05.08.1959

HOCHSCHULEN / STUDENTENDie Avantgarde

Die Studentin der Philosophie Sibylle Penkert, 23, die in der Universitätsstadt Göttingen als Feuilleton-Redakteurin der Studentenzeitschrift "prisma" tätig ist und Journalistin werden möchte, hat in letzter Zeit ausgiebig Gelegenheit gefunden, sich mit den Schattenseiten ihres künftigen Berufs vertraut zu machen.
Die schmerzlichen Einsichten, die sie dabei gewann, faßte stud. phil. Penkert in die Klageworte: "Wir hofften ... auf ein unvoreingenommenes, kritisches Publikum, auf das hin unsere Studentenzeitschrift ausgerichtet ist. Die ressentimentgeladene Reaktion mußte uns erst zeigen, daß ein solches Forum offenbar nicht vorhanden war . . ."
Das geringe Maß an Unvoreingenommenheit bei den zumeist jugendlichen "prisma"-Lesern wurde sichtbar, als die "prisma"-Sibylle es unternahm, in der Juni-Ausgabe der Studentenzeitschrift - Auflage: 6000 Exemplare - ein sogenanntes "Zeitgedicht" ihres Studienkollegen Reinhard Döhl, 24, zu publizieren, an dessen Zustandekommen der Autor seit Studienbeginn vor drei Jahren laboriert hatte.
In diesem "Missa profana" betitelten dichterischen Werk hat Döhl in allerdings komplizierter Form versucht, die von ihm empfundene Diskrepanz zwischen dem Inhalt der Heiligen Messe als der "saubersten Form der Heilsverkündung" (Döhl) und der unschönen Wirklichkeit dieser Welt abzuschildern - was sich dann beispielsweise so liest:
LAUDAMUS TE BENEDICIMUS TE
ADORAMUS TE GLORIFICAMUS TE
meine freundin ist eine tempelprostituierte
du mußt nur zum amen zurechtkommen
Oder als Schluß-Vers:
CO(G)ITO ERGO SUM
ITA MISSA EST.
Das Bemühen von Autor und "prisma" -Redaktion stieß jedoch gerade bei denjenigen Lesern auf arges Unverständnis, die sich sonst gern der künstlerischen und intellektuellen Avantgarde zurechnen: bei den Studenten.
Schrieb ein Physikstudent Alfred Bäuml an "prisma": "Man könnte fast meinen, diese literarische Pflanze sei unter der roten Sonne des Regimes jenseits des Eisernen Vorhangs gewachsen." Und eine Lotte Möller beklagte in ihrer Zuschrift die "unerhörte Verhöhnung der Heiligen Messe".
Der Studentenrat der Göttinger Universität beeilte sich - keine drei Stunden nach Auslieferung des "prisma"-Exemplars mit dem Döhl-Werk - den Herausgebern und der Redaktion einen scharfen Tadel dafür auszusprechen, "daß dieser Beitrag überhaupt zur Veröffentlichung gelangte". Mit "überwältigender Mehrheit" billigte der Studentenrat eine Entschließung, die für die "prisma"-Kommilitonen böse Folgen haben mußte:
"... dieser Beitrag verstößt in ärgster Weise gegen die guten Sitten und stellt eine der schmutzigsten Diffamierungen nicht allein der katholischen Kirche, sondern jedes Christen dar."
Nun hatte den "prisma"-Redakteuren gerade eine solche Absicht ferngelegen. Chefredakteur und cand. rer. nat. Konrad
Oehlschlägel: Ich halte die 'Missa profana' nicht nur für keine Gotteslästerung, sondern auch für keinen Angriff oder eine Verunglimpfung einer der Konfessionen. Es werden weder Gott noch eine der Konfessionen in Frage gestellt, sondern die Dinge hart aneinandergereiht, die aus verschiedenen Bereichen menschlichen Lebens stammen." Redakteurin Penkert: "Der Messetext ist dem aktuellen Leben des Menschen . . . gegenübergestellt und fordert durch diese harte Fügung zur Auseinandersetzung auf."
Auch Autor Döhl, der zunächst hatte Pfarrer werden wollen, fand die Auslegung seiner Arbeit "völlig unverständlich": Das Gedicht sei nämlich als "Verteidigung der Messe gegen die unheilige Welt" gedacht gewesen; so sei der Titel auch nicht mit "Unheilige Messe" zu übersetzen, sondern mit "Die Messe und das Unheilige". Im übrigen sei die Veröffentlichung im "prisma" ohne sein Zutun erfolgt. Döhl: "lch brauche keine kongenialen Menschen. Jeder, der will, kann meine Sachen veröffentlichen. Ich möchte nur ein paar Belegexemplare haben."
Hilfe kam den "prisma"-Schreibern von einer Seite, von der sie zuletzt Hilfe erwartet hätten: von der Kirche. Pastor Wilhelm Schmidt, Pfarrer des Evangelischen Studentenpfarramts in Göttingen, trat den jungen Leuten mit Luthermut zur Seite: "Die Botschaft der Messe wird uns nicht heilen können, wenn wir sie wie ein Denkmal behandeln." Möglicherweise, so meinte der Pastor, habe Dichter Döhl die Messe-Botschaft sehr viel ernster genommen als seine Kritiker.
Den Studentenrat fragte Pastor Schmidt, mit welchem Recht er überhaupt in Sachen der Christenheit befinde: "Sich... einfach an den Schürzenzipfel der gar nicht so eindeutigen guten Sitten zu hängen oder gar 'jeden' Christen hier ins Feld zu führen, ist ein bedrückend primitives Verfahren." Und: "Ich bezweifle, ob der Studentenrat das geeignete Gremium ist, über die Veröffentlichung des Beitrags im Namen des Christentums zu befinden."
Indes, mit seiner Resolution hatte der Studentenrat die Staatsaktion bereits in Gang gebracht: Döhl, Oehlschlägel und Sibylle Penkert wurden bei der Göttinger Staatsanwaltschaft wegen Gotteslästerung angezeigt; das Amtsgericht Göttingen ließ daraufhin die "prisma"-Ausgabe mit der Döhlschen "Missa profana" beschlagnahmen. Damit nicht genug: Zwei Wochen später, Anfang Juli, schaltete sich der Bischöfliche Stuhl zu Hildesheim - in Person des Generalvikars Dr. Wilhelm Offenstein - in das Verfahren ein und stellte Strafantrag wegen Verdachts der öffentlichen Beleidigung.
Wieder waren es nicht die Göttinger Studenten, die ihren bedrängten Kollegen beistanden. Hatte sich zuerst der Kirchermann Schmidt vor die "prisma"-Redakteure gestellt, so machten sich jetzt würdige Universitätsprofessoren für Dichter Döhl stark. Dr. Percy Ernst Schramm, Göttinger Historiker: "Das Wichtigste sind mir die Studenten, alles andere ist mir egal. Es muß doch möglich sein, daß junge Leute auch mal übers Ziel hinausschießen. Sonst können wir unsere Universität doch zumachen."
Schramm und der Göttinger Prorektor und Theologe Professor D. Otto Weber bereiteten ein Memorandum vor, in dem dargetan werden sollte, daß die "Missa profana" nach Professoren-Urteil keine Gotteslästerung darstelle. Die Professoren veranlaßten die Niederschrift einer "Interpretation", in der die beschuldigten Studenten versicherten, sie hätten mit der Publizierung des Döhl-Gedichts die lautersten Absichten verfolgt.
Alsbald konnte der Professor Schramm mitteilen, es gebe noch "Leute genug, die Verständnis haben". Schramm bezog sich dabei offenbar auf Andeutungen aus Hildesheim, daß dem Bischof nach genauerer Prüfung an einer Strafverfolgung nicht länger gelegen sei.
Wie immer nun auch die Staatsanwaltschaft verfahren wird - dem "Missa profana"-Autor Reinhard Döhl haben die studentischen Eiferer vorerst die Karriere verdorben: Dem Studenten-Dichter, der am Nordseegymnasium auf Langeoog als Hospitant unterrichtete, wurde vom Direktor der Anstalt fristlos gekündigt. Alarmiert durch Zeitungsmeldungen, hatten sich Langeooger Christenmenschen bei dem Direktor beschwert, daß der "Gotteslästerer" Döhl ihre Kinder nicht nur in Deutsch und Geschichte, sondern auch noch in Religion unterweise.
"prisma"-Redaktrice Penkert
Literarische Pflanze...
"prisma"-Poet Döhl
... unter roter Sonne?

DER SPIEGEL 32/1959
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