05.08.1959

WILHELM II.Der Nachruf

Durch die Straßen Berlins randalierten
in den Augusttagen des Jahres 1914 aufgebrachte Menschenmassen und demonstrierten vor dem Botschaftsgebäude Großbritanniens, das soeben gegen das Deutsche Reich in den Krieg eingetreten war. Hinter den geschlossenen Jalousien seines Arbeitszimmers saß Seiner Britischen Majestät Botschafter Sir Edward Goschen und bewirtete seinen Gast, den französischen Botschafter Cambon. "Well", unterbrach Sir Edward das Schweigen, "am heutigen Tage gibt es in Berlin nur drei Menschen, die sich über diesen Krieg nicht freuen. Der eine sind Sie, der andere bin ich, und der dritte ist der deutsche Kaiser Wilhelm II."
Doch das britische Volk teilte diese Auffassung seines Berliner Botschafters keineswegs. Jahrzehntelang erschien den Briten der letzte Herrscher aus dem Hause Hohenzollern als Hauptkriegsverbrecher.
Der englische Dichter Alfred Noyes urteilte im November 1918, Kaiser Wilhelm II. habe "zwanzig Millionen Menschen ermordet". Englands liberaler Premierminister Lloyd George gewann die Parlamentswahlen vom Dezember 1918 mit der Parole: "Hängt den Kaiser auf!" Und der spätere Außenminister Lord Curzon forderte, man dürfe zwar den deutschen Exkaiser nicht hinrichten, müsse aber eine Strafe für ihn ersinnen, die "schlimmer als der Tod" sei.
Obwohl die Historiker Englands allmählich von der Kriegsverbrecher- Karikatur Wilhelms II. abrückten, hielt sich doch im britischen Volk die Legende vom Frevler auf dem deutschen Kaiserthron. "Es schien fast unmöglich", so schrieb jüngst Englands 51jähriger Exdiplomat und Fernsehautor Christopher Sykes, "daß einmal der Tag kommen würde, an dem man - wenn überhaupt - des Kaisers freundlich gedenken könnte. Nun, heute ist das Unmögliche geschehen."
Exdiplomat Sykes ist nämlich der Autor einer Fernsehsendung der BBC, die Mitte Juli über die englischen TV-Schirme flimmerte und den deutschen Kaiser von dem Odium des Kriegsverbrechers befreite. Das hundertste Geburtsjahr Wilhelms II. war der BBC Anlaß genug, das vulgäre Bild des Kaisers zu reinigen. Das neue Kaiser-Bild fiel freundlich und sogar etwas sentimental aus - "fast zu wohlwollend", wie der in London lebende Hohenzollern-Historiker Erich Eyck fand.
Sykes hatte für seine Kaiser-Reportage einen großen Apparat aufgeboten. Neben Preußen-Prinz Louis Ferdinand, anderen Hohenzollern und der Tirpitz-Tochter Ilse von Hassell* erschienen auf den Bildschirmen auch der greise schottische Schriftsteller Sir Compton Mackenzie, einst vom Kaiser zum offiziellen Biographen ausersehen, und der Essayist Sir Harold Nicolson.
Urteilte der Schotte Mackenzie über den Kaiser: "Gescheite und talentierte Monarchen brauchen eine Sonderzuteilung von Glück, wenn sie Erfolg haben wollen"; eben an diesem Glück aber habe es Wilhelm II. in entscheidenden Augenblicken seiner Regierungszeit gemangelt. Denn: "Er liebte es, Reden zu halten, vor allem Reden, die alle Welt in Unruhe und Erstaunen stürzten."
Auch der Versailles-Kritiker Nicolson betonte, die Schuld für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs treffe nicht den deutschen Kaiser, sondern eher die aggressiven Außenminister Rußlands und Österreichs: "Im Gegensatz zu Hitler war Wilhelm II. für den Krieg nicht verantwortlich."
Die Herzogin Viktoria Luise von Braunschweig, einzige Tochter des Kaisers, vermittelte dagegen ihren britischen Fernsehern Einblicke in das allerhöchste Familienleben. "Als jungem Mädchen erlaubte er mir, mit allen meinen Sorgen zu ihm zu kommen. In dem großen Berliner Schloß hatten wir morgens, während er rasiert wurde, eine wunderbare Viertelstunde miteinander. Ich rieche heute noch das zarte Parfüm seines Hautwassers."
Besonderen Wert aber legte Autor Sykes darauf, den Briten zu beweisen, daß der Exmonarch an seinem Lebensabend manche Unbesonnenheit seiner Regierungszeit bereut habe. Wilhelms Schwiegertochter die Prinzessin Oskar von Preußen, fand ihn in seinem holländischen Schloß Doorn "ohne Bitterkeit und ohne Eitelkeit". Und der Tochter des letzten sächsischen Königs, die den Kaiser einst "wie einen Gott" erlebt hatte, erschien der Emigrant "menschlich und voller Weisheit".
Diesem Läuterungsprozeß maß Sykes offenbar so große Bedeutung bei, damit er seinen britischen Landsleuten schließlich eine Sensation offerieren konnte, die er selber "eine der großen geschichtlichen Ironien" nennt. Sykes enthüllte, der britische Premierminister Winston Churchill habe im Sommer 1940 dem ehemaligen Kaiser, den die empörten englischen Massen einst aufhängen wollten, ein ehrenvolles Asyl in Großbritannien angeboten.
Winston Churchill gehörte von Anfang an zu den wenigen Politikern der Insel, die sich der persönlichen Diffamierung Wilhelms II. widersetzt hatten. Als britische Minister 1918 einen Kriegsverbrecherprozeß gegen den nach Holland geflohenen Kaiser verlangten, opponierte Churchill diesem Projekt. Später verriet der britische Kriegspremier, ihm habe stets ein monarchisches Nachkriegs - Deutschland vorgeschwebt, repräsentiert von einem Enkel des einstigen Kaisers.
Als sich im Westfeldzug von 1940 die deutschen Truppen dem kaiserlichen Exilschloß Doorn näherten, beschloß Churchill, Wilhelm II. dem Zugriff Hitlers zu entziehen. Übermittler dieses Angebots war der Bürgermeister von Doorn, Baron van Nagell, der jetzt in dem Fernsehprogramm der BBC diese unbekannte Episode des Zweiten Weltkriegs offenbarte.
"Nach dem deutschen Einmarsch in Holland am 10. Mai 1940", so berichtete der Baron, "unterbreitete die britische Regierung das Angebot, der Kaiser und die Kaiserin sollten nach England übersiedeln. Ein englisches Flugzeug sollte dem Monarchen zur Verfügung stehen; in England würde man ihn mit allen gebührenden Ehren empfangen."
Die britische Gesandtschaft in Den Haag bediente sich des Barons, der schon wiederholt im Auftrage der niederländischen Regierung mit dem Hausherrn von Schloß Doorn verhandelt hatte und das Vertrauen Wilhelms II. besaß, als Mittelsmann. Baron van
Nagell meldete sich im Palast und wurde an das Bett des 81jährigen Exkaisers geführt, der eben seinen Mittagsschlaf hielt. Da der einstige Monarch zögerte, ob er das Angebot annehmen sollte, gewährte ihm der Baron eine einstündige Bedenkzeit.
Als sich der Bürgermeister wieder melden ließ, lehnte Wilhelm das Churchill -Angebot ab. Nagell: "Der Kaiser sagte mir, es sei für ihn unmöglich, zu fliehen, weil ihm der Arzt dies wegen seiner Herzkrankheit verboten habe. Aber er war für das Angebot sehr dankbar."
Ein Jahr später wurde der Tod des letzten Hohenzollern-Kaisers gemeldet. Fernsehautor Sykes lyrisch: "Erstarb,vergessen von der Welt, ja sogar von seinem eigenen Volke; aber er starb im Frieden seiner Seele. Nach einem so wechselvollen Leben war das nicht wenig."
* Witwe des ehemaligen Botschafters Ulrich von Hassell, der im Zusammenhang mit der Verschwörung des 20. Juli 1944 hingerichtet wurde.
Deutscher Kaiser Wilhelm II., Gast*: "Fast zu wohlwollend"
* König Georg V. von England, der Im Mai 1913 in Berlin war, als die Hochzeit der Kaisertochter Viktoria Luise gefeiert wurde. Georg V. trug damals deutsche, Wilhelm II. britische Uniform.

DER SPIEGEL 32/1959
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 32/1959
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

WILHELM II.:
Der Nachruf

Video 00:42

England Mann wird von Bus gerammt - und geht in den Pub

  • Video "England: Mann wird von Bus gerammt - und geht in den Pub" Video 00:42
    England: Mann wird von Bus gerammt - und geht in den Pub
  • Video "Fahrrad-Cops: Der Arbeitsalltag der Kölner Mountainbike-Staffel" Video 01:54
    Fahrrad-Cops: Der Arbeitsalltag der Kölner Mountainbike-Staffel
  • Video "Air-Asia-Wackelflug: Der Pilot hat die Panik geschürt" Video 01:11
    Air-Asia-Wackelflug: "Der Pilot hat die Panik geschürt"
  • Video "Missglückte Wettervorhersage: Windböe fegt Reporter vom Bildschirm" Video 00:41
    Missglückte Wettervorhersage: Windböe fegt Reporter vom Bildschirm
  • Video "Verwässerter US-Travel-Ban: Trumps Reisewarnung" Video 01:22
    Verwässerter US-Travel-Ban: Trumps Reisewarnung
  • Video "America´s Cup: Neuseeland feiert Sieg über USA" Video 00:44
    America´s Cup: Neuseeland feiert Sieg über USA
  • Video "Heftige Vibrationen an Bord: Air-Asia-Pilot fordert Passagiere zum Beten auf" Video 00:46
    Heftige Vibrationen an Bord: Air-Asia-Pilot fordert Passagiere zum Beten auf
  • Video "Hochspannungsleitung vs. Flora: Da brennt der Baum" Video 00:38
    Hochspannungsleitung vs. Flora: Da brennt der Baum
  • Video "Reaktionen auf Rede von Martin Schulz: Er scheint die Nerven verloren zu haben" Video 01:20
    Reaktionen auf Rede von Martin Schulz: "Er scheint die Nerven verloren zu haben"
  • Video "Video zeigt Unfall in US-Freizeitpark: 14-Jährige stürzt aus Gondel" Video 00:36
    Video zeigt Unfall in US-Freizeitpark: 14-Jährige stürzt aus Gondel
  • Video "Amateurvideo zeigt Schiffsunglück: Ausflugsschiff sinkt auf Stausee" Video 00:55
    Amateurvideo zeigt Schiffsunglück: Ausflugsschiff sinkt auf Stausee
  • Video "Neues Drohnenvideo aus Aleppo: Leben in der Trümmerwüste" Video 01:31
    Neues Drohnenvideo aus Aleppo: Leben in der Trümmerwüste
  • Video "US-Fahndungsvideo: Streit zwischen Autofahrer und Biker eskaliert" Video 01:01
    US-Fahndungsvideo: Streit zwischen Autofahrer und Biker eskaliert
  • Video "Gerhard Schröder auf SPD-Parteitag: Ich wundere mich schon..." Video 02:31
    Gerhard Schröder auf SPD-Parteitag: "Ich wundere mich schon..."
  • Video "Webvideos der Woche: Gerade noch zu retten" Video 02:48
    Webvideos der Woche: Gerade noch zu retten