23.09.1959

VICHY-REGIME

Verdrängter Haß

Zwanzig Jahre nach dem Beginn des

Zweiten Weltkriegs widmeten französische Zeitungen den politischen und militärischen Ereignissen, die im Juni 1940 zu der völligen militärischen Niederlage und zum Sturz der III Republik führten, melancholische Gedenkartikel. Historiker und Chronisten philosophierten wieder einmal, aufgrund welcher Ursachen eine Großmacht wie Frankreich - nach den Worten des amerikanischen Historikers William Langer - "in nicht einmal sechs Wochen vom internationalen Schauplatz buchstäblich weggefegt" wurde.

Während sich die französischen Historiker über die militärischen Ursachen des Zusammenbruchs einigermaßen einig sind, gibt es über die Folgen des militärischen Debakels - den Waffenstillstand, die Errichtung des Pétain-Staates und den Widerstand des Generals de Gaulle - immer noch zäh vertretene Meinungsverschiedenheiten. Memoiren, Anklageschriften und Rechtfertigungsversuche entfesseln seit Jahren immer wieder aufs neue die nationalen Leidenschaften.

Daß die französische Geschichtsschreibung bis heute noch nicht zu einer objektiven und leidenschaftslosen Beurteilung der Niederlage und des Vichy-Regimes gelangt ist, erwies sich vor einigen Wochen, als französische Widerstands-Historiker vom "Komitee für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs" beauftragt wurden, auf ein angeblich kollaborationsfreundliches Sammelwerk über die Okkupationszeit - eine Veröffentlichung im Auftrag des amerikanischen Hoover-Instituts - mit einer kritischen Gegenpublikation, "Frankreich unter der Okkupation", zu antworten.

Ein weiteres, sehr umstrittenes Werk über jene Epoche der französischen Geschichte liegt seit einiger Zeit auch in deutscher Sprache vor. Es trägt den Titel "Der Himmel stürzt ein"* und stammt von dem französischen Historiker Jacques Benoist-Méchin, der sich schon wiederholt bei vielen Franzosen unbeliebt gemacht hat, weil er es ablehnt, in dem Weltkrieg-I-Marschall Pétain und den Ministern des Vichy-Regimes Verräter an Frankreich zu sehen.

Der Verfasser ist 1947 durch einen politischen Prozeß bekannt geworden: Benoist -Méchin, schon vor dem Kriege ein Gesprächspartner Ribbentrops und einer der Vertrauten des späteren Pariser Botschafters Abetz, war zeitweilig Staatssekretär der Vichy-Regierung und einflußreicher Mitarbeiter Marschall Pétains. Er wurde am 6. Juni 1947 vom Staatsgerichtshof in Versailles zum Tode verurteilt, zwei - Monate später begnadigt und 1954 aus dem Gefängnis entlassen.

Benoist-Méchin gilt als Miturheber einer diplomatischen Manipulation, die dem Vichy-Regime nach dem Kriege die schwerwiegende Anklage eintrug, es habe im Januar 1942 - gegen die Zusicherung günstiger Friedensbedingungen England und Amerika den Krieg erklären wollen.

In den Archiven des deutschen Auswärtigen Amtes wurde in der Tat ein Telegramm des Botschafters Abetz aufgefunden, in dem es heißt, daß die Vichy-Regierung am 11. Januar 1942 unter dem Vorsitz des Marschalls Pétain einstimmig beschlossen habe, "England und den Vereinigten Staaten nach Regelung der Präliminar-Fragen, die ich mit Benoist -Méchin besprochen habe, den Krieg zu erklären" und Frankreich "an der Seite Deutschlands ohne Vorbehalte bis zum Endsieg zu führen".

Heute steht mit einiger Sicherheit fest, daß ein solcher Beschluß nie gefaßt worden ist. In einer Besprechung mit Ribbentrop und Abetz hatte Hitler am 5. Januar 1942 das Thema einer Abänderung der Waffenstillstands-Bedingungen für die französischen Gebiete in Nordafrika angeschnitten, sich jedoch über die politischen Absichten Vichys skeptisch geäußert. Eine Entscheidung wurde verschoben. Der romantisch-ehrgeizige Abetz berief daraufhin Benoist-Méchin nach Paris und beauftragte ihn offenbar eigenmächtig, bei der Vichy-Regierung die Aufnahme eines möglichen "Führer-Angebots" zu sondieren.

Aus den Aufzeichnungen Benoist -Méchins geht hervor, daß Pétain und sein damaliger Stellvertreter, Admiral Darlan, Verhandlungen über das von Abetz erfundene "Angebot" zugestimmt hätten. Im Gegensatz zu Abetz, dem die Mit-Kriegführung "ohne Vorbehalte" vorschwebte, spricht Benoist-Méchin nur von einer Zustimmung Vichys zu dem Grundsatz militärischer Zusammenarbeit, die von der vorherigen Regelung politischer Fragen abhängig sei. Ein Telegramm dieses Inhalts - die Antwort auf das imaginäre "Führer-Angebot" - wurde von ihm und Abetz gemeinsam redigiert, heißt es in dem Rapport Benoist-Méchins.

Die. Lesart, daß ein Ministerrat jenem nicht-existenten Angebot "einstimmig" zugestimmt habe, wurde später von Marschall Pétain selbst kategorisch dementiert. Von dem Inhalt des Abetz-Telegramms, das von dem ursprünglich redigierten Text abweicht, will Benoist -Méchin nichts gewußt haben. Hauptsächlich der ungeklärten Telegramm-Affäre verdankte jedoch der heutige Chronist der "Sechzig Tage" (zwischen dem Beginn des Westfeldzuges und der Konstituierung des Vichy-Regimes) sein Todesurteil, da seine Richter - wie der französische Historiker Robert Aron spottet - die Abetz-Depesche "offenbar ernster nahmen als der Empfänger", Hitler oder Ribbentrop, der sie kommentarlos in die Archive wandern ließ.

Den deutschen Lesern werden solche Fakten freilich ebenso vorenthalten wie jener Teil des dritten Bandes der Originalausgabe, in dem Benoist-Méchin als Verteidiger der "kollaborationistischen" These auftritt, daß der Waffenstillstand im Juni 1940 für Frankreich eine militärische und politische Notwendigkeit gewesen sei. Deutschland habe mit dem Waffenstillstand jedoch einen Fehler begangen, der Frankreich und wahrscheinlich auch England gerettet habe.

Als diebeiden anderen deutschen "Kapitalfehler der 60 Tage" bezeichnet der Autor den Halt-Befehl an die deutschen Panzer vor Dünkirchen und das Zögern Hitlers auf der deutsch-italienischen Konferenz am 7. Juli in Berlin, als er sich weder für die energische Vorbereitung der Operation "Seelöwe" - der Invasion Englands - noch für eine Friedensaktion entschied; das heißt, für den raschen Abschluß großzügiger Verträge mit Norwegen; Holland, Belgien und Frankreich - Verträge, die England politisch isoliert und für einen Kompromiß eher gefügig gemacht hätten. "Sein Zögern kam ihm (Hitler) teuer zu stehen", behauptet Benoist-Méchin, "denn es band ihm in einer Stunde, als seine Truppen in die russischen Steppen eindrangen, im Westen die Hände".

Den Feldzug im Westen definiert Benoist -Méchin als eine "einzige

Schlacht in mehreren Bewegungen". Aber im Inneren dieser "einzigen Schlacht", so lautet die These des Autors, spielten sich "in Wirklichkeit ... drei Kriege ab: ein deutscher Krieg, ein französischer und ein englischer Krieg. Sie wurden mit so verschiedenen Mitteln geführt, daß man vergeblich etwas Gemeinsames an ihnen sucht".

Jugend, Beweglichkeit und Konzentration der Mittel waren die wesentlichen Eigenschaften der deutschen Wehrmacht, als sie an der Westfront zum Angriff antrat, kommentiert Benoist-Méchin seine Chronik der 60 Tage. Das mittlere Alter der französischen Soldaten lag bei 29 Jahren, das der deutschen unter 23 Jahren. Dieser Unterschied, so bemerkt der Verfasser sarkastisch; wurde noch dadurch verstärkt, daß die jüngere der beiden Armeen motorisiert war, "während die ältere gezwungenermaßen zu Fuß gehen mußte".

Ihre Beweglichkeit verdankte die Wehrmacht deiner Plejade junger Chefs", die mit Hilfe eines Diktators das Instrument der neuen Strategie schmiedeten: die Kombination von Panzern und Flugzeugen, denen die Masse motorisierter Infanterie folgt. Der "tragischen Zersplitterung" auf französischer Seite begegneten die Deutschen mit der methodischen Konzentration ihrer Kampfmittel. So gelang es, in "drei mächtigen Rammstößen" den Weg zum Ärmelkanal, zum Atlantik und den Zugang zu den Alpen und zum Mittelmeer frei zu machen - "ein militärisches Meisterwerk von erstaunlicher Einfachheit".

Als die Zeit der "Panzer-Hegemonie", der Blitz-Offensiven und der kühnen Durchbrüche vorbei ist, schwinden die Siegeschancen der Wehrmacht rasch: "Die Defensive ist für sie ein Synonym für Ersticken", behauptet der Autor. Die strategische Doktrin des französischen Generalstabs beruhte dagegen auf der alten Formel von dem Vorrang der Defensive und der Theorie der kontinuierlichen Front. Aber gab es denn überhaupt so etwas wie eine "französische Strategie"? fragt sich Benoist-Méchin. "Es ist betrüblich, davon zu sprechen", lautet die Antwort, "aber man findet sie nicht."

Der französische Oberkommandierende, General Gamelin, der in der Stunde der Entscheidung "von der schrecklichen Notwendigkeit des Handelns" niedergeschmettert ist, verkündet am Morgen des 10. Mai, daß "der Feind die Offensive, die wir seit Oktober erwarten, an der vorgesehenen Stelle" eröffnet habe. Fünf Tage später gab er dem Kriegsminister bekannt, daß die Verteidigungsfront zerbrochen sei und deutsche Panzer gen Paris rollten.

Sein Nachfolger, General Weygand, beschließt den Durchbruch in Richtung Arras, um die eingeschlossenen französischen Armeen zu retten; im gleichen Augenblick gibt Lord Gort den englischen Expeditionstruppen Befehl, sich bei Arras und Dünkirchen vom Feind zu lösen.

Benoist-Méchin nimmt Weygand gegen de Gaulle in Schutz, der behauptete, man hätte in jener Stunde brüsk mit der herkömmlichen Strategie der "meterweisen Verteidigung nationalen Bodens" brechen müssen, um den Trumpf der "großen Räume, Hilfsquellen und Geschwindigkeiten" auszuspielen, "unter Einschluß der entfernten Gebiete, der Bündnisse und der Meere".

Die These de Gaulles, so urteilt der Autor, ist irreal. Selbst wenn man an. nimmt, französische Truppen hätten den deutschen Panzern entschlüpfen und unbehelligt durch deutsche Bomber und italienische Torpedos Afrika gewinnen können, wären sie bald von deutschen Panzer- und Fallschirmjägertruppen aus Spanisch-Marokko, Libyen, Sardinien und Sizilien gestellt und besiegt worden.

Die bescheidene Waffenhilfe, die England mit einer "Mobile Division" und der improvisierten, bald "Brigade", bald "Division" genannten "Einheit Evans" den Franzosen leistete, erklärt Benoist-Méchin aus der herkömmlich vertrauensseligen Vernachlässigung der britischen Landstreitmacht - da England darauf zählte, daß ihm die französische Armee ausreichend als Schutzschild diene. Denn England glaubte "ohne Zweifel an den Wert unseres Oberkommandos, an die Macht unseres Kriegsmaterials, an den Kampfgeist unserer Truppen".

Spätestens sieben Tage nach dem Beginn der Offensive tritt bei den Engländern das "psychologische Revirement" ein: Im War Office hat man sich damit abgefunden, daß die erste Phase des Krieges mit einer Niederlage enden wird. In der englischen Kriegsstrategie ist Frankreich nicht mehr "das einzige und definitive Schlachtfeld, wo sich unwiderruflich das Schicksal des Krieges entscheidet", sondern allenfalls "der äußere Rand des Wassergrabens, der die britische Feste schützt".

Das Wort "Verrat" spricht der Autor nicht aus. Er formuliert seinen moralischen Vorwurf gegen England indirekt: Niemals hätte der langfristige Kriegsplan der Briten Erfolg haben können, wenn Frankreich "ebenso gehandelt hätte wie sie". Es war notwendig, so argumentiert Benoist -Méchin mit bitterer Ironie, "daß Frankreich bis zur Erschöpfung seiner Kraft Widerstand leistete, damit England Aufschub zur Regeneration der seinen fand".

Daß England im Juni 1940 das Schicksal Frankreichs dem des britischen Empire unterordnete, nimmt der Autor als eine britischer Optik angemessene Notwendigkeit hin. Er findet indes verwerflich, daß man britischen Generälen den Rückzugsbefehl mit der Anweisung gab, sich so zu verhalten, daß "die Franzosen nicht den Eindruck gewinnen, man ließe sie im Stich".

Als Frankreich die Waffen niederlegt, erscheint - nach Benoist-Méchin - im Ermutigungs-Vokabular der Briten schließlich die Drohung. "Sie wissen nicht, welch unerbittliche Feinde wir sein können", erklärt der persönliche Emissär Churchills, General Spears, dem vom Ministerpräsidenten Reynaud aus Madrid herbeigeholten Marschall Pétain. "Die Franzosen vergessen das von einer Generation zur anderen."

Marschall Pétain, der die Kapitulation beschloß und dann mit Hitler kollaborierte, ist für Benoist-Méchin zwar der Erbe, nicht aber der "Verantwortliche" der Katastrophe. Zur Politik des Marschalls bekennt sich der Autor unmißverständlich.

Seiner Pétain-Hymne zuliebe attackiert der ehemalige Ratgeber des Marschalls sogar dessen mythisches Gegenbild, den heutigen französischen Staatspräsidenten, und spricht den Verdacht aus, de Gaulle habe, als er den Kampf gegen Deutschland wiederaufnahm, aus sehr persönlichen Motiven gehandelt. In einem Augenblick, "wo uns England unsere Flotte und unser Empire" nehmen wollte, habe de Gaulle dem greisen Marschall "seine Ehre und die Liebe des französischen Volkes" zu entreißen gesucht - aus einem "verdrängten Haß" heraus, den de Gaulle seit langem gegen Pétain genährt habe.

* Jacques Benoist-Méchin: "Der Himmel stürzt ein"; Droste-Verlag, Düsseldorf; 696 Seiten; 27,80 Mark.

Vichy-Premier Pétain: Mit Hitler gegen Engelland?

Pétain-Verteidiger Benoist-Méchin

Sehr persönliche Motive


DER SPIEGEL 39/1959
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