21.10.1959

Lieber Spiegel-Leser!

Ich weiß nicht, ob in den dunklen Schluchten Ihrer Erinnerung über den Reichstagsbrand des Jahres 1933 dieselben Gedächtnisfetzen herumgeistern wie bei mir: Ich sehe ein halbtierisches Subjekt namens van der Lubbe in geduckter Benommenheit zwischen Polizisten hocken, ich höre den "Steuermann der Komintern", ich höre den Angeklagten Dimitroff den Chef der preußischen Landesregierung verhöhnen - aus dem Detektor schrillt das "Härr Ministerpräsidänte" des Bulgaren -, und ich sehe den Zeugen Göring breitbeinig gestiefelt vor dem Reichsgericht stehen, den eigentlichen Meister der Verhandlung, der nicht nur den Prozeß, sondern auch den Reichstagsbrand selbst inszeniert hat - ein shakespearescher Bösewicht vom Zuschnitt eines Richard III. SA-Männer kriechen mit Brandfackeln durch einen dunklen Verbindungsgang. Meinen Vater höre ich schimpfen: "Erst haben sie den Reichstag angezündet, später werden sie die Welt in Brand setzen."
Die Fachhistoriker, soweit sie sich mit der jüngsten Vergangenheit beschäftigt haben, scheinen bis heute ähnlich über den Reichstagsbrand zu denken wie mein historisch ungeschulter Vater. Alan Bullock, der Hitler-Biograph, schreibt die Brandstiftung Göring und Goebbels, die Brandlegung selbst dem Berliner SA-Führer Karl Ernst zu. Professor Hans Herzfeld von der Freien Universität Berlin macht "Göring und seine Umgebung" sowie auch "Kreise um den Führer" verantwortlich. Professor Walther Hofer, ebenfalls Freie Universität Berlin, hält für "geschichtlich erwiesen", daß Goebbels und Göring Hauptbeteiligte waren, er hält für wahrscheinlich, daß Hitler davon wußte.
Auch prominente Nicht-Historiker wie der langjährige Reichstagspräsident Paul Löbe oder der SS-Staat-Verfasser Eugen Kogon hegen an der Urheberschaft der Nationalsozialisten keine Zweifel. Der Hitler-Gegner Hermann Rauschning, ehemals Senatspräsident von Danzig, und der Generaloberst a.D. Halder, früher Generalstabschef des deutschen Heeres, wollen mit eigenen Ohren gehört haben, wie Göring sich der Brandlegung selbst gebrüstet habe.
Wie knapp auch immer unsere Schulbücher das Dritte Reich behandeln, den Reichstagsbrand schieben die meisten ohne Umschweife den Leuten Hitlers zu: "Von den Nationalsozialisten selbst angestiftet" ("Der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg", M. Diesterweg-Verlag, 1959), "durch Göring und seine Umgebung angelegt" (Lehrmittel-Verlag, Offenburg, 1951, für die Oberstufe, und E. Klett-Verlag, 1955); "... organisierten Kreise um den Führer den Reichstagsbrand" ("Grundriß der Geschichte", für die Oberstufe, Klett-Verlag), "von Mitgliedern der SA angestiftet" (Klett-Verlag 1957, für die Mittelklassen von Dr. Pinnow und Dr. Textor). In der Neuauflage dieses letzten Unterrichtswerkes wird es heißen: "Wahrscheinlich hatten SA-Männer das Feuer gelegt."
Weiter im "Geschichtsbuch für die deutsche Schule", G. Westermann-Verlag, 1950 und 1958: "Die Führer der Nationalsozialisten hatten beim Reichstagsbrand ihre Hand im Spiel." Hans Ebeling, wieder im Westermann-Verlag, 1957, in "Das Zeitalter der Weltkriege": ."Eine Tat von Nationalsozialisten." "Hitler ließ den Reichstag anzünden" (Verlag Johann Borgmeyer, 1952), "Mitwirkung nächster Mitarbeiter des 'Führers'" (Hirschgraben-Verlag, 1958), "in Wirklichkeit SA-Leute die Brandstifter" (Mundus-Verlag, Stuttgart, 1959). Der Ploetz, "Auszug aus der Geschichte" von 1951, spricht von einer- "Einzelaktion von Nationalsozialisten", und der Große Brockhaus von 1956 schreibt, als einziger etwas vorsichtiger: "Von Anfang an sprachen Indizien dafür, daß der Reichstagsbrand von einer terroristischen Gruppe der NSDAP ins Werk gesetzt wurde. Eine restlose Aufklärung der Tatumstände ist bisher (1955) nicht gelungen."
Der Reichstagsbrand wird den Nationalsozialisten so eindeutig zugeschoben wie die rufmörderische Erledigung des Generalobersten Fritsch, wie die Ermordung der angeblich putschenden SA-Führer, wie der Überfall auf den Sender Gleiwitz in polnischen Uniformen ("Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen"), wie der Tod Rommels und wie nur einer jener zahllosen Schurkenstreiche, an denen die Geschichte des Dritten Reiches so überreich ist.
In der Tat, die Verbrechen des Hitler - Regimes sind so immens,
daß man sich nicht dem Verdacht der Ehrenrettung aussetzt, wenn man nachweist, daß die Nazis, so zynisch sie den Reichstagsbrand auch für sich ausnutzten, mit der Brandstiftung selbst nichts zu tun hatten, wie das der SPIEGEL in der heute beginnenden Serie "Stehen Sie auf, van der Lubbe!" unternimmt..
Wir wollen zeigen, wie in aufgeregten und wüsten Zeiten, wahrhaft aus dem Nichts, eine Legende entsteht, wie ihr Hände und Füße wuchern, wie sie sich nährt und kleidet, zäh und durch nichts mehr zu erschüttern. Der zynischste Meisterstreich der Nazis, ihre Antritts-Schurkerei, fand nicht statt.
Die großen Legenden der Weltgeschichte - und der Reichstagsbrand zählt dazu - konnten wohl mit klugen Hypothesen angegangen, aber nicht erledigt werden. Nero hat Rom schwerlich in Brand gesteckt, wie zwei Jahrtausende geglaubt haben, aber wer will's beweisen? Lucrezia Borgia, als Tochter des sittenlosen Borgia-Papstes Alexander der blutschänderischen Beziehung verdächtigt, war vermutlich eine relativ tugendhafte Frau. Andreas Hofer hat weder am Berge Isel noch sonstwo Pulver gerochen, bis zum Tage seiner Erschießung in Mantua. Lenin ist nicht in einem plombierten Eisenbahnwagen, sondern unplombiert durch Wilhelms Reich gefahren.
Luther hat nicht sein berühmtes "Hier stehe ich" gesprochen, Ludwig XIV. nicht "L'Etat, c'est moi", und der französische General Cambronne hat bei Waterloo weder "Merde!" gerufen, wie die einen wissen wollen, noch auch "Die Garde stirbt, und sie ergibt sich nicht". Er starb nicht, und er ergab sich. Es gab eine Mühle von Sanssouci, aber kein Müller hat gerufen "Es gibt noch ein Kammergericht". Hat Caesar von der Cleopatra, hat Salomon von der Königin von Saba einen Sohn? Meistens war zuviel Zeit vergangen, die Zeugen waren tot, die Zeugnisse umstritten, trüb die Quellen.
Über den Reichstagsbrand wird nach dieser SPIEGEL-Serie nicht mehr gestritten werden. Es bleibt nicht der Schatten eines Beleges, um den Glauben an die Mittäterschaft der Nazi-Führer lebendig zu erhalten. Einer Jahrhundert-Legende wird der Todesstoß, oder, um im Bilde zu bleiben, der Dolchstoß versetzt. Wir haben künftigen Geschichtsschreibern ein kleines Stück Kärrner-Arbeit abgenommen, was dem Journalisten nur höchst selten und mit viel Glück vergönnt ist. Der Anstoß und die Materialsammlung unserer neuen Serie kommen denn auch von außen:
Als der Welfe Heinrich Hellwege den Welfen Hinrich Wilhelm Kopf im Jahre 1955 als niedersächsischen Ministerpräsidenten abgelöst hatte, fiel dem üblichen Personalschub der Oberregierungsrat Fritz Tobias zum Opfer. Man schob ihn aus einem politisch bedeutsamen Referat des Innenministeriums in den Katastrophenschutz. Fritz Tobias begann die Dienststunden einzuhalten. Den Zuwachs an Freizeit verwandte er, um sich einem Lieblingsthema zuzuwenden, dem Reichstagsbrand des Jahres 1933. Tobias, selbst nach 1933 verfolgt und somit nazistischer Neigungen gänzlich unverdächtig, verschaffte sich das gesamte erreichbare Material, besuchte die Bibliotheken, kontaktierte die noch lebenden Zeugen. Das Manuskript jahrelanger Bemühungen schlug sich in drei Leitz-Ordnern nieder, die er dem SPIEGEL zu lesen gab. Der Amateur-Forscher, der ausgezogen war, um die Schuld der Naziführer zu beweisen, hatte im Gegenteil deren Nicht-Beteiligung erwiesen.
Wir waren frappiert. Immerhin, wir wußten, daß Göring noch in der Todeszelle impulsiv bestritten hatte, irgend etwas mit dem Reichstagsbrand zu schaffen zu haben. Hatte er wahr gesprochen? Zwei Jahre vergingen mit ständigen Prüfungen und Rückprüfungen. Die These - die Nationalsozialisten haben den Reichstag nicht angesteckt - wurde mit Überlegung noch einmal fallengelassen, um objektiver arbeiten zu können. Erst als sie sich aufgedrängt, als sie alle Mutmaßungen widerlegt hatte, wurde sie dem Skript zugrunde gelegt. Ich denke, die Fachhistoriker können allein schon mit dieser Serie zufrieden sein, obwohl ein umfänglicheres Buch unter der alleinigen Verantwortung des Brandforschers Fritz Tobias noch folgen wird. Unsere Leser hingegen werden sich von einem Stoff einnehmen lassen, der in seiner Akribie jegliche Zeitungsmaßstäbe sprengt.
Am Rande wird der negative Held dieses Jeanne-d'Arc-ähnlichen Prozesses rehabilitiert, die bei aller anarchistischen Vitalität rührende Gestalt des Marinus van der Lubbe, dessen Lebensgeister auf der Anklagebank erloschen, als er sah, daß Nationalsozialisten und Kommunisten gleicherweise entschlossen waren, ihm seine Tat zu stehlen ganz gewiß eine Figur für Jean-Paul Sartre. Er hat etwas grobflächig gesehen, dieser naive, intelligente Holländer, aber er hat, richtig gesehen: Die deutschen Arbeiter sollten mißbraucht werden, um gegen Europa Krieg zu führen. Wie der Engländer Guy Fawkes, dessen Entlarvung heute noch durch Verbrennen von Symbol-Puppen gefeiert wird, gegen die Verfolgung der englischen Katholiken zu protestieren suchte, indem er einen Sprengstoffanschlag auf das Parlamentsgebäude inszenierte, so wollte van der Lubbe durch die Inbrandsetzung des, nun allerdings leeren, deutschen Reichstags gegen das Dritte Reich protestieren. Seine Tat war nicht unvernünftiger und nicht sinnloser als die der Geschwister Scholl in München. Er wollte ein Fanal aufrichten - wenn er, der Landfremde ohne Beziehungen, auch keinen politischen Appell, etwa den Aufruf zum Generalstreik, damit verband.
Die Gewaltherrscher hatten auf solch ein Fanal nur gewartet. Der Tag des Reichstagsbrandes bezeichnet den Beginn des nackten Terrors. An van der Lubbe wurde der erste Justizmord in der langen Reihe verübt, derer sich die deutschen Richter aus der Zeit des Dritten Reiches anzuklagen haben. Denn auf Brandstiftung stand nicht die Todesstrafe. Es ist einigermaßen typisch, daß die deutsche Arbeiterbewegung, die schon manchen simplen Meuterer verherrlicht hat, den Marinus van der Lubbe aus ihrem Gedächtnis ausradierte. Er war nicht organisiert.
1955 suchte van der Lubbes Bruder den Prozeß im Zuge der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts wiederaufzurollen. Das Kammergericht in Berlin entschied unter dem 27. August 1958, daß die vom Gesetz vorgeschriebenen Fristen verstrichen, Gründe für die Fristüberschreitung nicht nachgewiesen, insbesondere materielle Schadensansprüche nicht geltend gemacht worden seien. Sollten die Angehörigen nachweisen, daß einem Schadensersatz lediglich das Reichsgerichtsurteil des Jahres 1933 im Wege stehe, so sei eine Wiederaufnahme des Verfahrens möglich. Die Angehörigen des van der Lubbe wollten und konnten aber keinen Schaden nachweisen. Sie wollten den Bruder rehabilitieren.
Wir schämen uns nicht, ihm 16 Jahre nach seinem Tode das zurückzugeben, was gewalttätige Minister und unfreie Richter ihm 1933 genommen haben: seine Menschenwürde, seine Überzeugung, seine Tat. Mit den Worten des Leipziger Senatspräsidenten im Reichstagsbrandprozeß: "Stehen Sie auf, Marinus van der Lubbe!"
Herzlichst Ihr
Rudolf Augstein
Tobias
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 43/1959
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