21.10.1959

„STEHEN SIE AUF VAN DER LUBBE!“

Am Abend des 27. Februar 1933 wurde es früh still im Reichstagsgebäude. Der kalte Wintertag war sitzungsfrei gewesen, und die wenigen Abgeordneten, die dennoch in den Reichstag gekommen waren, hatten das Haus bald wieder verlassen. Auch die Besucher der Bibliothek und der Fraktionen waren längst gegangen, als der Beleuchter Rudolf Scholz um 20 Uhr 10 seinen üblichen Kontrollgang durch den weitläufigen Bau antrat.
Gegen 20 Uhr 30 war Scholz im Plenarsaal angekommen. Er warf einen kurzen Blick in den großen, holzgetäfelten Saal, der verlassen dalag. Etwas Verdächtiges entdeckte er nicht. Gemächlich wanderte Scholz weiter über die dicken Läufer, die seine Schritte verschluckten. Alles war in Ordnung, alles dunkel und still. Nur in den Fraktionszimmern der Kommunistischen Partei brannte noch Licht; Scholz hörte durch die Tür Stimmen.
Das war nichts Ungewöhnliches, denn Ernst Torgler, Führer der KPD-Fraktion, verließ den Reichstag häufig als letzter. Der kommunistische Fraktionschef, bekannt als gewissenhafter, ja bürokratischer Arbeiter, hatte noch an Bedeutung gewonnen, seit die Nazis das "Karl-Liebknecht-Haus", die Berliner Parteizentrale der KPD, geschlossen hatten. Torglers Fraktionszimmer im Reichstag war dadurch Ersatzzentrale und letztes Asyl der Kommunisten geworden. Von hier aus führte Ernst Thälmann den Berliner Wahlkampf seiner Partei für die bevorstehenden Reichstagswahlen am 5. März.
Als Beleuchter Scholz seinen Rundgang beendet hatte und sich am Portal V beim Portier Albert Wendt zurückmeldete, zeigte die Uhr 20.38. Eine knappe Minute später erschienen der KPD-Fraktionschef Torgler, der kommunistische Landtagsabgeordnete Wilhelm Koenen und die Fraktionssekretärin Anna Rehme, um den Reichstag durch eben dasselbe Portal V zu verlassen, das einzige, das zu dieser Stunde noch geöffnet war. Torgler reichte dem Beleuchter Scholz die Schlüssel zum Fraktionszimmer, grüßte und entfernte sich mit seinen Begleitern. Draußen zeigte das Thermometer drei Grad Celsius unter Null.
Um 20 Uhr 45 meldet sich wie gewöhnlich der Postbote Willy Otto beim Portier Wendt am Portal V. Er zündet seine Laterne an und geht durch die dunklen Gänge hinauf ins Hauptgeschoß zum Portal II, um dort den Postkasten zu leeren. Auch ihm fällt nichts Ungewöhnliches auf: keine verdächtigen Geräusche, kein Brandgeruch. Er verläßt das Reichstagsgebäude um 20 Uhr 55.
Bis zu diesem Zeitpunkt entsprach die Chronik des 27. Februar dem alltäglichen Routineablauf. So etwa hatte sich jeder Abend abgespielt. Nun aber kamen Minuten, die in der deutschen Geschichte eine unheilvolle Rolle spielen sollten.
Kurz nachdem der Postbote Otto das Reichstagsgebäude verlassen hat, geht draußen an der Westseite des Reichstags der Theologiestudent Hans Flöter vorbei. Flöter hat den ganzen Tag in der Staatsbibliothek Unter den Linden gearbeitet und strebt nun - wie an jedem der letzten Abende - seiner Studentenbude in der Hindersinstraße 4a zu. Als er über den Kiesplatz neben der Rampe - der Auffahrt zum Hauptportal des Reichstags - geht, hört er eine Fensterscheibe klirren.
Flöter schaut auf und sieht an einem der Fenster des Hauptgeschosses einen
Schatten und bald darauf einen Lichtschein. Jemand macht gerade Anstalten, durch das Fenster einzusteigen.
Ohne lange zu überlegen, läuft der Student los. Hier kann nur ein Verbrechen beabsichtigt sein. Er erinnert sich, daß ihm in der Nähe immer ein Schupo begegnet ist. Er findet den Beamten auch am Nordende der Auffahrt. Es ist der Oberwachtmeister Karl Buwert von der Inspektion Tiergarten, 28. Polizei-Revier.
"Da bricht jemand durchs Fenster in den Reichstag ein", ruft Flöter ihm zu. Buwert blickt den Studenten so verdattert an, daß
dieser den unschlüssigen Wachtmeister in die entsprechende Richtung schubst und ermuntert: "Machen Sie doch! Schnell!"
Nun erst rennt der Polizist los. Ein paar Schritte läuft Flöter mit, dann bleibt er zurück. "Und Feuer ist auch!" ruft er dem Polizisten nach und blickt auf seine Armbanduhr. Sie zeigt fünf Minuten nach neun. Dann wendet sich Flöter der Hindersinstraße 4a und seinem Abendessen zu. Was dort am Reichstag weiter geschieht, interessiert ihn offenbar nicht.
Heute erklärt der Dozent Dr. Hans Flöter aus Bremen seine damalige Handlungsweise so: Er stand den Nationalsozialisten feindselig gegenüber. Zwar erfüllte er seine Bürgerpflicht, indem er ein Verbrechen anzeigte;, mehr zu tun war er nicht bereit.
Dennoch bleibt Flöters Chronistenrolle bedeutsam genug; denn sein Blick auf die Armbanduhr hat den Historikern ein wichtiges Zeit-Indiz geliefert: Es muß genau 21.Uhr03 gewesen sein, als der Unbekannte oberhalb der Rampe das erste Fenster des Reichstagsgebäudes rechts von der Freitreppe einschlug und ins Innere eindrang:
Oberwachtmeister Karl Buwert rennt den Kiesweg zum Hauptportal entlang und glaubt den jungen Mann, der ihn alarmierte, also den Studenten Flöter, noch hinter sich. An der Rampe angelangt, sieht er tatsächlich hinter dem großen Fenster, dessen Scheiben zertrümmert sind, einen Feuerschein. Den jungen Mann neben sich, der Anfang 20 ist, einen dunklen Mantel trägt und lange Schaftstiefel anhat, hält er für Flöter.
In diesem Augenblick tritt ein weiterer junger Mann auf den Plan: der Schriftsetzer Werner Thaler. Er war auf dem Weg zum Lehrter Bahnhof am Reichstag vorbeigekommen - Sekunden vor Flöter - und hatte gleichfalls das Splittern der Fensterscheibe gehört. Thaler war in der Mitte der Rampe auf die Brüstung gesprungen und hatte zu sehen geglaubt, daß zwei Personen dabei waren, in den Reichstag einzusteigen. Später ergab sich allerdings, daß Thaler von dem Schatten des einen einsteigenden Mannes getäuscht worden war.
Einen Feuerschein hatte Thaler nicht wahrgenommen. Er war zur Simsonstraße zurückgelaufen, wo er zuvor einen Polizisten gesehen hatte. Er fand ihn auch wieder und rief ihm zu, was er gesehen hatte. Da Thaler aber in der Aufregung in seine bayrische Mundart verfallen war, hatte ihn der Polizist offenbar nicht verstanden. Jedenfalls reagierte er zunächst nicht.Der Schriftsetzei war daraufhin wieder zum Reichstag zurückgelaufen. Er traf dort just in dem Augenblick ein, da Oberwachtmeister Buwert und der Unbekannte in Schaftstiefeln auf den Feuerschein hinter dem Reichstagsfenster starrten.
Der spukhafte Schein huscht hinter,den Fenstern entlang nach rechts, das ist die Richtung Brandenburger Tor. Draußen rennen Buwert und seine beiden Begleiter entlang der Gebäudefront mit, Buwert die Pistole in der Hand. Als der Feuerschein am fünften, dem vorletzten Fenster der Südwestecke, einen Augenblick verhält, ruft Thaler dem Oberwachtmeister zu: "Mann, so schießen Sie doch!"
An diese Möglichkeit hatte Buwert in seiner Aufregung noch gar nicht gedacht. Jetzt aber hebt er den Arm, zielt auf den Lichtschein und drückt ab. Der Spuk drinnen verschwindet.
Buwert wendet sich an den jungen Mann in Schaftstiefeln und gibt ihm den Auftrag, die Polizeiwache am Brandenburger Tor zu alarmieren. "Sagen Sie, daß es im Reichstag brennt!" Der junge Mann setzt sich gehorsam in Trab.
Auf der Polizeiwache des 32. Reviers am Brandenburger Tor war am Abend des 27. Februar der Polizeileutnant Emil Lateit Offizier vom Dienst. Mit gemischten Gefühlen hatte der erfahrene Beamte - er war mit 38 Jahren der älteste Leutnant der Berliner Schutzpolizei - die telephonische Anweisung entgegengenommen, sich alarmbereit zu halten, da eine sozialdemokratische Kundgebung im Sportpalast zu Demonstrationen führen könne.
Die Sozialdemokraten veranstalteten an diesem Abend in ganz Deutschland Gedenkfeiern zum 50. Todestag von Karl Marx. Im Berliner Sportpalast verband die SPD ihre Feier mit einer Wahlkundgebung, weil die Reichstagswahlen unmittelbar bevorstanden. Am 5. März sollte sich entscheiden, ob Adolf Hitler, der am 30. Januar vom Reichspräsidenten Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden war und ein Minderheitskabinett - die sogenannte Regierung der nationalen Konzentration - mit Papen als Vizekanzler gebildet hatte, so viele Wähler auf die Beine bringen konnte, daß im Reichstag eine klare Mehrheit für die Regierung geschaffen würde.
Wie schon so oft, wurde der Sportpalast auch an diesem Abend zur politischen Arena. Als der Altsozialist Friedrich Stampfer Hitler und das Programm der Nationalsozialisten mit scharfen Worten attackierte, war der überwachende Polizeioffizier aufgestanden und hatte die Versammlung "wegen der beleidigenden Worte des Referenten" aufgelöst.
Polizeileutnant Lateit am Brandenburger Tor erhielt erneut einen Telephonanruf: "SPD-Versammlung aufgelöst, es ist zu befürchten, daß die Sozialdemokraten in das Regierungsviertel marschieren." Gerade hatte Lateit diesen Anruf im Wachbuch verzeichnen lassen, als die Tür aufgerissen wurde. Aber nicht der erwartete Schupo-Melder erschien, der zum Einsatz gegen Demonstranten rief; in der Tür stand ein junger Mann in dunkelbraunem Manlel und Schaftstiefeln und rief dem Beamten zu: "Sie sollen sofort kommen, der Reichstag brennt!"
Leutnant Lateit sprang auf. Er nahm die Personalien des Unglücksboten nicht auf und fragte auch gar nicht, wer ihn geschickt habe. Der Gesichtsausdruck des Mannes schien Legitimation genug. Zusammen mit den Wachtmeistern Graening und Losigkeit stürzte er zum Überfallwagen, der mit laufendem Motor vor der Wache stand. Der Zivilist in Schaftstiefeln sprang mit hinein. Drinnen in der Revierstube notierte der Wachbuchführer: "2l Uhr 15. Meldung: Brand im Reichstag."
Drüben am Reichstag, hinter dessen Fenstern man jetzt bereits hohe Flammen auflodern sah, hatten sich inzwischen noch zwei Ehepaare, die
vom Platz der Republik her kamen, zu Oberwachtmeister Buwert gesellt: der Kaufmann Rudolf Kuhl, der Buchbinder Hermann Freudenberg und deren Frauen. Buwert befahl den beiden, schleunigst einen Feuermelder zu suchen und Alarm zu geben.
Auf der Suche nach dem Feuermelder kommen die beiden Männer, denen sich auch Frau Kuhl anschließt, zum hell erleuchteten Haus des "Vereins Deutscher Ingenieure" (VDI) an der Kreuzung Friedrich-Ebert-Straße und Dorotheenstraße. Sie laufen in das Haus, in dem wenige Minuten zuvor ein Kursus zu Ende gegangen ist, und mobilisieren in der Pförtnerloge den Portier Otto Schaeske und den Versorgungsanwärter Lück. Als Schaeske die Alarmnummer nicht gleich findet, sucht Lück die sechsstellige Nummer der Hauptfeuerwache Lindenstraße.
Der Alarm aus dem VDI-Haus kommt um 21 Uhr 13 bei der Hauptfeuerwache in der Lindenstraße an. 21 Uhr 13. Wenn alle Uhren richtig gegangen sind, waren also zehn Minuten vergangen, seit der geheimnisvolle Mann ins Restaurant des Reichstagsgebäudes eingestiegen war.
Von der Hauptfeuerwache Lindenstraße wird die zuständige Feuerwache "Stettin" in der
Linienstraße beauftragt, den Brand im Reichstag zu bekämpfen. Unter Oberbrandmeister Emil Puhle rückt 30 Sekunden nach Alarmeingang, um 21 Uhr 14, der Zug 6 zum Reichstagsgebäude ab. Eine Minute später, um 21 Uhr 15, kommt auch bei der Feuerwache Moabit ein Feueralarm an. Ein Streifenbeamter, der - durch den Schuß Buwerts alarmiert - aus der Siegesallee zum Reichstag hinübergelaufen war, hatte den Alarm vom Feuermelder in der Moltkestraße aus gegeben. Unverzüglich rückt daraufhin unter Leitung von Brandmeister Waldemar Klotz der Zug 7 aus.
Inzwischen ist jener Polizist, dem der Schriftsetzer Thaler an der Nordwestecke des Reichstags seine Beobachtungen über den Einbrecher zugerufen hatte, der Wachtmeister Helmut Poeschel, zu Buwert gestoßen, und jetzt endlich kommt dem Oberwachtmeister ein Gedanke, der sich ihm schon zehn Minuten früher hätte aufdrängen müssen; er schreit: "Da oben ist Feuer, rufen Sie den Pförtner vom Portal V." Poeschel läuft zum Portal V, reißt das Tor auf und alarmiert den überraschten Pförtner: "Ziehen Sie den Feuermelder, es brennt!"Aber Pförtner Albert Wendt, der in seiner weitab liegenden Portierloge nichts von einem Brand gemerkt hat, glaubt dem Wachtmeister zunächst nicht. Ohne Mantel und Mütze läuft er hinaus, vergißt aber doch nicht, das Portal hinter sich zuzuschließen. Er hastet zur Rampe und sieht das Feuer in den Restaurationsräumen.
In diesem Augenblick fährt das Überfallauto mit Leutnant Lateit, den beiden Beamten und dem unbekannten Zivilisten am Reichstag vor. Der Zivilist dirigiert den Wagen zur Westseite des Gebäudes vor das Hauptportal, und jetzt sehen die Polizeibeamten einen etwa drei Meter hohen Feuerschein in den Restaurationsräumen. Lateit schreibt einen Zettel: "21Uhr17, Feuer im Reichstag, Verstärkung erforderlich."
Wachtmeister Graening nimmt den Zettel mit dem Befehl entgegen, ihn so schnell wie möglich zur Wache zu bringen; er schwingt sich auf ein Fahrrad, das einem der Bediensteten des Reichstags gehört. Ein paar Minuten später ist er mit einem Polizeikommando zurück. Das Reichstagsgelände wird abgesperrt. Der Zivilist in Schaftstiefeln verliert sich im Gewühl der inzwischen
zusammengeströmten Gaffer. Er taucht erst Wochen später wieder auf.
Portier Wendt ist zu Leutnant Lateit getreten und hört Buwerts Antwort auf die Frage des Leutnants, ob die Feuerwehr alarmiert sei: "Ja. auf zwei Wegen." Daraufhin rennt Wendt zurück zum Portal V und versucht aufgeregt, seinen Vorgesetzten, den Hausinspektor Alexander Scranowitz, anzurufen. Aber wahrscheinlich wählt Wendt in der Erregung eine falsche Nummer. Jedenfalls kommt der Anruf bei Scranowitz nicht an. Dagegen klappt die Verbindung mit dem Nachtpförtner im Reichstagspräsidenten-Palais, Paul Adermann. Während Wendt noch telephoniert, hört er die Signale der anrückenden Feuerwehr. Er hält es jetzt nicht mehr für erforderlich,
den Feuermelder in seiner Portierloge zu betätigen.
Pförtner Adermann benachrichtigt sofort den Direktor des Reichstags, Geheimrat Reinhold Galle. Eifrig alarmiert er danach auch das Sekretariat des Reichstagspräsidenten Hermann Göring im Preußischen Innenministerium, Unter den Linden 74. In dem mächtigen Reichstagsbau, den der Oppenheimer Architekt Paul Wallot von 1884 bis 1894 - nach dem Vorbild des Brüsseler Justizpalastes - für 27 Millionen Goldmark gebaut hatte, breitet sich unterdes das Feuer aus. "Beobachten Sie die Fenster genau", befiehlt Polizeileutnant Lateit dem Oberwachtmeister Buwert. Wenn Sie etwas Verdächtiges bemerken, sofort schießen!" Lateit ist schon im Weggehen, da fragt er: "Haben Sie für die Feuerwehr Großalarm gegeben?"* Buwert verneint. "Das muß sofort gemacht werden", raunzt Lateit. Dann läuft der Leutnant hinüber zum Portal II.
Wie der Oberwachtmeister beobachten und notfalls schießen, gleichzeitig aber Alarm geben soll, bleibt ihm überlassen. Er entschließt sich zum Beobachten, damit er notfalls schießen kann. Erst zwei Minuten später kann er einem vorbeikommenden Polizisten den Befehl aufbürden, bei der Feuerwehr "Großalarm" zu geben. Vor dem Reichsgericht in Leipzig wird sich der Oberwachtmeister Buwert später zerknirscht die Frage des Oberreichsanwalts anhören müssen, ob er denn nicht wisse, daß stets der letzte Befehl auszuführen sei. Oberwachtmeister Buwert wußte das natürlich, nur war ihm in jenen aufregenden Abendstunden des 27. Februar nicht so eindeutig klar, welchen Befehl der Leutnant Lateit zuerst und welchen er zuletzt gegeben hatte.
Am Portal II hat Leutnant Lateit inzwischen vergebens versucht, die Tür zu öffnen. Sie ist verschlossen. Ebenso die Portale III und IV. Nun rennt Lateit zum Portal V. "Wie kriegen wir denn die Türen auf?" schreit er zum Pförtner Wendt hinein. Wendt antwortet, der Hausinspektor Scranowitz sei bereits mit den Schlüsseln unterwegs.
Scranowitz war durch die Signale der Feuerwehr vom Abendbrot aufgeschreckt worden. Er hatte den Löschzug hinüber zum Reichstag fahren sehen und war sofort ans Telephon gestürzt, um bei Wendt anzurufen. Vielleicht war das der Grund, daß Wendts Versuch, Scranowitz zu erreichen, mißlang. Vielleicht hatte Wendt aber auch vor Erregung statt der Nummer, die nach Dienstschluß galt, die Tagesnummer von Scranowitz gewählt. Auf jeden Fall erfuhr der Hausinspektor vom Portier, daß es im Restaurant brannte.
"Und det melden Sie mir nich", schreit der Ur-Berliner und Alt-Mariner Scranowitz, den man später der Mitwisserschaft an der Brandstiftung beschuldigt hat. Er wartet eine Erklärung des Portiers nicht ab, sondern wirft den Hörer mit den Worten in die Gabel: "Bin sofort da!"
Unngeduldig wartet Lateit. Da kommt Scranowitz angerannt, und die Türen werden aufgeschlossen. Lateit, Wachtmeister Losigkeit, Scranowitz und der mit der Polizeiverstärkung zurückgekehrte Wachtmeister Graening stürmen durch den Haupteingangin das Reichstagsgebäude. Von der Wandelhalle aus sehen sie einen Lichtschein. Lateit läuft darauf zu. Durch eine offene Glastür,'die den Gang vom Plenarsaal trennt, sieht er flackernde Flammen.
Ein "brennendes Kissen" liegt im Türeingang. Es entpuppt sich später als ein zusammengelegter Mantel; aber vorerst hält sich niemand damit auf. Links und rechts am Eingang zum Plenarsaal stehen die dicken Plüschvorhänge in Flammen. Auch die Holzverschalung eines Kabelschrankes brennt. Es ist 21 Uhr 22, als Lateit den Plenarsaal betritt - also 19 Minuten nach dem Einstieg des geheimnisvollen Mannes.
Vor Gericht sagt Lateit später aus, der Saal sei ihm "wie von einer Flammenorgel" beleuchtet erschienen. Über dem Präsidententisch habe sich eine zusammenhängende Flammenfront erhoben, etwa drei Meter breit, aber wesentlich höher. Die Feuergarben hätten wie Pfeifen einer leuchtenden Orgel ausgesehen.
Andere Brandstellen im Saal nimmt Lateit noch nicht wahr. Wachtmeister Losigkeit hingegen entdeckt weiter vorn noch Flammen, im tiefer gelegenen Stenographenraum. Für den Polizeileutnant Lateit gibt es keinen Zweifel mehr, daß hier Brandstiftung vorliegt. "Pistole raus!" befiehlt er seinen Polizisten. Die Suche nach den Brandstiftern beginnt.
Auf dem Rückweg zum Portal V stößt Lateit auf verschiedene Einzelbrände: Hier brennt der Läufer, dort ein Papierkorb. Verkohlte Stoffreste liegen umher, handtellergroß und auch kleiner. "Es können verkohlte Reste von Tischtüchern gewesen sein", sagt er später aus. In der Wandelhalle findet er eine Sportmütze, einen Selbstbinder und ein Stück Seife.
Als Lateit wieder beim Portal V ankommt, trifft er auf der Treppe bereits Feuerwehrleute, die dabei sind, die kleinen Einzelbrände im Westumgang zu löschen. Er springt in sein Polizeiauto und flitzt hinüber zu seiner Wache am Brandenburger Tor, um dort Meldung zu machen. Akkurat wird sein Eintreffen im Wachbuch registriert: "21 Uhr 25." Er war genau zehn Minuten fortgewesen.
Leutnant Lateit und die Polizisten Losigkeit und Graening haben den brennenden Plenarsaal gerade verlassen, als Hausinspektor Scranowitz rund Wachtmeister Poeschel die Tür zum Restaurant öffnen. An den Fenstern brennen die Vorhänge. Auch in der Wandelhalle stehen einige Portieren in Brand. Die beiden werfen einen Blick in den Plenarsaal. Die drei Portieren hinter dem Präsidiumstisch brennen jetzt lichterloh. Die hölzerne Wandverkleidung hat noch nicht Feuer gefangen; aber auf den ersten drei Reihen der Abgeordnetensitze flackern bereits kleinere Einzelbrände.
Auch auf dem Platz des Präsidenten, auf dem Rednerpult und auf dem "Tisch des Hauses" sieht man kleine Brandherde. Die brennenden Portieren im Stenographenraum, die Lateit eine Minute zuvor noch gar nicht bemerkt hatte, lodern jetzt mit fauchender Flamme. Scranowitz schließt die Tür zum Plenarsaal, um dem Feuer keine Zugluft zuzuführen, und rennt mit Wachtmeister Poeschel durch den Südumgang zum Bismarcksaal. Die dicken Läufer machen ihre Schritte unhörbar.
Die beiden sind gerade unter dem großen Kronleuchter des Bismarcksaales angelangt, da prallen sie beinahe mit einem Wesen zusammen, das wie aus dem Boden gewachsen vor ihnen steht: Ein halbnackter Mann, der von links nach rechts will und offenbar von der Rückseite des Plenarsaales gekommen war. Poeschel hebt die Pistole. "Hände hoch!" Der Halbnackte, dessen Brustkorb wie ein Blasebalg arbeitet, reißt keuchend die Arme hoch. Er ist groß, kräftig, jung. Das dunkle Haar hängt ihm wirr in die Stirn.
Wachtmeister Poeschel drückt dem schwarzhaarigen Burschen die Pistolenmündung auf die schweißtriefende Brust und untersucht mit der Linken dessen Hosentaschen. Er findet ein Taschenmesser, eine Geldbörse und einen Paß. Im Paß steht als Name: Marinus van der Lubbe aus Leiden in Südholland*. Es ist etwa 21 Uhr 27.
Der Brandstifter wird abgeführt. Man wirft ihm eine Wolldecke über den nackten Oberkörper und bringt ihn hinüber zur Polizeiwache am Brandenburger Tor. Von dort wird er ins Polizeipräsidium am Alexanderplatz geschafft und dem Kriminalkommissar vom Dienst, Helmut Heisig, zum ersten Verhör übergeben.
Das Geheul der Feuerwehrsirenen und das Läuten der Löschfahrzeuge hatten das Tiergartenviertel am Reichstagufer alarmiert und Neugierige an die Fenster gelockt. Um 9 Uhr 32 war nämlich Alarmstufe 10 und um 9 Uhr 42 Alarmstufe 15 - die höchste Alarmstufe - gegeben worden, insgesamt hatte man jetzt 15 Löschzüge zum Reichstag beordert. Auch "Putzi" Hanfstaengl, der Auslandspressechef der NSDAP, trat ans Fenster des Reichstagspräsidentenpalais, in dem er gerade als Gast des Ministers und Reichstagspräsidenten Hermann Göring logierte, und sah die Löschzüge zum Reichstagsgebäude fahren. Hermann Göring selbst wohnte damals noch am Kaiserdamm.
Hanfstaengl läuft zum Telephon und ruft bei Dr. Goebbels an. Er weiß, daß Hitler an diesem Abend bei seinem Propagandachef zu Gast ist. Goebbels berichtete darüber später als Zeuge vor Gericht: "Er (Hanfstaengl) benachrichtigte mich telephonisch, daß der Reichstag brenne. Ich habe diese Mitteilung erst für absolut absurd gehalten und glaubte, es handle sich dabei um einen Scherz. Das habe ich auch dem Telephonierenden eindeutig mitgeteilt. Ich war dazu um so mehr versucht, als ich acht Tage vorher einen telephonischen Ulk mit Dr. Hanfstaengl veranstaltet hatte und glaubte, jetzt komme eine Retourkutsche. Ich sagte ihm: 'Ich will das nicht mehr anhören' und hängte ein. Ich machte gar keinen Gebrauch von der telephonischen Mitteilung."
Goebbels sagte also erst einmal kein Wort über den albernen "Scherz" zu Hitler.
"Bald darauf" - so berichtete Goebbels vor Gericht weiter - "wurde aber wieder telephonisch von derselben Stelle angerufen, und ich wurde ganz dringend darauf aufmerksam gemacht, daß es nun meine Pflicht sei, den Führer darüber zu orientieren, daß der Reichstag brenne. Darauf hielt ich es für meine Pflicht, das dem Führer mitzuteilen. Er wollte es zunächst auch nicht glauben, so überraschend kam die Mitteilung. Wir haben uns ins Auto gesetzt und sind in rasendem Tempo zum Reichstag gefahren." Bevor Goebbels Hitler verständigte, hatte er, um sich zu vergewissern, noch selbst im Reichstag angerufen.
Reichstagspräsident Hermann Göring - der Mann, den man noch, heute allgemein der Brandstiftung bezichtigt - war zu diesem Zeitpunkt bereits im Reichstag eingetroffen. Göring hatte am Abend des 27. Februar noch zu später Stunde im Preußischen Innenministerium zu tun gehabt. Der Leiter der Polizeiabteilung, Ministerialdirektor Ludwig Grauert, ein Fliegerkamerad Görings aus dem Kriege, hielt ihm gerade Vortrag, als die Tür aufgerissen wurde und der Staatskommissar und SS ührer Daluege mit der Meldung hereinplatzte: "Der Reichstag brennt!" Göring war zunächst sprachlos, dann tobte er: "Das ist eine große Schweinerei! Sofort einen Wagen, ich fahre gleich hin!"
Grauert und SS-Führer Daluege fuhren mit. Am Reichstag angekommen, versuchte Göring zunächst durch das Portal III in das Gebäude zu gelangen. Aber die Tür war verschlossen. Das Portal II dagegen hatte man inzwischen geöffnet, und Göring betrat mit seinen Begleitern, die alle in Zivil waren, den Reichstag. Unauffällig schloß sich ihnen ein weiterer Zivilist an: der Berliner Korrespondent der Londoner "Times", Douglas Reed. Er wurde allerdings bald als Unbefugter an die Luft gesetzt.
Berlins Oberbranddirektor Gempp hatte inzwischen die Leitung der Löscharbeiten übernommen: Er trat sofort auf Göring zu und erstattete Meldung. Göring winkte ab. Er solle sich nicht stören lassen; denn er
- Gempp - trage ja hier die Verantwortung. Dann begab sich Göring in sein Reichstagspräsidenten-Zimmer. Dort stießen bald Hitler, von Papen und Goebbels zu ihm. Das Stichwort "Der gefaßte Brandstifter ist ein holländischer Kommunist!" beherrschte das Gespräch. Ein Kommunist!
Bald wird bekannt, daß KPD-Fraktionschef Torgler und sein Genosse Wilhelm Koenen als letzte das Reichstagsgebäude verlassen haben. Pförtner Hornemann, der am Portal V Dienst verrichtet hatte, als Koenen um 19 Uhr in den Reichstag gekommen war, sagt sogar aus, Koenen habe beim Betreten des Gebäudes den Kragen seines Mantels hochgeschlagen und zur Seite geblickt, als habe er nicht erkannt werden wollen. Eine merkwürdige, aber wirksame Aussage.
Die Indizien gegen die Kommunisten häufen sich: Der Amtsgehilfe Robert Kohls, Garderobier beim Portal II, erklärt, er habe kurz vor 20 Uhr bei der KPD-Fraktion angerufen; es habe sich aber niemand gemeldet. Wenige Minuten später aber sei er aufgefordert worden, Torglers Garderobe nach oben zu schicken.
Und noch drei weitere Zeugen melden sich in der gleichen Nacht, die ebenfalls Torgler verdächtigen: Der eine ist ein früherer Kommunist, der zur NSDAP hinübergewechselte Reichstagsabgeordnete Berthold Karwahne aus Hannover, die anderen beiden sind alte NSDAP-Mitglieder: der Volkswirt und spätere MdR Kurt Frey und der österreichische Nationalsozialist Stefan Kroyer. Alle drei sagen aus, sie hätten Torgler am Nachmittag des 27. Februar zusammen mit einem verdächtigen Individuum, eben dem späteren Brandstifter van der Lubbe, gesehen. Damit schien der Kreis geschlossen: Nur die Kommunisten konnten die Brandstifter sein.
Hitler mußte die Kommunisten zu diesem Zeitpunkt politisch durchaus noch fürchten. Mit der sogenannten Machtübernahme am 30. Januar 1933 hatte er zwar die Kanzlerschaft erlangt; aber neben ihm stand als Aufpasser der Vertrauensmann Hindenburgs, Vizekanzler von Papen, und im ersten Kabinett Hitler saßen neben neun (parteilosen oder von der Deutschnationalen Volkspartei gestellten> Konservativen nur drei Nationalsozialisten. Hitlers Macht war noch keineswegs gefestigt. Jede ernste politische Krise konnte alle Gegner der Nazis auf den Plan rufen und eventuell den "alten Herrn", den Reichspräsidenten von Hindenburg, veranlassen, Hitler wieder zu entlassen, wie er zuvor Brüning, Papen und selbst Schleicher, den Mann der Reichswehr, aus dem Kanzleramt entlassen hatte. Auch war ein kommunistischer Aufstand oder ein Generalstreik - wie beim Kapp-Putsch - keineswegs ausgeschlossen. Immerhin hatten sich bei den letzten Wahlen sechs Millionen Wähler hinter die rote Fahne mit Hammer und Sichel gestellt.
Wie erregt Hitler und Göring waren, als sie im Reichstag eintrafen, beschreibt Rudolf Diels, Oberregierungsrat und erster Chef der-Geheimen Staatspolizei, in seinem Buch "Lucifer ante portas"*. Berichtet Diels über seinen ersten Rapport an Göring im brennenden Reichstag:
"Als ich eintrat, schritt Göring auf mich zu. In seiner Stimme lag das ganze schicksalsschwere Pathos der dramatischen Stunde: 'Das ist der Beginn des kommunistischen Aufstandes, sie werden jetzt losschlagen! Es darf keine Minute versäumt werden!'
"Göring konnte nicht fortfahren, Hitler wandte sich zu der Versammlung. Nun sah ich, daß sein Gesicht flammend rot war vor Erregung und von der Hitze, die sich in der Kuppel sammelte. Als ob er bersten wollte, schrie er in so unbeherrschter Weise, wie ich es bisher nicht an ihm erlebt hatte: ,Es gibt jetzt kein Erbarmen; wer sich uns in den Weg stellt, wird niedergemacht. Das deutsche Volk wird für Milde kein Verständnis haben. Jeder kommunistische Funktionär wird erschossen, wo er angetroffen wird. Die kommunistischen Abgeordneten müssen noch in dieser Nacht aufgehängt werden. Alles ist festzusetzen, was mit den Kommunisten im Bunde steht. Auch gegen Sozialdemokraten und Reichsbanner gibt es jetzt keine Schonung mehr!'"
Diels erklärte daraufhin, seiner Meinung nach handle es sich bei dem Brandstifter van der Lubbe um einen Verrückten. "Doch da kam ich bei Hitler an den Richtigen; er höhnte über meinen Kinderglauben: 'Das ist eine ganz raffinierte, von lange her vorbereitete Sache. Das haben sich diese Verbrecher (Verbrrrecher) sehr schön ausgedacht, nicht wahr, meine Parteigenossen, sie haben sich verrechnet. Diese Untermenschen ahnen ja gar nicht, wie das Volk auf unserer Seite steht. In ihren Mauselöchern, aus denen sie jetzt herauskommen wollen, hören sie ja nichts von dem Jauchzen der Massen ...'"
Das Schreckgespenst eines kommunistischen Aufstands beherrschte Hitler völlig, färbte sein Gesicht dunkelrot, schrie aus seinen Worten. Hatte man nicht einen Kommunisten als Brandstifter erwischt? Waren nicht die letzten, die den Reichstag vor dem Brand verließen, Kommunisten gewesen? Diese Brandstiftung konnte nur einen Sinn haben: Signal zu sein für den Aufstand gegen ihn, den Führer.
Aus dieser Hysterie erklären sich die maßlosen Tiraden Hitlers, seine unsinnigen Befehle an Göring und Diels, seine ungeheure Erregung. Er - der Führer, der immer recht hatte - suggerierte seinen Paladinen Göring und Goebbels das Phantom eines kommunistischen Aufstands so nachhaltig, daß in den Paladinen zunächst kein Zweifel an der Richtigkeit dieser Eingebung aufkam.
Neben Diels bestätigen heute dessen früherer Mitarbeiter, der damalige Assessor Dr. Schneider, aber auch Görings Intimus, Staatssekretär Ludwig Grauert, die Tatsache, daß Hitler und seine nächste Umgebung von der Schuld der Kommnunisten in der Brandnacht fest überzeugt schienen. Sie lag in der Luft und sie kam gelegen.
Während aus der Kuppel des Reichstags die glühende Lohe zum Himmel schießt und Extrablätter der Berliner Zeitungen den Brand bereits demagogisch als "kommunistisches Fanal eines Aufstandes" publik machen, gibt sich im D-Zug München-Berlin ein südländisch aussehender Mann einem intensiven Flirt mit einer Dame hin, der Berliner Geschäftsfrau Irma Roessler, die aus dem Wintersporturlaub kommt. Seinem Schweizer Paß zufolge heißt dieser Mann Dr. Rudolf Hediger. In Wirklichkeit hieß er jedoch Georgi Dimitroff. Er ist ein führender Mann der illegalen Kominternarbeit und eben auf dem Wege nach Berlin. Als er auf einer Haltestelle ein Extrablatt kauft und vom Brand des Reichstags liest, fällt ihm nicht im Traum ein, daß er selbst bald als mutmaßlicher Brandstifter in Untersuchungshaft geraten könnte.
Zwei Gefährten Dimitroffs, die Bulgaren Blagoi Popoff und Wassil Taneff, sitzen um die gleiche Stunde im Berliner Ufa-Kino am Nollendorfplatz und sehen sich den Film "Die Insel der Dämonen" an. Auch sie ahnen nicht, daß sie in den nächsten Monaten eine große Rolle spielen müssen. Sie haben zwar schon öfter mit der Polizei zu tun gehabt, leben in
Berlin unter falschem Namen, sind Agenten Moskaus; aber mit dem Reichstagsbrand haben sie nichts zu tun.
Dimitroff, Popoff und Taneff werden am 9. März im Restaurant "Bayernhof" in der Potsdamer Straße verhaftet. Einer der acht Kellner des Lokals, Johannes Helmer, dem ihr "verdächtiges Verhalten" aufgefallen war und der sie für Russen hielt, hatte sie angezeigt - wohl nicht zuletzt in der Hoffnung, die für die Aufklärung des Reichstagsbrandes ausgesetzte Belohnung in Höhe von 20 000 Mark zu bekommen. Die drei Bulgaren werden beschuldigt, gemeinsam mit dem KPD-Fraktionschef Torgler den Reichstagsbrand geplant zu haben. Torgler hatte sich bereits am Morgen nach dem Brand freiwillig der Polizei gestellt, entschlossen, den Nazis, die mit dem Brand offenbar ein politisches Geschäft machen wollten, das Konzept zu verderben.
Während es immerhin möglich schien, daß Torgler mit dem Reichstagsbrand zu tun gehabt hatte, waren Dimitroff und seine beiden Genossen durch seinen Zufall in die Hände der Polizei geraten. Sie blieben monatelang in Haft und wurden schließlich sogar der Mittäterschaft angeklagt, nur weil ein paar übereifrige Fährtensucher behaupteten, sie im Reichstag gesehen zu haben.
Der Kriminalkommissar Helmut Heisig vom Polizeipräsidium am Alexanderplatz war der erste, der den Reichstagsbrand richtig in den Polizeigriff bekam. In seinem Büro nahm der Kriminalfall Reichstagsbrand Gestalt an. Wollten die Nazis, wie man ihnen später nachgesagt hat, den Verlauf der Untersuchung beeinflussen und ein Justizverbrechen in Szene setzen, dann mußten sie damit jetzt und hier, bei Helmut Heisig, beginnen.
Wer war dieser Mann?
Der Kriminalkommissar Helmut Heisig war fünf Jahre zuvor als 26jähriger beim Polizeipräsidium Breslau in den Kriminaldienst eingetreten. Im Oktober 1931 hatte man den jungen Kriminalisten von Breslau nach Berlin versetzt. Er arbeitete zunächst beim Polizeiamt Mitte im Referat Kapitalverbrechen.
Anfang 1932 wurde Heisig mit herangezogen, wenn es galt, politische Veranstaltungen zu überwachen. Dabei hatte er das Pech, in einer Sportpalast-Versammlung dem Sprecher der NSDAP, Hauptmann a.D. Hermann Göring, das Wort abschneiden zu müssen. Heisig hatte deshalb in der Kartei der "Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft", der geheimen NS-Organisation in der Polizei, einen schwarzen Punkt. Er war also keineswegs, wie später behauptet wurde, ein Vertrauensmann der NSDAP.
Am Abend des Reichstagsbrands hatte Heisig auf Befehl seines Vorgesetzten, des Assessors Dr. Schneider, Großalarm für die Angehörigen der Abteilung I a - der politischen Polizei - gegeben. Als die ersten Beamten am Alexanderplatz eingetroffen waren, erschienen auch Oberregierungsrat Diels und Assessor Dr. Schneider. Ihre Weisungen lauteten: Aus den alten, seit den Zeiten Severings (bis 1932 preußischer Innenminister, SPD) parat liegenden Listen der KPD-Funktionäre sind alle Spitzenfunktionäre, insbesondere die Mandatsträger in Reichstag, Landtag und Stadtparlament, herauszusuchen und so bald wie möglich zu verhaften. Jedem Kriminalbeamten, der Verhaftungen vorzunehmen hatte, sollten zwei Schutzpolizisten als Begleitung zugeteilt werden. Im anbrechenden Morgen zogen die ersten Kommandos los.
In Heisigs Zimmer saß - mit wirrem Haar und einer Decke über dem nackten Oberkörper - der Attentäter aus dem Reichstag. Die Kunde von dessen Eintreffen hatte sich im Polizeipräsidium wie ein Lauffeuer verbreitet. Der Strom der Neugierigen riß nicht ab. Vor Gericht schilderte Heisig die Situation so: "Das ganze Zimmer war voll; also zunächst einmal die Beamten, die zu den Dienststellen gehörten, zu meiner Dienststelle und anderen, die in der Nähe liegen; dann weiter Polizeipräsident von Levetzow; der Herr Vizepräsident, mein jetziger Herr Chef, der Ministerialrat Diels; dann Herr Ministerialdirektor Daluege; dann eine Reihe von Herren aus den verschiedenen Ministerien. Also es waren etwa vierzig bis fünfzig Personen dabei, denn das kleine Zimmerchen war vollständig gefüllt." Von einer Lenkung der Aussagen des Brandstifters konnte also keine Rede sein: Die erste Vernehmung spielte sich wie auf einem Marktplatz ab.
Für den jungen Kommissar Heisig war die Anwesenheit von so viel Prominenz eine starke Belastung. Dauernd hieß es, "Fragen Sie ihn doch mal . . . " oder man stellte dem van der Lubbe selber Fragen. Denn es fand ja noch keine reguläre Vernehmung statt, sondern nur die sogenannte vorbereitende Abhörung, ein lockeres Gespräch, mit dem die näheren Umstände der Tat, ihre Hintergründe und die Person des Brandstifters erforscht werden sollten. Diese vorbereitende Abhörung wurde zwar stenographisch festgehalten. Das Stenogramm galt aber nicht als Protokoll.
Van der Lubbe sprach gut Deutsch. Die Verständigung machte keinerlei Schwierigkeiten, und so erklärte er denn auch kategorisch, er brauche keinen Dolmetscher. Trotz des seelischen Drucks, der Nervenanspannung und der vielen Zuhörer sprach er ungehemmt. Der Kommissar mußte ihn manchmal unterbrechen, um nicht in uferlose politische Diskussionen zu geraten. Denn das wurde bald klar: Van der Lubbe hatte eine politische Demonstration beabsichtigt.
Er erklärte, daß er die Brandstiftung aus eigenem Antrieb und ganz allein ausgeführt habe, ohne Hintermänner und ohne Mittäter. Er gab auch unumwunden zu, aus seiner antikapitalistischen Gesinnung heraus gehandelt zu haben, um - wie er sagte - die Arbeiter zur Aktivität gegen das neue Regime und den Kapitalismus aufzustacheln. Das unverhohlene Interesse, das er bei den Zuhörern erweckte, erfüllte ihn mit Genugtuung. Bereitwillig beantwortete er die Fragen des Kommissars.
Gleich zu Anfang hatte sich Heisig bemüht, herauszufinden, welcher politischen Richtung van der Lubbe angehörte. Das hatte einen besonderen Sinn, denn die Sachbearbeitung bei der Politischen Polizei war nach Dezernaten gegliedert. Die Zuständigkeit der Dezernate ergab sich je nachdem, ob der Täter Kommunist, Sozialdemokrat oder Rechtsextremist war. Heisig fragte Lubbe daher zunächst, was ihn denn zu der Tat bewogen habe.
Ohne ah die strafrechtlichen Folgen zu denken, bekannte van der Lubbe, er habe darauf aufmerksam machen wollen, daß die Arbeiter an die Macht kommen müßten, und daß dies nicht von allein käme. Sie hätten schon viel zu lange gewartet, nun aber sollten sie einmal aus ihrer Lethargie aufgerüttelt werden. Zu diesem Zweck habe er eine besonders auffällige Aktion für richtig gehalten. Er habe mit seiner Tat ein Beispiel geben wollen, wie es gemacht werden müsse. Nach dem gelungenen Aufstand sollte dann ein richtiges Arbeiter-Parlament zustande kommen. Dann sollten die Arbeiter selbst den Staat regieren.
Als Heisig ihn fragte, ob er als Ausländer überhaupt wisse, was für eine Regierung in Deutschland jetzt am Ruder sei, erwiderte van der Lubbe lächelnd, das wisse er ganz genau, denn von der Machtübernahme durch Hitler sei er bereits in Holland sehr eingehend informiert gewesen und habe deshalb die Arbeiter in Berlin nicht erst zu fragen brauchen. Für Heisig ging aus diesen Erklärungen hervor, daß van der Lubbe offensichtlich Kommunist war, obwohl er die Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei Hollands mit Nachdruck verneinte. .
Zwischendurch gab man van der Lubbe, der Nichtraucher war, hin und wieder eine Tasse Kaffee, damit er munter blieb. Vor Schwäche und Aufregung schwitzte er in dem engen, überfüllten Zimmer stark. Heisig war froh, als er nach einigen Stunden von seinem Kollegen Dr. Zirpins abgelöst wurde, der die Abhörung mehrere Stunden weiterführte. Gegen 3 Uhr morgens stand van der Lubbe vor dem Zusammenbruch. Der Kommissar ließ ihn zum Ausschlafen in eine Zelle bringen. Zirpins, heute Leiter der Kriminalpolizei im Regierungsbezirk Hannover, arbeitete auch in der Folgezeit eng mit Heisig zusammen.
Am Morgen nach dem Brand wurde van der Lubbe gegen acht Uhr geweckt und zum Verhör geführt. Zwar suchten auch jetzt noch hin und wieder neugierige Beamte die Abteilung auf, aber die Vernehmung vollzog sich nun in der üblichen Weise. Satz für Satz wurde in das Protokoll aufgenommen. Es wurde ein langes Protokoll: Marinus van der Lubbe berichtete von seinem Leben, von seinen Reisen, von seinem Plan, nach Moskau zu pilgern, von seinen Trampfahrten in die Tschechoslowakei, durch den Balkan und durch Deutschland.
Er berichtete weiterhin mit allen Einzelheiten, wie er zwei Tage zuvor, am 25. Februar, in Berlin versucht hatte, das Wohlfahrtsamtin Neukölln anzustecken, im Rathaus und im Schloß Brand zu legen, und wie er schließlich den Reichstag in Flammen setzte. Wie die Kriminalkommissare Heisig und Dr. Zirpins noch nach, Kriegsende bestätigt haben, stimmten alle Aussagen van der Lubbes absolut mit den Angaben überein, die er unmittelbar nach seiner Festnahme gemacht hatte.
Kriminalkommissar Dr. Zirpins ließ von dem Protokoll so viele Durchschriften anfertigen, wie mit einem Schreibgang zu erstellen waren, nämlich sieben Stück. Van der Lubbe unterzeichnete jedes einzelne Blatt und jeden Durchschlag. Später, vor dem Reichsgericht, schilderte Kriminalkommissar Dr. Zirpins diese Vernehmung und verursachte allgemeines Kopfschütteln, ja Zweifel, als er die sprachliche Gewandtheit van der Lubbes pries: "Er hat die Protokolle berichtigt, ging sogar auch auf stilistische Feinheiten ein und konnte Sachen, die ihm nicht geeignet erschienen" glatt ablehnen. Also einen Dolmetscher haben wir nicht gebraucht."
Vollends auf Unglauben stieß der Kriminalkommissar bei den Richern, als er bekundete, daß van der Lubbe, der vor Gericht doch tagelang teilnahmslos vor sich hin stierte, auch ein recht guter Zeichner sei: "Gezeichnet hat er furchtbar gern. Deshalb gab ich ihm gleich ein bißchen Papier, um das aufzuzeichnen . . . Die Skizze vom Wohlfahrtsamt hat van der Lubbe zuerst gemacht. Ich kannte damals die Verhältnisse nicht, aber er zeichnete es so auf, daß es tatsächlich stimmte: So wie es hier gezeichnet ist, liegt auch der Tatort. Die Skizze vom Rathaus, stimmt auch genau überein mit dem, was wir nachher festgestellt haben."
Kriminalkommissar Heisig war sich mit seinem Kollegen Dr. Zirpins einig, daß van der Lubbe
- alle vier Brände (Wohlfahrtsamt, Rathaus, Schloß, Reichstag) ganz allein angelegt hatte;
- weder Pyromane noch sonstwie geistig
defekt war, sondern aus ideologischen Motiven gehandelt hatte;
- über eine ungewöhnliche Intelligenz und ein hervorragendes Gedächtnis verfügte.
Dieses Gedächtnis mußte ihm auch der Untersuchungsrichter Vogt als Zeuge vor Gericht bescheinigen: "Ich selbst und die Beamten, die sonst mit ihm zu tun gehabt haben, haben uns wiederholt darüber ausgesprochen, daß van der Lubbe ein ganz eminentes Gedächtnis hatte ... ein Gedächtnis, wie man es selten findet." Vogt lebt heute als Senatspräsident i. R. in Cadenberge an der Elbe.
Es war nicht möglich, van der Lubbe irgendeinen Widerspruch nachzuweisen: Alle seine Angaben, soweit man sie überprüfen konnte, wurden als zutreffend befunden. Und van der Lubbe selbst lieferte von sich aus die Hinweise für seine Täterschaft bei -den Bränden im Wohlfahrtsamt, im Rathaus und im Schloß.
Er hatte weiter - und das war das Wichtigste - vor der Besichtigung der verschiedenen Tatorte die näheren Örtlichkeiten und Einzelheiten bei der Ausführung seiner Brandstiftungen genau geschildert und in seinen Zeichnungen so treffend wiedergegeben, daß die Krimninalbeamten immer wieder verblüfft waren. Da bei der späteren Besichtigung der Brandstätten sonstige Spuren nicht gefunden werden konnten, war für die Beamten der kriminalistische Beweis erbracht, daß außer van der Lubbe keine weiteren Täter im Reichstag gewesen waren und auch nicht gewesen sein konnten.
Bei dieser Auffassung sind Heisig und sein Kollege Dr: Zirpins stets geblieben. Sie betonten auch vor dem Reichsgericht in Leipzig wiederholt, daß van der Lubbe nach den kriminalpolizeilichen Feststellungen - entgegen den Thesen Hitlers und der NSDAP-Prominenz Alleintäter war.
Am 4. März 1933 wurde Heisig von seinem Chef Diels nach Leiden in Holland beordert, um im Heimatort van der Lubbes Nachforschungen anzustellen. Er blieb sechs Tage in Holland und vernahm eine Reihe von Zeugen. Dabei erfuhr er unter anderem, daß van der Lubbe sich innerlich von den moskauhörigen Parteikommunisten abgewandt und der Splittergruppe der "Internationalen Kommunisten" - auch "Raden (Räte)-Kommunisten" genannt - angeschlossen hatte, die in scharfer Frontstellung gegen die offizielle kommunistische Partei standen.
Heisig berichtete diese Tatsache dem Untersuchungsrichter Vogt, der damit aber offenbar nichts anzufangen wußte, obwohl für van der Lubbe Tod oder Leben davon abhängen konnte. Für den Untersuchungsrichter und für das Reichsgericht in Leipzig blieb der "Kommunist" van der Lubbe mit der Kommunistischen Partei Deutschlands verstrickt und wurde daher als Hochverräter, angesehen.
Heisigs Aufenthalt in Holland nahm ein überraschendes Ende. Er wurde unvermittelt nach Berlin zurückgerufen, weil er auf einer Pressekonferenz in Leiden freimütig seine Überzeugung vertreten hatte, van der Lubbe habe die Brandstiftung allein ausgeführt.
Drei Tage nach Heisigs Presseerklärung gab Untersuchungsrichter Vogt über den Deutschen Justizpressedienst ein Dementi heraus. Es lautete: "In verschiedenen Zeitungen ist die Nachricht verbreitet worden, daß der Kommunist van der Lubbe das Feuer im Reichstag allein angezündet habe. Das trifft nicht zu. Die Mitteilungen des Untersuchungsrichters beim Reichsgericht (Vogt) haben zuverlässige Anhaltspunkte dafür ergeben, daß van der Lubbe die Tat nicht aus eigenem Antrieb begangen hat."
Nachdem Hitler im brennenden Reichstag entschieden hatte, der Brand sei das kommunistische Fanal für einen Volksaufstand, bestand auch für den Untersuchungsrichter Vogt fortan kein Zweifel mehr an der Schuld der Kommunisten. Van der Lubbe konnte nur ein Werkzeug der deutschen Kommunisten sein, ein Strohmann, hinter dem Helfershelfer aus der KPD standen. Vogt schickte sich an, das nun auch zu beweisen.
Die kriminalpolizeilichen Untersuchungen boten ihm zwar keine Anhaltspunkte. Lubbes Geständnis war in allen Einzelheiten nachprüfbar, alle seine Angaben über die Vorbereitung der Tat waren stichhaltig. Die von ihm beschriebenen Wege- und Zeitangaben waren geprüft worden und hatten sich als richtig erwiesen. Dennoch lieferte Untersuchungsrichter Vogt Argumente und vermeintliche Beweise für die angeblichen Mittäter:
Da wird die Ortskenntnis Lubbes, die er angeblich im Reichstag bewiesen habe, als Anzeichen für seine Informierung durch Helfershelfer genommen. Da phantasieren Zeugen, sie hätten ihn Tage vor der Tat im Gebäude oder in der Nähe zusammen mit Dimitroff oder Torgler gesehen - eine These, die angesichts der minuziösen kriminalistischen Erforschung alles dessen, was van der Lubbe in den Tagen vor der Tat getrieben hatte, von vornherein unhaltbar war.
Das wichtigste Argument des Untersuchungsrichters aber besagte, van der Lubbe habe die Brandstiftung mit seinen technischen Hilfsmitteln - vier Paketen Kohlenanzünder - gar nicht allein bewerkstelligen können. Er unterstellt, daß ein Raum wie der Plenarsaal nur mittels eines Riesenaufwands von Akteuren und Brandmaterial in Flammen gesetzt werden könne, als ob es nicht in der Geschichte unzählige Brandkatastrophen gegeben hätte, die - durch winzige Ursachen in Gang gesetzt - mit rasender Schnelligkeit auch große, stabile Bauten eingeäschert haben.
Sachverständige wurden hinzugezogen, die - wie der Branddirektor Wagner - in ihren Gutachten zu dem Schluß kamen: Alle theoretischen Erwägungen und praktischen Erfahrungen sprächen dagegen, "daß bei der zur Verfügung stehenden Zeit der Brand im Plenarsaal den Umfang hätte annehmen und so hätte verlaufen können . . ., wenn nicht eine besondere Vorbereitung des Saales für die Inbrandsetzung vorangegangen wäre". "Zur Präparierung des Plenarsaales für die in Aussicht genommene Brandstiftung" seien demnach "mehrere Personen erforderlich" gewesen. Der Gerichts-Chemiker Dr. Schatz behauptete in seinem Gutachten sogar zur Präparierung des Plenarsaals sei "wahrscheinlich ein Petroleumderivat . . . , nämlich entweder Leuchtpetroleum oder Schwerbenzin in Gestalt eines Autobetriebsstoffes verwendet worden". Das "petroleumgetränkte Material (Lumpen, Werg oder dergleichen)" sei zwischen den aufgeklappten Sitzen und Lehnen angebracht gewesen. "Dieses so verstaute Material muß dann mit einer selbstentzündlichen Flüssigkeit begossen worden oder mit Zündschnüren oder Filmstreifen verbunden gewesen sein." Trotz derart phantasievoller Kombinationen der Sachverständigen mußte die Anklageschrift, in der die Gutachten zitiert wurden, im gleichen Atemzug feststellen: "Über die Art und Weise, wie der Plenarsaal für die Brandlegung vorbereitet worden ist und welche Zündmittel dabei verwendet worden sind, haben die mit großer Sorgfalt vorgenommenen Aufräumungsarbeiten im Plenarsaal keine Anhaltspunkte erbracht. Ebensowenig haben sich Spuren feststellen lassen, die darauf hindeuten könnten, daß zu der Brandlegung irgendwelche leicht brennbaren Flüssigkeiten, wie z. B. Petroleum, Benzin, Benzol oder Äther, verwendet worden sind."
Obwohl nicht ein einziger stichhaltiger Beweis für die Existenz von Mittätern Vorlag und die Kriminalisten darauf beharrten, daß van der Lubbe den Brand allein gelegt habe, genügten der deutschen Justiz fadenscheinige Zeugenaussagen und die Gutachten naiver oder gewissenloser Sachverständiger, um Torgler und die drei Bulgaren Dimitroff, Popoff und Taneff der Mittäterschaft anzuklagen.
Für die KPD-Führung hingegen stand unumstößlich fest, daß Torgler und die drei Bulgaren mit der Brandstiftung nichts zu tun hatten. Wenn die Nazis aber die Stirn hatten, diese unschuldigen Männer auf die Anklagebank zu bringen, dann mußten sie sich falsche Zeugen und falsche Beweise beschafft haben. Denn für so dumm hielt kein Kommunist die führenden Leute des Nazi-Regimes; daß sie sich etwa nur auf Vermutungen hin auf ein so gefährliches Justizabenteuer einließen.
Was lag näher als die These, die Nazis, die den Reichstagsbrand derart skrupellos ausnutzten, hätten den Reichstag selbst angezündet? Die Kommunisten brachten die These auf, die später Gemeingut wurde. Die Nazis hatten das ganze Manöver nach Meinung der Kommunisten offenbar nur inszeniert, um der KPD kurz vor der Reichstagswahl am 5. März eine entscheidende Niederlage beizubringen. Van der Lubbe mußte daher - bewußt oder unbewußt - ein Werkzeug der Nazis sein.
Es ist unmöglich, alle Legenden und Theorien über den' Reichstagsbrand, die seit damals entstanden sind, im einzelnen aufzuführen. Im Kern laufen sie aber alle auf drei Grundthesen hinaus: - Ein Mann allein war nicht in der Lage, die vielen Brandherde im Reichstag zu legen; er muß daher Helfershelfer gehabt haben. Indizien, Zeugen und Sachverständige sprechen dafür. - Da man im Reichstag keine Helfershelfer gefunden hat, die Portale aber geschlossen waren, mußten die Mittäter van der Lubbes das Gebäude auf einem anderen Wege verlassen haben. Es gab einen solchen Weg: den unterirdischen Gang zwischen Reichstag und Maschinenhaus beziehungsweise Reichspräsidentenpalais.
- Als Helfershelfer des gefaßten van der Lubbe kam nur jemand in Frage, der aus dem Reichstagsbrand politisches Kapital schlagen wollte.
Wem aber nützte dieser Brand? Die Antwort der Nationalsozialisten lautete: den Kommunisten, denn sie sahen ihren Untergang kommen und mußten, koste es, was es wolle, losschlagen. Die Antwort der Kommunisten lautete: den Nazis, denn sie brauchten einen Vorwand, um die Kommunistische Partei verbieten und dadurch die Wahlen vom 5. März zu ihren Gunsten beeinflussen zu können.
Während sich in Deutschland die Justiz bemühte, Hitlers These vom geplanten kommunistischen Aufstand zu erhärten, gingen Kommunisten und. Antifaschisten in aller Welt daran, nachzuweisen, daß allein die Nazis für den Reichstagsbrand verantwortlich seien. (Fortsetzung folgt)
* Der Polizeileutnant Lateilt wußte nicht, daß es bei der Feuerwehr keinen Großalarm, sondern nur Alarmstufen von 1 bis 15 gab. Bei der ersten Alarmstufe rückt ein Löschzug mit vier Wagen aus, bei der 15. Alarmstufe werden 15 Züge mit zusammen 60 Wagen eingesetzt.
* In den Vernehmungsprotokollen und Zeitungsberichten erscheint vielfach auch der Name Lübbe. Der Grund: Ein Beamter des Obdachlosenasyls in der Berliner Fröbelstraße hatte in Lubbes Paß das u in ü geändert, weil u im Holländischen häufig wie ü ausgesprochen wird.
* Rudolf Diels : "Lucifer ante portas"; Interverlag AG, Zürich; 1949.
Brandstifter von der Lubbe
Die Arbeiter sollen regieren
Brennender Reichstag: "Das ist nicht das Werk...
...eines einzelnen Mannes: Zerstörter Plenarsaal
Hitler, NS-Funktionäre im brennenden Reichstag: Aufhängen!
Propagandachef Goebbels, SA-Männer: Reichstags-Ulk per Telephon?
Brandzeuge Flöter
"Da bricht jemand ein!"
Brandzeuge Thaler
"Mann, so schießen Sie doch!"
Komintern-Agenten Dimitroff, Popoff, Taneff im Gefängnis: Ein Kellner fand..
... das Verhalten verdächtig: Kommunist Torgler im Gefängnis
Gestapochef. Diels
Von Helfershelfern ...
Kriminalkommissar Heisig
... keine Spur
Hitlers Kabinett der Nationalen Konzentration* (1933): "Das haben sich diese Verbrecher sehr schön ausgedacht"
* Stehend (von l. nach r.): Seldte, Dr. Gereke, Graf v. Schwerin-Krosigk, Dr. Frick, Generalleutnant v. Blomberg, Dr. Hugenberg. Sitzend: Göring, Hitler, v. Papen.

DER SPIEGEL 43/1959
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