21.10.1959

VERLEGER / LANDSER-LITERATURAus allen Rohren

Begeisterte Zeilen richtete der in Berlin -Charlottenburg lebende Oberstleutnant a.D. Erich Raddatz an einen westdeutschen Verlag, dessen Größe und Eigenart mit verwandten Unternehmen kaum zu vergleichen ist: das Druck- und Verlagshaus Erich Fabel im badischen Städtchen Rastatt. Was die Sowjetzonen-Zeitschrift "Neue Deutsche Literatur" triumphierend als "Erich Pabels blutigen Brei" bezeichnen konnte - eine Flut knallbunter Broschüren -, erfreut den früheren Oberstleutnant, "weil der Inhalt so sauber geschrieben ist, daß man nach den vielen Jahren der Diffamierung des anständigen Soldaten geradezu aufatmen muß ... Ja, machen Sie so weiter und halten Sie die Stellung!"
Der Pabel-Verlag hält sie zuverlässig. Allmonatlich spucken die Rotationsmaschinen in dem modernen Rastatter Neubau an der Bundesstraße 3 eine halbe Million Hefte aus, deren Inhalt Verlagsdirektor Hans Schaper knapp charakterisiert: "Was wir Volksliteratur nennen, heißen andere Schundliteratur."
Die monatlich 500 000 Hefte, mit denen der Verlag nicht nur die bundesdeutschen Kioske, sondern auch das deutschsprachige Ausland bestreut, pflegen ein einziges Thema, den Krieg, und sie haben ausnahmslos Titelbilder nur eines Genres: Sie zeigen feuerspeiende Panzer mit Panzerfausthelden und Kameraden-Leichen ("Der Tod von Königsberg"), abtrudelnde fremdländische Flugzeuge ("Luftkampf über Caen") und heroische deutsche Soldaten ("Nacht über Witebsk") in Fülle.
Seit zwei Jahren ist Erich Fabel der größte Produzent einer Literaturgattung, über die ein Hans Jürgen Usko im Norddeutschen Rundfunk - "Heldentum für sechzig Pfennig" - urteilte: "Vierzehn Jahre, nachdem man den deutschen Beelzebub ausgetrieben zu haben glaubte, hat er sich wieder gemausert... Er hat das öde Feldgrau abgelegt und sich in Farbe geschmissen, und auf die alten Embleme hat er verzichtet. Aber er ist es. Er schmettert seine Fanfaren, und er knallt die Hacken, er brüllt sein stupides ,Jawoll', und er schießt, er schießt aus allen Rohren..."
Der Pabel-Verlag, dessen Erzeugnisse vom "Süddeutschen Rundfunk" als "harter Nationalkitsch" bezeichnet wurden, bombardiert die jugendlichen und militärischen Leserfreunde mit fünf Serien:
- "Der Landser zu Lande, zu Wasser, in
der Luft", erscheint wöchentlich, steht bei Nr. 81, je 60 Pfennig;
- "Der Landser-Großband", 14täglich, steht
bei Nr. 41, je 1 Mark;
- "Der Landser-Ritterkreuzträger", monatlich, steht bei Nr. 5, je 1 Mark;
- "So lachte der Landser - Humor in
Uniform", erscheint unregelmäßig, steht bei Nr. 4, je 1 Mark;
- "Klingender Roman", 14täglich, steht bei Nr. 7, je 1 Mark - einschließlich 45-cm -Schallplatte (Schallfolie).
Heft-Geschehen und Musik in der letzten Reihe werden anscheinend wahllos gekoppelt: Bei "Alarm! Partisanen!" ertönt der Castaldo-Marsch, die "MG-Gruppe Kersten" operiert zu den Klängen des Bayerischen Defiliermarsches, "Bewaffnete Aufklärung" bedient sich des Egerländer Marsches, und der Erzherzog-Albrecht-Marsch fördert den "Mut der Verzweiflung".
Mit seinen fünf Kriegs-Groschenroman -Reihen hat der gebürtige Schlesier Erich Fabel, der aus dem Druckereigewerbe kommt, seit über 30 Jahren in Rastatt lebt und sich nach der Währungsreform selbständig machte, alle Konkurrenten auf dem neu erblühten Kriegsliteraturfeld in die Etappe verwiesen.
"Die Schaffung der Bundeswehr hat diese Serie erst geschaffen", sagt Fabel. Die unmittelbaren Schöpfer der neu erblühten Literatur, die Autoren, werden in den "Landser"-Heften als Männer bezeichnet, "die selbst dabei waren und den Krieg in seiner schonungslosen Härte kennengelernt haben". Tatsächlich sind es ausnahmslos ehemalige Offiziers- und Mannschafts-Dienstgrade, die sich - so formuliert Pabel-Starautor Günter Fraschka, Jahrgang 1921 und kriegsversehrt - "das Kriegserlebnis von der Seele schreiben".
Der Zivilberuf der Autoren (es sind Gewerbelehrer, Kraftfahrzeugmeister, Direktoren und Beamte darunter) interessiert den Pabel-Verlag nicht. Ausschlaggebend für die Qualifikation als "Landser"-Autor sind der Dienstrang bis 1945, die Fronterfahrung, die Kenntnis taktischer und strategischer Maßnahmen sowie möglichstkorrekte Angaben der Truppenstandorte und Einheitsbezeichnungen.
In seiner NDR-Sendung erklärte Hans Jürgen Usko: "Stil, Form, Aussage und Inhalt der bundesdeutschen Kriegs-Groschenliteratur decken sich auf unheimliche Weise mit dem Stil, der Form, mit der Aussage und mit dem Inhalt der Berichte der sogenannten Propagandakompanien des Großdeutschen Reiches während des Zweiten Weltkrieges - in 50 von 100 Fällen haben sich nicht einmal die Autoren- geändert."
Was die Autoren - nicht den Stil - anlangt, scheint Usko freilich zu irren: Im Pabel-Verlag schreibt angeblich kein einziger ehemaliger PK-Angehöriger. Der schwerkriegsbeschädigte Direktor Schaper verwahrt sich: "Uns kommt kein PKMann herein. Das ist das andere Lager."
Dieser Groll gegen die schreibgewandten PK-Männer mag daher rühren, daß der Pabel-Verlag über die Hamburger Illustrierte "Der Stern" vergeblich versuchte, mit den Kreisen um das Organ der einstigen Sieg- und Krieg-Schreiber "Die Wildente" Kontakt aufzunehmen: Die PKLeute reagierten negativ.
Die Verantwortlichen des Rastatter Verlagshauses indessen sind der - gewiß irrigen - Meinung, nichts anderes als die pazifistische Gesinnung des Pabel-Unternehmens halte die "Wildenten"-Männer von der Mitarbeit ab. "Wir sind ein Verlag, der den Mut besitzt, die Wahrheit zu sagen", meint Schaper. "Hier herrscht ein sehr hohes Verantwortungsbewußtsein." Und Pabel-Schwiegersohn Dr. Hans Gentsch versichert: "Bei uns gibt es nichts von Heroisierung."
"Der Führer" zwar ist in den "Landser" -Heften weitgehend tabu, und die Existenz eines Naziregimes zur Kriegszeit wird dem Leser vorenthalten; die Hefte verfälschen oder verschweigen oft die historische Wahrheit und sprechen die "Was waren wir für Kerle"-Mentalität des Lesers an.
Das Urbild des großdeutschen Offiziers wird im Jubiläumsheft 50 der Reihe "Der Landser zu Lande, zu Wasser, in der Luft" - das Heft heißt "Luftkampf über Caen" - entworfen: "Der leibhaftige Staffelkapitän mit dem energisch geschnittenen, gutmütigen Gesicht, den dunkelblonden, leicht gewellten Haaren, den stahlgrauen Augen und mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz, das jetzt halb über dem Rand des gelben, blutbefleckten Seidenschals hervorschimmert ..."
Im Heft "Unternehmen Walzertraum" wird der Absturz eines deutschen Flugzeugs salopp geschildert: "Oft fand man gar nichts mehr. Dann kamen Flugzeugteile in die Beutel, die nachher bei der Beerdigung in den kistenähnlichen Särgen herumrollten ... Ja, man wußte, was einem geschah, wenn man mal friedhoffertig war."
Prüde Einwände gegen seine Sieg- und Kampf-Literatur wischt Erich Pabel, 58, im Vorwort etlicher "Landser"-Hefte elegant beiseite: "Lieber Leser! Vielen Menschen verursacht Kriegsliteratur ein unangenehmes Gefühl . .. falsch wäre es aber, die schweren Frontjahre vollkommen aus dem Gedächtnis zu streichen ... ,Landser' nicht lesen zu wollen, würde einer Vogel-Strauß-Taktik gleichkommen - den Krieg kann man damit nicht ungeschehen machen."
Dazu Verlagsdirektor Schaper: "Nach meiner Meinung mußte diese Literatur kommen. Der ehemalige Soldat soll erfahren, daß man sich dafür und für ihn interessiert." Pabel-Schwiegersohn Gentsch, der, dank seiner Jugend nur kurze Zeit im Volkssturm dienen mußte: "Wer den Krieg mit Bewußtsein erlebt hat, ist an Einzelheiten interessiert." Und wieder Erich Pabel: "Die Jugend braucht doch auch heute Kameradschaft. Sie soll sehen, wie das im Krieg war."
Im Hause Pabel herrscht die Meinung vor, hauptsächlich Kriegsteilnehmer konsumierten die "Landser"-Hefte. Die zahlreichen Zuschriften - auch von Angehörigen der Bundeswehr - seien fast durchweg positiv, wird erklärt; komplette Kameraden-Vereinigungen bedankten sich für strammen Ton, Wahrheitsliebe und kriegerische Erinnerungen.
Demgegenüber haben Umfragen von Pabel-Kritikern bei den "Landser"-Verkaufsstellen erwiesen, daß vor allem Jugendliche, aber auch "Herren im besten Alter" zu den regelmäßigen Käufern zählen. Ein Schüler-Leserbrief an das Rastatter Unternehmen teilt mit, daß der örtliche Religionslehrer alle Hefte der 60-Pfennig-Reihe prüfe und sie dann, mit wenigen Ausnahmen, den Schülern zur Lektüre empfehle.
Die Behauptung, nicht die Jugend, sondern alte Kameraden stellten das größte Leser-Kontingent, stützt der Verlag mit dem Argument, nur ein Teil der Hefte sei "Jugendliteratur" - viele der "Groschenromane" seien "zu schwer". Die beiden Hefte "Stalingrad" etwa ("Der Untergang der 6. Armee", Teil 1 und 2) sind nach Auffassung Schapers "keine spannende Geschichte, sondern fast historische Literatur".
Ein Teil des 25köpfigen Redaktionsstabs ist da mit befaßt, die Erlebnisschilderungen
- je Woche gehen etwa drei Manuskripte
ein - an Hand eines gewaltigen Arsenals von Kriegsliteratur jeglicher Art so fit zu maichen, daß auch abgebrühte Leser nicht behaupten können, historische oder Zahlenangaben in "Froschmänner greifen an", "Batterie feuerbereit" oder "Durchbruch aufhalten! Abriegeln!" seien ungenau.
Die Mitarbeiter schreiben allermeist unter ihren richtigen Namen; Prototyp des fleißigen Autors ist etwa der Luftwaffen-Oberfeldwebel Bertold K. Jochim. Sobald die Manuskripte von zwei Lektoren und einem Redakteur überarbeitet worden sind, gehen sie zur Prüfung an den "Remagener Kreis e.V.".
Im Remagener Kreis sind ein knappes Dutzend Verleger sogenannter Volksliteratur zu einer Selbstkontrolle vereinigt. Alle Produkte in Heftform und alle Nummern von "Spannungsreihen" - wozu Wildwest- und Kriminalromane gehören - werden auf etwaige Auswüchse und Übertreibungen" hin durchgesehen, um einer "schädlichen Wirkung auf unkritische Leser" vorzubeugen. Nach den Remagener Statuten sollen die Hefte frei sein "von der mißbräuchlichen und sinnlosen Anwendung roher Gewalt" und von "antihumanen Tendenzen". Ein Remagener Prüfer versichert, ab und zu seien Pabel-Kriegsmanuskripte schon zurückgewiesen oder geändert worden.
Stolz weisen Pabel-Verlag und Remagener Kreis darauf hin, daß die gemäß Gesetz "über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften" arbeitende Bundesprüfstelle noch nie ein Pabel-Kriegsheft auf ihre schwarze Liste gesetzt habe. Der Prüfstellen-Vorsitzende, Oberregierungsrat Dr. Robert Schilling, ist zwar gehalten, auch alle Schriften aufzuspießen, die Verbrechen, Krieg und Rassenhaß verherrlichen. Im Pabel-Verlag heißt es jedoch: "Schilling ist mit uns sehr zufrieden."
Nicht zufrieden mit dem Verlag sei dagegen wohl der Bundesverteidigungsminister Strauß, dem Kampfschilderungen mit Erschießungen, Verwundungen, Qualen und Gefangenschaft kaum gelegen kommen könnten. Direktor Schaper: "Wir bringen doch hauptsächlich negative Kriegsliteratur und haben daher keinerlei Verbindung mit dem Verteidigungsministerium."
Einen gehobenen Zweig des Militärschrifttums pflegt der Pabel-Verlag über die Grotesche Verlagsbuchhandlung KG, für die Erich Pabel allein haftet. Dieses Schwesterunternehmen bringt ausschließlich Bücher heraus, der Pabel-Verlag in der Hauptsache Hefte. Die "Landser"-Erzeugnisse bilden nämlich nur einen Teil der Rastatter "Volksliteratur".
Der Pabel-Verlag produziert noch etwa zwanzig weitere Heftreihen: von den "Delphin"-, "Juwelen" - und "Heimatglocken"-Romanen über "Wahre Liebesgeschichten", "Utopia"-Magazine (eine Science-Fiction-Reihe) und den Pabel"Kriminal" bis zu den Pabel-"Western" und "Glorias Rätsel-Magazinen" sowie - für die jüngeren Leser - den Serien "Fix und Foxi", "Die Rothaut" oder "Spiel und Spaß".
Mit monatlich alles in allem weit über drei Millionen Heftchen untermauert Pabel sein Buchprogramm; Star-Autor Günter Fraschka - bis vor wenigen Jahren Redakteur an badischen Zeitungen-rangiert an der Spitze. Sein famos verkauftes Buch ... mit Schwertern und Brillanten" wird zusammen mit Gert Buchheits Monographie "Hitler der Feldherr" groß herausgestellt.
Die neueste "Bombe" des Pabel-Verlags hat wiederum Günter Fraschka produziert: "Fertigmachen zum Erschießen", Storys von acht Kriegsgerichtsurteilen "zwischen Willkür und Gewissen". Verleger-Schwiegersohn Dr. Gentsch sieht in diesem Buch eine ungeheure Antikriegsaussage".
Star-Autor Fraschka, Verleger Schaper, Pabel, Gentsch, Autor Jochim: Ritterkreuz über blutbeflecktem Seidenschal
Bundesprüfstellen-Chef Schilling
Sehr zufrieden

DER SPIEGEL 43/1959
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