09.09.1959

LÜBKE

Das Festival

Der Bundesernährungsminister Dr. h. c. Heinrich Lübke, designierter Bundespräsident, hat alle Zweifler Lügen gestraft, die nach seiner Wahl in das höchste Amt des Staates meinten, dem "grünen Heinrich" gebreche es ob seiner Bescheidenheit doch wohl am Sinn für Repräsentation, wie er für diesen Posten notwendig sei. Lübke aber ließ erkennen, daß es ihm geradezu Freude macht, sich öffentlich zur Schau zu stellen.

Vor wenigen Wochen überraschte der Minister seine christlich-demokratischen Parteifreunde im nordrhein-westfälischen Dinslaken mit dem Wunsch, sich von der Bevölkerung seines Wahlkreises Dinslaken-Rees, der ihn vor sechs Jahren und dann wieder vor zwei Jahren in den Bundestag delegierte, mit einem Festakt zu verabschieden. Weil er als Abgeordneter "für alle, auch für politisch Andersdenkende dagewesen sei", solle die erbetene Abschiedsvorstellung möglichst mit Unterstützung aller Parteien und auch der ortsansässigen Vereine bewerkstelligt werden.

Die Dinslakener CDU trug dem Lübke-Wunsch nach Überparteilichkeit beflissen Rechnung. Eine praktische Lösung bot sich zwanglos an: Die Christdemokraten baten den Vorsitzenden des unpolitischen Dinslakener Heimatvereins, den Apotheker Elmar Sierp, eine würdige Lübke-Feier auszurichten.

Der Pharmazeut griff freudig nach der Chance, das Vereinsleben mit einem so ehrenvollen Auftrag zu krönen, und lud zunächst die beiden bedeutendsten Kommunalpolitiker Dinslakens zu einem Informationsgespräch in seine Gartenlaube: den Bürgermeister Willy Lantermann und den Oberkreisdirektor Richter.

Indes, beide Herren zeigten sich wenig kooperationswillig, denn sie sind Sozialdemokraten. Lantermann überdies war bei den letzten Bundestagswahlen gegen Lübke in direktem Wahlgang unterlegen und verdankt es nur dem Institut der Landesliste, daß er doch noch in den Bundestag gekommen ist. Er machte in der Sierpschen Gartenlaube kein Hehl daraus, daß er an dem Abschiedsrummel für seinen politischen Rivalen nicht mitzuwirken gedenke.

Er hatte auch, starke Bedenken gegen den Vorschlag, dem Heinrich Lübke bei seinem Abschiedsfest gar die Ehrenbürgerschaft Dinslakens anzutragen. "Man muß", empfahl der Bürgermeister, "bei der Verleihung des Ehrenbürgerrechts sehr vorsichtig sein." Hat doch Dinslaken bisher keine glückliche Hand bei der Ehrenbürger-Auswahl gehabt: Sein einziger Ehrenbürger war Großdeutschlands Reichsmarschall Hermann Wilhelm Göring.

Apotheker Sierp war jedoch nicht der Mann, der sich durch eine solche Reserve, die ganz offensichtlich parteipolitisch gefärbt war, hätte entmutigen lassen: Unverdrossen bat er die Dinslakener Vereine zu einer Konferenz, um unter ihnen für eine Teilnahme an der "Verabschiedung des neuen Bundespräsidenten" zu werben.

Obwohl es 64 Vereine in der Stadt gibt, erschienen nur 20 Vertreter. Die Abgesandten der Sportvereine und der Gewerkschaften waren nicht gekommen, nachdem die Sozialdemokraten ausgestreut hatten, die CDU bediene sich des Heimatvereins, um eine Propaganda-Schau für sich selbst zu veranstalten.

Doch auch die meisten der 20 Vereinsdelegierten vermochte Veranstalter Sierp nicht zur Beteiligung an der Lübke-Feier zu überreden. Am nächsten Tage hagelte

es Absagen: Die Sängerinnen und Sänger des Volkschors Dinslaken lehnten es einstimmig ab, Heinrich Lübke zu verabschieden, wofür der Apotheker Sierp die Erklärung parat hatte: "Da sind viele Linksradikale drin." Die Sängervereinigung Dinslaken, politisch schwieriger einzuordnen, sang aber - gegen drei Stimmen das gleiche Lied.

Diese ungute Entwicklung hatte den Apotheker Sierp nun doch verschreckt. Eilends reiste er nach Belgien in Lübkes Urlaubsort Spa, um von der Widerborstigkeit der Dinslakener zu berichten und neue Direktiven einzuholen. Lübke ließ es sich nicht verdrießen: Er gab dem Heimatvereins-Chef Sierp einen Brief mit, in dem er seine Wahlkreis-Bürger beschwor, ihn einträchtig zu verabschieden," da er doch "für alle dagewesen sei".

Und: "Ich möchte ausdrücklich betonen, daß ich darum gebeten habe, nicht in einer parteipolitischen Veranstaltung verabschiedet zu werden, weil ich das mit meinem neuen Amt nicht mehr vereinbaren kann. Wenn ich am 29. August in Dinslaken bin, werde ich meine Ämter niedergelegt haben."

Aber selbst dieser schriftlich fixierte Wunsch des künftigen Bundespräsidenten vermochte die Eintracht der Parteien nicht herzustellen. Stadtrats-Fraktion und Ortsvereins-Vorstand der SPD in Dinslaken lehnten eine Teilnahme am Lübke-Fest endgültig ab, weil "die am 29. August 1959 vom Heimatverein aufgezogene, angeblich neutrale Veranstaltung eine politische Veranstaltung bleibt, auch wenn man einen unpolitischen Veranstalter vorgeschoben hat".

SPD-Oberkreisdirektor Richter wollte dem neuen Staatsoberhaupt aber doch entgegenkommen. Er fuhr am 26. August zu Lübke nach Bonn und überredete ihn zu einem Kompromiß. Danach sollten die Feierlichkeiten auf den 13. September verschoben und die Vorbereitungen dazu von einem Kuratorium mit Vertretern aller Parteien getroffen werden.

Bei solcher Lösung wäre Pharmazeut Sierp um die Chance gekommen, Veranstalter des Festes zu sein. Er ließ Lübke wissen, die Vorbereitungen für den 29. August seien bereits so weit gediehen, daß eine Verschiebung nicht mehr möglich sei. Lübke sah das ein, und so scheiterte sein erster Versuch, sich von überparteilicher Runde feiern zu lassen. Das Dinslakener Lübke-Festival mußte auf Oppositionsvertreter verzichten. . .

Das Abschiedsfest begann im Dinslakener Vorort Lohberg. 300 Schrebergärtner waren zusammengeströmt, um ihre Vereinsfahne von dem künftigen Präsidenten weihen zu lassen. Väterlich-gütigen Blicks legte Lübke seine Rechte auf ein grünes Fahnentuch aus Samt und Seide und erhob es mit dem Weihespruch "Das schönste Wappen auf der Welt ist der Spaten in unserem Gartenfeld" zum Panier des Lohberger Schrebergartenvereins "Am Fischerbusch".

Lübke nutzte die Gelegenheit, volksnahe nationalökonomische Hinweise zu geben. Eine Hausfrau, sagte der Minister, der im Schrebergarten das Gemüse vertrocknet sei, könne besser verstehen, warum die Gemüsepreise steigen, als eine Hausfrau ohne Garten.

Nach solcherlei Bekundungen wurde Heinrich Lübke in einem Pferdewagen von zwei Rappen durch die Straßen in Richtung Dinslaken gezogen. Nur wenige nahmen Notiz von dem Mann, der ihnen in quer über die Straße gespannten Transparenten als der "neue Bundespräsident" angekündigt worden war.

Auf der Freilichtbühne des Burgtheaters begann das eigentliche Fest, das Lübke ersehnt hatte. Irritiert ließ er die Huldigung des Dinslakener Industriellen Meyer über sich ergehen, der ihn mit "Herr Bundespräsident" begrüßte und ihm als Mitglied des Adenauer-Kabinetts dankte, daß dank seiner Interventionen kein Truppenübungsplatz im Dinslakener Kreis eingerichtet worden sei.

Im Vereinslokal der Dinslakener CDU "Zum schwarzen Ferkel" wurde der hohe Gast am Abend von seinen Parteifreunden abgefeiert. Auf "besonderen Wunsch" des Ministers Lübke nahm an dem CDU-Internum auch der Vorsitzende des unpolitischen Heimatvereins Dinslaken, Apotheker Elmar Sierp, teil, der die feierliche Lübke-Verabschiedung allen Widerständen zum Trotz organisiert und die Bildung eines überparteilichen Festkuratoriums verhindert hatte. Der Heimatkundler ist eingeschriebenes Mitglied der CDU.

Lübke, Kleingärtner, Fahne: Gleichnis vom trockenen Gemüse


DER SPIEGEL 37/1959
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 37/1959
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LÜBKE:
Das Festival