02.09.1959

KRIEGSRICHTERDie Mörder sind über uns

Der Hausherr, der den Kinobesuchern in den vorhergegangenen Szenen als führertreuer Kriegsgerichtsrat vorgestellt worden ist, eröffnet das Familienfrühstück mit einer Rüge: "Früher hätte das drei Tage geschärften Arrest gegeben . . ." Sein halberwachsener Sohn, dessen Langhaarschnitt den Zorn des Vaters herausgefordert hatte, muckt auf: "Früher!"
In diesem Augenblick wird die traute Kaffeerunde gesprengt. Der Bote eines Blumengeschäfts gibt "für Herrn Oberstaatsanwalt Dr. Schramm" ein Rosenbukett ab mit der Bemerkung: "Von einer Dame." Die Haartrachtdebatte schlägt sogleich in einen Ehezwist um; Mutter Schramm fordert - Taschentuch vorm Mund, Tränen in den Augen - so lange Aufklärung, bis ihr Mann gesteht:
"Also schön, die Dame heißt Zirngiebel. Nun weißt du es."
"Die Frau vom Studienrat Zirngiebel?"
"Ja."
"Du lügst, Wilhelm! Gegen den Mann führst du eine Anklage, und die Frau soll dir Rosen schicken?"
"Ich lüge nie! Der Studienrat ist geflohen. Die Rosen sind das Zeichen dafür, daß er über die Grenze ist."
Der Pädagoge habe, so erklärt der Oberstaatsanwalt seiner Frau weiter, doch nur
am Biertisch "ein paar wegwerfende - übrigens sehr witzig formulierte - Bemerkungen über die jüdische Rasse" gemacht.
Diese Anspielung auf die Flucht des Offenburger Studienrats und Judenfressers Ludwig Zind lieferte den Titel - "Rosen für den Staatsanwalt" - des zeitnahen Films, den der Berliner Spezialist für filmische Gesellschaftskritik, Wolfgang Staudte ("Die Mörder sind unter uns", "Der Untertan"), in der vergangenen Woche fertigstellte. Noch vor einem halben Jahr hatte freilich nicht einmal Staudte selbst geglaubt, daß der Film, den der NF -Verleih jetzt als "unheimlich aktuelles" Werk ankündigt, jemals über das Rohkonzept hinaus gedeihen würde. Der Regisseur bedachte den Entwurf damals mit dem Randvermerk: "Gedanken zu einem Film, der nie gedreht wird."
So veranschaulicht die Chronik der unverhofften Verfilmung denn auch all die Widernisse, denen sich ein dem Kompromiß abholder deutscher Regisseur bei der Fertigung eines zeitkritischen Kinostücks gegenübersieht. Wenn er erreichen will, daß wenigstens Bruchstücke seiner ursprünglichen Absichten den Prozeß der Kommerzialisierung überdauern, muß er einen aufreibenden Abwehrkampf gegen die fortwährenden Eingriffe der Produzenten und Verleiher ausfechten und zumindest Teilsiege ertrotzen.
Eingedenk dieser Tatsache hatte Staudte eigentlich schon kapituliert, ehe ihm, beim Sammeln von Zeitungsnotizen, das Sujet des Staatsanwalt-Films einfiel. Im Frühjahr schrieb er die Idee nieder - "für nichts anderes als die Schublade". Doch da geschah etwas, was der im Umgang mit Filmfirmen erfahrene Regisseur heute als "Wunder" bezeichnet. Der Dramaturg Dr. Manfred Barthel entdeckte den Entwurf auf Staudtes Schreibtisch und nahm ihn "nur zum Scherz" mit.
Erstaunlicherweise fand Barthels Chef, der "Schwarzwaldmädel"-Produzent Kurt Ulrich, Gefallen an dem Stoff - "Das war das zweite Wunder" (Staudte) -, brachte das Manuskript zum Europa-Verleih und pries es als Vorlage für einen "billigen Experimentierfilm" der nur 900 000 Mark kosten sollte. Diese Summe erschien den Verleih-Herren gerade noch akzeptabel.
Als Staudte jedoch den Drehplan aufstellte und einen Kostenanschlag von 1,3 Millionen Mark errechnete, war das Projekt wieder heimatlos. So viel wollten die Europa-Verleiher für ein politisches Thema nicht mehr riskieren. "Schließlich haben die ihr Soll an Zeitkritik erfüllt und immer Pech mit solchen Sachen gehabt", erläuterte Barthel den Rückzug der Film -Europäer. Und Staudte ergänzte: "In 'Unruhige Nacht' hatten sie sich die Pfarrer vorgenommen und Geld damit verloren. Dann war mit 'Der Mann, der sich verkaufte' die Presse dran - wieder minus. Und nun sollte die Justiz an die Reihe kommen - das war einfach zuviel."
Kurt Ulrich ließ sich nicht beirren. Er reichte Staudtes Filmkonzept unverdrossen bei anderen Verleihfirmen ein und bot es sogar - Staudte: "Was mich zutiefst erschreckt hat" - der Ufa an. Erst nach dreimonatigem Vagabundieren konnte Stoffhändler Ulrich Mitte Juni bei der "Neuen Film" (NF) in München verschnaufen: "Rosemarie"-Verleiher Horn kaufte ihm den Filmstoff ab.
Staudte hatte unterdessen eingesehen, daß er gewisse Einschränkungen werde erdulden müssen, wenn er sich die Möglichkeit, "eine aktuelle Realität und Tatsache an den Mann zu bringen", nicht verscherzen wollte. Er reduzierte seine Kalkulation auf eine Million Mark und erklärte sich bereit, einigen Änderungswünschen der Geldgeber nachzukommen: "Ich verstehe ja, daß die ihr Geld wiederhaben wollen."
Der Regisseur war während der Vorbesprechungen zu der Einsicht gelangt, daß er seine Staatsanwalt-Geschichte nicht als "ernsten, dramatischen Film", sondern "als komisches Debakel unserer Zeit" anlegen mußte. Er war jedoch entschlossen, seine politischen Kampf-Argumente "als Konterbande" auch in eine komödienhafte Filmstory einzuschmuggeln.
Die Hauptfigur des reaktionären Juristen, die Staudte nach dem Motto "Die Mörder sind über uns" entworfen hatte, blieb unangetastet. Einige Randfiguren dagegen änderten ihre Charaktere. Auf Wunsch des Verleihers ließ Staudte beispielsweise von Drehbuchschreiber Hurdalek eilends eine Nebenrollen-Kellnerin zur entkleidungsfreudigen Gasthaus-Wirtin umgestalten. Sein Kommentar: "Meinetwegen - der nackte Popo als politisches Agitationsmittel."
Produzent Ulrich, der die Spaßmacher Neuss und Müller für den Film engagiert hatte, kam plötzlich auf die Idee, die "teuren Komparsen" müßten unbedingt auch als Chanson-Sänger auftreten. Staudte: "Die beiden sagten selbst: 'So einen Käse wollen wir nicht singen', und da habe ich sie einfach nach Hause geschickt."
Anfang Juli erschien dem Produzenten und dem Verleiher das politische Drehbuch endlich ausreichend mit Lustspiel -Effekten abgesichert. Staudte konnte in Göttingen mit den Aufnahmen beginnen - nach einem "aufgelockerten Drehbuch", das seiner Meinung nach immerhin noch "die aktuelle Realität" beinhaltet.
Der Film schildert zunächst, noch vor dem Textvorspann und der eingeklinkten Zirngiebel-Zind-Szene, wie der Kriegsgerichtsrat Schramm (Martin Held) gegen den Gefreiten Kleinschmidt (Walter Giller) wegen Schwarzhandels mit zwei Tafeln Fliegerschokolade das Todesurteil erwirkt. Mitten in die Hinrichtungsszenerie platzen jedoch die Bomben amerikanischer Tiefflieger so daß der Gefreite der Exekution entkommt.
Vierzehn Jahre später verschlägt es den ambulanten Händler Kleinschmidt in eine westdeutsche Mittelstadt, in der Ex-Kriegsgerichtsrat Schramm als angesehener Oberstaatsanwalt amtiert. "Der Junge hat keine Rachegefühle", erläutert Regisseur Staudte, "und er fühlt sich auch nicht politisch beauftragt. Er hat vielmehr Angst vor der Erscheinung des anderen und geht ihm aus dem Wege."
Auch Schramm, der eben durch Manipulationen mit dem Haftbefehl dem Antisemiten Zirngiebel zur Flucht verholfen hat, bekommt Angst. Er begegnet dem Straßenhändler, dessen Gesicht ihm zwar bekannt vorkommt, den er aber nicht sofort identifizieren kann. Der Staatsanwalt wähnt sich verfolgt, und als ihm schließlich bewußt wird, wer Kleinschmidt ist, glaubt er, der ehemalige Todeskandidat sei nur gekommen, um sich zu rächen. Schramm versucht deshalb den Straßenhändler kraft seines Einflusses aus der Stadt weisen zu lassen. Ohne Erfolg.
Kleinschmidt reagiert schließlich auf die Schikanen mit einer Kurzschlußhandlung: Er zerschlägt eine Schaufensterscheibe und stiehlt zwei Tafeln Schokolade, weil er glaubt, in einem Gerichtsverfahren das alte und das neue Unrecht zur Sprache bringen zu können. Staudte: "In dem Prozeß entlarvt sich der mit allen Abwässern gewaschene Nazi und pensionsberechtigte Staatsbeamte
- er liest die 'Deutsche Soldatenzeitung' durch eine Hysterie, die seinem schlechten Gewissen entspringt."
Oberstaatsanwalt Schramm überrascht nämlich das Gericht zunächst durch die Milde seines Plädoyers, das sich wie eine Verteidigungsrede zugunsten des angeklagten Schokoladendiebs anhört. Er beendet seine Rede jedoch mit einer psychologischen Fehlleistung, die auf den Ereignissen des Jahres 1945 beruht: Schramm beantragt, "den Angeklagten zum Tode zu verurteilen".
Verlautbarte der NF-Verleih: "Kaum hatten die Dreharbeiten . . . begonnen . . . da veröffentlichte ein bekanntes deutsches Nachrichtenmagazin einen Parallelfall*. Im Film wurde die Urteilsvollstreckung durch einen Tieffliegerangriff verhindert; in der Wirklichkeit vernichtete ein Bombenangriff die Prozeßakten. Im Film amtiert der ehemalige Kriegsgerichtsrat ... als angesehener Oberstaatsanwalt; in der Wirklichkeit bekleidet der ehemalige Oberkriegsgerichtsrat den Posten des Präsidenten des Landwirtschaftssenats im Oberlandesgericht Celle."
Weiter NF: "Im Film wird der Oberstaatsanwalt beurlaubt und ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet; in der Wirklichkeit beantragte der Senatspräsident nach Veröffentlichung seines Vorlebens ein
Disziplinarverfahren gegen sich und bat, einen Erholungsurlaub antreten zu dürfen."
Wenngleich die Filmleute fortan für Staudtes Werk mit dem vom SPIEGEL aufgerollten Fall Wöhrmann warben, hatte der Regisseur auch während der restlichen Dreharbeiten immer noch Einflüsterungen zu widerstehen, die auf eine Entschärfung des Films abzielten. Produzent Ulrich verlangte immer wieder: "Dämpfen, dämpfen! Um Gottes willen nicht zu scharf." Staudte solle doch Rücksicht auf das deutsche Publikum nehmen, "das wir schließlich nicht beleidigen können".
Szene aus "Rosen für den Staatsanwalt"*
Zind im Film
Held
* Ingrid van Bergen in der Wirtin-Rolle. * SPIEGEL 28/1959

DER SPIEGEL 36/1959
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