16.09.1959

WARENHÄUSEREiermann, laß die Wacht

Wenn die expansionsfreudigen Unternehmer der westdeutschen Warenhausbranche einen eindringlichen Rat aus den eigenen Reihen beherzigen, werden sie Fassaden und Interieur neuer Kaufhallen mit einem Mindestmaß an künstlerischem Aufwand verfertigen lassen. "Künftig müssen es sich große Betriebe ernsthaft überlegen", warnte der Generalbevollmächtigte des Kaufhaus-Millionärs Helmut Horten, "ob sie berühmte Architekten mit Bauaufträgen bedenken wollen. Sie müssen nämlich damit rechnen, daß der Bau zum Denkmal erklärt und der vollen Verfügung des Besitzers entzogen wird."
Die Verquickung von Kunst und Konjunktur erscheint den hortensischen Kaufleuten höchst fragwürdig, seit einem ihrer Warenpaläste das wirtschaftlich abträgliche, ansonsten aber ehrenvolle Schicksal droht, zum Monument erhoben zu werden: Der nordwürttembergische Denkmalrat hat im vergangenen Monat einstimmig befunden, das Stuttgarter Merkur-Kaufhaus sei der Erhaltung würdig - im Gegensatz zur Auffassung des Eigentümers Horten, der das Bauwerk abreißen lassen will.
Schon seit langem hält es die Firma Horten für erforderlich, das Merkur-Kaufhaus - eine Filiale der Merkur Horten & Co. KG. Nürnberg - zu modernisieren, um sich gegen die zeitgemäßeren Bauten der Konkurrenz behaupten zu können, etwa der Kaufhalle GmbH, der Union Vereinigte Kaufstätten GmbH und des Warenhauskonzerns Hertie, der gerade eine Super-Warenhalle in der Stuttgarter Innenstadt errichtet.
Als Horten und seine Berater ihre Abbruchpläne verkündeten, stellte sich jedoch heraus, was dem Großteil der Stuttgarter Bevölkerung drei Jahrzehnte lang entgangen war: daß der Merkur-Bau ein einmaliges und unvergleichliches architektonisches
Kleinod sei, dessen Demontage - nach den eilends gekabelten Worten des Direktors Arthur Drexler vom Museum für Moderne Kunst in New York - einem "Akt des Vandalismus" gleichkomme.
In der Tat ist der Warenpalast eines der wenigen Zeugnisse aus der Aufbruchperiode der modernen Architektur, die das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg ohne schwere Schäden überdauert haben. Das Gebäude wurde in den Jahren 1926 bis 1928 im Auftrag des Kaufhausunternehmers Salman Schocken von dem Architekten und Städteplaner Erich Mendelsohn errichtet, der neben Gropius, Mies van der Rohe, Garnier, Poelzig und Le Corbusier zu den Wegbereitern moderner Baukunst zählt. "Erich Mendelsohn", so schrieb die Londoner "Times" nach dem Tode des Baumeisters im Jahre 1953, "war einer der originellsten und bedeutendsten Architekten des Jahrhunderts."
Der gebürtige Ostpreuße hatte seine ersten großen Erfolge in Berlin einholen können, wo er nach dem Ersten Weltkrieg residierte. Er bekannte sich zum "Organischen Bauen", dessen Anhänger die Form aus der jeweiligen Aufgabe des Bauwerks entwikkelten - eine Konzeption, für die besonders der von Mendelsohn entworfene Einstein-Turm des Potsdamer Observatoriums als beispielhaft galt. Kühne Projekte, vor allem Fabrikanlagen, Geschäftsbauten wie das BerlinerColumbus-Haus. Lichtspielhäuser und Wohntrakte, verschafften ihm alsbald ein weltweites Renommee. Nach 1933 Wirkte der Emigrant Mendelsohn in England, Palästina und in den Vereinigten Staaten.
Sein Ruf gründete sich vor allem auf die hervorragende Befähigung, gewaltige Baumassen übersichtlich zu gliedern - zumeist durch die Betonung horizontaler Linien (endlose Fensterreihen), die oft von halbrunden Turmbauten aufgelockert werden. Diese Gestaltungsform bevorzugte der Architekt insbesondere bei Warenhäusern, die er etwa für den Kaufmann Schocken in Chemnitz und Stuttgart errichtete. Die Bauten hatten nach dem Urteil der "Times" einen "wohltuenden Einfluß auf die Kaufhaus-Architektur in der ganzen Welt".
Während die meisten Mendelsohn-Bauten in Deutschland den Kriegswirren zum Opfer fielen, konnte das Stuttgarter Schocken-Kaufhaus nach dem Kriege weiter als Basar verwandt werden. Angesichts der wirtschaftlichen Renaissance gelangte der neue- Besitzer Horten jedoch alsbald zu der Einsicht, das Warenpalais genüge nicht mehr den Ansprüchen der verwöhnten Konsumenten. Tatsächlich weist das Merkur-Haus weder Rolltreppen noch Selbstbedienungs-Einrichtungen noch ausreichende Klima-Anlagen auf, und die Anordnung der Verkaufsflächen erscheint überholt.
Es war daher verständlich, daß Horten sein Stuttgarter Besitztum modernisieren lassen wollte. Auch die Stadt Stuttgart war von diesem Projekt angenehm berührt, denn ein Merkur-Neubau, so überlegten die Kommunalpolitiker, ließe sich mit einem erstrebenswerten Ziel koordinieren, nämlich der Verbreiterung der überlasteten Eberhardstraße im Stadtzentrum.
Mit der Neuplanung des Kaufhauses wurde der Karlsruher Architekt Professor Egon Eiermann beauftragt, der nach gründlichem Studium für den Abbruch des Merkur-Hauses bis auf die Fundamente plädierte. Nur dann, argumentierte Eiermann, könne man die modernsten baulichen und verkaufstechnischen Erfordernisse berücksichtigen. In lokaler Sicht nahm sich das Eiermann-Projekt, etwa in den Spalten der "Stuttgarter Zeitung", zunächst auch als "großer Fortschritt der Planung" und "entscheidender Schritt weiter im Aufbau der Stuttgarter Altstadt" aus.
Das positive Engagement des Blattes wandelte sich allerdings in vorsichtige Ablehnung, als die Fachschaft Architektur der Technischen Hochschule Stuttgart aus dem Neubau-Projekt unerwartet eine Prestigefrage für die deutsche Architektur ableitete. Die Hochschulstudenten wandten sich "aufs schärfste" gegen den Abbruch und glaubten sich zu dem Urteil berechtigt, daß "dieser Bau ... ein Markstein in der Geschichte der modernen Architektur" sei. "Der Mendelsohn-Bau ist für Stuttgart einmalig und hat internationalen Rang ... Wir protestieren dagegen, daß merkantile Gründe zur Vernichtung eines,Kunstwerkes führen."
Das Alarmsignal der Jungakademiker löste ein weltweites Echo aus. Eine Flut von Briefen, Telegrammen und Anrufen brandete in die süddeutsche Metropole. Aus Chicago protestierte Mies van der Rohe gegen den Abbruch, aus Los Angeles meldete der angesehene Betonkünstler Richard J. Neutra Bedenken an, und Walter Gropius telegraphierte aus Lincoln: "Mendelsohns Schocken-Bau wertvolles Denkmal deutscher Architektur. Muß erhalten bleiben." Auch der Holländer Pieter Oud, der Finne Alvar Aalto und der Amerikaner Wallace K. Hardigon, allesamt Koryphäen der neuen Baukunst, plädierten für die Erhaltung des Gebäudes; der Schweizer Max Bill, ehemals Rektor der Hochschule für Gestaltung in Ulm, warnte nachhaltig vor einem "Schwabenstreich".
Die Fachpresse des Auslands bemächtigte sich alsbald des Mendelsohn-Themas und variierte es durchweg so, daß es Eiermann schwerfand, sein Projekt zu verteidigen. Als die Architektur-Studenten der Technischen Hochschule ihn schließlich zu einer öffentlichen Diskussion einluden, argumentierte er weniger für den Neu- als gegen den Altbau. Es müsse endlich offen gesagt werden, meinte der Architekt, daß der Mendelsohn-Trakt "minderwertig" sei, was Konstruktion, Grundriß und technische Einrichtungen betreffe. Die so oft gerühmte Fassade sei "eine Vorgabe, die nicht dem inneren Gefüge" entspreche, und der Treppenhausturm sei "ohne jede Funktion". Eiermann: "Er ist eine blanke Offerte an die Öffentlichkeit."
Die Auslassungen des Professors mündeten in der polemischen Feststellung, man diskutiere über den Bau nicht, weil es Kunst, sondern weil es Mendelsohn ist". Der Stuttgarter TH-Professor Siegel assistierte Eiermann mit dem belehrenden Hinweis, die angehenden Architekten sollten "nicht wie alte Tanten um Fragwürdigkeiten herumdiskutieren".
Im übrigen aber wurde dem Horten-Planer von den Professoren-Kollegen in der Bundesrepublik kaum Zustimmung zuteil. Der Vorsitzende des Deutschen Werkbundes, Professor Schwippert, meinte beispielsweise, "nach Gesinnung, baumeisterlichem Wagemut und struktureller Erscheinung" sei das Stuttgarter Warenhaus "bedeutend besser als das dünne Zeug, mit dem wir in den (letzten) ... Jahren unter lauten Anpreisungen ... leider im Übermaß beglückt werden". Dagegen zeigte Hamburgs Oberbaudirektor Professor Werner Hebebrand Verständnis für die Absichten der Neubauer. Er meinte sogar, daß Mendelsohn, "lebte er noch, ohne zu zögern seinen eigenen Bau abgebrochen hätte, um ein noch zeitgemäßeres Warenhaus an seine Stelle zu setzen".
Ob freilich Mendelsohn einem Neubau ähnliche Züge verliehen hätte wie der Gedächtniskirchen-Erneuerer Eiermann, bleibt fraglich. Nach den Entwürfen des Karlsruher Architekten soll die Vorderfront der Warenhaus-Konstruktion mit einem Leichtmetallvorhang verkleidet werden, der vor der eigentlichen Passade hängt und mit zahlreichen Bullaugen durchsetzt ist.
Kommentierte die Witwe Mendelsohns: "Spätere Generationen werden besser als wir Erich Mendelsohns Bedeutung in der Entwicklung der Architektur des 20. Jahrhunderts beurteilen können - und somit verurteilen, daß einer der wenigen (erhaltenen) Bauten Erich Mendelsohns ... freiwillig von seinen Landesgenossen hingerichtet wurde."
Bislang ist allerdings noch ungewiß, ob die Hinrichtung überhaupt vollzogen wird. Nachdem der nordwürttembergische Denkmalrat, der die "geschichtlich und künstlerisch wertvollen Bauwerke" alemannischer Bezirke behütet, die "Erhaltungswürdigkeit" des Schocken-Baus grundsätzlich anerkannt hat, hegen die Mendelsohn-Anhänger neue Hoffnung. Insbesondere vertrauen sie darauf, daß der umstrittene Bau nun auch in das sogenannte Denkmalverzeichnis aufgenommen wird - ein Akt, über den der Denkmalrat erst "nach Prüfung der baurechtlichen und sonstigen Konsequenzen" durch das Regierungspräsidium beschließen will.
Die Zurückhaltung des Denkmalrates erscheint verständlich angesichts der Tatsache, daß die Eintragung in das Schutzregister ungemein kostspielige Folgen für den Staat mit sich bringen kann. Horten kann nämlich die Streichung der Registrierung beantragen - Hamburgs Stadtplaner Hebebrand: "Kann man einem Bauherrn ... zumuten, sich denkmalpflegerisch zu betätigen?" - und, falls sich der Denkmalrat diesem Wunsch verschließt, ein Verwaltungsgericht anrufen. Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens könnte Horten den Staat für den finanziellen Schaden haftbar machen, der durch die Denkmalsregistrierung oder die möglicherweise monate- bis jahrelange Verzögerung der Warenhaus-Modernisierung entstehen würde.
Hortens Generalbevollmächtigter Hermann Eckelmann hat bereits Schadenersatzforderungen für den Fall angedroht, daß der Mendelsohn-Basar zum Denkmal erklärt wird. Eckelmann: "Die Summe wird in die Millionen gehen."
Mendelsohn-Observatorium in Potsdam: Denkmalsschändung ...
... aus merkantilen Gründen?: Mendelsohn-Kaufhaus in Stuttgart
Architekt Mendelsohn
Akt des Vandalismus

DER SPIEGEL 38/1959
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