterlichen Handschriften enthalten, aber auch bereits tausend Jahre früher in drei Werken des Kirchenvaters Eusebios aus der Zeit um 320 zitiert. Übersetzt aus dem Griechischen lautet der Josephus-Text bei Eusebios:
"Es trat aber um diese Zeit Jesus auf, ein weiser Mann, da man ihn doch wohl einen Mann nennen muß. Er war nämlich ein Vollbringer merkwürdiger Taten, ein Lehrer von Menschen, die mit Lust das Wahre aufnehmen, und viele Juden und auch viele Griechen führte er auf seine Seite. Dieser war der Messias. Und nachdem ihn auf Anzeige der Obersten bei uns Pilatus zum Kreuzestod verurteilt hatte, hörten diejenigen nicht auf, die ihn schon anfangs geliebt hatten. Er erschien ihnen nämlich am dritten Tage wieder lebend, da die göttlichen Propheten dieses und tausend anderes Wunderbares über ihn gesagt haben. Und bis auf den heutigen Tag hat das Geschlecht der danach benannten Christianer nicht nachgelassen."
Kaum jemals sonst haben zehn Zeilen griechischen Textes einen so erbitterten wie ausschweifenden Gelehrtenstreit provoziert: Über die Problematik dieses Josephus-Zitats sind mehrere hundert Untersuchungen veröffentlicht worden. Es gab Forscher, die den gesamten Text für echt, und solche, die den gesamten Text für unecht hielten, schließlich machte ein Heer von Sprachwissenschaftlern und Historikern den Versuch, deutlich gefälschte Stellen auszuscheiden und nur möglicherweise echte stehenzulassen.
Bei dieser Arbeit achteten die Wissenschaftler auf den Gesamtzusammenhang der Josephus-Schrift, in deren Tenor die Stelle über Jesus in dieser Form überhaupt nicht paßte; Hinweise fanden sie auch bei dem frühchristlichen Gelehrten Origenes (gestorben 254), der vor Eusebios auf Josephus hingewiesen, dessen Text aber nicht zitiert hatte. Nach der Origenes-Bemerkung kann das Josephus -Zitat aber auf keinen Fall Jesus gegenüber positiv gewesen sein, wie es bei Eusebios erscheint.
Gegenwärtig hat sich daher im allgemeinen die Ansicht durchgesetzt, daß Josephus zwar auf Jesus hingewiesen habe, aber in einem für Jesus und für die Christen verletzenden Sinne; so gut wie kein Wissenschaftler hält die von Eusebios überlieferte Stelle noch für authentisch; sie gilt vielmehr als ein zum überwiegenden Teil christlicher Einschub. In einer von der orthodoxen Kirche überlieferten Josephus-Schrift ist die Stelle über Jesus noch ausführlicher und noch positiver geworden.
Alle anderen Angaben über Jesus aus Nazareth stammen aus christlichen Quellen; nicht eine dieser Angaben - einschließlich der Berichte in den Evangelien und in den Apostelbriefen des Neuen Testaments - ist von einem Autor gemacht, der Jesus gesehen hat. Um aus diesen Quellen wenigstens einige Angaben über Jesus herauszufinden, die weder durch die Widersprüche der Evangelisten untereinander, noch durch - im Sinne historischer Forschung - offenkundige Unglaubwürdigkeiten beeinträchtigt worden sind, mußten die Wissenschaftler versuchen, zumindest dreierlei möglichst genau zu rekonstruieren:
- die Situation des jüdischen Volkes zur
Zeit des Wirkens Jesu und zur Zeit der Abfassung der Evangelien;
- Entstehung und Schicksale der christlichen Schriften, die über Jesus berichten;
- die Vorgänge bei der "Kanonisierung"
der Schriften, also die Maßnahmen solcher Kirchenväter und jener Konzile, die aus der Menge der Schriften auswählten, was als verbindlich gelten und in die Bibel aufgenommen werden sollte.
Die jüdische Geschichte zu rekonstruieren war deswegen wichtig, weil viele Worte des Neuen Testaments sich direkt auf jüdische Schriften beziehen oder aus ihnen stammen. Von einigen Autoren der Evangelien war die Geschichte Jesu zum Beispiel offenkundig nachträglich dem angepaßt worden, was die Propheten Israels für den zu erwartenden Messias vorausgesagt hatten.
Einen Messias oder Christus - einen Gesalbten - zu erhoffen, hatten aber die Juden um die Zeit der Geburt Jesu alle Ursache; der Art ihres Gottesglaubens nach konnte nur noch ein Messias, ein Christus, ihnen helfen. Die gläubigen Juden fühlten sich nämlich seit je in der Macht ihres einen Gottes Jahwe; ihre Propheten interpretierten Glück oder Unglück des Volkes als Gnadenakt oder Zornestat dieses Gottes. "Israel", wie es der Theologe Bornkamm definierte, "lebt davon, daß es alles von seinem Gott erwartet."
Die Lage des Volkes Israel war derart verzweifelt, daß die Juden allen Anlaß hatten, an das Herannahen einer Endzeit, eines göttlichen Weltgerichts, und an die Heraufkunft eines Messias zu glauben, die ihnen von ihren Propheten immer und immer wieder angekündigt worden waren. Seit den Tagen des Makkabäer -Aufstands sagten weitverbreitete Schriften die Nähe des Weltuntergangs voraus; ohne den Einfluß dieser Schriften sind weder die Botschaft Jesu, in der ebenfalls das nahe Weltende prophezeit wird, noch die urchristliche Theologie zu verstehen.
Der für die Juden fürchterliche Verlauf der Geschichte schien das Eingreifen Gottes zu verlangen oder mindestens vorzubereiten. Um die Zeit, zu der Jesus geboren worden sein soll, rechnete das jüdische Volk fest mit dem Auftreten eines Messias, der die Feinde vertreiben werde, mit dem darauffolgenden Ende der "müde" gewordenen Welt, mit der Auferstehung aller Toten und einem anschließenden Weltgericht Gottes. Die Zeit schien den gläubigen Juden erfüllt.
Von 586 bis 538 vor der Zeitrechnung waren die Juden vom Staat Babylon, dem das Volk an der Grenze als Unruheherd galt, abgeführt und innerhalb des babylonischen Gebietes in einer Art von Gefangenschaft gehalten worden, im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Die Juden, die sich während dieser Zeit nicht assimilierten, fühlten sich durch den Sieg der Perser über Babylon befreit; sie kehrten in ihre Heimat zurück, in der sie nun freilich unter persischer Herrschaft lebten.
In den folgenden Jahrhunderten stellte sich für das jüdische Volk die Weltgeschichte nun als ein Wechsel der Fremdherren dar, bei denen jeweils der Sieger den Besiegten ablöste. Der Mazedonier Alexander der Große (336 bis 323) - er eroberte sich in den dreizehn Jahren seiner Herrschaft ein Riesenreich, das in Asien bis nach Indien, in Afrika über Ägypten bis Libyen einschließlich reichte - besiegte die Perser und war nun Herrscher über die Juden. Bei seinem Tode kamen die Juden unter die Herrschaft der ägyptischen Ptolemäer, ihnen folgten die syrischen Seleukiden.
Ein Aufstand unter Judas Makkabäus -Reaktion auf die Entweihung des Jerusalemer Tempels durch den Syrerkönig im Jahre 168 vor der Zeitrechnung - verschaffte den Juden eine kurze Spanne nationaler Selbständigkeit, die freilich bald von den Schwerthieben römischer Legionäre zerschlagen wurde: Immerhin durfte sich ein Nachfahre Esaus, Herodes (40 bis 4 vor der Zeitrechnung), wenn auch als römischer Vasall, König von Judäa nennen; als von Rom abhängiger volksfremder Despot war er allerdings den Juden verhaßt.
Nach seinem Tode wurde das Land unter drei seiner Söhne aufgeteilt - drei andere Söhne hatte Herodes hinrichten lassen. Den Nordosten bekam Philippus; Galiläa und ein Stück ostjordanischen Gebietes wurde dem Herodes Antipas zuerkannt er war demnach der Landesherr Jesu -, den Rest (Samaria und Judäa einschließlich der Hauptstadt Jerusalem) erhielt Archelaos, den die Römer allerdings zehn Jahre später wieder absetzten; sein Gebiet wurde Rom unmittelbar unterstellt.
Vom Jahre 6 nach der Zeitrechnung an also lag Jerusalem, der Ort der späteren Kreuzigung Jesu, im Amtsbereich eines römischen Prokurators, der das Land verwaltete und die Steuern kassierte. Die Steuereintreibung verpachtete er an Juden; diese "Zöllner" wurden wegen ihrer Kollaboration mit der Besatzungsmacht, wegen ihrer Verträge mit den nach jüdischem Glauben "unreinen" Römern allgemein verachtet.
Im übrigen aber nahmen die Römer Rücksicht auf die jüdischen Riten; die Truppen führten zum Beispiel nicht die üblichen Cäsarenbilder als Feldzeichen mit sich, weil die Verehrung von Bildern nach jüdischem Gesetz - der Thora - anstößig war.
Ein jüdischer Hoher Rat - das Synedrium - in Jerusalem behielt die Gerichtsbarkeit über religiöse und weltliche Verbrechen und durfte auch Todesstrafen verhängen für politische Verbrechen - wie etwa Aufruhr - war allerdings der römische Prokurator zuständig. Wahrscheinlich verlor das Synedrium im Jahre 30 das Recht, Todesstrafen auszusprechen: Auch über dieses Spezialproblem gibt es wie nahezu über jeden Satz der Bibel so viele Bücher wie voneinander abweichende Darlegungen der Forscher.
In der Zeit nach dem Tode Jesu, in der die ersten Evangelien geschrieben wurden, verschlechterte sich die ohnehin elende Lage der Juden nochmals. Agrippa I., ein Herodes-Enkel, hatte zwar dank seiner glänzenden Beziehungen in Rom nach und nach bis zum Jahre 41 noch einmal als Vasallen-Königreich von den Römern das gesamte Gebiet erhalten, über das auch sein Großvater Herodes geboten hatte; drei Jahre später bereits, nach Agrippas Tod im Jahre 44, wurde das Land unmittelbar römisches Gebiet.
Daraufhin kam es zu vielen kleineren Aufständen, bis im Jahre 66 in Caesarea und Jerusalem der offene Konflikt ausbrach. Die Juden - angetrieben von den nationalistischen Zeloten, die bereits seit Jahrzehnten eine Art Widerstandskampf geführt hatten - konnten die römische Besatzung zunächst aus Jerusalem vertreiben.
Im jüdisch-römischen Krieg von 66 bis 70 aber wurde Jerusalem belagert, unter den Toren der Stadt rief der Jude Josephus Flavius, in dessen Schriften später die prochristliche Erwähnung Jesu hineinpraktiziert wurde, seinen Landsleuten namens der Römer zu, sie sollten sich ergeben. Im Jahre 70 wurde Jerusalem von Titus erobert und verwüstet, der Tempel wurde zerstört, die Heiligtümer wurden deportiert; noch heute vermeiden es strenggläubige Juden strikt, den Triumphbogen des Titus in Rom zu durchqueren. Etwa siebzig Jahre später hatten die Juden ihre Heimat endgültig verloren und lebten in alle Welt zerstreut.
Zur Zeit der Zerstörung Jerusalems war zwar Jesus im Sinne historischer Forschung noch immer nicht aktenkundig geworden, nun aber wurden es seine Anhänger. In Palästina, in Syrien, in Kleinasien, in Griechenland und sogar in Rom bildeten sich Gruppen von Christen, die den Nazarener Jesus als Messias, als Erlöser, als Gottessohn verehrten. Begründet wurden diese Gemeinden von Wanderpredigern, die freilich, der Art ihres Berufs entsprechend, zumeist von Ort zu Ort weiterzogen.
Aus der Notwendigkeit, den Glaubensgemeinschaften auch nach dem Weggang der Prediger eine verbindliche Lehre zu geben, ebenso aus dem Wunsch der Gemeinden, solche Texte zu besitzen, sind jene Schriften entstanden, von denen ein Teil heute das Neue Testament bildet:
- die Evangelien nach Matthäus, Markus,
Lukas und Johannes;
- die Apostelgeschichte;
- die 13 Briefe des Paulus, zwei Briefe
des Petrus, drei Briefe des Johannes, ein Brief eines unbekannten Autors an die Hebräer, je ein Brief von Jakobus und Judas und
- die sogenannte "Offenbarung des Johannes", eine Schilderung des Weltgerichts (Apokalypse).
Keiner der Verfasser der Evangelien oder der Briefe ist identisch mit einem der gleichnamigen Apostel, die in den Evangelien als Jünger Jesu genannt werden, keiner der Autoren hat Jesus gesehen. Paulus berichtet allerdings, daß er etwa drei Jahre nach seiner Bekehrung zum Christentum, also nach dem Tode Jesu, mit Petrus zusammengetroffen sei. Allerdings beruft sich Paulus auf unmittelbare Offenbarung Jesu Christi, nicht auf das Zeugnis des Petrus, den er im Gegenteil laut eigenem Zeugnis öffentlich zurechtgewiesen hat (Galater-Brief).
Paulus - er ist jener vom Jerusalemer Hohen Rat mit der Christenverfolgung beauftragte Saulus, der sich durch ein mystisches Erlebnis bei Damaskus zum Christentum bekehrte - gilt denn auch als der Verfasser des ältesten neutestamentlichen Dokuments; seinen ersten Brief an die Gemeinde der Thessalonicher (Saloniki) soll er im Jahre 51 von Korinth aus geschrieben haben.
Das Markus-Evangelium ist zuerst etwa um das Jahr 70 aufgeschrieben worden, wie alle anderen Evangelien auch in griechischer Sprache. Der Schluß des Evangeliums stammt von einem späteren Autor (wahrscheinlich 2. Jahrhundert).
Die beiden auf den Markustext zeitlich folgenden Evangelien sind:
- das Matthäus-Evangelium, dessen Verfasser unbekannt ist, aber wahrscheinlich ein Diaspora-Jude war (entstanden zwischen 75 und 100), und
- das Lukas-Evangelium, einem Nichtchristen namens Theophilus gewidmet, seinem Tenor nach von einem Heidenchristen verfaßt, der auf viele vorangegangene Versuche der Jesus-Darstellung durch andere Autoren hinweist (entstanden nach der Zerstörung Jerusalems, wahrscheinlich im letzten Jahrzehnt des ersten Jahrhunderts).
Die Verfasser des Matthäus- und des Lukas-Evangeliums haben beide das Markus-Evangelium benutzt, doch standen beiden offensichtlich voneinander abweichende Fassungen des Markus-Textes zur Verfügung. Nachweisbar ist, daß die Verfasser des Matthäus- und des Lukas -Evangeliums aber mindestens noch eine zweite Quelle - die ihnen wiederum in untereinander differierenden Abschriften vorgelegen haben muß - benutzten, die sogenannte "Logienquelle", eine Sammlung von Sprüchen Jesu, die nicht erhalten ist. Die Verfasser des Matthäus-Evangeliums haben zum Beispiel diese Sprüche zu Reden zusammengefaßt, etwa zu der Bergpredigt ("Selig sind ..."), in der die Essenz der christlichen Lehre enthalten ist.
Wegen ihrer Übereinstimmungen werden diese drei Jesus-Berichte (Matthäus, Markus, Lukas) die "synoptischen" Evangelien genannt (Synopsis: griechisch Zusammenschau); der Verfasser des Lukas -Evangeliums wird - wegen stilistischer und idiomatischer Ähnlichkeiten - auch als Hauptverfasser der "Apostelgeschichte" angesehen, des einzigen neutestamentlichen Buches, das - nach Art vieler alttestamentlicher Bücher - den Anspruch macht, eine historische Darstellung zu geben, freilich nicht Jesu, sondern der Jünger.
Das vierte Evangelium - nach Johannes, dem auch eine Urfassung der "Offenbarung des Johannes" zugeschrieben wird -, benutzt nicht nur die Texte der drei übrigen Evangelien, sondern setzt auch deren Kenntnis bei den Lesern voraus*; diese Schrift muß also noch viel später - frühestens um 100, spätesten um 125 - entstanden sein. Der Evangelist Johannes ist nicht identisch mit dem vorchristlichen Täufer Johannes oder mit dem sogenannten "Lieblingsjünger Jesu" Johannes. Sein Buch spricht einen bestimmten Personenkreis an und ist geschrieben worden, "daß ihr glaubet Jesus sei Christus, der Sohn Gottes"; es wendet sich polemisch gegen jene Juden, die Jesus nicht als den von den Propheten verheißenen Messias anerkennen.
Bei den "synoptischen" Evangelien wird die öffentliche Wirksamkeit Jesu auf etwa ein Jahr und vornehmlich auf das Gebiet Galiläa beschränkt, bei Johannes erstreckt sich die Tätigkeit Jesu als Wanderprediger über fünf Jahre, und zwar vornehmlich auf Jerusalem. Als mögliche Entstehungsorte des Johannes-Evangeliums wurden bisher Ephesus (Kleinasien) oder Antiochia (Syrien) angesehen. Wegen einiger Anklänge an die Ideenlehre griechischer Philosophie - Johannes: "Im Anfang war das Wort (logos = eigentlich Gesetz), und das Wort (logos) war Gott" - galt der Verfasser als ein an hellenischem Geist geschulter Mann; diese Ansicht vertraten vornehmlich der englische Theologe Dodd und der deutsche Rudolf Bultmann, dessen Versuch Aufsehen machte, das Neue Testament durch eine Art Reduzierung auf für moderne Menschen glaubwürdige Berichte zu "entmythologisieren".
Die Qumran-Funde brachten aber so erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen den Essener-Texten einerseits und dem Evangelium, der Apokalypse und den Briefen des Johannes andererseits ans Licht, daß mehrere Forscher (Braun, Albright, Kuhn, Grossouw) und auch der Dupont-Sommer -Gegner Daniélou eine Verbindung zwischen Johannes und den Essenern als erwiesen betrachten. Im "Buch der Unterweisung", das in Qumran gefunden wurde, steht zum Beispiel der Satz: "Und durch seine (Gottes) Wahrheit ist alles Leben geworden. Und alles, was ist, hat er nach seinem Vorhaben geschaffen, und außer ihm geschieht nichts." Johannes schreibt (Kapitel 1, Vers 2 und 3): "Dasselbe (das Wort, im griechischen Original: logos = Gesetz) war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist."
Die Evangelien und die Briefe der wandernden Jesus-Bekenner wurden von den Gemeinden aufbewahrt und immer und immer wieder abgeschrieben, wobei sich auf die natürlichste Weise Abweichungen ergaben. Geschrieben wurde zumeist mit Tinte auf wenig dauerhaftem Papyrus; Fragmente und winzige Fetzen solcher Papyrus-Texte, die aus dem 2. Jahrhundert stammen sollen, sind noch vor wenigen Jahren in Ägypten ausgegraben worden. In den Urchristengemeinden sind freilich nicht nur jene Bücher kopiert worden, die heute von den Kirchen als kanonisch anerkannt bleiben, sondern auch eine Fülle von Legendentexten, die etwa die Jugend Jesu, aufsehenerregende Wundertaten Jesu oder seiner Apostel und rührende Leidensgeschichten enthielten. Bis zum 14. Jahrhundert ist zum Beispiel eine heldenhafte Frühchristin namens Thekla von der katholischen Kirche als Heilige verehrt worden, die nachweislich die Erfindung eines kleinasiatischen Autors war.
Bereits den Führern der frühesten Christengemeinden mußte es daher darauf ankommen, aus der stetig anwachsenden Menge der Bücher jene auszulesen, die als anerkennenswert gelten durften. Eine erste Kanonisierung betrieb ein Ketzer namens Marcion im zweiten Jahrhundert, der nur das Lukas-Evangelium und zehn Paulus -Briefe gelten lassen wollte. Solche Kanonisierungen wurden an mehreren Orten zugleich, aber mit sehr verschiedenen Resultaten unternommen. Der Kirchenvater Papias zum Beispiel, der um 140 die ihm bekannten Schriften durch das ergänzte, was mündlich überliefert wurde, berichtet von einer Zusammenkunft der Kirchenväter, bei der alle vorhandenen Texte unter einen Altar gelegt wurden.
Da schon um diese Zeit echt von unecht nicht mehr zu unterscheiden war, beteten die Väter darum, die echten, inspirierten Bücher möchten sich erheben und sich von selbst auf den Altar legen - was, laut Papias, auch geschah. Eine spätere Synode, bei der es allerdings nicht um Fragen der Kanonisierung ging, wohl aber ebenfalls Streit um die echte Lehre entstand, endete damit, daß ein Kirchenfürst die anderen durch Büttel verprügeln ließ.
Bei einer anderen Kanonisierung durch Irenäus, Ende des zweiten Jahrhunderts, wurden vier Evangelisten als echt zugelassen - es existierten viel mehr, einige sind erhalten. Irenäus verteidigte seine Auswahl damit, daß es auch vier Himmelsrichtungen, (nach römischer Einteilung) vier Winde und - dem alttestamentlichen Propheten Ezechiel zufolge - auch vier Tiere am Wagen des allmächtigen Gottes gebe.
Bereits die Jesus-Darstellungen in den Evangelien weichen voneinander ab, und zwar jeweils dem Publikum entsprechend, an das sich die Autoren wandten. Im Johannes-Evangelium zum Beispiel ist Jesus eine Art Personifikation eines göttlichen Prinzips; die jungfräuliche Empfängnis Mariä ist bei Johannes unbekannt.
Der Diaspora-Jude, der Hauptteile des Matthäus-Evangeliums verfaßt hat und dem es auf den Nachweis ankam, daß Jesus der von den jüdischen Propheten angekündigte Messias sei, führt den Stammbaum des Jesus-Adoptivvaters Joseph auf David zurück, weil den Propheten zufolge der Messias aus Davids Geschlecht stammen soll; Matthäus verlegt auch die Stätten von Jesu Auftreten an Orte, die von den Propheten vorausgesagt worden waren, und läßt - Jesaja hatte es prophezeit* - Jesus die Frucht einer jungfräulichen Geburt sein.
Stehender Ausdruck im Matthäus-Evangelium: "Das ist aber alles geschehen, auf daß erfüllet werde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat." Das wahrscheinlich älteste, das Markus-Evangelium, erwähnt solche Jungfrauengeburt mit keinem Wort, ebensowenig die Herkunft Jesu (oder Josephs) von David.
"Es hat in der Geschichte der christlichen Kirche nie eine tendenzfreie Berichterstattung über Jesus von Nazareth gegeben", schreibt einer der prominentesten deutschen Leben-Jesu-Forscher, der Erlanger Theologie-Professor Ethelbert Stauffer*, "nicht einen Tag lang." Schon die Verfasser der Evangelien waren ungenierte und drastische Tendenzautoren, nun aber, in den Jahrhunderten der Kanonisierung - der Scheidung von gültigen und nicht gültigen Texten -, kommen neue Tendenzen ins Spiel.
Es entstehen ein griechischer Kanon, ein lateinischer und ein syrischer; es gibt voneinander differierende Vorlagen und Übersetzungen der Texte, und es kommt zu scharfen und heftigen Kämpfen der Christen untereinander über die Frage, wer die rechte Lehre lehre. Denn plötzlich ist die christliche Religion zu einem Instrument geworden, zu einem politischen obendrein
- das Christentum ist aus dem mystischen
Bereich, in dem Glauben mehr gilt als kritisches Zweifeln, in eine Gegend geraten, in der seit eh Zweckmäßigkeit höher rangiert als Wahrheit.
Der römische Kaiser Konstantin der Große (274 bis 337) nämlich, der seinem Reich eine neue, unerhört prunkvolle Residenz baut, Konstantinopel, macht die Entdeckung, daß ihm das Christentum zur Neubelebung der im Bewußtsein der Völker ermatteten antiken Idee des Gottkaisertums dienlich sein könne. Er erhebt die Christenlehre zur Staatsreligion und ernennt den Kirchenvater Eusebios zu seinem Hoftheologen.
Die Christen ihrerseits sind nicht kleinlich und modellieren ihere Lehre maßgerecht nach Konstantins Bedürfnissen um: Bei Eusebios, einem auch von der katholischen Kirche anerkannten Kirchenvater und wichtigen Zeugen für die Leben -Jesu-Forscher, wird Konstantin der "dreimal selige" Herrscher, der mit "göttlicher Rüstung bewaffnet die Welt von der Rotte der Gottlosen reinigt". Der Weltherrscher ist eingesetzt von Gottes Gnaden: "So hat Gott selber, der höchste Herrscher der ganzen Welt, Konstantin zum Herrn und Führer aller erwählt, so daß kein Mensch sich rühmen kann, ihn dazu erhoben zu haben."
Eine kirchliche oder priesterliche Instanz zwischen Kaiser und Gott wird nicht geduldet; der Kirchenvater Eusebios teilt mit, daß die Kaiser direkt von Gott gelenkt werden: Der Kaiser beruft die Synoden der Bischöfe ein, nur seine Bestätigungen geben den Beschlüssen der Synodalen Gesetzeskraft. Eusebios ernennt seinen Kaiser sogar zum Nachfolger Christi: Konstantin wird später festlich in der Mitte von zwölf Sarkophagen beerdigt, in denen nach dem Glauben der Kirchenväter sterbliche Überreste der zwölf Jesus-Jünger aufbewahrt werden.
Es ist unter den Bischöfen vornehmlich einer, dem diese Konstruktion nicht behagt: der Bischof von Rom. Den alten römischen Familien, aus denen sich nun die Bischöfe rekrutieren, mißfällt ohnehin, daß Rom seine Funktion als Metropole des Imperiums gegenüber Byzanz (= Konstantinopel) eingebüßt hat und obendrein den Einfällen der Barbaren schutzlos ausgeliefert bleibt, die Rom mehrmals erobern. Immerhin wird ein offener Abfall zunächst noch nicht gewagt, wohl aber in Rom eine Legende verbreitet, die Sonderrechte des römischen Bischofs legitimieren soll: Zum Dank dafür, daß er durch dessen Gebete von einem Hautausschlag befreit worden sei, so lautet diese Legende, habe Kaiser Konstantin dem römischen Bischof Silvester das Recht verliehen, bei seiner Hofhaltung den gleichen Pomp und Prunk zu entfalten wie der Kaiser.
Die Wirren der Völkerwanderungszeit nutzt die römische Kolonie, um dem Kaiser die in Italien eingetriebenen Steuern vorzuenthalten. Mit Entsetzen bemerken der Hof und der den Bischöfen übergeordnete Patriarch am römischen Kaiserthron in Byzanz, der mit den rechtmäßigen, leiblichen Erben der Römerkaiser besetzt ist, daß die Römerbischöfe im Laufe dieser Jahrhunderte, in denen das alte Imperium zerbröckelt, im italienischen Mutterland immer mehr in die Funktionen der Kaiser einrücken, die weltliche Regierung übernehmen, als Päpste Hof halten (die Bezeichnung Papst stammt vom lateinischen papa - Vater, stellt also ursprünglich keinen Rang dar) und im achten Jahrhundert schließlich, da sie sich militärisch nicht halten können, mit den Barbaren paktieren.
"Die Empörung über das alte Rom wurde in Byzanz um so mächtiger", formulierte der Marburger Theologe Ernst Benz*, anerkannte Kapazität für die Geschichte des Papsttums, "als nunmehr der Papst sich in eine politische Koalition mit den Reichsfeinden, nämlich den Herrschern des Frankenreiches, einließ und sich anmaßte, einem germanischen Barbarenfürsten, dem Karolinger Karl, aus eigener Vollmacht den Kaisertitel zu verleihen, obwohl der Kaiserthron des römischen Reiches in Byzanz durch einen legitimen Träger des römischen Kaisertums besetzt war."
Es ist klar, daß jegliche Politisierung der christlichen Ideen der Genauigkeit der Textüberlieferung nicht eben förderlich war, zumal die Legitimation zu diesem wie jenem Vorgehen - zum byzantinischen wie zum römischen - durch die Auslegung christlicher Glaubenslehre immerhin bewiesen werden sollte. Eine Auslegung, mit der Eusebius eine Nachfolgeschaft Christi für Konstantin begründete, ist katholischen Theologen heute äußerstsuspekt; umgekehrt findet sich im Matthäus-Evangelium eine Stelle, der wiederum orthodoxe wie protestantische Theologen mit Mißtrauen gegenüberstehen.
Die römische Gemeinde glaubt, vom Jesus-Jünger Petrus gegründet worden zu sein, und diesem Jünger werden im Matthäus-Evangelium besondere Rechte eingeräumt: "Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Und ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben: alles was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein."
Was die Forscher an dieser Passage stutzig macht, ist, daß in der gesamten Bibel sonst Jesus seinen Jüngern ausdrücklich jegliche Sonderrechte streitig macht, ferner auch, daß diese Stelle überhaupt nicht in den Zusammenhang paßt: Sie befindet sich im Kapitel 16, Vers 18 und 19; bereits vier Verse später, 23, sagt Jesus zu demselben Jünger Petrus, der ihn vor dem Weg nach Jerusalem warnen will:
Hebe dich, Satan, von mir! Du bist mir
ärgerlich; denn du meinest nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist."
Petrus ist auch der einzige Apostel, der seinen Herrn verleugnet - nach Jesu Gefangennahme. Nichtsdestoweniger findet sich die Passage, aus der die Päpste bis heute ihr Vorrecht als Stellvertreter Christi auf Erden ableiten, bereits in der ältesten erhaltenen, vollständigen Handschrift der Bibel: Es handelt sich um den Codex Vaticanus aus dem 4. Jahrhundert, der in Rom aufbewahrt wird.
Die unabweisbare Einsicht, daß es eine tendenzfreie Überlieferung biblischer Schriften nicht gibt, hat aUe Forscher, die aus den christlichen Texten eine historische Figur Jesu herauszulösen unternahmen, mit einer Detektivaufgabe belastet, die offenbar unlösbar ist. Seit überhaupt eine historisch-kritische Analyse religiöser Texte möglich ist - jahrhundertelang wäre eine Prüfung der Bibel, eines als vom Heiligen Geist inspiriert geltenden Buches, als lästerlich und verbrecherisch verfolgt worden; Katholiken ist noch heute nur die Lektüre einer mit kirchlichen Erläuterungen versehenen Bibel erlaubt -, haben einige Forscher als Resultat ihrer Bemühung bekanntgegeben, Jesus von Nazareth sei niemals auf der Welt gewesen. Als erster veröffentlichte Bruno Bauer diese These im Jahre 1840; berühmter als dieser Wissenschaftler wurde mit der gleichen These David Friedrich Strauß, zuletzt vertrat sie Arthur Drews in einer 1924 gedruckten Arbeit. Nach Ansicht dieser Forscher konzentrieren sich in der Figur, in der Geschichte und in den Symbolen Jesu alte Mythen.
Für ihre These haben diese Forscher manche Indizien nennen, einen Beweis aber nicht erbringen können. Umgekehrt ist es den Forschern, die an eine Historizität Jesu glauben, nicht möglich, eine verbindliche und wissenschaftlich unangreifbare Auskunft über eine historische Figur Jesu zu geben; auch sie sind auf Thesen angewiesen. Nachdem er die Resultate der gesamten Leben-Jesu-Forschung durchgearbeitet und kritisch analysiert hatte, war sogar Albert Schweitzer zu der Einsicht gelangt, daß alle aufgewendete Mühe vergeblich bleiben müsse. Schweitzer glaubt dennoch, daß der Nazarener gelebt und eine in die historische Situation der Juden passende "Interimsethik" mit Weltuntergangs -Voraussage gepredigt habe. Schweitzer bekennt sich entschieden zu einem Christentum, das seinen Geist hier und heute aus den überlieferten christlichen Gedanken ziehen und praktizieren möge; Forschungen nach der historischen Figur Jesu hält er demgegenüber für ebenso ergebnislos wie von untergeordneter Bedeutung.
Vornehmlich amerikanische, englische und französische Gelehrte haben sich diese Resignation nicht zu eigen gemacht. Der französische Theologe Maurice Goguel, der 1932 sein "Leben Jesu" veröffentlichte (deutsch 1934 bei Rascher, Zürich), wandte sich energisch gegen diese "Bankrotterklärung": "Wir werden ... untersuchen, ob die Niederlage und sogar, wenn man will, der augenscheinliche Zusammenbruch, den man wohl feststellen muß, nicht durch einige Irrtümer der Bewertung und durch eine ungenügende Unterscheidung zwischen einem religiösen und einem geschichtlichen Problem verursacht wird, derzufolge man von der Geschichte eine völlige Gewißheit verlangte, die sie nicht geben kann und die der religiösen Eingebung und dem Glauben eigen ist.
"Wir führen eine Tatsache an, welche die angeführte Frage zu stellen erlaubt: Albert Schweitzer, der Jesus geschichtlich nicht für faßbar erklärt, gab uns trotzdem von, einem Standpunkt aus, den er die folgerichtige Eschatologie* nennt, einen Entwurf seiner (Jesu) Geschichte und seines Denkens, und Rudolf Bultmann ... hielt es für möglich, ein Bild der Denkart Jesu und seiner Lehre zu entwerfen. Diese so kräftigen Geister widersprechen sich hier so schlagend, daß man notwendigerweise fragt, ob die grundsätzliche Skepsis, gegen die sie sich aus Instinkt auflehnen, nicht die Schlußfolgerung aus nur einem Teil der Fakten ist, welche die ganze Frage ausmachen."
Noch weniger als Goguel teilte die angelsächsische Welt die Resignation der deutschen Jesus-Forscher. In englischer Sprache erschienen von 1901 bis 1953 etwa vierhundert Jesus-Darstellungen, und auch in Deutschland sind nach den Qumran-Funden wieder einige wissenschaftliche Neuerscheinungen über das Leben Jesu veröffentlicht worden.
Einer der Repräsentanten dieser neuen deutschen Forschung ist der Erlanger Theologie-Professor Ethelbert Stauffer. Er versucht, die Krise in der Jesus-Forschung dadurch zu überwinden, daß er christliche und nichtchristliche Quellen miteinander konfrontiert oder synchronisiert. "In diesem Sinne", so erläutert er in seinem Jesus-Buch diese Methode, "sind hier zunächst einmal die 'indirekten' Jesus-Quellen herangezogen, das heißt, die zeitgenössischen Zeugnisse über die Verhältnisse, Ereignisse und Gestalten, die in der Geschichte Jesu irgendeine Rolle spielen. In diesen Zeugnissen ist von Jesus selbst mit keinem Wort die Rede. Die Verfasser dieser Dokumente haben allermeist von der Existenz Jesu überhaupt nichts gewußt ...
"Um so reicher sind die Auskünfte, die in den Evangelien nur kurz erwähnt oder als bekannt vorausgesetzt werden. Hier ergibt sich auf Schritt und Tritt die Möglichkeit, die Nachrichten der Evangelien zu kontrollieren, zu ergänzen, vielleicht auch zu korrigieren - jedenfalls Wahrheit und Dichtung zu sondern."
Auch diese - nicht nur von Stauffer praktizierte - Methode kann freilich die Historizität Jesu nicht nachweisen, sie kann nur die in den Evangelien gemachten Angaben durch andere historische Texte illustrieren, und sie kann allerdings, indem sie die Resultate historischer Forschung wie ein Gitternetz über die Evangelienberichte legt, in diesen Texten mindestens das eingrenzen, was mit Sicherheit als legendär oder als Zweckbehauptung gelten muß.
Voraussetzung ist bei dieser Art Rekonstruktion allerdings, daß die Existenz eines historischen Jesus nicht angezweifelt wird. Mindestens die Ausbreitung der Christengemeinden im ersten Jahrhundert und einige spätere polemische Angaben über Jesus im Talmud ermöglichen in der Tat, gewissermaßen rückwärts von den Wirkungen her auf eine Ursache zu schließen: Demnach wäre es im Sinne historischer Forschung immerhin wahrscheinlich, daß Jesus als ein gegen die Theokratie der Priester rebellierender Prediger der Menschenliebe existiert hat.
Zudem finden die wenigen historischen Angaben, die in den christlichen Jesus -Berichten enthalten sind, in der Historie durchaus eine Stütze. Augustus, der als Urheber einer kurz vor der Geburt Jesu verordneten Volkszählung genannt wird, war vom Jahre 31 vor bis 14 nach dem Beginn der Zeitrechnung römischer Herrscher. Der "Stern von Bethlehem", der nach christlicher Überlieferung über dem Geburtsort Jesu gestanden haben soll, war schon im 17. Jahrhundert von dem Astronomen Johannes Kepler identifiziert worden: Es handelt sich zwar nicht um einen Kometen, wohl aber um eine sehr auffällige Konjunktion - eine Stellung im gleichen Längengrad - -der beiden hellen Planeten Jupiter und Saturn im Jahre 7 vor der Zeitrechnung. Solche scheinbare Annäherung zweier Planeten, die sich in dieser Form nur etwa alle 800 Jahre wiederholt, war von orientalischen Astrologen nachweislich vorausberechnet und als ein Zeichen für besondere Ereignisse ausgedeutet worden. Unabhängig davon glauben die meisten Theologen heute, daß Jesus, nimmt man die Evangelien-Berichte für wahr, im Jahre 7 oder 6 vor der Zeitrechnung geboren sei.
Über den bethlehemitischen Kindermord ist in der Geschichte nichts bekannt. Da König Herodes drei seiner eigenen Söhne, zahlreiche politische Gegner und zum Beispiel auch die Nachfahren des Hasmonäer -Geschlechts hinrichten ließ, dem er auf den Thron gefolgt war, können sich die Berichte von seiner Grausamkeit zur Fabel von einem Massenmord verdichtet haben. Falls Joseph wirklich aus dem ehemals regierenden Davidsgeschlecht stammte, ist denkbar, daß er für den ersten Sohn seiner Frau fürchtete und nach Ägypten ausgewichen ist: In Alexandria gab es eine ganze Kolonie von Juden, die aus politischen Gründen emigriert waren. Der Theologe Bornkamm hält allerdings die gesamte Abstammungsgeschichte Jesu, bei der sich die Angaben der Evangelien ohnehin untereinander widersprechen, für nicht haltbar, weil sie "zu sehr von Legenden und Gedanken jüdischer und christlicher Messiasdogmatik überwachsen" sei.
Nach Stauffers Annahme, die sich in dieser Sache mit den Ermittlungen anderer Forscher nicht deckt, begannen die Römer im Jahre 7 vor Beginn der Zeitrechnung mit einem durchgreifenden "Zensus", einer Erfassung Syriens fürs Finanzamt. Sie beschlagnahmten zunächst den vorhandenen Grundbesitz und riefen die Grundeigentümer auf, mit Weib und Kind dort hinzukommen, wo der Besitz lag, und an Ort und Stelle ihre Steuererklärungen abzugeben. Da Grundbesitz in Judäa oft Eigentum der mit strengem Familiensinn ausgerüsteten Sippen war, wäre es durchaus möglich, daß entfernt wohnende Sippenmitglieder weite Strecken zurücklegen mußten. Aus einem Bericht über einen ähnlichen Zensus der Römer in Ägypten ist bekannt, daß die Steuerpflichtigen, die wenig Lust verspürten, freiwillig die Größe ihres Besitzes zu nennen, streng verhört und auch geschlagen wurden.
Als den Ort Nazareth, in dem Jesus nach der Rückkehr aus Ägypten als Sohn des Zimmermanns Joseph aufgewachsen sein soll, glauben einige Forscher die Stadt En-Nasira identifizieren zu können, ebenso glauben sie aus einer historischen Sichtung der in den Evangelien gemachten Angaben schließen zu dürfen, daß Joseph von Ägypten aus auch nicht nach Nazareth zurückgekehrt, sondern nach Kapernaum umgezogen sei. Laut Markus war Jesus dort zu Hause.
Nur das Lukas-Evangelium erzählt, daß Jesus als. Zwölfjähriger in Jerusalem gewesen sei. Dem Bericht des Matthäus -Evangeliums zufolge hatte Jesus vier jüngere Brüder und mehrere Schwestern, die auch Johannes erwähnt, ihre Zahl wird nicht genannt. Die Stelle im Matthäus -Text (Kapitel 13, Vers 53 bis 57), in der auch die berühmte Feststellung gemacht wird, daß ein Prophet im eigenen Lande nichts gelte, beschreibt die Reaktion der Einwohner auf einen Besuch Jesus so: "Ist er nicht eines Zimmermanns Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria? Und seine Brüder Jakob und Joses und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns?" In einer Erklärung dieser Stelle in einer Bibelübersetzung für Katholiken - nach deren Glauben die Jungfrau Maria keine Kinder außer Jesus hatte - wird erläutert unter "Brüder" und "Schwestern" seien "nach biblischem Sprachgebrauch ... Familienangehörige im weiteren Sinne" zu verstehen.
Hans Lietzmann, ein protestantischer Theologe, verweist in seinem Standardwerk über die "Geschichte der alten Kirche" auf den im Lukas-Evangelium zitierten, bei Matthäus gemilderten Familienhaß" Jesu: "Wenn einer zu mir kommt und nicht hasset seinen Vater und seine Mutter und sein Weib und seine Kinder und seine Brüder und Schwestern, ja, sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein."
Nach übereinstimmender Angabe der Evangelisten beginnt die öffentliche Wirksamkeit Jesu mit dessen Taufe durch Johannes. Danach soll Jesus einige Zeit in der sogenannten "Wüste" verbracht haben - es ist jenes Gebiet am Toten Meer, in dem das Kloster Qumran liegt und in dem Johannes der Täufer gewirkt hat. Daß Jesus "vierzig Tage" in der Wüste verbracht hat, darf mit Sicherheit als eine nachträglich den Berichten über Mose und Elia angepaßte Angabe gelten.
Nach einem Bericht bei Lukas taufte Johannes im 15. Jahre der Regierungszeit des Römerkaisers Tiberius, also zwischen Oktober 27 und September 28*. Jesus müßte zu dieser Zeit etwa 34 Jahre alt gewesen sein. Die Berichte über seine Begegnung mit Johannes sind auch nach theologischer Ansicht zu stark von "christlicher Reflexion" (Bornkamm) überwuchert, als daß sie für die historische Forschung nützlich sein könnten. Das Markus-Evangelium berichtet, nach der Taufe Jesu habe Gott aus den Wolken gesprochen: "Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe."
Eigentümlich ist, daß im Matthäus-Evangelium dem Täufer Johannes und später dem predigenden Jesus die gleichen Worte in den Mund gelegt werden: "Kehret um, denn das Himmelreich ist nahe." Auch in dem heute als Vaterunser" bekannten Gebet wird um das Ende der Welt gefleht: "Dein Reich komme ..."
Nach der Begegnung mit Johannes soll Jesus sein Dasein als Wanderprediger begonnen haben; er wird mit "Rabbi" (Herr) angeredet und lehrt in Synagogen, aber auch unter freiem Himmel. Der Ruf, daß er Kranke zur heilen vermöge, bringt ihm großen Zulauf; an einigen Orten steigen die Leute auf die Bäume, um den anreisenden Wundertäter zu sehen.
Nach übereinstimmender Angabe in den Evangelien hat Jesus nicht getauft; auch weicht der Inhalt seiner Predigten stark von den orthodoxen Geboten ab. Jesus wendet sich zum Beispiel den "Unreinen" zu, also etwa den Bewohnern von Samarien, einer verachteten Mischbevölkerung, und den "Zöllnern", den verhaßten Kollaborateuren der "unreinen" Römerbesatzung. Im Gegensatz zum Propheten Mose verbietet Jesus streng die Ehescheidung.
Vor allem dadurch, daß Jesus sich gegen die im Land mit äußerster Strenge überwachte Sabbath-Ruhe vergeht und zu Vergehen gegen diese Sabbath-Ruhe verleitet, bringt er die herrschende Priesterkaste gegen sich auf. Der Hohe Rat, das Synedrium in Jerusalem, schickt mehrmals Späher, mehrmals weicht Jesus über die Grenzen aus. Eine besonders krasse Gegnerschaft zwischen den Pharisäern - der einen von zwei im Synedrium vertretenen Parteien - und Jesus ist offenbar nachträglich polemisch in die Berichte praktiziert worden, hauptsächlich bei Matthäus, der die Messianität Jesu gegen die orthodoxen Juden verteidigen will. Den anderen Evangelien-Berichten zufolge ist Jesus nämlich oft bei Pharisäern zu Gast gewesen und von diesen auch vor den Spähern des Synedriums gewarnt worden. Eigentlicher Gegner Jesu scheint die im Synedrium tonangebende Partei der Sadduzäer gewesen zu sein.
Daß Jesus zwölf Jünger gehabt hat, darf angezweifelt werden. Die Zahl zwölf hat für die jüdische Geschichte seit je eine starke symbolische Bedeutung; es gibt zum Beispiel zwölf Jakob-Söhne und, nach ihnen benannt zwölf Stämme Israel. Die Namen der Jünger weichen denn auch in den Evangelien und in der Apostelgeschichte voneinander ab, im Johannes -Evangelium werden sogar einige Frauen als Jünger genannt.
In den Evangelien wird angegeben, daß Jesus sich seine Jünger aus dem einfachen Volk der Handwerker suchte; übereinstimmend beschreiben alle Evangelien immer wieder, wie schwer sich diese Jünger tun, Jesus zu verstehen, sie müssen ihn ständig fragen und sich von ihm korrigieren lassen.
Über die Dauer der öffentlichen Wirksamkeit Jesu ist aus den Evangelien eine klare Auskunft nicht zu erhalten. Daraus, daß bei den Synoptikern außer dem Kreuzigungsort Jerusalem nur Dörfer genannt werden, in denen Jesus gewirkt habe, schließen einige Forscher, daß Jesus des Griechischen, das zu jener Zeit in den hellenisierten Städten gesprochen wurde, nicht oder nur ungenügend mächtig gewesen sei und in einem galiläisch aramäischen Dialekt gepredigt habe. Das Hebräische wurde zu dieser Zeit nur noch als Gebets-, Kult- und Gelehrtensprache gebraucht.
Die Berichte von Jesu Wundertaten werden von ernsthaften theologischen Forschern heute nur noch zum Teil verteidigt; Ethelbert Stauffer weist allerdings darauf hin, daß auch die polemischen Jesus-Erwähnungen im Talmud diese Wunder nicht bestreiten. Seit den Qumran-Funden, bei denen eine Art Tischordnung für ein gewaltiges Messias-Mahl der Endzeit ans Licht gekommen ist, gilt die Speisung der Fünftausend am See Genezareth einigen Theologen als nachträgliches Einschiebsel, das die Messias-Qualität Jesu nachweisen sollte.
Schon vor dieser Entdeckung war den Theologen aufgefallen, daß es für die Einteilung der Gespeisten in bestimmte Zahlengruppen bei alttestamentlichen Propheten Hinweise gibt.
Andere Wundertaten deuten manche Wissenschaftler als symbolische Berichte. So soll das bei Matthäus berichtete Wunder - wonach Jesus die Teufel aus den Leibern zweier Besessener in eine in der Nähe weidende Schweineherde
trieb, worauf sich die Säue ins Meer stürzten und selber ertränkten - als symbolische Verurteilung des Hanges nach irdischem Besitz gelten.
Im Jahr 30 wird Johannes der Täufer verhaftet, der nicht müde geworden war, die Mächtigen des Landes zu kritisieren. Herodes Antipas läßt ihn hinrichten. Im gleichen Jahre verliert wahrscheinlich das Große Synedrium, die oberste Autorität der Juden, die Blutgerichtsbarkeit. Der Hochpriester Kaiphas, der Vorsitzender dieser kirchlich-politischen Körperschaft ist, hält die Ruhe im Lande mit Mühe aufrecht.
Den Evangelien zufolge gerät Jesus im selben Jahr drastisch mit der Thora, dem religiösen Gesetz der Juden, in Konflikt: Eine Unterscheidung zwischen strafrechtlichen Vergehen im heutigen Sinne und Übertretungen der religiösen Gesetze war damals unbekannt. An einem Sabbath gebietet er einem Gelähmten, sein Bett nach Hause zu tragen. Auf derart krasse Verletzung der Sabbath -Vorschriften stand die Todesstrafe. Mit dieser Tat bringt Jesus nahezu alle gegen sich auf, auch seine Anhänger; er flieht in seine Heimat Galiläa.
Wie streng die Sabbath-Vorschriften waren, geht aus einem Text des bei
Qumran gefundenen "Buches der Unterweisung" hervor: "Niemand spreche am Sabbath ein törichtes oder unnützes Wort. Man darf nicht von Geschäften und Arbeiten reden, die man am nächsten Morgen tun will. Keiner soll aufs Feld gehen, um sich die Wochenarbeit zu überlegen. Man darf am Sabbath nicht seine Arbeiten durch einen Nichtjuden erledigen lassen. Störrisches Vieh darf man am Sabbath nicht aus dem Stall ziehen. Ein verpichtes Gefäß darf man am Sabbath nicht öffnen. Wenn man am Sabbath ausgehen will, so darf man sich nicht parfümieren. Der Wärter darf am Sabbath den Säugling nicht aufnehmen, um mit ihm hin und her zu gehen. Man darf seinem Vieh am Sabbath keine Geburtshilfe leisten. Wenn es in eine Zisterne oder Grube fällt, so darf man es am Sabbath auf keine Weise herausholen. Und wenn ein Mensch am Sabbath in ein Wasserloch oder sonst in eine Grube fällt, so darf man ihn nicht herausholen mit einer Leiter, einem Seil oder irgendeinem anderen Gerät."
Stauffer folgert aus diesem Zitat, daß Jesus auch von den Essenern verfolgt worden wäre, falls sie ihn gekannt hätten. Bemerkenswert ist, daß Jesus in einem der Streitgespräche, in die ihn die vom Synedrium ausgesandten Beobachter nun immer wieder vor dem Volk verwickelten, ausdrücklich einer dieser Vorschriften widerspricht: "Aber er sprach zu ihnen: Wer ist unter euch, so er ein Schaf hat, das ihm am Sabbath in eine Grube fällt, der es nicht ergreife und aufhebe" (Matthäus, Kapitel 12, Vers 11). Und: "Da antwortete ihm der Herr und sprach: Du Heuchler! löst nicht ein jeglicher unter euch seinen Ochsen oder Esel von der Krippe am Sabbath und führt ihn zur Tränke?" (Lukas, Kapitel 13, Vers 15).
Nun aber wird ihn das Synedrium nicht wieder aus den Augen lassen; auch Herodes Antipas, der in Jesus eine Art Johannes redivivus sieht, trachtet dem Nazarener nach dem Leben. Die Familie verfällt auf
ein verzweifeltes Mittel, um den Sohn und auch sich selber zu retten: Sie versucht, Jesus "zu ergreifen" und - das älteste Evangelium, Markus (Kapitel 3, Vers 21), berichtet es unverhüllt - für unzurechnungsfähig erklären zu lassen.
Das Netz zieht sich zusammen. Bei Wunderheilungen, von denen danach noch in den Evangelien berichtet wird, steht jeweils auch der Zusatz, daß Jesus den Jüngern verbiete, diese Wunder publik zu machen: Er ist auf der Flucht.
Nach dem Bericht in den Evangelien beginnt die Passionszeit, die Leidensgeschichte Jesu, mit dessen Einzug in Jerusalem. Auch wenn unterstellt wird, daß die Evangelien bei diesen Berichten außer einem Glaubensinhalt die historische Wahrheit mitteilen, bleibt das Motiv zu diesem riskanten Unternehmen rätselhaft, sogar für Theologen. Die bei Markus mitgeteilten Leidens- und Auferstehungsweissagungen Jesu sind, wie der Heidelberger Theologie-Professor Günther Bornkamm mitteilt, "deutlich erst im Rückblick auf seine Passion formuliert, um Jesu wunderbares Vorauswissen der kommenden Ereignisse und den geheimnisvollen Beschluß Gottes, der in ihnen waltet, zu bekunden".
Im theologischen Lehrbuch von Knopf, Lietzmann, Weinel über das "Neue Testament" wird Jesu Entschluß, nach Jerusalem zu gehen, so motiviert: "Des Rätsels Lösung mag, mit allem Vorbehalt, in der Richtung gesucht werden, daß Jesus nach seiner galiläischen Wirksamkeit mit ihren wechselnden Erfolgen nun die Hauptstadt selbst und damit das ganze Volk zwingen wollte, Stellung zu ihm und zu seiner Sache zu nehmen. Daß die Entscheidung gegen ihn ausfallen könnte, war möglich, ja wahrscheinlich."
Nach Ethelbert Stauffer, der die Angaben der Passionsgeschichte in den Evangelien akzeptieren möchte und diese Angaben durch andere historische Quellen ergänzt, in denen Jesus nicht erwähnt wird, ist es so zum Ende des Nazareners gekommen:
Im Oktober des Jahres 31 fällt der Günstling des Kaisers Tiberius, Sejan, in Ungnade; er wird seiner Ämter enthoben und in Rom hingerichtet. Pilatus, der Militärgouverneur, aber auch der jüdische Fürst Herodes Antipas und der Hochpriester und Synedrium-Vorsitzende Kaiphas haben Mühe, sich auf den zu erwartenden neuen Kurs umzustellen. Ihre Situation ist äußerst labil. Pilatus besonders muß sich mit der jüdischen Prominenz gut stellen und gerät in eine Art diplomatischer Abhängigkeit.
"Seit dem Sturze Sejans im Oktober 31", schreibt Stauffer, "war auch Kaiphas bedroht, und die Razzien der Reichsregierung nach Verschwörern und Thronprätendenten dauerten noch an. Wenn in diesem Augenblick irgendeine Kunde von messias politischen Bewegungen in Palästina bis nach Rom drang, war das Kirchenregiment des Kaiphas erledigt. Darum mußte Jesus beseitigt werden, ehe es zu spät war."
Der Fahndungsbeschluß lautete nach Johannes: "Wer seinen Aufenthaltsort wisse, solle es melden, daß man ihn fasse." Es folgt die Verhaftung Jesu im Garten Gethsemane und der religionsgesetzlich-politische Prozeß vor dem Großen Synedrium, in dem Jesus wegen Gotteslästerung verurteilt wird. Pontius Pilatus, der Prokurator, muß das Urteil bestätigen, obwohl er an Jesus keine rechte Schuld finden kann: Die Politik kettet den Pilatus an Kaiphas.
Zahlreiche Theologen kommen nach kritischer Analyse der Evangelien zu dem Ergebnis, daß sich Jesus nie selber als Messias oder als Gottessohn ausgegeben habe. 69mal nennt sich Jesus bei den Synoptikern "Menschensohn"; dieses Wort ist im Aramäischen ein Synonym für Mensch. Im jüdischen Sprachgebrauch bedeutet allerdings "Menschensohn" einen messianischen Titel; nach Ansicht des Theologen Bornkamm ist er nicht von Jesus, sondern von den Evangelien-Autoren benutzt worden.
Obwohl er sich offenbar nicht als Messias ausgibt, wird Jesus gekreuzigt. Es ist eine Art von Todesstrafe, die von den Persern bereits fünfhundert Jahre zuvor in Israel eingeführt und vornehmlich bei politischen Verbrechen angewandt wurde. Tausende waren bereits am Kreuz gestorben, so etwa der Thoralehrer Jose ben Joeser, der im Jahre 162 vor der Zeitrechnung auf eine Denunziation des Jerusalemer Klerus hin ans Kreuz kam.
Der Vollzug der Kreuzigung war unterschiedlich. Manche Verurteilte wurden erst nach der Hinrichtung durch das Schwert ans Kreuz gebunden und dem Volk zur Abschreckung vorgezeigt. Delinquenten, die mit Stricken ans Kreuz gehängt wurden, starben langsamer. Bei der Methode, die nach christlicher Überlieferung bei Jesus angewandt wurde - das Annageln des Verurteilten ans Kreuz trat der Tod schneller ein, durch Herzkollaps.
Nach dem Bericht des Matthäus - diesem Evangelium zufolge hatte Jesus vor seinem Zug nach Jerusalem noch ein Gespräch mit den Propheten Mose und Elia - verschied Jesus, nachdem er einige Male laut geschrien hatte. Bei seinem Tode zerriß der Vorhang im Tempel, die Erde bebte, die Berge zerbarsten, "und die Gräber taten sich auf, und standen auf viele Leiber der Heiligen, die da schliefen, und gingen aus den Gräbern ... und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen". Auch Jesus ist den Evangelien zufolge wieder aus dem Grabe auferstanden.
Für Stauffers Methode, den Tod Jesu zu rekonstruieren, spricht vornehmlich ein Indiz: Nachweislich lautete der Name des römischen Prokurators, der von 26 bis 36 für Jerusalem zuständig war, Pontius Pilatus. Sonst aber erweckten die in den vier kanonischen Evangelien mitgeteilten, zudem voneinander abweichenden Passionsgeschichten auch bei Theologen schon deswegen Zweifel, weil nach übereinstimmender Mitteilung die Jünger nach der Verhaftung Jesu im Garten Gethsemane geflohen waren. Weder beim Verhör vor dem Synedrium, noch beim Verhör vor Pilatus, noch bei der Kreuzigung waren Jünger anwesend. Nur im Johannes-Evangelium wird, im Gegensatz zu den drei Synoptikern, angegeben, daß der "Lieblingsjünger" Johannes Zeuge der Kreuzigung gewesen sei. Auch um Jesu Beerdigung hat sich, nach übereinstimmender Angabe, kein Jünger gekümmert, sondern Joseph von Arimathia, ein Mitglied eben des Hohen Rates, der das Todesurteil über Jesus gesprochen hatte. Die Berichte über den Kreuzestod Jesu sind, den Evangelien zufolge, von galiläischen Frauen überliefert worden.
Der Heidelberger Theologe Günther Bornkamm hat denn auch den Wert aller Evangelisten-Berichte über Jesus vom Einzug in Jerusalem an für die historische Leben -Jesu-Forschung generell verneint: "Wie nur irgendwo sonst ist darum hier das Historische ins Legendäre verwoben und so berichtet, daß darin und dahinter die Hand Gottes sichtbar wird und Jesus als der erscheint, der Gottes Ratschlüsse vollstreckt und ihre Erfüllung erleidet."
Der Beweis, den Bornkamm für seine These anbietet, ist in der Tat eindrucksvoll. Der Theologe löst die gesamte Geschichte vom Einzug in Jerusalem an bis zum letzten Wort Jesu am Kreuz in Zitate auf, die sämtlich aus dem Alten Testament stammen.
Bornkamm erläutert im einzelnen: "Ständig begegnet daher das gleiche Motiv, daß in Jesu Tun und Leiden die 'Schrift' erfüllt werden sollte. Propheten- und Psalmenworte durchziehen die Erzählung in großer Zahl, nicht nur in ausdrücklichen Zitaten, sondern auch in vielen Einzelzügen und Anspielungen. Der Einzug Jesu ist Erfüllung von Sacharja 9,9: 'Frohlocke laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir, gerecht und siegreich ist er. Demütig ist er und reitet auf einem Esel, auf dem Füllen einer Eselin.' Die Tempelreinigung erfüllt das Wort Jesaja 56,7: 'Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker.'
"Bei der Bezeichnung des Verräters sagt Jesus, daß der Menschensohn dahingeht, wie von ihm geschrieben steht (Markus 14, 21), und kleidet die Ankundigung in die Worte des 41. Psalms: 'Einer von euch wird mich verraten, einer, der mit mir ißt' (Markus 14,18). Beim Abendmahl erklingt das alte Wort von dem 'Blut des Bundes' (2. Mose 24,8), vor der Gefangennahme Jesu und der Flucht der Jünger Sacharja 13, 7: 'Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden sich zerstreuen.'
"In der Gethsemaneszene klingt das Wort: 'Meine Seele ist zu Tode bekümmert' unmittelbar an Psalm 43,5 an. Wer den Bericht vom Todesbeschluß des Hohen Rates hört, sollte sich an Psalm 31,14 erinnern: 'Da sie sich wider mich versammelten, beschlossen sie, nach meinem Leben zu greifen.' Beim Verrat des Judas zitiert Matthäus ausdrücklich Sacharja 11, 12: 'Beliebt es euch, so gebt mir meinen Lohn ... da wogen sie mir meinen Lohn dar, dreißig Lot Silber.'
"Bei Jesu Geißelung soll der Hörer an Jesaja 50,6 denken: 'Meinen Rücken bot ich den Geißeln, meine Wange den Schlägern; mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmähung und Anspeien.'
"Vollends aber ist die Geschichte von Jesu Kreuzigung und Tod voll dieser Anklänge, wobei merkwürdigerweise sich nur wenige Anspielungen an das große prophetische Kapitel vom leidenden Gottesknecht (Jesaja 53) finden, um so mehr aber solche an die Leidenspsalmen. Es genügt hier, nur die wichtigsten zu nennen: 'Sie gaben
mir zur Speise Galle, und in meinem Durst tränkten sie mich mit Essig' (Psalm 69,22). 'Sie verteilten meine Kleider unter sich, und über mein Gewand warfen sie das Los' (Psalm 22,19). 'Alle, die mich sahen, verspotteten mich, redeten mit den Lippen, schüttelten das Haupt' (Psalm 22,8; vergleiche Klagelieder 2,15). Schon bei Lukas 22,37 erinnert der Evangelist an das Wort: 'Und er ist unter die Übeltäter gezählt worden' (Jesaja 53,12), das in einigen Textzeugen auch bei Markus 15,28 bei der Kreuzigung Jesu zwischen den Schächern zitiert wird. Auch das Wort des Gekreuzigten, das Markus und Matthäus als einziges überliefern, ist der Gebetsruf aus dem 22. Psalm: 'Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?', wie auch das von Lukas als letztes überlieferte Wort wieder ein Psalmwort ist: 'In deine Hände befehle ich meinen Geist' (Psalm 31,6).
"Diese noch nicht einmal vollständige Aufzählung der in der Passionsgeschichte zitierten oder in Anspielungen wirksamen alttestamentlichen Schriftstellen zeigt, wie diese Geschichte erzählt und verstanden ist und also auch gelesen und verstanden werden will: nicht nur als eine Kette abrollender historischer Ereignisse, sondern als ein Gefüge göttlicher Ratschlüsse, sinnvoll im Lichte der Weissagungen Gottes trotz und inmitten alles irdischen Widersinns und Unrechts."
Zu den als Entlehnungen aus dem Alten Testament nachweisbaren Passagen, in denen die Evangelisten angebliche Worte und Taten Jesu schildern, sind nun durch die Entzifferung der vorchristlichen Schriftrollen vom Toten Meer neue Textstellen gekommen, die sich ebenfalls als Jesus -Worte im Neuen Testament finden.
Auch Ethelbert Stauffer räumt ein: "Viele Jesusworte der Evangelien, die man bisher für gut jesuanisch hielt, weil sie palästinajüdisch klangen, stammen vielmehr aus der vorjesuanischen (täufer-theologischen) oder nachjesuanischen (palästinachristlichen) Lehrüberlieferung und sind im Zuge eines großen Rejudaisierungsprozesses schon in die älteste Jesustradition eingedrungen."
Die auch von den Theologen geteilte Skepsis gegen die Evangelien als Quelle historischer Nachrichten über Jesus ist also durch die Qumran-Funde nur noch verstärkt worden. Sogar Stauffer, der durch die Hinzuziehung nichtehristlicher Quellen die Forschung nach der historischen Figur Jesu auch in Deutschland wieder in Bewegung bringen möchte, kann seinen Lesern zuweilen die Figur Jesu nur anschaulich zu machen versuchen, indem er die mythischen und mystischen Jesus-Berichte der Evangelien durch Hinweise auf andere religiöse Dichtungen ergänzt. So empfiehlt er für die Rekonstruktion der Art und Weise, wie Jesus gesprochen habe: "Vielleicht sollte man Bachs Matthäus-Passion hören, wenn man sich eine ferne Vorstellung davon machen will."
Die äußere Erscheinung Jesu möchte Stauffer seinen Lesern dadurch anschaulich machen, daß er sich an außertestamentliche Angaben hält: "Die Hautfarbe der antiken Palästinajuden war hellbraun", schreibt er, "die Augenfarbe meist braun. Aber auch blaue Augen waren nicht ganz selten ... Palästinajuden waren schwarzhaarig. In der Zeit und Heimat
Jesu trugen die Männer das Haar schulterlang, in der Mitte gescheitelt, gekämmt, mit leichtem und feinem Öl gesalbt. Verwildertes Haar war verpönt ... Ein Bart und Schnurrbart gehörten dazu ..."
Daraus zieht Stauffer den Schluß: "Seine (Jesu) Kleidung war betont unauffällig, nicht üppig, nicht ärmlich ... Die einzige Besonderheit, von der wir hören, ist die, daß sein Untergewand ungenäht war, durchgewebt wie der Chiton des Hochpriesters. Vielleicht trug Jesus ein weißes Tuch auf dem Kopf, wie es schon im antiken Palästina gern getragen wurde: mit einer Schnur festgebunden und hinten schulterlang herabhängend."
In der Tat ist die Rekonstruktion der äußeren Erscheinung Jesu mindestens ebenso schwierig wie die Rekonstruktion dessen, was der Nazarener - im Sinne historischer Forschung wahrhaftig - gesagt und getan hat. Bei den Juden war nicht nur die Abbildung Gottes durch das Gesetz in aller Strenge untersagt, sondern auch die Darstellung von Menschen strikt verpönt. Erst die europäischen Christengemeinden haben Jesus ungeniert bildlich dargestellt. Eines der frühesten Bildnisse ist ein Freskogemälde in der Domitilla -Katakombe in Rom (siehe Titelbild und Photo auf dieser Seite): Es entstand in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts.
Auf diesem Bild wird Jesus bartlos dargestellt, wie sich die Männer nach römischer Landessitte trugen; auch die frühen Plastiken aus dem dritten und vierten Jahrhundert zeigen Jesus nach Art griechischer Jünglinge bartlos. Die Ikone, auf denen im Bereich der russisch-orthodoxen Kirche Jesus abgebildet wird, gelten als "acheiropoietische", als "nicht von Hand gemachte" Bildnisse: Nach dem Glauben der Ostkirche sind diese Bilder Jesu oder der Heiligen ursprünglich zum Teil von allein entstanden oder nach Heiligen-Erscheinungen auf Erden zurückgeblieben.
Ikonen-Bilder werden daher nur von Mönchen oder Priestern unter Einhaltung eines mystischen Zeremoniells kopiert und bleiben durch die Jahrhunderte unverändert. Einen Anspruch, Jesus porträtähnlich wiederzugeben, dürfen die frühchristlichen Fresken und Statuen und die Ikone der Ostkirche ebensowenig erheben wie spätere Jesus-Darstellungen der europäischen Kunst.
Sie unterscheiden sich somit in nichts von den Berichten, die in den zum Neuen Testament zusammengefaßten Schriften über Jesus von Nazareth gegeben werden. Den Theologen, denen diese Tatsache seit langem bekannt war, kann daher auch die Entdeckung wenig ausmachen, daß in den Schriftrollen vom Toten Meer zwar keine Hinweise auf Jesus, wohl aber Worte stehen, die Jesus gesprochen haben soll, und solche Worte, die von den Verfassern der Evangelien benutzt wurden.
Der Schriftrollen-Kommentator Burrows, der inzwischen an die amerikanische Yale-Universität berufen worden ist, schreibt: "Wer sich durch die Ähnlichkeit der Gedanken und der Sprache der Rollen vom Toten Meer mit dem Neuen Testament erschrecken ließ, der war sich des Übermaßes solcher Parallelen in anderen jüdischen Schriften nicht bewußt."
Burrows faßt zusammen: "Fraglos ist das Christentum die Frucht eines langen geschichtlichen Vorganges. Aber daraus folgt nicht, daß Gott nicht dabei im Spiele war."
* Zitiert aus Günther Bornkamm: "Jesus von Nazareth"; Kohlhammer Verlag, Stuttgart; 1956; 214 Seiten; 3,60 Mark.
* Millar Burrows: "Die Schriftrollen vom Toten Meer"; Verlag C. H. Beck, München; 380 Seiten; 24 Mark; "Mehr Klarheit über die Schriftrollen": Verlag C. H. Beck, München; 376 Seiten; 24 Mark.
* Jean Daniélou: "Qumran und der Ursprung des Christentums"; Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz, 176 Seiten; 8,25 Mark.
* Vergleiche Rudolf Knopf, Hans Lietzmann, Heinrich Weinel: "Einführung in das Neue Testament"; Berlin; 5. Auflage; 1949.
* Jesaja 7,14: "Denn es wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben. Siehe eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel."
* Ethelbert Stauffer: "Jesus, Gestalt und Geschichte"; Francke Verlag, Bern; 1957.
* Ernst Benz: "Geist und Leben der Ostkirche"; Rowohlt Verlag, Hamburg; 1957.
* Sprich: Es-Chatologie, zu deutsch etwa: Lehre von den letzten Dingen.
* Nach anderer Lesart: Oktober 28 bis September 29.
Freigelegte Kloster-Ruine Qumran: Christliche Gedanken in vorchristlicher Zeit
Leben-Jesu-Forscher Schweitzer
Jesus bleibt unbekannt
Augustus (Zeitgenössische Marmorstatue)
Volkszählung in Syrien?
Raub des Jerusalemer Tempelschatzes (Relief im Titus-Bogen): Römischer Sieg
Schriftrollen-Übersetzer Allegro
Römischer Protest
Codex-Vaticanus-Text (Matth. 15, 28-32)
Römisches Dokument
Leben-Jesu-Forscher Bornkamm
Vom Einzug in Jerusalem ...
Leben-Jesu-Forscher Stauffer
... bis zur Kreuzigung nur Psalmenworte
Leben-Jesu-Forscher Strauß
"Jesus ist ein Mythos"
Christus-Ikone (16. Jahrhundert)
Nicht von Hand gemacht
Konstantin beim Nicaea-Konzil (325): Streit der Väter
Bibel-Entmythologisierer Bultmann
Es gibt keine ...
Ostkirchen-Fachmann Benz
... tendenzfreie Überlieferung
Römerkaiser Konstantin*
Zum Nachfolger Christi ernannt
Frühchristliche Darstellung Jesu und der Apostel (4. Jahrhundert; Domitilla-Katakombe, Rom): Am Anfang war das Wort
* Mosaik in der Hagia Sofia, Istanbul.

DER SPIEGEL 52/1958
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