23.09.1959

EVANGELISTENAtmet Briefe ein

Wie ein Magnet wirkte auf die Teilnehmer der. "Ersten Deutschen Evangelischen Allianzkonferenz" Ende vorletzter Woche in Siegen der Name des pensionierten Eisenbahners Werner Heukelbach aus dem Dörfchen Wiedenest im Bergischen Land. Er sprach vor etwa 6500 Pfarrern, Predigern und aktiven christlichen Laien.
Mit Heukelbach beschäftigte sich in einer
internen, Sitzung der Hauptvorstand der "Allianz", einer Versammlung von Vertretern der evangelischen Kirchen, Freikirchen und zur Allianz gehörenden Gemeinschaften. Es ging darum, den Allianz-Gast, der als Solo- Glaubensverkünder ohne theologische Ausbildung unwahrscheinliche Erfolge aufzuweisen hat, "näher an die Allianz heranzuführen".
Gestört wurden diese Bemühungen vor allem durch die Bedenken einiger Geistlicher, die in der Nähe des Heukelbachschen Wohnsitzes amtieren. Dem Laienprediger, der sich Evangelist nennt, wird unter anderem vorgehalten:
- Er sei aus der Evangelischen Landeskirche ausgetreten und habe damit kein gutes Beispiel gegeben;
- seine allzu kunstlose Art der Verkündigung spreche nur die sogenannten Primitivschichten der Bevölkerung an;
- sein Wirtschaftsgebaren innerhalb der von ihm aufgezogenen Schriftenmission sei schwer durchschaubar.
Pfarrer Deitenbeck - als Vertreter der evangelischen Landeskirchen - entschuldigte den Bruder Heukelbach ("Bruder" ist die in der Allianz gebräuchliche Anrede): "Er-ist eben ein unregelmäßiges Verbum!"
Liebevoll, doch streng machte der 70jährige Allianz-Bundesdirektor Paul Schmidt den Vorschlag, das Heukelbachsche Missionsunternehmhen in Zukunft durch ein kleines Gremium von Brüdern der Allianz periodisch überprüfen zu lassen. Heukelbach sperrte sich gegen dieses Ansinnen.
Der Mann aus Wiedenest hat es in der Tat nicht mehr nötig, sich von einem (wenn auch noch so honorigen) Kreis in die Mitte nehmen zu lassen: Stolz berichtete er von seinen Erfolgen auf dem Gebiet der Presse- und Radio-Mission und teilte seinen Zuhörern mit, daß er eine Reklame-Aktion "in mehr als 25 Millionen Zeitungsexemplaren" des In- und Auslands gestartet habe. Dem Manne gegenüber, der sich dank gesunder Finanzlage in großen und größten Inseraten uneigennützig als Helfer in Glaubenssachen anbieten kann, verstummte denn auch bald die Kritik:
Heukelbach blieb Held der Veranstaltung.
Seit fast drei Jahrzehnten beherrscht der missionarische Drang den nunmehr Einundsechzigjährigen, dessen Anhängerschaft nach Hunderttausenden zählt.
Entscheidend für den Lebensweg Heukelbachs wurde, was ihm 1928 seine kleine Tochter Ilse mitteilte, als sie eines Tages aufgeregt aus der Schule kam. Die Lehrerin hatte von einer Höllenuhr berichtet, die unaufhörlich den Verdammten ein monotones Donnerwort vorticke: "Immer bleibste hier, nimmer kommste raus, immer bleibste hier, nimmer kommste raus ..." Der bis dahin nichts weniger als fromme Heukel ach - "Das Wort traf mich" - beschloß, Evangelist zu werden. So nennt er sich denn auch seit 1935 auf Briefköpfen und Visitenkarten.
Heukelbach, ehemals Kind der evangelischen Kirche, wandte und wendet sich an alle, die ungewöhnliche Wege religiöser Erneuerung suchen. Er ist Autor einer umfänglichen Erbauungsliteratur. Erinnerungen an den Höllenwecker der Lehrerin mögen die Kapitelüberschrift "Spät ist's an der Weltenuhr" in dem von einem Erbauungsautor F. P. Keller verfaßten, von Heukelbach bearbeiteten und verlegten Heft "Das harrt Ihrer" mitbestimmt haben.
Unter dem Titel "Vom Gottesleugner
zum Evangelisten" hat Heukelbach 1945 seine Konfessionen veröffentlicht. Die Memoiren beginnen mit dem lapidaren Satz: "Mit vierzehn und fünfzehn Jahren bin ich viel im Walde herumgestreift." Der aus dem Dorf Wiedenest bei Gummersbach stammende Autor schildert zunächst ausführlich die Zeit, "da mein Herz sich nach Welt und Sünde sehnte". Er meditiert über den verderblichen Einfluß von "Turnabenden" im Wirtshaus, die bis zum Morgen währten. Von der Militärzeit, die er als Gemeiner und Gefreiter durchstand, weiß Heukelbach zu berichten: "Hier gab es Gelegenheiten genug, das junge Leben zu beschmutzen und der Sünde zu leben."
Aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt, spielte der Sünder Heukelbach sogar am Karfreitag Karten und attackierte Lehrer wie Lernwillige einer Bibelschule mit Steinen. Zusammen mit anderen Berufskameraden gründete er damals auch einen "unmoralischen Verein". "Um der Sache einen harmlosen Anstrich zu geben, nannten wir diesen Klub Stenographenverein'." Von Kurzschrift war in dem Verein weniger die Rede als vom Alkohol.
Der ehemalige Volksschüler Heukelbach war zunächst Arbeiter bei der Post, später bei der Reichsbahn Rangierer und Fahrkarten-Ausgeber. In dieser Phase seines Lebens wurde er durch den Höllenuhren-Bericht seines Töchterchens erweckt. Der Umstand, daß Werner Heukelbach alsbald begann, Dienstgespräche mit Bibelsprüchen zu garnieren, wirkte sich für den Zugverkehr nur bedingt förderlich aus. Auch nachdem die alte "Sehnsucht nach der roten Mütze" erfüllt und Heukelbach Dienststellenleiter des Dorfbahnhofs Hützemert geworden war, fand er mit seinen Heilsbotschaften bei Untergebenen und Reisenden nicht immer Verständnis.
Über Heukelbach laufen heute im Bergischen Land Anekdoten um, die er zwar nicht bestätigt, von denen er aber verschmitzt lächelnd sagt: "Es ist Wahres dran." So soll er als Kaffeekoch - der die Schienenarbeiter mit warmem Getränk versorgte - dem Signal-Hornisten- des Trupps empfohlen haben, nicht mehr zu tuten: "Gott, der Herr, wird uns warnen!"
In seinem Lebensbericht schildert Heukelbach einen missionarischen Besuch im Dorfwirtshaus ohne Scheu:
Drinnen war alles ziemlich voll. Ich klopfte ans Fenster und sagte: "Würden Sie mir gestatten, einmal ganz kurz etwas zu erzählen?" Manche konnten mich und sagten: "Das ist ja unser Bahnhofsvorsteher!" Ich erzählte dann fröhlich, was der Herr an mir getan...
Das Sündenleben vor der inneren Erneuerung wurde offenbar nicht unrealistisch dargestellt:
Eine Frau rief aus dem Fenster: "Für uns ist es nicht schlimm, so etwas zu hören, aber tut die Kinder weg..."
Als der gewandelte Heukelbach im "Stenographenverein" ebenfalls "Zeugnis ablegte", meinten die Kameraden: "Er ist übergeschnappt!"
Solche Unbill indessen focht Heukelbach wenig an. Er machte sich in seiner engeren Heimat einen Namen, indem er "Evangelisationsblättchen" an Telegraphenmasten heftete und winters über die Berge wanderte, um kilometerweit immer wieder Worte wie "Jesus macht glücklich" mit dem Spazierstock in den Schnee zu malen.
Die besorgte Reichsbahn ließ Heukelbach von einem Arzt untersuchen, der geschwollene Beine diagnostizierte. Mit diesem Gebrechen wurde der 36jährige Bahnhofsvorsteher 1934 vorzeitig pensioniert.
Von da an vollzog sich die entschiedene "Kehrtwendung" Heukelbachs zum professionellen religiösen Wohltäter. "Meine Gedankenwelt war von Sünde durchtränkt", gesteht er im Rückblick auf sein früheres Leben. "Befriedigung der Augenlust ... lüstern die Ohren gespitzt..." - all dies gab es nicht mehr: "Meine Seele schreit nach Gott."
Der Ruf wurde weitergegeben. In den folgenden Jahren trat Heukelbach als Redner in zwei- oder drei- und später viermastigen transportablen Zelten auf ("Fachleute vom Zirkus staunten") und versandte Traktätchen mit "Botschaften" an Interessenten.
Er reiste - zu Fuß, auf dem Motorrad, schließlich im Auto - schwarzgekleidet ("Die Leute hielten mich für einen Pastor") durch ganz Deutschland und bezeugte seine Wandlung vom Eisenbahner zum Evangelisten vor Bergarbeitern, Soldaten, gefallenen Mädchen und anderen Hörern. "Besondere Wirkungen des Herrn" an den Grisetten erlebte Heukelbach speziell in Düsseldorf.
Aus Geldverlegenheiten wurde er auf seinen Tourneen regelmäßig durch begüterte Gönner oder auf wundersame Weise errettet. Heukelbachs Story von den dringend benötigten 550 Reichsmark für eine Saalmiete fand weite Verbreitung:
Ich fuhr nach Hause. Dort breitete ich mein Anliegen vor dem himmlischen Vater aus und nannte Ihm die Summe . .. Es dauerte einige Tage, da wurde der Betrag von RM 500, - an meine Adresse geschickt. Der Absender war nicht genannt. Ich konnte noch nicht so recht dafür danken. Mein Gebet war: Vater, es waren keine RM 500,-, es waren RM 550,-. Es dauerte wieder einige Tage, da kamen RM 50,-, wieder von einem mir unbekannten Absender.
Vorgetragene und gedruckte Geschichten dieser Güte machten Heukelbach so bekannt, daß er dazu übergehen konnte, seine Arbeit nach streng kaufmännischen Regeln zu organisieren. Das von ihm entwickelte Missionssystem ist so einfach wie genial: Zeitungsinserate fordern zum kostenlosen Bezug der Schriften auf.
Obwohl er in Geschäftskreisen seit langem als guter Zahler bekannt war, stieß er mit seiner Pressemission zunächst auf Schwierigkeiten. Daß die Zeitungen, die zunächst von Heukelbachs - nach moderner Public-relations-Methode in Artikelform gehaltenen - Inseraten-Botschaften nichts wissen wollten, sich dann doch eines anderen besannen, verdankt der Evangelist der auflagenstarken Rundfunk- und Fernsehzeitung für das deutsche Heim "Hör zu". Er referierte vor der "Allianz":
Als ich an "Hör zu" herantrat mit der Bitte, von mir doch die Botschaft des Evangeliums auf einer ganzen Seite herauszubringen, bekam ich ein entschiedenes Nein. Zu dem Generalbevollmächtigten (des Anzeigenleiters Abraham) sagte ich fernmündlich: Ich habe aber den Auftrag von Gott, diesen Dienst zu tun, und Sie werden von mir in dieser Stunde vor Gott angeklagt, weil Sie mir den Weg versperren - Es blieb in diesem Telephongespräch bei einem Nein. Ich sagte weiter: Ich werde beten, daß Gott Ihr Herz unruhig macht und daß er Sie willig macht, die Botschaft aufzunehmen. - Nicht eine Viertelstunde war vergangen, da bekam ich den Anruf, daß ich den Artikel senden sollte.
Der spontane gute Wille, von Heukelbach pro Seiteninserat fast 37 000 Mark zu kassieren, brachte der Zeitschrift "Hör zu" reichen Lohn: Der dankbare Evangelist kaufte allein im letzten Abschlußjahr drei Reklameseiten zu je 41 600 Mark.
Die "Hör-zu"-Insertion öffnete dem zahlungskräftigen Heukelbach so wohlrenommierte Blätter wie die "Frankfurter Allgemeine" und die "Süddeutsche Zeitung"; auch "Das Beste aus Reader's Digest"
("Konzern der guten Herzen") stand dem
Evangelisten zur Werbung offen.
"Die meist sehr persönlichen Zeitungsbotschaften beginnen häufig mit den Sätzen:
Einst wollte ich von dem Herrn Jesus gar nichts wissen . .. Dann kam die große Erneuerung meines Lebens. Ich erkannte, daß Ich ein Sündiger war. Jetzt wünsche ich nicht mehr In mein altes Leben zurück ..-. Zur Ehre meines Herrn und Heilandes erzähle ich. ... dieses Erlebnis ...
Die sprunghaft sich ausweitende Inseratwerbung verschlingt gewaltige Summen. "Es geht dabei um sechsstellige Beträge", erklärt der Kölner Verlagskaufmann Hubert Plessen, Kontaktmann einer großen Anzeigen-Expedition, die für Heukelbach arbeitet, Der Evangelist hat sich nämlich vorgenommen, möglichst, die gesamte deutschsprachige Presse - auch die des Auslandes - "zu erfassen". So kommt es,
daß seine Inserate mit dem Slogan "Gerade
Du brauchst Jesus" nicht nur in fast jedem deutschen Kreisanzeiger, sondern beispielsweise auch in der "Afrika-Post" (Johannesburg) oder im kanadischen "Nordwesten" (Winnipeg) erscheinen.
Wer nach Wiedenest schreibt, wird postwendend mit Drucksachen und einem "Freundschaftsbrief" bedient. Die mit irdischem Leid behafteten Interessenten macht sich Heukelbach durch systematische und psychologisch ausgeklügelte Kontakt-Pflege per Post zu Freunden. "Ich atme die vielen Briefe, die mich täglich erreichen, ein", behauptet der Evangelist. Die erledigten Zuschriften werden sorgfältig verbrannt: eine notwendige Maßnahme, denn die Thematik der Zuschriften reicht von der
- vergeblichen - Bitte um Bargeld bis
zum detailliert geschilderten Ehebruch.
Jeder Briefschreiber erhält eine individuelle Antwort, zumeist eine kurze Anleitung zum Gebrauch der gleichzeitig übersandten Traktate. Der von der Adrema fixierte neue Freund wird von diesem Zeitpunkt an unbestimmt lange mit einer bestimmten Schriften-Zusammenstellung kostenlos und frei Haus bedacht.
Nach seinen Angaben hat Heukelbach im vergangenen Jahr 17 000 Neue Testamente und 8000 Bibeln verschenkt. Rückgrat des Unternehmens sind jedoch die Millionen Traktate, die der Evangelist ins Land sendet. Außer der Millionenschrift "Das harrt Ihrer" kommen neun Serien in Frage:
- "Warnrufe für jedermann" (121 Titel),
Auflage 415 000;
- Für die Familie" (21 Titel), 180 000;
- Fragen, die dein Herz bewegen" (21
Titel), 265 000;
- Sonnenstrahl" für Kinder (120 Titel), 290 000;
- "Blitzlichter für die Jugend" (121 Titel),
260 000;
- "Haltesignale" für stille Stunden (120
Titel), 280 000;
- "Hefte evangelistischen Inhalts" (37 Titel), 50 000;
- "Winke für Kinder Gottes" (24 Titel),
60 000;
- "Hefte für Gläubige" (15 Titel), 20 000.
Die Titel fragen -"Wie entfliehe ich der kommenden Katastrophe?", "Wann werden die Toten auferstehen?", "Wie werde ich glücklich?" -, mahnen - "Kind Gottes, beachte fünf Punkte!", "Siege müssen auf den Knien errungen werden" - oder teilen vertraulich mit: "Mich haben die Menschen enttäuscht", "Sorgengeist vertreibt den Heiligen Geist".
Der Druck dieser Schriften - es sind meist gefaltete Zettel oder dünne Heftchen - kostet nur Pfennige. Die Herstellung ist um so billiger, als der Evangelist allermeist selbst als Autor fungiert.
Das Phänomen der Heukelbachschen Geschäftspraxis wird im Versandhandel-Fachbuch "Kunden in jedem Haus"* mit der "Volkstümlichkeit seines Stils" und seinen "Kenntnissen von der menschlichen Psyche" erklärt. "Heukelbach bedient sich der Methoden des Versandhandels . . . In seiner ,Nachfaßwerbung' zeigt er mehr Zähigkeit als jeder Versandhändler..."
Diese Nachfaßwerbung, die sich über Jahre erstrecken kann, in denen der neuregistrierte Freund unverbindlich mit Heukelbach-Schriftchen eingedeckt wird, spekuliert offensichtlich darauf, im Empfänger der Gaben ein Schuldgefühl zu wecken: Eines Tages schickt er sein Scherflein dem "guten Mann von Wiedenest". Da von Heukelbachs Adressier-Maschine inzwischen weit über 100 000 Freunde (darunter viele aus dem Ausland) erfaßt worden sind, genügt es durchaus, wenn nur jeder zweite oder dritte spendet.
Heukelbach kann für sich in Anspruch nehmen, zum Spenden nie direkt aufgerufen zu haben. Erst die dritte oder vierte Sendung aus Wiedenest enthält eine Zahlkarte mit dem diskreten Vermerk "Spende zur Verbreitung des Evangeliums". Der Freundesbrief-Empfänger wird außerdem freundlich ermuntert, täglich zu beten, "daß Gott uns die Mittel weiter zufließen läßt". Nicht ganz dem Motto der Heukelbachschen Mission gemäß - "Nur nach Seelen tragen wir Verlangen" - wird irdische Hilfe allerdings immer akzeptiert.
Die einlaufenden Summen und Sümmchen ermöglichten es bald nach dem Zweiten Weltkrieg dem Evangelisten, in seinem Heimatort nicht nur ein eigenes Landhaus, sondern auch ein respektables "Haus der Schriftenmission" zu bauen, in dem gegenwärtig 35 weibliche Angestellte die umfangreichen Büro-, Korrespondenz- und Versandarbeiten des Unternehmens erledigen. Wer etwa dieses stattliche Haus und den längst dazu gehörenden kleinen Wagenpark als zu kommerziell kritisiert, bekommt die Auskunft, daß der Bau später, "falls die Schriftenmission nicht mehr existieren sollte", einem Altersheim in Wuppertal zur Verfügung stehen werde.
Wöchentlich fünfzehnmal spricht Heukelbach, der dafür prompt bezahlt, 15 Minuten lang über Radio Luxemburg und den Missionssender Tanger ("The Voice of Tangier"); im Herbst soll noch ein südamerikanischer Sender in die Werbung einbezogen werden.
Werner Heukelbach, seit langem Weniger Prophet als Unternehmer, ist zwar nicht Mitglied des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - seine Sekretärin: "Was ist das?" -, hat sich aber beim zuständigen Amtsgericht in Gummersbach als alleiniger Inhaber der Firma "Verlag Bibel- und Schriftenmission Werner Heukelbach Wiedenest" ins Handelsregister eintragen lassen.
Die Spenden-Mission, als Seele des Unternehmens, hat keinen rechtlichen Status. Sie gilt nicht als förderungswürdig; etwaige Gaben der Industrie wären nicht vom zu versteuernden Gewinn absetzbar. Das Heer der Spender rekrutiert sich hauptsächlich aus sogenannten kleinen Leuten, die mittels Postscheck, Postanweisung oder Zahlung auf das Heukelbachsche Sparkassenkonto dem Evangelisten vornehmlich Ein- bis Fünf-Mark-Beträge zukommen lassen.
Die angelernte Buchhalterin Gerda Koch, 25, ist gehalten, ihrem Chef den täglichen Geldeinlauf zu melden. Sie gesteht freimütig, eine Bilanz, eine Jahres-Übersicht über den Spenden-Eingang und den Gegenwert-Ausgang (in Form von Schriften), noch niemals angefertigt zu haben.
Auch das zuständige Finanzamt Gummersbach kann die etwaige Differenz zwischen dem, was Heukelbach in sein Unternehmen investiert, und dem, was er an Spenden empfängt, mit letzter Sicherheit nicht feststellen. Heukelbachs Fall ist einmalig. Er darf als Verlagskaufmann gelten, der seine Ware verschenkt; aber diese Geschenke erfolgen in stiller Erwartung einer Gegengabe. Daß aber der Evangelist diese Gegengabe etwa direkt erbittet oder gar fordert, kann nicht nachgewiesen werden.
Wären die eintreffenden Gaben als Schenkungen anzusehen, dann müßte er für größere Summen Schenkungsteuer zahlen. Es könnte aber auch sein, daß er dem Geldeingang entsprechend zur Umsatzsteuer veranlagt wird; etwaige Einkommensteuer würde nach dem Gewinn berechnet. Aber der effektiv zu vermutende Gewinn ist im Falle Heukelbach kaum greifbar. Wie dem auch sei - das Finanzamt Gummersbach ist mit Heukelbach sehr zufrieden. Der Stellvertretende Finanzamtsleiter, Regierungsrat Dr. Schumacher schweigt zwar auf Befragen pflichtgemäß über die Art der Steuer, die Heukelbach zahlt, versichert jedoch: "Da ist alles bestens in Ordnung."
Der so gelobte Heukelbach deutet an, daß er in der Hauptsache Umsatzsteuer zahlt, was freilich der Rentner, dessen kleine Gaben mitversteuert werden, kaum ahnen dürfte. Das vom Finanzamt nicht restlos auszuleuchtende Spendenwesen läßt Werner Heukelbach "aus Gewissensgründen" von einem "inneren Brüderrat" kontrollieren, dessen - "etwa drei" - Mitglieder seinem Freundeskreis angehören. Zum erweiterten Brüderrat, der aber nur raten darf, gehören "etwa sieben Freunde". Die Namen konnte er nicht einmal den "Allianz"-Vorsitzenden nennen.
Der frühere Bremser Heukelbach, der regelmäßig auch seine Eisenbahner-Pension kassiert, verfügt heute über einen größeren Werbefonds als manche mittelgroße Markenartikel-Firma. Sein Eisenbahner-Häuschen hat er inzwischen verkauft, dafür dient ihm ein repräsentatives Wohnhaus zur "Anfertigung der Rundfunkansprachen (auf Tonband) sowie der-Herstellung des Schriftgutes". Zu dieser "Schriftstellerlaube" (Heukelbach), die auf einem parkähnlich zubereiteten Hügel steht, führt ein Serpentinenweg; tiefer im Tal befindet sich die Druckerei.
In diese KAHEWI-Druckerei vor allem laufen die faktisch überprüfbaren Ausgaben des Wiedenester Missionswerkes, die so ziemlich allein den Spendenfluß rechtfertigen. Heukelbach: "Die Druckerei wird ordnungsgemäß und gut bezahlt." Die Formel KAHEWI bedeutet: "Karlfried Heukelbach Wiedenest." Karlfried, der füllige Sohn des Evangelisten, ist Hauptgesellschafter und damit Druckerei-Inhaber.
Im Versandhandel-Fachbuch heißt es über den dezent-eleganten, stets jovialen Briefeinatmer, der vor der "Allianz" in Siegen bigott glänzte: "Heukelbach... wird ... als wohlhabend bezeichnet."
* Alfred Gerardi: Kunden in jedem Haus";
Econ Verlag, Düsseldorf; 316 Seiten; 19,80 Mark.
Heukelbach-Hörerschaft auf der "Allianzkonferenz": Per Adressier-Maschine 100 000 Freunde
Evangelist Heukelbach, Sohn: Jesus macht glücklich"
Heukelbach-Wohnhaus und -Druckerei in Wiedenest: "Nur noch Seelen ...
Angestellte im Haus der Schriftenmission
... tragen wir Verlangen"

DER SPIEGEL 39/1959
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EVANGELISTEN:
Atmet Briefe ein

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