28.10.1959

SOWJET-UNION / BANDERAImmer Angst

In den letzten Junitagen dieses Jahres ging westlichen Botschaftern in Prag die knappe Mitteilung zu, daß ab sofort alle slowakischen Gebiete östlich des Flusses Waag für ausländische Staatsbürger gesperrt seien. Als Begründung gab das tschechoslowakische Außenministerium an, viele Brücken und Straßen in der Ostslowakei seien durch die Frühjahrs-Überschwemmungen blockiert und müßten erst repariert werden.
Die westlichen Militärattachés in Prag konnten den wahren Grund für das Reiseverbot der CSR-Regierung jedoch bald ermitteln. Sie meldeten ihren Staatskanzleien nach Hause, die östlichen Gebiete der Slowakei seien nur deshalb gesperrt worden, weil das Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte eine Großrazzia gegen eine Bande ukrainischer Nationalisten plane, die im westlichen Teil der Ukraine operiere und sich zeitweilig in die östlichen Gebiete der CSR zurückgezogen habe.
Tatsächlich wurde dann von sowjetamtlicher Seite bekannt, daß russische und tschechoslowakische Truppen, darunter Fallschirmjäger-Einheiten, am 29. Juni Manöver in der Karpato-Ukraine und in der Ostslowakei begonnen hätten. Die Sowjetmitteilung bezeichnete freilich die "Sommermanöver" nur als routinemäßige Übungen, nicht aber als jene Polizeirazzia, die von den westlichen Militärattachés in Prag angekündigt worden war.
Die sowjetische Provinzpresse dagegen - von westlichen Ausländern kaum gelesen - bestätigte indirekt, daß die sowjetischen Manöver an der slowakischukrainischen Grenze der Bekämpfung ukrainischer Partisanen dienten. Die ukrainische Nachrichtenagentur Ratau meldete nämlich, daß eine Gruppe ukrainischer Partisanen wegen revolutionärer Sabotage zum Tode verurteilt worden sei. Die Verräter seien Mitglieder der terroristischen "Organisation ukrainischer Nationalisten" gewesen.
In der vorvergangenen Woche schien es ukrainischen Emigranten, als sei die sowjetische Polizeirazzia in den Karpaten erst jetzt beendet worden: Im ersten Stockwerk der Münchner Kreittmayrstraße Nr. 7 stürzte der Mann zu Tode, den die sowjetische Propaganda hinter allen antikommunistischen Terroraktionen in der Ukraine vermutete: der Bandenführer, Attentäter und Nationalheld Stefan Bandera.
"Er ist ein zäher und verschlagener Kerl, der gefährlich werden kann", urteilte 1944 der SS-Gruppenführer Berger. Ähnlich hatten auch die Sowjets von dem Mann gedacht, der seit 15 Jahren an der Spitze ihrer Kriegsverbrecherliste stand. Wiederholt hatte Moskau von der Bundesregierung gefordert, Bandera - der seit 1946 unter dem Namen Popel in Bayern lebte - auszuliefern.
So lag es nahe, in dem geheimnisumwitterten Ende des ukrainischen Partisanen am Donnerstag der vorvergangenen Woche die Hand des sowjetischen Geheimdienstes zu vermuten. Die Umstände des Bandera-Todes waren in der Tat verdächtig: Bandera hatte gegen 13 Uhr jenes Tages die Treppe des Hauses Kreittmayrstraße 7 betreten, war im ersten Stock plötzlich gestolpert und wenige Minuten später tot umgefallen.
Die Untersuchungen der Münchner Mordkommission führten bald zu dem Ergebnis, daß Bandera keines natürlichen Todes gestorben war. Die Kriminalisten fanden bei der Okduktion des Leichnams Spuren von Zyankali, eines Giftes, das in Sekundenschnelle gewirkt haben mußte. Blieb nur die Frage: Mord oder Selbstmord?
Die Freunde des "ukrainischen Robin Hood", wie sie Bandera gerne nannten, tippten sofort auf Mord. Sie behaupteten: Stefan Bandera sei das Opfer derselben Macht geworden, durch deren Hand auch andere Mitkämpfer des Ukrainers umgekommen seien:
- Am 23. Mai 1938 starb in Rotterdam der Vorgänger Banderas in der Führung der ukrainischen Rechtsextremisten, Oberst Konowalez, an den Folgen eines Bombenattentats, das nach Ermittlungen der niederländischen Polizei von kommunistischen Agenten inszeniert worden war.
- Am 21. November 1954 wurde der ehemalige Sowjetmajor Abdul Fatalibey, Abteilungsleiter des Exilsenders "Radio Libération", am Münchner Alpenplatz von einem Mann ermordet, der enge Beziehungen zur Sowjetzone unterhielt.
- Am 5. Juli 1955 kam der ehemalige slowakische Minister Matus Cernák bei einem Bombenattentat im Münchner Postamt 13 ums Leben.
Würde die Mordthese der ukrainischen Emigranten zutreffen, dann wäre Stefan Bandera durch die gleiche Kampfmethode umgekommen, der er sein Leben gewidmet hatte: den politischen Terror. Mit einem Mordanschlag hatte er seine abenteuerliche Karriere begonnen, mit einem Mordanschlag scheint sie nun beendet worden zu sein.
Der junge TH-Student und galizische Priestersohn Stefan Bandera glaubte von Anfang an, das politische Ziel seines Lebens könne nur durch Gewalttaten erreicht werden: die Errichtung eines unabhängigen ukrainischen Staates, der sich aus der damaligen Sowjet-Ukraine, der polnischen Westukraine und der tschechoslowakischen Karpato-Ukraine zusammensetzen sollte (siehe Karte). Zunächst freilich galt es, seine engere Heimat - die Westukraine - von der polnischen Herrschaft zu befreien.
Am 15. Juni 1934 setzte der damals 24 jährige Student Bandera zum erstenmal seine Träume in die Tat um. Als der polnische Innenminister Pieracki sein Amt in Warschau verließ, stürzten sich mehrere junge Männer auf den Minister und schossen ihn nieder. Der polnischen Sicherheitspolizei fiel es nicht schwer, den Hauptanstifter des Attentats zu ermitteln. Hinter dem ehrgeizigen Jungpolitiker Bandera schlossen sich die Tore des Zuchthauses von Brest-Litowsk.
Bandera wurde jedoch bereits fünf Jahre später von den Abwehroffizieren des Admirals Canaris befreit, die für den ukrainischen Nationalisten eine lohnende Aufgabe bereit hielten: Bandera baute unter dem Decknamen "Konsul II" eine ukrainische Partisanengruppe auf, die für den Fall eines Krieges mit der Sowjet -Union hinter den feindlichen Linien eingesetzt werden sollte. Er habe Bandera, so berichtete später der Abwehroffizier Stolze, "die Weisung gegeben, provokatorische Putsche in der Ukraine zu organisieren mit dem Ziele, die Sowjettruppen in ihrem unmittelbaren Hinterlande zu schwächen".
Die deutschen Abwehroffiziere schoben auch den scheinbar so willigen Bandera an die Spitze der extremsten Partei ukrainischer Separatisten, der "Organisation ukrainischer Nationalisten" (OUN). Bandera geriet allerdings bald mit den gemäßigten Elementen der Partei in Konflikt,
denen es mißfiel, daß sie nur Spionagedienste für die Deutschen verrichten sollten. Wer sich aber Bandera in den Weg stellte, wurde von seinen Terroristen rücksichtslos liquidiert.
Die Beauftragten des Abwehr-Admirals Canaris mußten jedoch bald entdecken, daß sie keineswegs mit der vorbehaltlosen Dankbarkeit ihres Schützlings Bandera rechnen konnten. Ohne die Deutschen zu fragen oder auch nur zu unterrichten, rief Bandera überraschend eine Woche nach der Eröffnung des Ostfeldzugs eine unabhängige ukrainische Regierung aus und gab das Signal zu einem Aufstand im sowjetisch besetzten Lemberg, der von dem NKWD niedergeschlagen wurde.
Diese Eigenmächtigkeit der Ukrainer war für die Abwehr besonders peinlich, weil Banderas "Regierungsprogramm" auch nicht das verschwommenste Treuegelöbnis zu Hitler enthielt. Machtlos mußte die Abwehr Banderas "Regierung" fünf Tage
lang in der Westukraine gewähren lassen. Dann aber griff Himmlers Sicherheitsdienst ein: Die ukrainische Regierung wurde verboten, Stefan Bandera mit seinen prominentesten Anhängern in deutsche Konzentrationslager abgeführt.
Erst in der Volkssturm-Ära des Zweiten Weltkriegs erinnerten sich die braunen Machthaber des KZ-Häftlings Bandera und steckten seine Terroristen in die deutsche Uniform. Kaum war Bandera in Freiheit, bemächtigte er sich der "Ukrainischen Insurgenten-Armee", einer relativ gemäßigten Organisation ukrainischer Separatisten, deren Führer ebenfalls vom Sicherheitsdienst verhaftet
worden waren. Bandera verschwand mit dieser Armee alsbald in den karpatischen Gebirgswäldern.
Je mehr aber die deutsche Front zusammenschmolz, desto dünner wurden Banderas Verbindungen zu den Deutschen. Armeeführer Bandera ließ sich zwar bis zum Schluß mit deutschen Waffen versorgen, führte jedoch bald ein Eigenleben zwischen den feindlichen Fronten: Zeitweilig mit den sowjetischen Partisanen gegen die Deutschen verbündet, dann wieder mit der "Heimatarmee" polnischer Antikommunisten gegen Warschaus rotes Regime marschierend, wurde die "Ukrainische Insurgenten-Armee" zu einem Geisterheer, das vor allem die Sowjets beunruhigte.
Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs löste sich Banderas stolzes Heer in einen Haufen rivalisierender Banden auf, die fast nur noch dem Banditengeschäft nachgingen. Stefan Bandera selber schlug sich im Herbst 1946 über Österreich nach Bayern durch und ließ sich schließlich in München nieder. Sein Name tauchte nur noch im Zusammenhang mit politischen Morden auf, die von osteuropäischen Emigranten Bandera zur Last gelegt wurden.
Gleichwohl behauptete die sowjetische Propaganda hartnäckig, das vereinzelte Auftauchen ukrainischer Banden in dem slowakisch-sowjetischen Grenzgebiet sei von der Münchner Zentrale Banderas gelenkt worden. Daß der sowjetische Geheimdienst ein ungewöhnliches Interesse an Stefan Bandera nahm, offenbarten in den vergangenen Jahren zwei Zwischenfälle:
- Im Jahre 1958 wurde ein sowjetischer Agent von der bayrischen Polizei verhaftet, der im Verdacht stand, Bandera verschleppen zu wollen.
- Im März 1959 wurde ein tschechischer Staatsbürger in Gewahrsam genommen, der offensichtlich versucht hatte, die drei Kinder Banderas zu entführen.
So spräche manches für die These, daß Bandera das Opfer eines kommunistischen Anschlags geworden ist, obwohl bis zur Stunde niemand sagen kann, wer dem Ukrainer das Zyankali verabreicht hat. Stefan Bandera selber rechnete stets mit einem Anschlag auf sein Leben. Erinnert sich seine 17jährige Tochter Natalja: "Mein Vater hatte immer Angst."
Bandenführer Bandera (r.}, Freund*
In den Tod gestolpert
* L.: Jaroslaw Stesko, Ministerpräsident der ukrainischen Fünf-Tage-Regierung von 1941,

DER SPIEGEL 44/1959
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